{"id":118,"date":"2012-08-16T14:57:48","date_gmt":"2012-08-16T14:57:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=118"},"modified":"2015-03-31T15:46:14","modified_gmt":"2015-03-31T15:46:14","slug":"irena-brezna-die-undankbare-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=118","title":{"rendered":"Irena Bre\u017en\u00e1: Die undankbare Fremde"},"content":{"rendered":"<p>Gastland im Zerrspiegel<\/p>\n<h3>Irena Bre\u017en\u00e1: Die undankbare Fremde<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, August 2012<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p id=\"absatz1\">Eine zarte Person mit Regenschirm balanciert auf einer Lichterkette, zwischen Stromkabeln, Kircht\u00fcrmen und Wolken: Das Umschlagbild vermittelt Poesie wie auch Gef\u00e4hrdung, und der Titel, &#8222;Die undankbare Fremde&#8220;, ist doppeldeutig: Ist nur die Aufgenommene undankbar? Oder auch das Zufluchtsland?<\/p>\n<p>Eine namenlose Ich-Erz\u00e4hlerin flieht als Pubertierende vor dem Prager Herbst in die kalte, saturierte Schweiz. Schon bei der Ankunft f\u00fchlt sie ihren slawischen Namen von Grenzw\u00e4chtern verst\u00fcmmelt, empfindet das saubere Exil nicht als Befreiung und sich als M\u00e4dchen, das mit einem alten Mann zwangsverheiratet wird. Doch die Heranwachsende f\u00fcgt sich nicht, rafft sich als st\u00f6rrische Rotznase auf zum sprachgewaltigen Furor des Widerstands.<\/p>\n<p>Migranten sind zu preisgekr\u00f6nten Leitfiguren aktueller Literatur geworden. Je nach Standpunkt in offenbar unvermeidlichen Integrationsdebatten nicken wir oder sind emp\u00f6rt, wenn vermeintlich Fremde nicht dankbar sind, sondern ihre Zuflucht, unsere Heimat aufs Korn nehmen. Selten hat dies jemand so ungeniert, so politisch unkorrekt getan wie die in der Slowakei geborene Schweizerin Irena Bre\u017en\u00e1. Ein Kaleidoskop von Begebenheiten und Beobachtungen einer Halbw\u00fcchsigen wird zum grandiosen Monolog, der sich in sch\u00e4umenden Kaskaden \u00fcber die Wahlheimat ergie\u00dft, die weder gew\u00e4hlt ist noch Heimat wird. In messerscharfer Beobachtung, provokanter Offenheit und lustvoller \u00dcbertreibung h\u00e4lt die freche G\u00f6re dem sogenannten Gastland &#8211; es k\u00f6nnte ebenso gut \u00d6sterreich oder Deutschland sein &#8211; als schein-idyllischer Insel den Spiegel vor, der in sprachvirtuosen Rundumschl\u00e4gen zum Zerrspiegel wird. Und das tut manchmal weh.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlstimme entspricht dabei nicht unbedingt der einer aufm\u00fcpfigen Jugendlichen. Die Bilder sind kraftvoll, manche so gewaltig, dass sie f\u00fcr Momente den Erz\u00e4hlfluss stauen. Gleichwohl erreicht die Sprachk\u00fcnstlerin eine magische Intensit\u00e4t.<\/p>\n<p>Irena Bre\u017en\u00e1 hat als Kriegsreporterin f\u00fcr NGOs und als Psychologin gearbeitet. All das flie\u00dft in die zweite Ebene des schmalen Bandes ein, einen parallelen, in kursiv gehaltenen Erz\u00e4hlstrang: In verdichteten Passagen vermittelt die Ich-Erz\u00e4hlerin, nunmehr als Erwachsene, \u00fcberaus ber\u00fchrend das Schicksal anderer Immigranten. Sie ist Dolmetscherin f\u00fcr Kriegsfl\u00fcchtlinge mit all ihren Schicksalen, Hoffnungen und Illusionen; f\u00fcr Traumatisierte in Transitr\u00e4umen, Kliniken oder vor Gericht; f\u00fcr &#8222;die feinen Akzente, auch das seelische Hinken der Entwurzelten&#8220;. Sie wird zur Mittlerin zwischen Kulturen und den oft auf beiden Seiten Sprachlosen. &#8222;Als sprachlicher Notdienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, ber\u00fchre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen.&#8220;<\/p>\n<p>Gegen Schluss begegnen sich die zwei Ebenen. Die jugendlich-scharfe Beobachterin ist in ihrer Akribie l\u00e4ngst mehr Teil der Kultur des Gastlandes, als ihr bewusst war. &#8222;Ich fand sie, die Heimat des Motzens&#8220;, w\u00e4hrend sie selbst &#8222;\u00e4lter wird, und das Land immer j\u00fcnger und bunter.&#8220; Bre\u017en\u00e1 hat sich mit ihrem pointierten Buch \u00fcber Ankommen, Anpassung und Widerrede einen Platz in der interkulturellen Literatur erschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"irc_mi\" src=\"http:\/\/www.galiani.de\/files\/brezna_undankbare_fremde.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span class=\"st\">Irena Bre\u017en\u00e1 <\/span><\/p>\n<p>Die undankbare Fremde<\/p>\n<p>Galiani Verlag, Berlin 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastland im Zerrspiegel Irena Bre\u017en\u00e1: Die undankbare Fremde Wiener Zeitung, August 2012<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1180,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions\/1180"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}