{"id":1021,"date":"2014-10-25T21:28:37","date_gmt":"2014-10-25T21:28:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1021"},"modified":"2020-06-27T21:41:02","modified_gmt":"2020-06-27T21:41:02","slug":"1021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1021","title":{"rendered":"Szczepan Twardoch: Morphin"},"content":{"rendered":"<p class=\"em_text\">Rauschhafter Ritt<\/p>\n<h3><strong>Morphin<\/strong><\/h3>\n<p class=\"em_text\">Szczepan Twardochs literarische Droge<\/p>\n<p class=\"em_text\">Wiener Zeitung, Oktober 2014<\/p>\n<p class=\"em_text\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Szczepan Twardoch ist ein rauschhafter Stadt- und historischer Kriegsroman gelungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/DSC03584-sw-bearbeitet.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1071\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/DSC03584-sw-bearbeitet-225x300.jpg\" alt=\"DSC03584 sw bearbeitet\" width=\"348\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/DSC03584-sw-bearbeitet-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/DSC03584-sw-bearbeitet-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/DSC03584-sw-bearbeitet.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/><\/a>Warschau, Oktober 1939. Im \u201cParis des Ostens\u201d hat die Wehrmacht die Herrschaft \u00fcbernommen, gefolgt von SS und Gestapo. Die Stadt wei\u00df noch nicht, wohin die Reise geht. Der Leser glaubt es zu wissen, ahnt es in jedem Satz. Der drei\u00dfigj\u00e4hrige Protagonist will es nicht wahrhaben: Konstanty Willemann, Leutnant der Reserve, hat kaum gek\u00e4mpft gegen die deutsche Invasion, und hat sich dann rechtzeitig abgesetzt, um der Gefangennahme zu entgehen. Mit seiner polnisch-deutsch-schlesischen Herkunft hat er keine eindeutige nationale Identit\u00e4t, doch das ist nicht sein gr\u00f6\u00dftes Problem. In Vorkriegszeiten war er ein Lebemann, und auch jetzt, in einer zusammenbrechenden Welt, will er oben schwimmen. Es war nicht sein Krieg, aber es ist auch nicht mehr sein Friede in diesem herbstlichen Warschau. Er mag \u201eweder Milit\u00e4r noch Pferde noch Uniformen noch Gewehre\u201c, er sei, sagt er \u00fcber sich, \u201eGentleman, Verschwender, Hurenbock und Morphins\u00fcchtiger\u201c.<\/p>\n<p>Konstanty, Kostia, Kostek, Kostu ist, milde formuliert, keine konsistente Pers\u00f6nlichkeit. Er ist orientierungslos, getrieben, sarkastisch, abh\u00e4ngig von Drogen, Alkohol und Frauen, inklusive seiner eigenen Mutter. Seine Angetraute Hella, aus bestem polnisch-patriotischem Haus und Mutter seines kleinen Sohnes, ist sauber, korrekt &#8211; und f\u00fcr Kosta einmal langweilig, dann wieder unerreichbar begehrenswert. Die j\u00fcdische Dauergeliebte Salom\u00e9 ist seine Kurtisane, und selbst Morphin-s\u00fcchtige Prostituierte. Das klingt schablonenhaft, und der aberwitzige Plot tanzt auch manchmal am Rande des Klischees, doch ist Autor Szczepan Twardoch zu wortgewaltig, um sich nur in \u00fcberdrehter, surrealer Kolportage zu gefallen.<\/p>\n<p>Der politisch unkorrekte Antiheld entzieht sich seinen Pflichten als Patriot, Ehemann, Vater, und rei\u00dft den Leser mit literarischem Morphin in einen rauschhaften Bewusstseinsstrom. Meist erz\u00e4hlt Konstanty selbst: expressiv, ausschweifend, schnoddig, manchmal kleinlaut, taumelnd. Gerade dann kippt die Perspektive, gesellt sich eine weibliche \u00dcber-Ich-Stimme dazu, eine weitere Erz\u00e4hlinstanz, immer nahe an ihm, an seiner Seite, \u00fcber ihm. Der Leser w\u00e4hnt sich in einem rasanten Filmdrehbuch.<br \/>\nIn der Schurkerei der Formulierungen des Antihelden, in einer Sprache jenseits aller Moral macht der Autor die Welt in jenem Warschau des dunklen Herbstes 1939 erfahrbar. Twardoch hat genau recherchiert. Zusammen mit dem Protagonisten hetzt der Leser \u00fcber die aufgerissenen Stra\u00dfen, taumelt er durch die Bars und versteckten Winkel einer Stadt zwischen L\u00e4hmung, Unterjochung, wegduckender Anpassung und Widerstand.