Literatur zu Indien 2015

Amartya Sen, Rana Dasgupta, Suketu Mehta und Arundhati Roy

“Delhi – Im Rausch des Geldes”, “Bombay – Maximum City”:  Indien und seine Widersprüche

Wiener Zeitung, April 2015

Lange vor dem Internetzeitalter haben sich Bilder auf unsere Netzhaut gebrannt, von mageren Kühen und Menschen, von Fahrradrikschas und rauschebärtigen Fakiren. Dazu kamen vielleicht Gandhis Milde, Goas Strände, psychedelische Aussichten auf ein irdisches Nirwana für Aussteiger.

Indiens Image hat sich gewandelt, hin zu Mega-Cities, wo ein „Slumdog-Millionär“ in eine Glamourwelt aufsteigt. Von Software-Schmieden in Bangalore ist die Rede, von jungen Experten hinter Computerbildschirmen, die in unseren Nächten die Programmierarbeit der halben Welt erledigen, von einer demokratischen Alternative zum autoritären China als Role-Model für Schwellenländer. Lange Zeit strategischer Verbündeter Moskaus, wird die Atommacht heute auch von Washington in der globalen Anti-Terror-Kampfidee und als Gegenspieler zu Peking verstärkt hofiert.

Es scheinen strahlende Aussichten für das einstige Hungerland, wären da nicht wiederkehrende Meldungen von religiöser Unduldsamkeit, von brutalen Vergewaltigungen oder der gezielten Abtreibung weiblicher Föten. Frauen sind weiter marginalisiert, und doch waren zeitweilig alle großen südasiatischen Länder von Pakistan über Indien, Bangla Desh bis Sri Lanka von Frauen regiert. Wie passen sexuelle Prüderie und anatomische Ignoranz mit Internetpornographie zusammen, Holzpflüge mit High-Tech, archaische Gesellschaftsformen mit Nuklearwaffen, esoterische Transzendenz mit Gewalt?
In westlicher Logik lieben wir eindeutige Analysen, ein Entweder-oder. Vor dem indischen Hintergrund des Polytheismus sind Gleichzeitigkeit und Vieldeutigkeit vertrauter, wenn auch nicht unbedingt tröstlicher. Im Sowohl-als-auch liegt ein Hauch Fatalismus: so sei sie eben, die kosmisch-karmische Ungleichheit auch von arm und reich, die sich seit Jahrtausenden auf Kastenbasis und heute mittels raschem Geld Herrschende zu Nutze machen.

Privilegierte und der Rest

Als prosperierender „BRICS“-Staat wird Indien heute in der Börsenwelt anerkannt, eine jener Volkswirtschaften neben Brasilien, Russland, China und Südafrika, die Zugpferde der Weltwirtschaft werden sollen, auch wenn deren Dynamik jüngst nachgelassen hat. Indien glänzt weiter mit hohen Wachstumsraten – eine Erfolgsgeschichte der Marktreformen. Indische Milliardäre kaufen sich in europäische Fußballclubs ein, Indiens Pharmaindustrie liefert billige Generika-Medikamente nach Afrika, zum Teil unter Missachtung von Patenten, was westliche Firmen auf die sprichwörtliche Palme bringt. Indiens Fußabdruck in Afrika wird größer. Während im Land selbst unzählige Agrarkonflikte aufflammen, finanzieren indische Bankkredite indischen Großinvestoren großflächige Landtransaktionen in Afrika: „Landgrabbing“ mit Zwangsumsiedlungen ist eine umstrittene Seite des positiven Image einer verstärkten Süd-Süd-Kooperation bei Ressourcen und Wissen. Die solidarische Entwicklungsrhetorik bekommt paradoxe Facetten.

Indiens Oberschicht hat von den Marktreformen spektakulär profitiert, und eine optimistische Mittelschicht im dreistelligen Millionenbereich ist entstanden. Sickert vom neuen Reichtum zumindest etwas zur halben Milliarde der nach wie vor Ärmsten durch?

Amartya Sen bestreitet das. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger und brillante Moralökonom („Die Idee der Gerechtigkeit“) untermauert seine Skepsis in „Indien – Ein Land und seine Widersprüche“, seinem jüngsten, zusammen mit seinem langjährigen Kollegen Jean Drèze herausgebrachten Werk: die Lebensverhältnisse einer breiten Unterschicht stagnieren. Beim von Amartya Sen mitentwickelten Human Development Index, der Bildung oder Gesundheit mitberücksichtigt, ist Indien vom zweiten auf den vorletzten Platz der Länder Südasiens zurückgefallen. Ein Drittel der Menschen sind Analphabeten, und ländliche Schulen miserabel. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu einfachsten sanitären Einrichtungen und werde „zum öffentlichen Defäkieren“ gezwungen. Ein Zustand, „wo aus einem Ozean von Lebensverhältnissen wie in Subsahara-Afrika einzelne Inseln kalifornischer Zustände herausragen“ sei kaum erstrebenswert.

