Adonis: Der Wald der Liebe in uns

Jeder Körper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet

Adonis: Der Wald der Liebe in uns

Glanz & Elend, Januar 2014

Einst war der Schriftsteller Adonis ein Neuerer arabischer Poesie.
Über Jahre wurde er als Nobelpreiskandidat gehandelt. Als Kritiker
des syrischen Aufstandes steht er heute wieder im Rampenlicht. 
»Der Wald der Liebe in uns« ist unpolitische Liebeslyrik des 84jährigen
Intellektuellen und wohl renommiertesten arabischen Dichters der Gegenwart.

Kein Zweifel, es gibt sie, die politische Konjunktur von Literatur. 2013 erhielt Adonis den Petrarca-Preis, der ausdrücklich europäische Kultur fördern will. Ist es dem Wohnort des Poeten geschuldet, der seit 30 Jahren in Paris lebt, und zwischenzeitlich auch einmal in Deutschland? Gar dem erfreulichen Umstand, dass die Kultur eine flexiblere Sicht auf die Grenzen Europas hat als die Politik? Zu den Jury-Mitgliedern des nach dem Mitbegründer des Humanismus benannten Preises zählen Michael Krüger, Peter Handke und Alfred Kolleritsch. Oder liegt es doch an den Ereignissen in der arabischen Welt, besonders an der verzweifelten Situation in Syrien, die uns Europäer aufwühlt und zugleich hilflos macht?

Der Lebensweg des Autors schien das Schicksal von Millionen vorwegzunehmen, und zu spiegeln. Geboren wurde er in Nordsyrien als Ali Ahmad Said Esber, studiert hat er in Damaskus, sein erstes Exil war der Libanon, seit drei Jahrzehnten lebt er in Europa. Nicht erst mit Ovids Amores und dem Weg des römischen Dichters über das Meer ins unfreiwillige Exil – damals in anderer Richtung – haben sich die Kulturen des Mittelmeerraumes, der griechisch-phönizischen Antike immer wieder wechselseitig befruchtet. Adonis war und ist ein spiritueller Nomade, ein Grenzgänger zwischen orientalischem und westlichem Denken. Von kulturellen Reinheitsgeboten hält er nichts. Der selbstgewählte Künstlername stammt von jenem griechischen Halbgott, dessen Name semitischen Ursprungs ist, und der für Erneuerung und Auferstehung steht. Dass Adonis schon lange als Literaturnobelpreis-Anwärter genannt wird, hat mit dem arabischen Frühling, der sich vielerorts wie Winter anfühlt, wenig zu tun. All das, wozu ich außerstande, es Dir zu sagen / Wird in der Tiefe meines Schweigens versinken: Der 2013 erschienene »Wald der Liebe in uns« ist fern der Tagespolitik.

Bei aller Religionskritik sieht sich Adonis in der Tradition klassischer arabischer Dichter, die zu anderen Zeiten weit weniger – auch erotische – Tabus kannten als die heute herrschenden, restriktiven Strömungen in der islamischen Welt. Adonis hat Stil und Duktus der arabischen Dichtkunst modernisiert. Manchmal war er auch in seiner Poesie durchaus politisch, vor allem im angesichts 9/11 drei Jahrzehnte später prophetisch anmutenden Langgedicht-Zyklus EinGrab für New York aus dem Jahr 1971, zum Höhepunkt des US-Vietnamkriegs: Es waren Gesänge von Hybris und Nemesis, von Zorn, aber auch Versöhnung.

Anfang 2014 hat Adonis seinen 84. Geburtstag gefeiert. Der Autor und Essayist ist voll Skepsis gegenüber der Arabellion, besonders jene gegen das in Damaskus herrschende Regime: »Ich kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die aus den Moscheen kommt.« Eine Militärdiktatur kontrolliere den Kopf und die politischen Gedanken. Das sei schlimm genug. Doch die religiöse Diktatur kontrolliere Kopf, Herz, Körper und Seele, also das ganze Leben.

Adonis’ Liebeslyrik ist so unpolitisch, wie es Poesie heute sein kann: Im Islam ist die Rezitation des Koran nicht nur Gottesbekenntnis, sondern auch Gipfel poetischer Ausdruckskraft. Andere Gedichte geraten in den Verdacht frevelhafter Häresie. Nicht die Auseinandersetzung mit dem Westen sei das Hauptproblem der Araber, hat der Antiislamist Adonis schon vor Jahrzehnten gemeint, sondern die mangelnde Auseinandersetzung einer autoritär erstarrte Zivilisation mit den eigenen Traditionen.

