{"id":1141,"date":"2004-02-23T10:44:20","date_gmt":"2004-02-23T10:44:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1141"},"modified":"2015-05-12T21:13:05","modified_gmt":"2015-05-12T21:13:05","slug":"die-hysterie-um-einen-namen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1141","title":{"rendered":"Die Hysterie um einen Namen"},"content":{"rendered":"<div id=\"objectContent\" class=\"artikel\">\n<div id=\"content-header\" class=\"section\">\n<div class=\"badges\"><span style=\"font-size: 12pt;\">&#8222;Neurussland&#8220; oder Mazedonien: Nationalismus rund um Namens-gebungen ist ein gef\u00e4hrliches Propagandainstrument.<br \/>\n<\/span><\/div>\n<h3><\/h3>\n<h3>Hysterie um einen Namen<\/h3>\n<div class=\"badges\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Griechenland hat genug andere Baustellen und k\u00f6nnte einen Graben zusch\u00fctten<\/span><\/div>\n<div class=\"badges\"><\/div>\n<div class=\"badges\"><\/div>\n<p>Der Standard, Februar 2015<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"copytext\">\n<p>Politische Spannungen in Europa steigen. Im ringsum metastasierenden Chauvinismus kommt Deutschland auf die Idee, Frankreich d\u00fcrfe nicht mehr France hei\u00dfen, denn Franken ist eine deutsche Region, Franzosen seien Gallo-Romanen, und \u00fcberhaupt &#8211; Karl der Gro\u00dfe war Deutscher.<\/p>\n<p>Paris verlangt seinerseits von Gro\u00dfbritannien, es solle sich gef\u00e4lligst umbenennen, denn die Bretagne sei eine franz\u00f6sische Region und Grande Bretagne eine unversch\u00e4mte Anma\u00dfung. Die Insulaner m\u00f6gen sich etwas einfallen lassen &#8211; genehmigungspflichtig durch Paris.<\/p>\n<p>Absurde Hirngespinste? Wohl ja. Doch Vergleichbares ist am s\u00fcdlichen Balkan Realit\u00e4t. F\u00fcr Au\u00dfenstehende bleibt es schwer verst\u00e4ndlich: Griechenland untersagt seinem n\u00f6rdlichen Nachbarland den Namen Mazedonien und blockiert EU-Beitrittsverhandlungen. Die neue Links-Rechts-Regierung in Athen signalisiert keine Entspannung, sondern Verh\u00e4rtung.<\/p>\n<p>Manche L\u00e4nder wollen ihre Geschichte vergessen machen, andere erfinden sie neu. Ost- und S\u00fcdosteuropa ist eine von Kriegen durchpfl\u00fcgte Region. Wenn die Gegenwart schwierig ist und auch die nahe Zukunft wenig verhei\u00dft, mag der selektive R\u00fcckgriff auf eine heroisierte Vergangenheit zwecks Identit\u00e4tsstiftung stimulierend wirken, sch\u00fcrt aber Feindgef\u00fchle.<\/p>\n<p>Mazedonien ist nicht unschuldig, st\u00fctzt es sich doch auf ein h\u00f6chst fragw\u00fcrdiges Erbe. Als einzige Republik hatte es sich halbwegs friedlich aus dem jugoslawischen Staatsverband gel\u00f6st. Da &#8211; nicht nur, aber auch &#8211; durch die griechische Obstruktionspolitik die wirtschaftliche Entwicklung stockte, begab man sich r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt auf Identit\u00e4tssuche &#8211; und wurde bei Alexander f\u00fcndig, hier der Mazedonier genannt. Gerade Alexander, der zwar als jugendlicher Held hoch zu Ross durch die griechische Glorifizierung eine Art Herold europ\u00e4ischer Kultur wurde &#8211; dessen W\u00fcten bei seinem Feldzug bis ins heutige Afghanistan aber weniger pr\u00e4sent ist. Nun wird ihm auch in Skopje als Heros mit Weltgeltung gehuldigt.