Globalisierung: Erfolgsgeschichte oder Horrortrip?

Über Mythen und Realitäten der weltweiten ökonomischen Vernetzung

Globalisierung: Erfolgsgeschichte oder Horrortrip?

Wiener Zeitung, Februar 2007

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Die Globalisierung ist kein geheimer, faustischer Pakt seelenloser Mächtiger. Sie ist aber auch kein Allheilmittel. Über Mythen und Realitäten der weltweiten ökonomischen Vernetzung.

Erst im letzten Moment sorgte Schnee für Winterstimmung: Seit 1971 lädt Klaus Schwab zum Weltwirtschaftsforum in die Davoser Alpenluft. Keiner sagt ab, wenn der Wirtschaftsprofessor zur Rettung der Welt bittet – und dazu, die Skier mitzubringen. Die Gästeliste liest sich wie ein Vereinstreffen der Weltelite, ein Who is Who der Zeitgeschichte. 2000 Gäste, darunter 24 Staats- und Regierungschefs, die Bosse von 73 der 100 weltgrößten Unternehmen und 900 weitere Spitzenmanager, 85 Minister, die halbe EU-Kommission, Weltbank und Atombehörde, Wissenschafter und Gewerkschafter, Vertreter von Kirchen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), dazu die Popstars Peter Gabriel und Bono.

In Davos und Nairobi Störaktionen erschöpften sich heuer in etwas Gerüttel an Absperrgittern, Schneebällen und dem Läuten von Kuhglocken. Längst sind Vertreter der etablierten NGO-Szene, wie etwa “Greenpeace”, zum Kamingespräch geladen. Aufgrund des Wetters und der Klimadebatte geriet das heurige Davoser Hauptthema, die tektonische “Verschiebung der Machtbalance” (gemeint waren die boomenden Volkswirtschaften Asiens), medial ins Hintertreffen.

In Nairobi brannte unterdessen die Sonne der kenianischen Trockenzeit auf die Teilnehmer des Weltsozialforums (WSF). NGOs waren in den letzten Jahren Hoffnungsträger im Kampf gegen Umweltzerstörung und für Menschenrechte, für eine neue transnationale Ordnung und die Herausbildung einer globalen emanzipatorischen Zivilgesellschaft. Seit 2001 ist das WSF Bühne einer Protestbewegung, die bisher viermal im brasilianischen Porto Alegre und einmal im indischen Mumbai tagte. Eine Regenbogenkoalition Engagierter, ein Tanz der Kulturen voll Enthusiasmus, Deklarationen, Trommelklängen und Gospelgesang. Dass das WSF diesmal weniger Aufmerksamkeit auf sich zog, lag nicht nur am tagelangen Ausfall der Computer im Medienzentrum, während die Davoser Debatten im Web in Echtzeit zu verfolgen waren. Hatten in Porto Alegre noch 100.000 Teilnehmer mitten in der Stadt getagt, trafen sich in Nairobi globalisierte Globalisierungsskeptiker auf einem sterilen Sportcampus außerhalb der Stadt.

“Fast so abgehoben wie in Davos die Politelite” , meinte ein Kirchenvertreter am Rande des Nairobi-Treffens. Kirchen halten in Afrika, wo die staatliche Ordnung oft versagt, unverdrossen eine Minimalstruktur aufrecht. Man drückte sich rund um das Stadion gegenseitig Flugblätter in die Hand, demonstrierte vor- und füreinander mit geballter Faust. 150.000 Teilnehmer waren erwartet worden, 25.000 irrten schließlich durch die Anlage, suchten an zwei Dutzend Toren die als Tagungsorte mittels Zeltbahnen notdürftig abgetrennten Bühnenabschnitte. Programmhefte waren schon am ersten Tag ausgegangen, und auf Grund fehlender Dolmetscher blieben viele Gruppen sprachlos. Gegen Ende raubten bewaffnete Banden mit vorgehaltenen Pistolen Delegierte aus, und Straßenkinder machten sich über die Zelte der Caterer her. Eine gemeinsame Schlusserklärung des WSF gab es nicht.

Warnendes Unwohlsein

Wie meist in polemischen Disputen, beanspruchen beide Seiten die absolute Wahrheit. Dennoch – die Debatten sind etwas ruhiger geworden. Selbst Kritiker der Globalisierung anerkennen sie verstärkt, wenn auch nolens volens, als Faktum. Gleichzeitig ist ein warnendes Unwohlsein zum Mainstream geworden – und selbst in den kamingeheizten Davoser Stuben werden Herausforderungen wie der Klimawandel erkannt. Dabei haben sich die grundlegenden Positionen wenig verändert. Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten, untermauert mit Statistiken auf der Befürworter-, Schreckensbildern auf der Kritikerseite.