Hinduistischer Tumult von Schöpfung und Zerstörung

„Bombay verkörpert die Zukunft der urbanen Zivilisation auf Erden. Gott stehe uns bei.“ Der Schriftsteller Suketu Mehta beschrieb in „Bombay. Maximum City“ die Stadt als „Vorboten der ausufernden Megapolen, die den Begriff der Stadt neu definieren werden” – ein schillerndes Kaleidoskop, faszinierend, sinnlich und abgründig, mit gleißenden Wolkenkratzer-Silhouetten und beängstigender Düsterkeit, vom Filmbusiness Bollywoods über ethnisch-sprachlichen Chauvinismus bis zum organisiertem Verbrechen.

Literaten können Statistiken zum Leben erwecken. Der junge britisch-indische Autor Rana Dasgupta hat in seinen Romanen Tokyo Cancelled, deutsch „Die geschenkte Nacht“, oder „Solo“ (beide bei Blessing) mythische und surreale Elemente jenseits von Utopien narrativ in den Globalisierungsdiskurs eingebracht. In „Capital“ – im Englischen doppeldeutig „Hauptstadt“ und „Kapital“, auf deutsch „Delhi. Im Rausch des Geldes“ macht Dasgupta die Eruption der Stadt begreifbar, ein „monströses, disfunktionales Gemeinwesen, das Chaos und Verwüstung über Nordindien bringt“. Klimatisierte Einkaufscenter werden von dürren Menschen aus dem Boden gestampft, die sie niemals betreten, es sei denn, um die Böden zu fegen. Demgegenüber garantierten einem Jetset Macht und Netzwerke ein Leben, das höchstens an Affluenza krankt, an Ignoranz für die Vergiftung von Böden, Luft und Flüssen, und an Verachtung für die Elenden, die auf umtosten Mittelstreifen neuer Stadtautobahnen ihr Nachtlager aufschlagen. Delhi sei eine Stadt der Hierarchien, der Absonderung und Ausgrenzung, ohne demokratische Plätze. Bei der Luftverschmutzung hat Delhi Peking um das beängstigend Dreifache überholt.

Mit literarischer Sprachgewalt umreißt Dasgupta die Entwicklung von der walled city zur world city, von der ummauerten Mogulstadt zur wuchernden und verpesteten Metropole. Er veranschaulicht das Kraftfeld wilder Impulse und die Migration über Zeitebenen. Er dringt in den Moloch ein, um ihn zu verstehen, den hinduistischen „Tumult von Schöpfung und Zerstörung“ der 16 Millionen Menschen, viele in Hütten ohne anerkannte Eigentumstitel, von wo sie vertrieben werden, wenn Financiers neue Immobilien hochziehen und im Meer der Armut ein glitzernder Archipel von Cafés, Bars und Clubs entsteht.

Gewalterbe und Gier

Das Trauma der Teilungsgräuel von 1947 zwischen Indien und Pakistan habe sich in den Menschen „angereichert wie DDT in der Nahrungskette“, meint Dasgupta, gerade bei denen, die nie mit Muslimen zusammengelebt haben. Diesseits des schwelenden Konfliktes mit Pakistan metastasiert hinduistischer Chauvinismus in die Innenpolitik. Gewalt gegen Frauen wurde ein Thema, seit das Opfer eine Studentin war, mit der sich die Mittelschicht identifizieren konnte. Dass im selben Jahr tausende Dalit-Frauen von Männern aus höheren Kasten vergewaltigt und 650 Dalits ermordet wurden, sei selten eine Meldung wert, faucht Arundhati Roy, Indiens bekannteste Schriftstellerin („Der Gott der kleinen Dinge“) und aufmüpfige Intellektuelle, die sich für vertriebene Ureinwohner, Adivasis, ebenso engagiert wie gegen den nuklearen Rüstungswettlauf am Subkontinent. Im fünfzigsten Jahr der Unabhängigkeit 1997 wurde mit K. R. Narayanan zwar ein „Unberührbarer“ Staatspräsident. Und manche Dalits sind mit kastenkämpferischem Pathos und Stimmenkauf zur schamlosen Schwarzgeldelite aufgestiegen, etwa Mayawati, bis 2012 die Chefministerin des Bundesstaats Uttar Pradesh mit seinen 200 Millionen Einwohnern. Doch es gäbe kein „trickle-down“ des Wirtschaftsbooms, sonder nur ein „gush-up“, ein Emporschießen der Gewinne von vertriebenen und ausgebeuteten Habenichtsen zu Nouveaux-Riches, meint Roy wütend.

China die Werkbank, Indien das Büro der Welt?