<\/p>\n<h3><b>Pathos und Paranoia <\/b><\/h3>\n<p>Geschmacklich h\u00f6chst zweifelhafte Baudenkm\u00e4ler in Bronze und Marmor schm\u00fccken mazedonische Pl\u00e4tze. Ein sechzehnzackiges Sonnensymbol &#8211; als Stern von Vergina von Hellas beansprucht &#8211; wurde zur Flagge der jungen Republik: f\u00fcr Athen eine Provokation. Die griechische Angst vor territorialen Anspr\u00fcchen mag historisch verst\u00e4ndlich sein. Nach hellenischem Verst\u00e4ndnis stellt bereits die Verwendung des Staatsnamens Mazedonien Diebstahl dar, ein Plagiat, zumindest eine <em>Usurpation hellenischer Geschichte und Kultur<\/em>. Es sind Helden- und Opfermythen in einem, aus denen sich jeder nach Bedarf bedient. Regierungen beider L\u00e4nder missbrauchen den Namensstreit, um von internen Problemen abzulenken.<\/p>\n<h3><b>Es profitieren beide Seiten <\/b><\/h3>\n<p>Die Republik Mazedonien mit zwei Millionen Einwohnern ist ein Zwerg mit schwacher Wirtschaft, maroder Infrastruktur, wenig Investitionen. Obwohl Skopje den h\u00f6heren Preis zahlt: Auch Athen entgehen Absatzchancen und eine st\u00e4rkere Rolle am Balkan. Eine Streitbeilegung w\u00fcrde Saloniki als Hafen und Investitionsstandort zugutekommen. Griechenland hat mit R\u00e4nkespielen und Versagen bei Finanzen, Strukturpolitik, Bildung, aber auch bei der Bew\u00e4ltigung seiner Geschichte Z\u00fcge eines gescheiterten Staates, der von korrupter Klientelpolitik zusammengehalten und gleichzeitig auseinanderdividiert wurde. Schuld an allem waren wechselweise T\u00fcrken, Slawen, Briten, Amerikaner und jetzt die Deutschen, meint ironisch der Philosoph Nikos Dimou. Zu all seinen Nachbarn hat Griechenland ein eher schwieriges Verh\u00e4ltnis. Da bietet sich nun Russland als verst\u00e4ndiger Verb\u00fcndeter an, und es wird von der neuen Athener Regierung hofiert. Der politische Diskurs gerinnt zur Geschichte.<\/p>\n<p>Im Symbol- und Denkmalkampf herrschen die gleichen Denkweisen &#8211; w\u00e4hrend etwa Karl der Gro\u00dfe \/ Charlemagne mittlerweile als gemeinsamer Ahnherr Europas gilt. Man mag den bilateralen Namensclinch als balkanische Historienspiele abtun, doch verf\u00fcgen diese \u00fcber Sprengkraft.<\/p>\n<p>Der Konflikt hat bislang allen Vermittlungsbem\u00fchungen widerstanden. In UNO und OSZE war Mazedonien 1993 mit der provisorischen, sperrigen Bezeichnung Ehemalige jugoslawische Teilrepublik (FYROM) aufgenommen worden. Republik Nord-Mazedonien war zuletzt ein schon fast akzeptierter Kompromiss. Doch Ende 2014 sind Verhandlungen dazu auf h\u00f6chster UNO-Ebene gescheitert. Griechenland hat Milliarden an EU-Hilfe bekommen, ohne dass dies an eine (europa)politische Bedingung zu Mazedonien gekn\u00fcpft war.<\/p>\n<p>Die Zukunft Europas, das zusammenwachsen m\u00f6chte, liegt in Zusammenarbeit und Toleranz, nicht in Nationalismus und Provokation: ein Gemeinplatz, w\u00e4hrend sich manche ethnopolitischen Gr\u00e4ben weiten. Power-Mediation &#8211; wie etwa f\u00fcr Bosnien 1995 &#8211; ist selten nachhaltig. Diplomatie ist auch eine Kunst des richtigen Moments. <em>Zu zerstritten, zu schwach<\/em> hei\u00dft es \u00fcber die europ\u00e4ische Au\u00dfenpolitik, auch zu aktuellen Krisen von Syrien bis zur Ukraine. \u00d6sterreich, das Sanktionen gegen Russland skeptisch sieht und seine Balkanexpertise unterstreicht, k\u00f6nnte gute Dienste anbieten. Wir k\u00f6nnen die \u00fcberreizten Streitparteien unterst\u00fctzen und &#8211; ohne Besserwisserei &#8211; Verst\u00e4ndigung durch Dialog einfordern, und f\u00f6rdern. Es liegt in unserem eigenen Interesse. (DER STANDARD, 11.2.2015)<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"supplemental\">\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Neurussland&#8220; oder Mazedonien: Nationalismus rund um Namens-gebungen ist ein gef\u00e4hrliches Propagandainstrument. 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