DSC03050Für Befürworter ist die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte weltweiten Aufschwungs und steigender Chancen für alle. Sie argumentieren mit billigerer Güterproduktion, Technologietransfer, Rückgang der absoluten Armut: In zwanzig Jahren ist der Anteil der Weltbevölkerung, die mit weniger als einem US-Dollar pro Tag (nach Kaufkraftparität) auskommen muss, von 44 auf 13 Prozent gesunken, während der Anteil derer, die mehr als 500 U$ pro Monat verdienen, von 14 auf 55 Prozent gestiegen ist. Ein Drittel aller Exporte stammt aus Entwicklungsländern. Vor zwei Jahrzehnten lag dieser Anteil noch bei 20 Prozent. Dazu kommt: Noch 1980 waren Drittwelt-Exporte nur zu 20% verarbeitet, heute sind sie es zu gut 70%. Profitiert haben jene Länder, die sich dem Welthandel geöffnet haben, besonders Südostasien, neuerdings auch Indien. 2005 flossen netto 500 Milliarden U$ in die Schwellenländer, internationale Konzerne verlagern ihre Entwicklungsabteilungen dorthin.

Enthusiasten messen die Temperatur der Weltkonjunktur und übersehen manchmal, dass es am Hochofen zu heiß, das soziale Klima an den Polen des Globalisierungsbooms dagegen unangenehm kalt sein kann. Mächtige sprechen von Herausforderungen, argumentieren mit Markmechanismen, versprechen eine strahlende Zukunft, der alle zum Nutzen aller hinterherlaufen sollen. Nutzt die Chancen, geht Risken ein, nehmt teil am weltweiten Wettbewerb, lautet die Devise glamouröser Börsengewinner, und ihr werdet teilhaben am Segen einer schönen neuen Welt mit Wohlstand für alle, an der Erschließung und Schaffung unerschöpflicher Reichtümer! Globalisierung klingt bei diesen Predigern wie die Urbarmachung eines weiten, leeren Landes.

Es ist wohl ein Unterschied, ob der Blick einer Managerkaste aus luftiger Davoser Höhe über Kontinente scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten schweift oder der schweißtreibende Weg nach oben angetreten wird. Da werden reiche Inseln zur belagerten Festung, und die, denen der Aufstieg dank Eigeninitiative gepredigt wird, zu bedrohlichen Eindringlingen. So war das ja nicht gemeint: Ökonomische Verwirklichung zu Hause sollte es sein. Wir wollen eure Produkte, möglichst im Rohzustand, damit Arbeit, Wertschöpfung und Börsengewinne bei uns bleiben, und damit auch der Wohlstand.

Weltweites Unbehagen

Skeptiker der Globalisierung beklagen einen neoliberalen Terror der Ökonomie. Sie verweisen auf ein sozial und ökologisch unkontrolliertes Wachstum: Wenige profitieren auf Kosten einer überwältigten Mehrheit und der Umwelt. Neben Scham über die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte, Sorgen um Weltklima und -friede beunruhigen auch Konsequenzen der Globalisierung im Norden. Soziale Sicherheit sinkt, Minderqualifizierte verarmen, der Mittelstand wird zerrieben, strukturelle Gewalt (wie etwa in den Pariser Vorstädten) nimmt zu. Die Macht von Konzernen kulminiert in Investitionsstreiks gegen zahnlose Nationalstaaten, denen nichts übrig bleibt, als sich beim Steuer- und Sozialsystem zu unterbieten. Das Unbehagen hat zuletzt auch Davos erreicht. “Die Kluft zwischen denen, die die Welle der Globalisierung nutzen können, und denen, die von ihr zurückgelassen werden, wird größer” , fasste Klaus Schwab zusammen.

