All das zu verlieren

Freudlose Nymphomanin

Selbstbestätigung durch Selbsterniedrigung

Leïla Slimanis Beichte einer Sex-Süchtigen

Wiener Zeitung, Dezember 2019

Unvermittelt werden wir in den Strudel einer Ruhelosen gezogen, die mit guten Vorsätzen dagegen kämpft, sich nicht in ihrer Besessenheit zu verlieren. Rasch wird klar, worum es geht: Lust-Gier, eine Sucht, die bei Frauen als Nymphomanie pathologisiert wird.

Leïla Slimani hat ihrer Antiheldin Adèle weder die Rolle einer starken, selbstbestimmten Frau verliehen noch die eines ausgebeuteten MeToo-Opfers. Sie sucht auch nicht den Skandal: Adèles dunkle Seite liefert keine voyeuristische Fifty-Shades-Geschichte, die zur Verfilmung einlädt – aber sie fesselt und verunsichert den Leser umso mehr, hält ihn mit einer fast nüchternen Erzählweise auf Distanz und gleichzeitig bei der Stange.

Die 1981 in Rabat geborene Slimani hat ein Gespür für menschliche Abgründe. 2016 erhielt sie den renommierten Prix Goncourt für ihren verstörenden Bestseller-Thriller “Dann schlaf auch du” über den Mord einer Nanny an den ihr anvertrauten Kindern. Von “Vanity Fair” wurde Slimani auf einer Liste der einflussreichsten französischen Persönlichkeiten an vorderster Stelle gereiht, noch vor Präsident Emmanuel Macron. Bereits 2014 hat sie die nun auch auf Deutsch erschienene Beichte einer Sex-Süchtigen geschrieben.

Die Protagonistin Adèle ist eine ambitionslose Pariser Journalistin mit maghrebinischem Vater, die ihren Job ohne Bedauern sausen lässt. Die Themen Herkunft, Rassismus oder prekäre Arbeitsverhältnisse streift der Roman allerdings nur am Rande. Im Geburtsland der Autorin war das Buch eine Provokation, dennoch erhielt es auch dort einen Literaturpreis. “Bei Adèle ist Sex immer mit Lüge und dadurch mit Scham und Angst verbunden. Genau wie in Marokko”, sagt die Autorin.

“All das zu verlieren” wagt sich ins Zentrum von Ängsten, Begierden, Lügen. Die Wiederholung zwanghafter, immer öder werdender Abenteuer, der zerstörerische Zwang der Protagonistin und ihr Leiden daran sind qualvoll, nie befreiend, kaum einmal für den Moment erleichternd. “Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein”, heißt es an einer Stelle – “Dans le jardin de l’ogre” (“Im Garten des Ungeheuers”) lautet denn auch der Romantitel im französischen Original.

In ihrer Freudlosigkeit und Verlorenheit bleibt Adèle denn auch stellenweise konturlos, selbst in ihrer Beziehung zu ihrem dreijährigen Sohn. Sie ist keine Identifikationsfigur – doch das ist auch Programm. Slimani wollte “über eine Frau schreiben, die feige und schwach und düster ist, eine, die lügt und zerstört”: eine Art weiblicher Dominique Strauss-Kahn, allerdings ohne Machtmissbrauch und ohne Glamour. Eine zeitgenössische Belle de Jour oder Madame Bovary, die durch ihr bürgerliches Leben geschützt ist und dem sie gleichzeitig zu entkommen sucht.

Adèles Mann Richard schaut erst lange weg und kippt nach der Entdeckung der Laster seiner Frau in obsessive Eifersucht. Er stellt sich “ein neues Leben vor, in dem sie vor sich selber und ihren Trieben in Sicherheit ist”. Doch nur er glaubt daran, oder er hofft zumindest darauf. Für Adèle sind die Zwänge des Familienlebens eine Folterkammer. Sie sucht nicht der Unterdrückung zu entkommen, sondern der Leere und Einsamkeit. Sie “würde gerne schlafen, die Wut, die sie erfüllt, ruhen lassen… die Angst vertreiben, die sich in ihr verkrochen hat.”

Nicht, dass sie nicht auch selbst versuchen würde, aus ihrem inneren Teufelskreis auszubrechen. Hellsichtig und verzweifelt drückt sie ihre Leblosigkeit gegenüber einem Psychotherapeuten aus: “Aber gesund werden ist auch schrecklich. Man verliert etwas.”

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Leïla Slimani
All das zu verlieren
Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Literaturverlag, München 2019, 224 Seiten

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