{"id":1105,"date":"2019-01-25T16:57:53","date_gmt":"2019-01-25T16:57:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1105"},"modified":"2021-05-08T22:53:50","modified_gmt":"2021-05-08T22:53:50","slug":"nikos-dimou","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1105","title":{"rendered":"Nikos Dimou"},"content":{"rendered":"<p>Nikos Dimou: Satirischer Diskurs gegen Vorurteile<\/p>\n<h3>Die <del>Griechen<\/del>Deutschen sind an allem schuld<\/h3>\n<p>Geistreiche Reiselekt\u00fcre und ein mutiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr wechselseitigen Respekt<\/p>\n<p>Der Standard, Januar 2015<!--more--><\/p>\n<p>Wie die Griechen ticken, wussten wir schon l\u00e4nger. Nun gut, zumindest die letzten Jahre. Das Land stand am Pranger und beherrschte die Politik- und Finanzseiten, kaum das Feuilleton. Das nationale Kulturbudget wurde halbiert, und die Wirklichkeit hatte die antike Trag\u00f6die eingeholt. \u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein hie\u00df eine 2012 auch auf Deutsch erschienene Aphorismensammlung des streitbaren Dichters und Essayisten Nikos Dimou. Darin ergr\u00fcndete er sein Land und die Menschen, zerrissen zwischen \u00fcberh\u00f6hter Vergangenheit und zerr\u00fctteter Gegenwart, Orient und Okzident, Orthodoxie und Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die <del>Griechen<\/del>Deutschen sind an allem schuld ist eine Fortschreibung jenes poetischen Pamphlets, diesmal fast durchwegs in Form ironischer Dialoge, einer Urform hellenischer Erkenntnis. Zum Teil stammen sie &#8211; wie etwa zur Empfindung &#8222;Griechenland f\u00fchlt sich immer mehr alleingelassen: eine geschwisterlose Nation&#8220; &#8211; schon aus Zeiten vor der Finanzkrise. Brillant und scharfz\u00fcngig durchleuchtet Dimou die zwiesp\u00e4ltige Identit\u00e4t seiner Landsleute und die wechselseitige Bewunderung und H\u00e4me im Verh\u00e4ltnis zu &#8222;Europa&#8220;, insbesondere zu Deutschland. Deutsche waren bei der griechischen Unabh\u00e4ngigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts tats\u00e4chlich mitverantwortlich, dass sich Griechen &#8222;als w\u00fcrdige Nachfolger der Alten Hellenen&#8220; wahrnehmen: Winckelmann, Goethe, H\u00f6lderlin und Freunde sahen Griechen in einem &#8222;romantischen Irrtum&#8220; als kultivierte \u00c4stheten, w\u00e4hrend Hellas 1830 ein feudales Bauernland mit 98 Prozent Analphabeten war, die sich Romii, R\u00f6mer nannten. Der Begriff Hellene war seit byzantinischer Zeit blo\u00df eine &#8211; ansonsten verbotene &#8211; Bezeichnung f\u00fcr alte G\u00f6tzendiener. Durch die B\u00fcrde einer verkl\u00e4renden Liebe wurde das neue Hellas laut Dimou in eine Rolle gedr\u00e4ngt, der das Land mit seinen &#8222;Wurzeln im Osten und Zweigen in den Westen&#8220; nie gewachsen war. Ergebnis war eine Suche, ja Sucht nach Licht, nach Anerkennung: &#8222;Seine Pr\u00e4senz macht dich euphorisch &#8211; seine Abwesenheit depressiv&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr Dimou wird alles melodramatisch durch die Vergangenheit erkl\u00e4rt: Die Gr\u00f6\u00dfe der &#8222;Neoaltgriechen&#8220; entstand von innen, aus den Errungenschaften und Tugenden des antiken Athen, w\u00e4hrend das B\u00f6se in einer endlosen Traumaserie von au\u00dfen kam. Perser, R\u00f6mer, Papisten, Kreuzfahrerhorden, Osmanen, Slawen, Albaner, T\u00fcrken, Briten, Amerikaner waren an allem Elend schuld; und nun die Deutschen. Letztere standen noch 2005 an bemerkenswerter erster Stelle der Popularit\u00e4t. Mit der Finanzkrise hat Antigermanismus den jahrzehntelangen Antiamerikanismus abgel\u00f6st. Zuletzt waren laut Dimou Russland und China die beliebtesten L\u00e4nder, w\u00e4hrend der S\u00fcndenbock Deutschland &#8222;danach trachte, Ressourcen auszubeuten und den S\u00fcden verarmen zu lassen.