{"id":120,"date":"2012-08-16T15:05:53","date_gmt":"2012-08-16T15:05:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=120"},"modified":"2014-01-23T13:14:11","modified_gmt":"2014-01-23T13:14:11","slug":"hisham-matar-geschichte-eines-verschwindens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=120","title":{"rendered":"Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich glaube nicht, dass er tot ist. Ich glaube auch nicht, dass er noch lebt.&#8220;<\/p>\n<h3>Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens<\/h3>\n<p>Der Standard, August 2012<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dem Arabischen Fr\u00fchling folgt schon der zweite hei\u00dfe Sommer. Im weiter repressiven bis chaotischen Umfeld und mit einer schwachen Verlagslandschaft sucht eine junge Generation neue Ausdrucksformen \u00fcber Internet, Facebook, Blogs. Pers\u00f6nliches, Politisches, K\u00fcnstlerisches sind im Fluss, verschmelzen, vertrocknen wieder. In Europa indes werden arabische Autoren mit Preisen \u00fcberh\u00e4uft. Meist sind es altbekannte, moderate M\u00e4nner, die im Ausland leben oder in einer europ\u00e4ischen Sprache publizieren.<\/p>\n<p>Die gut zwanzig Staaten der Region produzieren zusammen noch immer weniger B\u00fccher als die T\u00fcrkei. Umgekehrt wurde ein Mehrfaches an Belletristik sogar ins Griechische als ins Arabische mit seinen 320 Millionen Sprechern \u00fcbersetzt. Auch der 1970 geborene, in Tripolis aufgewachsene Hisham Matar lebt in London und schreibt auf Englisch. Im Land der M\u00e4nner, dem ersten Roman, f\u00fchrte er 2007 mit dem Blick eines fassungslosen Kindes in ein Land der Angst, des Verrats und in das Innere einer Despotie, die die Seelen verheert.<\/p>\n<p>Matars zweites Buch, Geschichte eines Verschwindens, ist ebenfalls kein spekulatives Nebenprodukt des Arabischen Fr\u00fchlings &#8211; der Roman wurde noch vor dessen Anbruch 2010 fertiggestellt. Wieder hat Matar die Ich-Perspektive eines Halbw\u00fcchsigen gew\u00e4hlt: Nuri f\u00fchrt nach dem Tod der geheimnisvollen Mutter mit seinem Vater, einem wohlhabenden Exilanten, in Kairo ein komfortables Leben. Bis w\u00e4hrend eines Strandurlaubs Mona, eine englisch-arabische Sch\u00f6nheit in beider Leben tritt. F\u00fcr Nuri wird sie Objekt aufkeimender Lustqualen: Mit 26 ist sie altersm\u00e4\u00dfig in der Mitte zwischen ihm und dem Vater, der Nuri heiratet. Nuri w\u00fcnscht sich, der m\u00f6ge verschwinden, um die sch\u00f6ne Stiefmutter f\u00fcr sich zu haben. Der Wunsch geht in Erf\u00fcllung, brutaler als ertr\u00e4umt. Der Vater wird des Nachts von H\u00e4schern geholt &#8211; aus dem Bett einer Schweizer Geliebten.<\/p>\n<p>Ein Elternteil verschwindet, ein Kind bleibt verst\u00f6rt zur\u00fcck: ein Thema klassischer Heldenmythen und Nachkriegsliteratur. &#8222;Manchmal gibt es Zeiten, da lastet die Abwesenheit meines Vaters auf mir, als s\u00e4\u00dfe mir ein Kind auf der Brust&#8220;: Schon der erste Satz l\u00e4sst dem Leser keine Hoffnung &#8211; doch eine magisch-knappe Sprache zieht in den Bann der Suche. In prosaisch klaren S\u00e4tzen webt Matar ein Geflecht aus wenigen