{"id":112,"date":"2012-03-01T00:00:30","date_gmt":"2012-03-01T00:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=112"},"modified":"2014-01-23T13:18:06","modified_gmt":"2014-01-23T13:18:06","slug":"bettina-balaka-kassiopeia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=112","title":{"rendered":"Bettina Bal\u00e0ka: Kassiopeia"},"content":{"rendered":"<p>Venezianisches Vexierspiel<\/p>\n<h3>Bettina Bal\u00e0ka: Kassiopeia<\/h3>\n<p>Die Presse, M\u00e4rz 2012<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kassiopeia, eitle K\u00f6nigin oder G\u00f6ttin, die ihre Meinungsfreiheit durchsetzt? Kassiopeia, Sternbild, Kindheitszauberwort der Protagonistin, schlie\u00dflich Buchtitel eines verehrten Autors: Omen in einem literarischen Vexierspiel?<\/p>\n<p>Die Rahmenhandlung von Bettina Bal\u00e0kas Roman \u201eKassiopeia\u201c ist rasch skizziert: Judit Kalman, eine aus Salzburg stammende, wohlsituierte Frau Anfang 40, kommt im Juli nach Venedig. Zweck des Besuchs ist weder Urlaub noch Arbeit als Broterwerb: Sie will vielmehr Markus k\u00f6dern, der auf Schreibklausur in der Lagunenstadt ist. Den Sch\u00f6pfer von \u201eKassiopeia\u201c hatte sie bereits einmal in Wien gekonnt verf\u00fchrt, doch er entzog sich bald ihren K\u00fcnsten, um nicht zu sagen: ihrem Stalking. Sie steigt in der Ferienwohnung einer Freundin ab, sucht das Objekt ihrer Begierde, stellt es \u2013 doch gleich wieder entwischt es. Eine \u00fcberraschend aus Wien nachgereiste Freundin sowie \u2013 nicht angenommene \u2013 Telefonanrufe von Judits Schwester sorgen zus\u00e4tzlich f\u00fcr eher harmlos anmutende Bel\u00e4stigung im sommerlichen Venedig.<\/p>\n<p>Ausgerechnet Venedig. Von Schiller \u00fcber Henry James bis Thomas Mann \u2013 klar, dass Bettina Bal\u00e0ka den literarischen Topos kennt, daraus sch\u00f6pft, mit den Klischees der Serenissima spielt, der Erhabensten, Allerdurchlauchtesten, der Projektionsfl\u00e4che von Romantik, Luxus und Untergang. \u201eKassiopeia\u201c ist vordergr\u00fcndig leichte Mu\u00dfe, ein ironisches Versteckspiel um Identit\u00e4ten und biografische Verwirrungen, voller Zitate und Figuren mit literarischem Bezug. Dabei ist nichts (auto-)biografisch, Kalman kein ungarisches Alter Ego f\u00fcr Bal\u00e0ka: Alles ist Fiktion, versichert die Autorin glaubhaft.<\/p>\n<p>Alles sei biografisch, meinte der Maler Lucien Freud einst. Alles sei biografisch, sagte ebenso George Tabori, \u201eauch eine Einkaufsliste\u201c. Um die Einkaufsliste k\u00fcmmert sich hier die attraktive venezianische Hausangestellte, w\u00e4hrend in Judit bei der Jagd nach dem Liebsten, im Vaporetto und zu Fu\u00df zwischen Palazzi und Touristenmassen, Erinnerungen an vergangene Besuche, Exliebhaber und ihre eigene Ursprungsfamilie aufsteigen. In launigen R\u00fcckblicken ist der jeweilige Zeitgeist der Siebziger-, Achtziger-, Neunziger- und der Nullerjahre meisterhaft eingefangen.<\/p>\n<p>In kaleidoskopartigem Wechsel werden Bindungs\u00e4ngste, Beziehungstraumata, Feminismus, politische Korrektheit, Esoterik, Sch\u00f6nheitsideale, Di\u00e4twahn, Gl\u00fcckseligkeitssehns\u00fcchte und Machbarkeitsglaube in Szene gesetzt. Die Episoden sind keine psychologischen Fallgeschichten; analytisches Diagnosevokabular ist nur nuanciert eingesetzt \u2013 und wenn, dann als ironisches Zitat.<\/p>\n<p>Judit folgt Str\u00e4ngen der Biografie ihrer Eltern, v\u00e4terlicherseits nach Ungarn, m\u00fctterlicherseits nach S\u00fcdtirol. Alles ist ein bisschen mitteleurop\u00e4isch-gemischt, aber nicht wirklich aufregend: \u201eDie vier Kalmans hatten allesamt hellblaue Augen und Judit auch noch hellblondes Haar, was ihr das schreckliche Gef\u00fchl gab, arisch auszusehen. Kein Mitglied der Salzburger Jugend der Achtzigerjahre legte Wert darauf, arisch auszusehen. Manche gingen sogar so weit, sich eine j\u00fcdische Verwandtschaft zu erfinden, um unmissverst\u00e4ndlich klarzumachen, auf welcher Seite der Geschichte sie standen.