&#8220; Aber konsequenterweise w\u00fcrden in Griechenland dann auch die L\u00f6sungen von au\u00dfen erwartet.<br \/>\n&#8222;Wir wachsen mit der Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung auf, dass wir ein auserw\u00e4hltes, ein mythisches Volk sind. Mythen k\u00f6nnen eine starke Droge sein. Andere L\u00e4nder haben das auch erlebt.&#8220; Einem einzigartigen Volk geb\u00fchre eine Sonderstellung. Doch Gr\u00f6\u00dfe kann man nicht erben, wei\u00df Dimou. &#8222;Dann werden wir mit der Wirklichkeit konfrontiert. Unser Minderwertigkeitskomplex ergibt sich daraus, die Denkweise des gepr\u00fcgelten Hundes, des Unterlegenen. Dahinter verbergen sich Ressentiment, Hass und Selbstmitleid&#8220;, die sich auch abseits der aktuellen Krise in Verschw\u00f6rungstheorien und Hysterie entladen, etwa beim Namensstreit mit Mazedonien. Mit Logik, der von Griechen selbst stolz gepriesenen antiken Tugend, sei alldem leider nicht beizukommen.<\/p>\n<p>Seine meisterhaften Einsichten verdeutlicht Dimou nicht in ersch\u00f6pfenden Erkl\u00e4rungen, sondern mittels spritziger Streitgespr\u00e4che zwischen fiktiven Griechen und Philhellenen: einem franz\u00f6sisch-j\u00fcdischen Philosophen, einem deutschen Studenten, einer britischen Korrespondentin. &#8222;Ihr Griechen wart immer Kinder&#8220;, sagten laut Platon schon \u00e4gyptische Priester zu Solon. &#8222;Zwar Kinder&#8220;, f\u00fcgt Dimou hinzu, &#8222;aber m\u00fcde von den vielen Jahren, die hinter ihnen liegen.&#8220; Und er identifiziert messerscharf den &#8222;Populismus als Aids des heutigen griechischen Lebens. Man gibt dem Volk, was es will.&#8220; N\u00e4mlich Gef\u00fchle, Verd\u00e4chtigungen, \u00c4ngste. Sp\u00e4testens hier kann uns manchmal selbstgerechten (Nord-)Europ\u00e4ern, die wir gerne in den S\u00fcden hinunterblicken &#8211; einmal als Sehnsuchtsort, dann als gescheiterter Staat unf\u00e4higer Bankrotteure &#8211; bewusst werden, dass jedes weise Buch auch ein Spiegel f\u00fcr uns selbst ist. &#8222;Europa ist voll von besonderen V\u00f6lkern&#8220;, meint der leidenschaftliche Kulturvermittler augenzwinkernd.<br \/>\nDimou ist in seiner Heimat ein Star, hat sich mit seinen insgesamt 60 B\u00fcchern aber nicht nur Freunde gemacht. Die nunmehrigen am\u00fcsanten und klugen Dialoge sind eine ideale Reiselekt\u00fcre und ein mutiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr wechselseitigen Respekt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"cover\" title=\"9783888979392\" src=\"http:\/\/www.morawa-buch.at\/annot\/4B56696D677C7C34333835303736357C7C434F504C.jpg?sq=2\" alt=\"Die Deutschen sind an allem schuld\" width=\"116\" height=\"170\" longdesc=\"9783888979392\" \/><br \/>\n<strong>Nikos Dimou, &#8222;Die<del> Griechen<\/del> Deutschen sind an allem schuld.&#8220; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Deutsch von Mario Mariolea. 119 Seiten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Verlag Antje Kunstmann, M\u00fcnchen 2014<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikos Dimou: Satirischer Diskurs gegen Vorurteile Die GriechenDeutschen sind an allem schuld Geistreiche Reiselekt\u00fcre und ein mutiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr wechselseitigen Respekt Der Standard, Januar 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1105"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1105"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1120,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1105\/revisions\/1120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}