Gewissheiten, verqueren Beziehungen, Stimmungen. Er beschreibt die Schwebe, die Vorh\u00f6lle von Geheimnissen, L\u00fcgen und Schuld, umso mehr, als der Pubertierende und Mona im Verlustschmerz auf h\u00f6chst unerlaubte Weise zusammenfinden. Der Autor ist dennoch an keiner Stelle spekulativ, weder erotisch noch politisch. Stets ist beklemmend sp\u00fcrbar: Das Geschehen kommt aus seinem tiefsten Inneren. Drei Jahre Schreibarbeit haben Matar an die &#8222;dunkelsten Orte seiner Seele gebracht&#8220;. Sein eigener Vater wurde von \u00e4gyptischen Geheimdienstm\u00e4nnern entf\u00fchrt und ist seither verschwunden.<\/p>\n<p>Die Suche des literarischen Ich nach dem Vater und nach der eigenen Identit\u00e4t durch Genf, London, Kairo ist unschl\u00fcssig. Es ist zwar ein strukturierter, fast chronologischer Ablauf \u00fcber mehr als ein Jahrzehnt. Doch kein Moment der Vergangenheit ist je abgeschlossen, sondern schwingt in den Gesten der Handelnden mit. Es ist keine Chronologie einer Verarbeitung, vielmehr eine Bestandsaufnahme. Der Originaltitel Anatomy of a Disappearance ist denn auch treffender als die &#8211; von Werner L\u00f6cher-Lawrence hervorragend ins Deutsche \u00fcbertragene &#8211; Geschichte eines Verschwindens.<\/p>\n<p>Nuri sucht die Schweizer Geliebte des Vaters, umkreist mit ihr, wie fr\u00fcher mit Mona, die Leerstelle des Verlustes und ist dann wieder allein. Nichts ist, wie es scheint. Jeder Blick hinter einen bekannt geglaubten Winkel der Vergangenheit bringt eine neue unbequeme Wahrheit ans Licht. Manches Familiengeheimnis wird gel\u00fcftet, andere bleiben angedeutet. In der Wut des unvermeidlichen Zerw\u00fcrfnisses mit Mona nimmt diese Nuri posthum seine Mutter &#8211; und gibt ihm vielleicht seine wahre zur\u00fcck: Naima, die z\u00e4rtliche Haush\u00e4lterin, war auch stets die Einzige, die ihm als Kind mehr Liebe und N\u00e4he schenkte, als es Vater und vermeintliche Mutter je schafften. Nuris Frauenbeziehungen aber f\u00fchren nach der fr\u00fchen, verbotenen Liebe zu Mona ins Nichts. Matars St\u00e4rke ist die genaue Beobachtung ohne viel Symbolik, Analyse oder Lamento. Seine Prosa ist lapidar, manche S\u00e4tze sind in ihrer Sparsamkeit unwirklich sch\u00f6n, fast zu pr\u00e4zise ausgew\u00e4hlt. Im Leser entsteht kein eindeutiges Gef\u00fchl, nicht Entsetzen, nicht Wut, aber eindringliches Unwohlsein: Alle laden Schuld auf sich &#8211; auch Nuri.<\/p>\n<p>&#8222;Alles kann sich von einem Augenblick zum anderen \u00e4ndern&#8220;, hei\u00dft es an einer Stelle. Ob dieser Satz hoffnungsvoll oder bedrohlich ist, bleibt offen. Die Menschen im arabischen Raum sind darauf eingestellt, dass das Land trocken, hart ist. Der Name des Autors, Matar, bedeutet Regen. Ein Regime mag abgesch\u00fcttelt werden, die Zerst\u00f6rungen in den Menschen wirken nach. Hoffnung wird meist positiv gesehen. &#8222;Aber wenn man so lange damit gelebt hat wie ich, ist Gewissheit erstrebenswerter&#8220;, sagt Matar. Sein eigener Vater bleibt verschwunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich glaube nicht, dass er tot ist. 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