Kritische Artikel und Filme überzeichnen gerne die Situation. Drastische Bilder drängen uns auf, dass ausufernde Slums Produkte der Globalisierung seien. Bei der Suche nach Schuldigen geraten Ursache und Wirkung oft durcheinander. Slums explodieren in Ländern, wo die Bevölkerung dank besserer Gesundheit exponentiell gewachsen ist und die traditionelle Wirtschaft die junge Bevölkerung nicht aufnehmen kann. Ein Sweatshop ist nicht Ursache der Armut, aber es wird suggeriert, dass ohne Billiglohnbranchen die Lage etwa in Chinas oder Indiens ländlichen Regionen idyllisch oder zumindest besser wäre. Manche Kritik erinnert an Maschinenstürmerei. Frühindustrielle Zustände waren nie idyllisch, das Dampfross hat tausende Fuhrleute brotlos gemacht. Auch wenn wir es gefühlsmäßig anzweifeln: Die Globalisierung hat in vielen Gebieten nicht Elend geschaffen, sondern abgefangen – und in Südostasien zu einem massiven Rückgang der Armut geführt.

Verlierer Afrika

Kopie von Kongo Oft einzige Transportmöglichkeit Photo NeumannFür tatsächlich oder vermeintlich negative Konsequenzen der Globalisierung eignen sich Bilder von afrikanischem Elend besonders gut. Mit Bootsflüchtlingen lassen sich Titelseiten füllen, mit Fliegen auf entzündeten Kinderaugen Welt-Presse-Fotowettbewerbe gewinnen oder Filme machen, die uns zeigen wollen, dass wir saturierte Wohlstandsbürger hungernden Menschen am Viktoriasee die letzten Barsche wegessen. Alles ausgelöst durch die Globalisierung, schließen wir aus eindringlichen Bildern: Afrika war, wenn schon nicht in kolonialer, so doch in vorkolonialer Zeit eine heile Welt.

Nicht alle Bilder halten aber einer kritischen Analyse stand. Afrika ist nicht wegen der Globalisierung arm, sondern weil es von ihr links liegen gelassen wird. Der Welthandel fließt an diesem Kontinent vorbei. Afrikas Anteil lag 1948 noch bei 7,4, heute nur noch bei 2 Prozent. Davon entfällt fast die Hälfte auf drei Länder: Algerien, Nigeria und Südafrika. Und noch eine Entwicklung hat Afrika nicht erfasst, denn es liefert (von Südafrika abgesehen) weiterhin Rohöl, Erze, landwirtschaftliche Rohwaren, wie Kakao. Der Aufbau einer konkurrenzfähigen, weiterverarbeitenden Industrie ist nicht gelungen. Als Investitionsstandort ist Afrika wenig attraktiv.

Fairer Handel und gerechte Preise für Rohstoffe waren lange Leitmotive der Entwicklungsdebatte. In den letzten Jahren haben sich die Weltmarktpreise von Erzen über Kaffee bis Mais vervielfacht – doch damit keine Lösung gebracht, im Gegenteil: Abhängigkeiten werden zementiert. Ein Danaergeschenk, wenn Gewinne nicht sinnvoll investiert werden, sondern korrupte Eliten füttern und Konflikte schüren. Afrikas Landwirtschaft wäre auch bei einseitiger Marktöffnung Europas jener Lateinamerikas oder Asiens nicht gewachsen. Afrikanische Bananen oder Kaffee sind teurer als lateinamerikanische, Tee aus Vietnam konkurrenzfähiger als kenianischer.

Afrikas Anteil an Europas Außenhandel ist nur mehr marginal. Zynisch gesprochen: Auch wenn China neuerdings Afrika als Ressourcen- und Absatzmarkt hofiert – die Weltwirtschaft braucht (bis auf wenige) Afrikas Rohstoffe nicht. Was Afrika benötigt, sind Direktinvestitionen, die Technologie und Jobs bringen, meint der Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz. Modernisierung der Infrastruktur und Aufbau eines Finanzwesens sind für Standortattraktivität unabdingbar. Abschottung festigt archaische Strukturen, vergrößert den Abstand und macht später die Teilnahme an der Globalisierung nur noch schwerer. Entwicklungshilfe konnte nirgends einen nennenswerten Beitrag leisten. Nur mit, nicht gegen Marktkräfte sind Missstände änderbar, selbst im Kleinen. Großzügig verschenkte Moskitonetze werden in Afrika zweckentfremdet – billig angebotene jedoch angewendet.

Ohne Modernisierung stagnieren Exporte, kommen keine Investitionen, keine Steuern herein, sondern weiterhin nur etwas Entwicklungshilfe und Zolleinnahmen, die selten sinnvoll investiert werden, sondern allzu oft nur eine korruptionsanfällige, bürokratische Elite nähren. Ohne Arbeitsmöglichkeiten wandern die wenigen gut Ausgebildeten ab, klagt Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf – gerade in jene Länder, die am Welthandel teilnehmen. Sie mahnte – wie auch Südafrikas Thabo Mbeki – in Davos Afrikas Eigenverantwortung ein, und das sind neue, zukunftsweisende Töne. Erstmals seit 2001 wird nächstes Jahr kein Weltsozialforum stattfinden: offiziell eine Atem- und Nachdenkpause.

