{"id":116,"date":"2012-06-01T00:00:30","date_gmt":"2012-06-01T00:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=116"},"modified":"2015-05-22T22:08:05","modified_gmt":"2015-05-22T22:08:05","slug":"nikos-dimou-ueber-das-unglueck-ein-grieche-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=116","title":{"rendered":"Nikos Dimou: \u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Poetische Standpauke zur Griechischen Trag\u00f6die<\/p>\n<h3>Nikos Dimou: \u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung sowie Glanz&amp;Elend, Juni 2012<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Land steht am Pranger. Griechenland dominiert die Politik- und Wirtschaftsseiten, manchmal die Chronik, nur mehr selten das Feuilleton. Tats\u00e4chlich hat die Wirklichkeit die antike Trag\u00f6die l\u00e4ngst eingeholt. \u00bb\u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein<span style=\"font-family: Verdana;\">\u00ab<\/span>\u00a0&#8211; der Titel eines schmalen Bandes verhei\u00dft nur scheinbar br\u00fchwarme Polemik voll wohlfeiler Vorurteile eines boshaften Fremden. Es ist vielmehr das gro\u00dfartige poetische Pamphlet eines Griechen, das bereits 1975 in Athen erschien, dort 30 Auflagen erlebte und erst heuer auf Deutsch herausgekommen ist.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: small;\">\u00bb<\/span><i>Der Grieche sieht, wenn er sich im Spiegel betrachtet, entweder Alexander den Gro\u00dfen \u2026 oder zumindest Onassis. Niemals den Karagiosis.<\/i>\u00ab Karagiosis, eine Schattenspielerfigur, die Laster und Tugenden eines Untertans verk\u00f6rpert, der verschlagen, materialistisch ist, aber auch witzig und manchmal weise. Dimous scharfe S\u00e4tze schneiden schmerzhaft ins Selbstverst\u00e4ndnis seiner Landsleute.\u00a0<span style=\"font-family: Verdana; font-size: small;\">\u00bb<\/span><i>Wir erschaffen Mythen \u00fcber uns selbst, und sind ungl\u00fccklich, wenn wir dem Mythos nicht entsprechen<\/i>\u00ab, meint Dimou. \u00bb<i>Die Deutschen sind daran nicht unschuldig, wenn man bedenkt, wie Winckelmann &amp; Co. die griechische Antike quasi neu erfunden und zu einem Idealbild der Vollkommenheit verkl\u00e4rt haben. Das ist eine schwere B\u00fcrde. Ich glaube, kein Volk k\u00f6nnte einem solchen Anspruch gerecht werden<\/i>,\u00ab sagte er k\u00fcrzlich. Nikos Dimou ist ein so kreativer wie streitbarer Zeitgenosse, Blogger. Er seziert das Land und seine Menschen, zerrissen zwischen glorreicher Vergangenheit und zerr\u00fctteter Gegenwart, zwischen Orient und Okzident, Mythen und der Realit\u00e4t.\u00a0<span style=\"font-family: Verdana; font-size: small;\">\u00bb<\/span><i>Die Mythen k\u00f6nnen eine starke und t\u00f6dliche Droge sein. Andere L\u00e4nder haben das auch erlebt.<\/i><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00ab<\/span>\u00a0Krise, Chaos, Katastrophe, schlie\u00dflich Katharsis?<\/p>\n<p>\u00bb<i>Ein Grieche nimmt die Realit\u00e4t prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse. Er verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann. Er wei\u00df viermal so viel, wie er gelernt hat.<\/i>\u00ab Es sind trotzige Rufe aus dem eigenen ins eigene Land &#8211; und die Rufe sind hellsichtig, gerade weil sie keine tagesaktuelle Standpauke sind, sondern zum Ende der Obristenherrschaft vor bald 40 Jahren und dem Aufbruch zur Demokratie geschrieben wurden. Schon damals war es unangenehm f\u00fcr all jene Griechen, die die Diktatur als vom Ausland gelenkte Marionetten darstellten: Griechenland als ewiges Opfer &#8211; der Amerikaner damals, der Europ\u00e4er heute, der T\u00fcrken, R\u00f6mer einst.\u00a0<i>\u00bb<\/i><em>Wann immer ein Grieche von Europa spricht, schlie\u00dft er Griechenland automatisch aus. Aber wenn ein Ausl\u00e4nder von Europa spricht, ist es undenkbar f\u00fcr uns, dass er Griechenland nicht mit einschlie\u00dft.