Der Wald der Liebe in uns ist vielstimmig, bilderreich, manchmal auch sparsam an Metaphern, gelegentlich spröde. Oft sind es Kürzestgedichte: Das Licht, das mich leitet, leitet mich fehl / Im Schoß meines Hauses zerschmettern mich meine Bastionen.

Adonis’ Repertoire reicht von der Wehklage bis zum Gelächter.  Schlaf ist die Erde seiner Freuden / Bett ist die Erde seiner Leiden: Viel ist in den durchwegs titellosen Gedichten von Überschreitungen, Irrungen und Blessuren die Rede, von Schmerz und Bitternis. Die Miniaturen mit oft unerwarteter Zeichensetzung deuten Geheimnisse an, und wahren sie mitunter.

»Jeder Körper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet«

Wir erblühen, richten uns auf, fallen zurück / Heften uns aneinander. Ist Adonis’ Dichtkunst nun orientalischer Mystik näher, oder europäischem Kitsch? In Deutschen Landen ist Liebeslyrik kaum en vogue, und nicht alle wollen sich den Lobeshymnen für Adonis anschließen. Er beherrsche religiös verbrämte Ornamentik und einen knappen brechtischen Ton gleichermaßen, merkte der Literaturwissenschaftler Erich Klein an. Adonis’ »postheideggerianische Lyrik – Hölderlin, Heidegger und Nietzsche sind Adonis’ Hausgötter« zitiere haufenweise Arabismen herbei. Die Welt der Moderne und der Technik werde in eine mit viel Asche überzuckerte Apokalypse versetzt, dazu komme noch glühende Liebesleidenschaft, so die Kritik.

In jedem Fall bleibt Adonis ein Grenzgänger zwischen Orient und Okzident. Die heute wieder unüberbrückbar erscheinenden Differenzen in einer Person in Einklang zu bringen, ist genug Herausforderung für ein Lebensalter. Der Wald der Liebe ist ein Alterswerk, nicht unbedingt abgeklärt, sondern vielmehr, als würde man Geträumtes lesen: Mach mich wieder zu dem, was ich sein will / Wie ich war, ein Gewoge. Dass das Meer, Ebbe und Flut immer wieder eine Rolle spielen, liegt wohl auch an Adonis’ Herkunft und Prägung an den Ufern der Levante. In diesen Gedichten geht es weniger um Verstehen als um Eintauchen. Das sich-treiben-lassen ist dabei manchmal ebenso schwer wie das Navigieren. Frage mich nicht, wer ich war / Woher ich komme / Ich bin Dir begegnet – seit dieser Begegnung / Bin ich meiner Finsternis entrissen / Bin ich geboren. Und an anderer Stelle: Ich bin nicht am Ziel. Ein Würfel aus Traurigkeit / Rollt herab von den Schultern.

Adonis kurze Sätze hinterlassen eine Intensität der Berührung, jenseits des klaren Verständnisses, und eröffnen den Raum hinter den Worten: das bloße Sein. Jeder Körper ist ein Gemenge aus Sprachen, aber nicht Alphabet, sagt sie / … / Tagtäglich befrage ich ihren Leib / Buchstabiere ihn / Und erlerne an ihm den Weg des Fragens. So nähert sich Adonis letztlich auch der Grundfrage von Liebeslyrik: Muss ich eine Brücke schlagen / Zwischen dem Feuer, das meinen Körper entflammt / Und dem Lehm der Wörter / Um die Luststrecke zu durchqueren. Beantworten darf die Frage jeder Leser, jede Leserin für sich.

Der Salzburger Verlag Jung & Jung hat in den letzten Jahren ein außerordentliches Gespür für neue Autoren gehabt, das mit zwei Deutschen Buchpreisen belohnt wurde. Adonis mit seinen 84 Jahren ist zwar keine Neuentdeckung. Doch »Der Wald der Liebe in uns« ist auch für Nicht-Lyrikfans ein Fundstück.

Jung und Jung Verlag, Salzburg 2013
ISBN 9783990270363

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/a/adonis-der-wald-der-liebe-in-uns.htm

http://www.planetlyrik.de/adonis-der-wald-der-liebe-uns/2014/01/

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