P1000903Joseph Stiglitz, ehemals Weltbank-Vizepräsident und seit seinem Bestseller “Schatten der Globalisierung” (2002) ein Kronzeuge der Skeptiker, ist heute überzeugt, dass in der Globalisierung enormes Potenzial steckt, wenn man sie richtig gestaltet – was nach Binsenweisheit klingt. Dennoch hat Stiglitz 2006 mit den “Chancen der Globalisierung” ein kraftvolles Plädoyer für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung geliefert. Der Prozess der weltweiten Vernetzung ist unaufhaltsam. Es gibt keine Alternative zur Globalisierung, nur Gestaltungsmöglichkeiten in ihr. Die Wirtschaftstheorie sagt nicht, dass alle Globalisierungsgewinner sind, sondern dass die Nettoeffekte eindeutig positiv sind. Die Gewinner müssen durch Regulierungen im Rahmen der Marktwirtschaft Verlierer entschädigen – und können trotzdem noch Profit verbuchen.

“Probleme ohne Pass”

Auch als Wohlhabende wollen wir in einer sicheren, konflikt- armen Welt sozialen Zusammenhaltes leben. Wie müssen aber die Rahmenbedingungen aussehen, dass die globalisierte Marktwirtschaft akzeptable Bedingungen für möglichst viele Menschen sichert? Eine Kommandozentrale der Globalisierung gibt es nicht. Sie ist kein geheimer, faustischer Pakt seelenloser Mächtiger. Europäische Arroganz ist kaum angebracht, denn die USA bleiben auf absehbare Zeit das Mekka der Forschung.

Theoretiker der Weltverbesserung neigen zu Dogmen und moralischem Paternalismus und schielen gerne nach Führern à la Hugo Chavez. Das globalisierungskritische Netzwerk “Attac” will “Sand im Getriebe” sein. Diese Metapher taugt als Motto einer Protestbewegung, aber nicht als konstruktive Idee, um Werte aus allen Welten, aus der Ökonomie und der Zivilgesellschaft, in die Praxis umzusetzen. “Probleme ohne Pass” gibt es genügend, von Aids über Eigentumsrechte, Klimaschutz bis zu Migrationsströmen inklusive Menschenhandel.

Regelwerk notwendig

Joseph Stiglitz glaubt an Selbstreinigungskräfte durch aufgeklärte Bürger. Sein Optimismus macht mehr Mut als die in Europa beliebte Schwarzmalerei, der ständig bejammerte Sisyphuskampf Gut gegen Böse. Neben Eigenverantwortung sind institutionelle Rahmenbedingungen, ein Regelwerk aus Finanz-, Sozial- und Umweltaspekten zur Änderung der Lage notwendig, dazu horizontale Netzwerke in Ergänzung manchmal zahnloser Abkommen. Die Bill und Melinda Gates-Stiftung managt mit kaum 250 Angestellten ein ähnlich großes Milliarden-Budget wie die WHO mit 3500 – und zum Teil effektiver.

Aber Bildung und sozialer Zusammenhalt als Basis funktionierender Märkte sind nicht durch freiwillige Spenden allein erreichbar. Das Weltklima darf nicht dem Wettbewerb von Billig-Airlines überlassen werden. Ethik und entsprechende Politik haben nicht ausgedient. Stichworte: Nachhaltigkeit, Besteuerung von Flugbenzin, Steuern auf spekulative Finanzgewinne. Es braucht supranationale Institutionen wie EU, WTO und eine schlagkräftige Umweltbehörde zur Integration wirtschaftlicher, ökologischer, technischer und sozialer Herausforderungen.

 

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Erwähnte Literatur:

 

 Joseph Stiglitz, “Die Schatten der Globalisierung”, Deutsch von Thorsten Schmidt, 349 Seiten, € 10,30, Goldmann Taschenbuch 2002 / 2007

Die Chancen der Globalisierung

Joseph Stiglitz, “Die Chancen der Globalisierung”,  Deutsch von Thorsten Schmidt, € 25.70, Randomhouse Siedler Verlag, Berlin 2007

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