{"id":100,"date":"2011-08-19T00:00:10","date_gmt":"2011-08-19T00:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=100"},"modified":"2015-06-24T13:25:53","modified_gmt":"2015-06-24T13:25:53","slug":"astrid-rosenfeld-adams-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=100","title":{"rendered":"Astrid Rosenfeld: Adams Erbe"},"content":{"rendered":"<p>Wahnsinn wagen, um normal zu bleiben<\/p>\n<h3>Astrid Rosenfeld: Adams Erbe<\/h3>\n<p>Der Standard, August 2011<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was verbindet zwei Menschen, die durch Generationen und einen Abgrund getrennt sind? Familienbande? \u00c4u\u00dfere Merkmale wie \u00e4hnliche Gesichtsz\u00fcge? Charaktereigenschaften als Zuschreibungen anderer? Eine von au\u00dfen verordnete Identit\u00e4t?<\/p>\n<p>Identit\u00e4t und Erinnerung, ein Familientabu, Liebe und ein teuflisches Gesch\u00e4ft sind die Ingredienzien von Adams Erbe. Die vierunddrei\u00dfigj\u00e4hrige Astrid Rosenfeld hat sich in ihrem Deb\u00fctroman auf das schwierige Spiel zweier Ich-Erz\u00e4hler eingelassen, Gro\u00dfonkel und Gro\u00dfneffe Cohen, deren Geschichten in der D\u00fcsternis eines Dachbodens verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>Der schelmenhafte erste Romanteil, wie eine etwas lang geratene Rahmenhandlung wirkend, kreist um Edwards kuriose Kindheit in einer leicht meschugge anmutenden Familie im Westberlin vor dem Mauerfall. Der verwirrte Opa lebt in einer Kammer unterm Dach und murmelt, Edward sei seinem Gro\u00dfonkel wie aus dem Gesicht geschnitten.<\/p>\n<p>Im Familiengeschweige vergifteter Erinnerungen ist jener mysteri\u00f6se Adam ein Verr\u00e4ter, wie die ewig n\u00f6rgelnde Oma andeutet, ein rabenschwarzes Schaf, das am Vorabend des Zweiten Weltkriegs mit dem f\u00fcr die Flucht bestimmten Verm\u00f6gen auf und davon sei und so die H\u00e4lfte seiner Familie dem Naziverderben preisgegeben habe.<\/p>\n<p>Der kleine Edward entschl\u00fcpft den Schatten und freundet sich im Zoo mit Jack an, einem kauzigen Taugenichts, der f\u00fcr Elefanten singt. Der charmante Elvis-Abklatsch verdreht auch Edwards alleinerziehender Mutter alsbald den Kopf, schl\u00e4gt sie, verzaubert sie mit tausend Rosen und macht den orientierungslosen Jungen mit heiterer Leichtigkeit zum Kleinganoven.<\/p>\n<p>Rosenfeld unterh\u00e4lt mit kraftvollen Bildern. Mag die Roadmoviegeschichte stellenweise konstruiert wirken, sie lebt von seltsamen Paarungen und Charakteren. Manche sind ironisch \u00fcberzeichnet, keiner ist ganz ernst zu nehmen, und selbst die durchschnittlichen sind au\u00dfergew\u00f6hnlich geraten &#8211; die Autorin hat fr\u00fcher in der Filmbranche, unter anderem als Casterin gearbeitet.<\/p>\n<p>Als junger Mann ins Familienhaus zur\u00fcckgekehrt, findet Edward am Dachboden einen Pack Aufzeichnungen &#8211; ein langer Brief an eine gewisse Anna. Er liest und sinkt in die Geschichte seines bis dahin mysteri\u00f6sen Gro\u00dfonkels.<\/p>\n<h5>Giftige Geschichtsbr\u00fche<\/h5>\n<p>Jener Adam ist wie Edward als Kind weder sonderlich talentiert noch motiviert, erh\u00e4lt in derselben Berliner Wohnung um 1930 eher erfolglos Privatunterricht &#8211; und ist doch der Lieblingsenkel seiner so eigenwilligen wie klugen Gro\u00dfmutter Edda.