\u201c<\/p>\n<p>Die Familiengeschichte bietet etliche Geheimnisse, doch die Geister der Vergangenheit sind hier \u2013 wie selten in der zeitgen\u00f6ssischen \u00f6sterreichischen Literatur \u2013 weniger in den Keller gesperrte D\u00e4monen denn Kobolde im knarrenden Geb\u00e4lk. Bal\u00e0ka arbeitet sich nicht an den fiktiven Vorfahren ab, sondern jongliert mit ihnen, mit der Kulisse am Lido, wie auch mit der Sprache, mit scharf(sinnig)en Gedanken \u00fcber Beziehungen, \u00fcber menschliche Schw\u00e4chen und Perfidie: Reflexionen, die nuanciert eingestreut sind. Die versierte Erz\u00e4hlerin geht in ihrem Roman \u201eKassiopeia\u201c nie ganz nahe an die Figuren ran. Sie skizziert sie meist aus Judit Kalmans Perspektive \u2013 durchaus plastisch auf den Punkt gebracht oder \u00e0 la Kishon bissig entlarvt, etwa bei dem von den Freundinnen diskutierten Dilemma der Hingabe an (lukullische) Sinnlichkeit versus Gewichtsprobleme (\u201eDu bist eine Fresss\u00fcchtige, gefangen im K\u00f6rper eines Kontrollfreaks!\u201c). Und dabei wirken sie doch wie schwerelos.<\/p>\n<p>Bal\u00e0ka hat verdienterma\u00dfen eine Menge Preise f\u00fcr ihre Romane, Erz\u00e4hlungen, Gedichte, Theaterst\u00fccke, H\u00f6rspiele und Essays erhalten. Mit \u201eDer langanhaltende Atem\u201c entstand bereits 2000 eine Art E-Mail-Roman. Der herausragende Roman \u201eEisfl\u00fcstern\u201c (2006) wurde mehrfach \u00fcbersetzt. Darin hatte die 1966 in Salzburg geborene Autorin packend die Schrecken des Ersten Weltkriegs sowie die Atmosph\u00e4re und das Elend im hungernden Wien der Jahre danach fassbar gemacht. In \u201eTitanic\u201c, der Haupterz\u00e4hlung in der Kurzgeschichtensammlung \u201eAuf offenem Meer\u201c (2010), wurde das Grauen eines stalinistischen Gulags heraufbeschworen. Mit \u201eKassiopeia\u201c hat sich die in Wien Lebende wieder einmal neu erfunden. Venedig ohne kitschige Magie dient als Kulisse einer heiteren Gegenwelt, frei von existenziellen Sorgen, Tagespolitik, Finanzkrise und globaler Verantwortung.<\/p>\n<p>Selten verharrt Bal\u00e0kas genre\u00fcbergreifende Fabulierkunst wie das Sternbild an einem Ort, bei einer Begebenheit. Trotz aller R\u00fcckblenden h\u00e4lt sie mit den unz\u00e4hligen auftauchenden und wieder in der Vergangenheit versinkenden Vorfahren, Rand- und Nebenfiguren dennoch den Spannungsbogen m\u00fchelos aufrecht. Die Kapitel sind numerisch durchgetaktet, alles kommt scheinbar leichtf\u00fc\u00dfig daher, und doch zeigen die Beobachtungen die Untiefen des Alltags. Ihre witzig-lakonische Sprache tut \u2013 ob all der Anspielungen bis hin zu Thomas Bernhard \u2013 harmloser, als sie ist. Neben manch ausufernden und prall ausgeschm\u00fcckten Episoden liegen die wahren Preziosen in knappen, melodi\u00f6s-atmosph\u00e4rischen Passagen: \u201eAn der Mole plepperten leere Plastikflaschen\u201c, \u201eWie Gefangene schauten Zypressen \u00fcber die Mauern\u201c, oder an anderer Stelle: \u201eSie stand auf, um die Ventilatoren auszuschalten. Sie lauschte. Man h\u00f6rte, dass es Abend wurde. Als w\u00fcrden die Ger\u00e4usche klarer werden, weniger staubig.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer Reihe unverhoffter Wendungen des venezianischen Liebesgl\u00fccksspiels und \u00fcberraschenden Erkenntnissen entpuppt sich gegen Ende das vermeintliche Stalking-Opfer Markus als T\u00e4ter, die T\u00e4terin als Leidtragende eines Experiments. Oder doch nicht? Und wenn sich zuletzt auch die biografischen R\u00e4tsel l\u00f6sen, bleibt doch noch manches offen. Insgesamt ist der neue Roman ein gelungener Lobgesang auf das Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Venezianisches Vexierspiel Bettina Bal\u00e0ka: Kassiopeia Die Presse, M\u00e4rz 2012<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=112"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":113,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions\/113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}