{"id":1161,"date":"2015-03-01T21:19:23","date_gmt":"2015-03-01T21:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1161"},"modified":"2015-04-30T08:37:14","modified_gmt":"2015-04-30T08:37:14","slug":"die-verschwundenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1161","title":{"rendered":"Die Verschwundenen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Zwischen Matura und Midlife-Crisis<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Verschwundenen<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wolfgang Popp treibt\u00a0 literarische Verwirrspiele<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Die Presse, Februar 2015<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Ein Hauch Melancholie in f\u00fcnf locker verwobenen Episoden vom Verschwinden und Wiederauftauchen alter Hirngespinste<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Ein rundes Dutzend Jahre liegt die Reifepr\u00fcfung zur\u00fcck. Mit einigen Mitsch\u00fclern ist man in Kontakt geblieben; von anderen h\u00f6rt man nur noch Ger\u00fcchte oder gar nichts mehr \u2013 bis man sich vielleicht mehr oder weniger zuf\u00e4llig wieder begegnet.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> \u201eRoman\u201c steht auf dem Umschlag von Wolfgangs Popps Buch, doch es handelt sich um f\u00fcnf nur locker verwobene Episoden mit f\u00fcnf verschiedenen Erz\u00e4hlern, deren Sprache kein rasanter Jugend-Sound ist. Manchmal erinnert sie noch an altkluge Gymnasiasten-Spr\u00fcche, wenn auch schon eine Spur desillusionierter. Die Erz\u00e4hler sind allesamt keine Helden, nur m\u00e4\u00dfig erfolgreich, sowohl \u00f6konomisch als auch an ihren einstigen Pl\u00e4nen gemessen. \u201eUnsere Gedanken waren gro\u00df, Scheinwerfer waren auf sie gerichtet, sch\u00f6n strahlten sie und die Zukunft wartete ungeduldig darauf, dass sie Wirklichkeit w\u00fcrden.\u201c Auf eine Zwischenbilanz einstiger Hoffnungen und Ambitionen l\u00e4sst man sich nur z\u00f6gernd ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Die \u201eVerschwundenen\u201c hingegen sind spleenige bis skurrile Figuren, die oft zynisch grinsen, vom M\u00f6rder bis zum vision\u00e4ren Vordenker, wie etwa in \u201eFelder oder mit dem R\u00fccken zur Welt\u201c, der zweiten Geschichte. Felder war als angehender Philosoph nach Cambridge ausgewandert und inszenierte dort sein Leben als L\u00fcgenkonstrukt, bis hin zu seinem fr\u00fchen Tod und der letzten Ruhest\u00e4tte neben Ludwig Wittgenstein \u2013 oder doch nicht? Ist alles nur eine Flunkerei des Erz\u00e4hlers? Oder enth\u00e4lt es eine h\u00f6here Wahrheit? Wolfgang Popp, geboren 1970 in Wien, mischt unterschiedliche Genres, vom Reiseroman bis zum Psychothriller.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Sichtlich Lust hat er an literarischen Verwirrspielen, etwa in \u201eHeise oder die Sprache unterm Asphalt\u201c. Diese, die gelungenste Geschichte des Bandes, m\u00e4andert zwischen einem Wiener Hinterhof, dem Dschungel S\u00fcdamerikas und einer psychiatrischen Klinik. Hier h\u00e4lt der Autor die Spannung bis zum Schluss, w\u00e4hrend sie in einer anderen nicht so recht aufkommt: \u201ePhilip oder der Weg ist das Spiel\u201c. Der gar lange Weg quer durch das Nachkriegs-Jugoslawien auf der Suche nach einer ausgestorbenen Eulenart und einer \u201eVita Nova\u201c im griechischen Delphi macht ein gutes Drittel des Buches aus. Der Erz\u00e4hler \u2013 als Jugendlicher unter Philips selbstherrlicher Fuchtel \u2013 begleitet als Fotograf den nach Jahren wieder Aufgetauchten unsicher und ger\u00e4t wieder in den Bann von dessen alten Hirngespinsten. Die kaum dramatische und manchmal skurrile Unterwegsgeschichte erinnert einmal an ein Traktat, dann wieder an einen Jim-Jarmusch-Film \u2013 der Autor ist als Kulturredakteur auch sachkundiger Filmkritiker.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">In der k\u00fcrzesten Geschichte hatte einst ein Lehrer einen \u201eGesichtsausdruck, der uns Sch\u00fcler ernst nahm, schon Jahre bevor wir uns selbst ernst nehmen konnten\u201c. Durch sein abruptes Verschwinden umwehte ihn der Nimbus des Geheimnisvollen \u2013 und pl\u00f6tzlich begegnet ihm der Erz\u00e4hler, nun Gastrokritiker, in S\u00fcditalien. Der ehemalige Lehrer arbeitet im arch\u00e4ologischen Team von Pompeji und zeigt ihm fr\u00fchmorgens in den Ruinen das \u00e4therische Fresko eines M\u00e4dchens, \u00fcber das er bereits in der Schule fasziniert doziert hatte. Nun sieht der Erz\u00e4hler in der entr\u00fcckten Darstellung immer mehr die Z\u00fcge einer einstigen Mitsch\u00fclerin. Und der Lehrer l\u00e4sst ihn allein und konsterniert zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">\u201eDie Verschwundenen\u201c erinnern nicht nur im Titel an W.G. Seebalds \u201eDie Ausgewanderten\u201c. Wolfgang Popp geht es weniger um Exilerfahrungen, sondern um Wiederbegegnungen. Obwohl die Gr\u00fcnde des Verschwindens eher individuell und meist weniger tragisch sind als f\u00fcr Seebalds Protagonisten: Ein Hauch Melancholie umweht auch Popps Figuren, manchmal auch eine ungelenke Ausdrucksweise.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">In seinem als Kriminalroman deklarierten Erstling, \u201eIch m\u00fcsste l\u00fcgen\u201c, hatte der Autor 2012 sein Potenzial an Witz und Figurenkonstruktion angedeutet, ohne es bei den \u201eVerschwundenen\u201c ganz auszusch\u00f6pfen \u2013 wohl mit Absicht. \u00dcber die einzelnen Erz\u00e4hler erfahren wir nur das N\u00f6tigste, und im Spiel um Sein und Schein lassen sich auch die wieder Aufgetauchten nicht dingfest machen. Nach Umwegen von England \u00fcber Italien, den Balkan bis zu einer literarischen Referenz an Nicolas Bouvier in Sri Lanka schlie\u00dft sich der Kreis der Geschichten wieder in Wien \u2013 und vieles bleibt offen. \u25a0<\/span><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" title=\"Die Verschwundenen\" src=\"http:\/\/www.editionatelier.at\/tl_files\/CONTENT\/Buecher\/Die%20Verschwundenen\/Popp_Die_Verschwundenen_Cover_2D.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"270\" \/>Edition Atelier 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Matura und Midlife-Crisis Die Verschwundenen Wolfgang Popp treibt\u00a0 literarische Verwirrspiele Die Presse, Februar 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1161"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1161"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1161\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1231,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1161\/revisions\/1231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}