<\/p>\n<p>Diese studiert die kleinen Nazigr\u00f6\u00dfen in ihrer Physiognomie wie in umgekehrter Rassenlehre, kommentiert Hitler, den &#8222;schnauzb\u00e4rtigen August&#8220; schnoddrig und h\u00e4lt die gesamte Familie mit undurchsichtigen Gesch\u00e4ften \u00fcber Wasser, w\u00e4hrend die giftige Br\u00fche h\u00f6her steigt. Adam ist ein Tr\u00e4umer, dem wenig Zeit zum Tr\u00e4umen bleibt. Mit 18 trifft er Anna, die kurze Liebe seines Lebens, die schon bald darauf in der Reichskristallnacht verschwindet.<\/p>\n<p>Nun hat er ein Ziel &#8211; Anna finden, und retten. Ein alter Verehrer von Edda, noch immer treuer Freund und nunmehr SS-Sturmbannf\u00fchrer, schleust nach Kriegsbeginn Adam Cohen als vorgeblichen Arier Anton Richter ins Auge des H\u00f6llenwindes, zum Generalgouverneur im besetzten Polen &#8211; als Rosenz\u00fcchter.<\/p>\n<p>&#8222;Manchmal muss man den Wahnsinn wagen, um normal zu bleiben&#8220; , gibt Edda ihrem Enkel als Rat mit &#8211; und das Familienverm\u00f6gen in Form einer Handvoll eingen\u00e4hter Diamanten. Adams wahnwitzige Geschichte wird zur Gratwanderung zwischen Humor, Groteske und Abgrund, mit Figuren wie von George Tabori. Rosenfeld, die \u00fcbrigens nicht einer j\u00fcdischen Familie entstammt, hat sich als Nachgeborene unerschrocken an ein gro\u00dfes deutsches Thema gewagt.<\/p>\n<h5>Lachend ins Grauen<\/h5>\n<p>In den Dialogen, den Textb\u00f6gen wie in kleinen Episoden zeigt sich eine talentierte Erz\u00e4hlerin, die in der Gratwanderung einer gewagten Fiktion den richtigen Ton findet und zwei Leben detailreich, aber ohne k\u00fcnstliche Parallelen verwebt. Sie gibt den Personen Raum, ohne sich in Psychologie zu verlieren, und zaubert aus Traurigkeit skurrilen Humor: Lachend rutscht der Leser in das Grauen, als Adam ein Plan von mephistohafter Dimension unterbreitet wird: Er muss weiter in die inneren H\u00f6llenkreise, damit Anna von dort rauskommt. &#8222;Freiheit bedeutet nicht Unabh\u00e4ngigkeit. Man ist immer von irgendwem oder irgendwas abh\u00e4ngig. Sich nicht zu f\u00fcrchten ist die einzige Freiheit, die wir jemals erlangen k\u00f6nne&#8220; , sagte Oma Edda.<\/p>\n<p>Was bleibt, nachdem sich die beiden Handlungsstr\u00e4nge schlie\u00dfen? Vielleicht ein Hauch Hoffnung, als Frage: Aber rettest du eine &#8211; rettest du die Welt?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"cover1\" class=\"hc\" src=\"http:\/\/www.diogenes.ch\/media\/covers\/132_211\/978-3-257-06772-9.jpg\" alt=\"Astrid Rosenfeld  |  Adams Erbe  |  Roman, Hardcover Leinen, 400\u00a0Seiten | \u20ac (D) 21.90 \/ sFr 29.90* \/ \u20ac\u00a0(A)\u00a022.60\" width=\"157\" height=\"251\" \/><\/p>\n<p>Astrid Rosenfeld<br \/>\nAdams Erbe<br \/>\nRoman, 384 Seiten<br \/>\nDiogenes Verlag, Z\u00fcrich 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahnsinn wagen, um normal zu bleiben Astrid Rosenfeld: Adams Erbe Der Standard, August 2011<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=100"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1331,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions\/1331"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}