<br \/>\nGeschichtstr\u00e4chtiges Terrain, eine traumatisch aufgeladene Zeit, Drogen, Sex und eine h\u00f6chst ambivalente, widerspr\u00fcchliche Hauptfigur: Diese Ingredienzien sind nicht ganz neu. Jonathan Littell etwa verband 2006 in &#8222;Die Wohlgesinnten&#8220; eine fiktive Biographie mit realen Ereignissen und Personen \u2013 und entfachte eine lebhafte Kontroverse dar\u00fcber, ob es recht und billig sei, dass ein Nachgeborener ohne eigene Erfahrungen belletristisch-brilliant \u00fcber jene Zeit schwadronieren d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Der 35j\u00e4hrige Szczepan Twardoch, wie sein Protagonist schlesischer Herkunft, untergr\u00e4bt polnische Geschichtsmythen und entfachte Polemiken \u00fcber die heroische Opferrolle im Krieg 1939 bis 45, \u00fcber Helden und M\u00e4rtyrer. Deutschland etwa habe sich ganz anders mit seiner Geschichte und Identit\u00e4t konfrontieren m\u00fcssen, meint Twardoch: \u201eDie Mehrzahl der Polen braucht eine Art Psychotherapie, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen \u2013 was sie immer noch nicht k\u00f6nnen. Aber das ist nicht meine Aufgabe&#8220;. Lieber erz\u00e4hlt er rauschhaft, vital, abgr\u00fcndig, mit der eruptiven Kraft einer fiktiven, plotgesteuerten Geschichte, um dann wieder essayistische Reflexionen \u00fcber das Menschsein in Zeiten des Wahnsinns einzustreuen.<\/p>\n<p>Neben dem erw\u00e4hnten Jonathan Littell wurde Szczepan Twardoch schon mit Alfred D\u00f6blin verglichen, mit Alexis Jenni (&#8222;Die franz\u00f6sische Kunst des Krieges&#8220;), Witold Gombrowicz (seiner scheinbar unernsten Darbietung existenzieller Probleme wegen) oder sogar mit James Joyce. Morphin ist ein rauschhafter Stadt- und historischer Kriegsroman. Twardoch l\u00e4sst Willemann seinen toten deutschen Vater treffen, und schickt ihn im Dienst des Widerstandes schlie\u00dflich in Vaters deutscher Uniform auf eine so konspirative wie surreale Mission nach Budapest. L\u00e4uterung, Katharsis, Erl\u00f6sung gegen Schluss? Weit gefehlt.<br \/>\nHistoriografie kann nicht alles beantworten. Der Roman als Erkenntnisinstrument, der Handlungsspielr\u00e4ume auslotet? Szczepan Twardoch stellt viele Fragen literarisch, \u00fcber Mut, Mitl\u00e4ufertum, Kriegsgewinnler, Gewissenskonflikte und menschliche Abgr\u00fcnde jenseits heroischer Taten. Eine neue Generation von Polen f\u00fchlt sich nicht an verordnete oder national kaum angetastete Geschichtsmythen gebunden. Twardoch b\u00fcrstet die Mythen gegen den Strich, untergr\u00e4bt sie. Und er wurde mit dem aberwitzigen Gewaltritt \u00fcber 580 Seiten zum Shooting Star der polnischen Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"em_artikelansicht_zusatzcontent em_right\">\n<div class=\"em_zusatz_box_container\">\n<div class=\"em_zusatz_box\">\n<div class=\"em_cnt_half\">\n<p><strong>Szczepan Twardoch:<\/strong>\u00a0 <span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Morphin<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"><strong> Roman <\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Deutsch von Olaf K\u00fchl<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Rowohlt Berlin 2014 <\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"em_zusatz_box_body\">\n<div class=\"em_cnt_half\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>589 Seiten, 23,60 Euro<\/strong><\/span><\/div>\n<div class=\"em_cnt_half\"><\/div>\n<div class=\"em_cnt_half\"><\/div>\n<div class=\"em_cnt_half\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"cover\" src=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/grafik\/cover\/1\/42051.jpg\" alt=\"Cover: Morphin\" width=\"128\" height=\"209\" \/><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rauschhafter Ritt Morphin Szczepan Twardochs literarische Droge Wiener Zeitung, Oktober 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1021"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1021"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1021\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2096,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1021\/revisions\/2096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1021"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1021"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1021"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}