Indien sucht seinen Platz in einer multipolaren Weltordnung, als wirtschaftspolitisches Kraftzentrum, mit seinem Anspruch auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, in seinen Rivalitäten mit den Nachbarn China, Pakistan und der islamischen Welt, seiner Rolle in Afrika. Bei der Unabhängigkeit 1947 hatte Indien 350 Millionen Einwohner. Heute sind es 1,3 Milliarden. In 10 Jahren wird es China als bevölkerungsreichstes Land überholt haben. Doch westliche Ängste vor Konkurrenz erscheinen mit Blick auf Indien wenig fundiert. Keine 3 Millionen Menschen arbeiten bislang in einer auf den Weltmarkt ausgerichteten Computerindustrie. Indien ist eine funktionierende, säkulare Demokratie, in der Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion, Sprache oder Kaste formell gleich sind. Doch dreht sich die politische Auseinandersetzung weniger um Bildung oder Infrastruktur, sondern um die Verteilung von Zuwendungen an Interessen- und Wählergruppen. Klientelismus und staatliche Unfähigkeit bleiben immense Hemmnisse.
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Sen und Drèze gestehen der Marktwirtschaft und konkret den Reformen der vergangenen 25 Jahre große Erfolge zu. Aber was sei das für ein Entwicklungsmodell, das laufend neue Luxusshoppingcenter schaffe und Abwassersysteme ignoriere? Die Autoren mahnen die vernachlässigten Bereiche ein, wo optimistische Konsumentensouveränität allein wenig effektiv ist: Bildung, Umweltschutz, Rechtssicherheit, nicht zuletzt Gesundheit. Aus dem Boden schießende, stylische Privatkliniken bieten zwar der Mittelschicht ein ganz neues Krankenhauserlebnis, aber einen Niedergang medizinischer Redlichkeit. Durch die gleichzeitige Mittelausdünnung im öffentlichen Gesundheitsbereich wird letzterer immer unzulänglicher. Gesundheitszentren am Land fehlt selbst die Basisausstattung wie elektrischer Strom. Leichen werden für Forschungszwecke gestohlen, ganz zu schweigen von Organhandel. Wirtschaftswachstum ohne Investition in gesellschaftliche Dienstleistungen ist nicht nur unethisch, sondern schlicht nicht nachhaltig. Doch wer kann letztere sicherstellen? Ein von Sen & Drèze stellenweise idealisierter, aber eben höchst ineffizienter und oft käuflicher öffentlicher Sektor?

Erfolgreiche Volkswirtschaften brauchen das Talentreservoir eines ganzen Volkes und nicht nur einer Elite. Seit den 1970ern hat China in Gesundheit und Ausbildung investiert und so eine breite Basis für die Zukunft geschaffen. Nicht nur der Vergleich mit dem großen Rivalen fällt für Indien wenig schmeichelhaft aus, sondern sogar mit den armen und von Konflikten belasteten südasiatischen Nachbarn. Im muslimischen Bangla Desh etwa, dessen BIP die Hälfte des indischen beträgt, haben Mädchen punkto Ausbildung Burschen überholt. Kindersterblichkeit und Bevölkerungswachstum sind dort heute niedriger, Impfraten und Lebenserwartung höher als in Indien. Bei all den Problemen mag es, gestehen Sen und Drèze mit Blick auf Chinas autokratischen Gestaltungswillen, verlockend sein, Indiens demokratische Tradition über Bord zu werfen. Doch auch Chinas Stabilität ist nur solange gesichert, als Wachstum garantiert und die Korruption eingedämmt wird.

In Indien wehren und organisieren sich Frauen vermehrt. Über Gewalt, aber auch über die Verantwortlichkeit des öffentlichen Sektors hat ein gesellschaftlicher Diskurs eingesetzt, und im Februar 2015 wurde mit Arvind Kejriwal ein Antikorruptionspolitiker Chief Minister von Delhi. Der Erfolg von Demokratie hängt für Sen und Drèze davon ab, ob sie partizipatorisch praktiziert wird: eine universell gültige Erkenntnis. Den Autoren galt es nicht nur, „ein neues Indien zu entdecken, als vielmehr, ihm den Weg zu bereiten.“ Ein so spannendes wie ambitiöses Unterfangen.

Gekürzte Fassung. Vollständiger Beitrag unter http://www.gunther-neumann.com/?p=1211

 

Jean Drèze und Amartya Sen:

Indien. Ein Land und seine Widersprüche.

Deutsch von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn.

C.H. Beck, München 2014, 376 Seiten.

 

 

Rana Dasgupta: Delhi. Im Rausch des Geldes.

Deutsch von Barbara Heller und Rudolf Hermstein.

Suhrkamp, Berlin 2014, 462 Seiten.

 

 

Suketu Mehta: Bombay. Maximum City.

Mit einem Nachwort von Carolin Emcke.

Deutsch von Anne Emmert, Heike Schlatterer und Hans Freundl.

Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a.M., 781 S.

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