<\/em><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00ab<\/span><i>\u00a0<\/i>Klar, dass nicht alle\u00a0 Landsleute Dimous S\u00e4tze witzig finden und er als Nestbeschmutzer verunglimpft wird. Aber es kann nicht nur Masochismus sein, dass das Buch in Griechenland selbst 100 000 mal gekauft wurde. Worin gleich ein anderer Vorwurf liegt: was sich so gut verkauft, kann weder literarisch noch sonst wie wertvoll sein. Doch das B\u00fcchlein ersch\u00f6pft sich nicht in Provokation. Der streitbare Intellektuelle hat 60 B\u00fccher geschrieben, ist ein kreativer Zeitgenosse, Blogger, und nur scheinbar als Kronzeuge f\u00fcr jene n\u00fctzlich, die immer schon (zumindest seit 2008) wussten, wie die Griechen so sind. Abseits der aktuellen Krise \u2013 sprich: Trag\u00f6die &#8211; ist das Buch auch ein Spiegel f\u00fcr uns manchmal selbstgerechte Europ\u00e4er, die wir gerne in den S\u00fcden hinunterblicken, einmal als Sehnsuchtsort, dann als idealisierte Wiege von Weisheit und Demokratie, und nun als gescheiterter Staat korrupter Bankrotteure. \u00bb<i>Die Griechen sehen ihren eigenen Staat, als w\u00e4re er eine t\u00fcrkische Provinz. Recht haben sie.<\/i>\u00ab<\/p>\n<p>Dimou hat in M\u00fcnchen studiert und sch\u00f6pft aus 3000 Jahren griechischer Kultur, aus dem Fundus europ\u00e4ischer Literatur, bis hin zu Karl Kraus:\u00a0<i>\u00bbDie B\u00fcrokratie ist die Krankheit, f\u00fcr deren Therapie sie sich h\u00e4lt<\/i>\u00ab. Ob das nur f\u00fcr Hellas gilt? \u00dcber den poetischen, gar den politischen Wert der literarischen Kurzform l\u00e4sst sich trefflich streiten, haben wir mit G\u00fcnter Grass erst k\u00fcrzlich wieder erlebt, der Israel ein Gedicht geschenkt hat, und nun auch Griechenland eins schrieb. Doch gute Kurzform ist der Doppel- und Vieldeutigkeit besonders zug\u00e4nglich. Dimou spielt sich in den satirischen K\u00fcrzestkapitel vom Scheitern nicht als moralische Autorit\u00e4t auf. Fast jedes der 193 Axiome und Aphorismen ist als Zitat geeignet. Es ist ein B\u00fcchlein voll Lebensweisheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nikos Dimou: \u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein. Deutsch von Maro Mariolea. 72 Seiten, 7.95 \u20ac (D)<\/p>\n<p>Verlag Antje Kunstmann, M\u00fcnchen 2012<\/p>\n<div class=\"content\">\n<div class=\"einzeltitel_left\">\n<div class=\"cover\"><a class=\"external\" href=\"http:\/\/www.book2look.com\/vBook.aspx?id=978-3-88897-765-7\" target=\"_blank\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.kunstmann.de\/_images_global\/cover\/220b\/836\/9783888977657.jpg\" alt=\"\u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein\" \/> <\/a><\/div>\n<div class=\"bibliografie\">\n<div class=\"produktform\"><\/div>\n<div class=\"produktform\">.<\/div>\n<div class=\"produktform\">Der Philosoph Nikos Dimou, geb. 1935 in Athen, studierte in Athen und M\u00fcnchen und ist Autor von \u00fcber 60 B\u00fcchern. Bekannt wurde der streitbare Intellektuelle durch seine Fernsehtalkshows, Radiosendungen und vielbesuchten Blogs. Sein ber\u00fchmter Aphorismenband \u201c\u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein\u201d erschien zuerst 1975 und wurde in der deutschen Erstausgabe 2012 auch hier ein Bestseller. (Verlagsangabe)<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Poetische Standpauke zur Griechischen Trag\u00f6die Nikos Dimou: \u00dcber das Ungl\u00fcck, ein Grieche zu sein Wiener Zeitung sowie Glanz&amp;Elend, Juni 2012<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1276,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/1276"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}