{"id":1211,"date":"2004-01-28T14:45:52","date_gmt":"2004-01-28T14:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1211"},"modified":"2020-12-21T22:39:03","modified_gmt":"2020-12-21T22:39:03","slug":"indien-ein-demokratisches-rollenmodell-fuer-den-globalen-sueden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1211","title":{"rendered":"Indien: Ein demokratisches Rollenmodell f\u00fcr den globalen S\u00fcden?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Indien gl\u00e4nzt mit beeindruckenden Wachstumsraten. Ist es eine freiheitliche Alternative zum autokratischen Konkurrenten China?<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"font-size: 14pt;\">Ein demokratisches Rollenmodell f\u00fcr den globalen S\u00fcden?<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Analytische, literarische und w\u00fctende Betrachtungen von Amartya Sen, Rana Dasgupta und Arundhati Roy<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wiener Zeitung, April 2015<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Lange vor dem Internetzeitalter haben sich Bilder auf unsere Netzhaut gebrannt, von mageren K\u00fchen und Menschen, von Fahrradrikschas und rauscheb\u00e4rtigen Fakiren. Dazu kamen vielleicht Gandhis Milde, Goas Str\u00e4nde, psychedelische Aussichten auf ein irdisches Nirwana f\u00fcr Aussteiger.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Indiens Image hat sich gewandelt, hin zu Mega-Cities, wo ein \u201eSlumdog-Million\u00e4r\u201c in eine Glamourwelt aufsteigt. Von Software-Schmieden in Bangalore ist die Rede, von jungen Experten hinter Computerbildschirmen, die in unseren N\u00e4chten die Programmierarbeit der halben Welt erledigen, von einer demokratischen Alternative zum autorit\u00e4ren China als Role-Model f\u00fcr Schwellenl\u00e4nder. Lange Zeit strategischer Verb\u00fcndeter Moskaus, wird die Atommacht heute auch von Washington in der globalen Anti-Terror-Kampfidee und als Gegenspieler zu Peking verst\u00e4rkt hofiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Es scheinen strahlende Aussichten f\u00fcr das einstige Hungerland, w\u00e4ren da nicht wiederkehrende Meldungen von religi\u00f6ser Unduldsamkeit, von brutalen Vergewaltigungen oder der gezielten Abtreibung weiblicher F\u00f6ten. Frauen sind weiter marginalisiert, und doch waren zeitweilig alle gro\u00dfen s\u00fcdasiatischen L\u00e4nder von Pakistan \u00fcber Indien, Bangla Desh bis Sri Lanka von Frauen regiert. Wie passen sexuelle Pr\u00fcderie und anatomische Ignoranz mit Internetpornographie zusammen, Holzpfl\u00fcge mit High-Tech, archaische Gesellschaftsformen mit Nuklearwaffen, esoterische Transzendenz mit Gewalt?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> In westlicher Logik lieben wir eindeutige Analysen, ein Entweder-oder. Vor dem indischen Hintergrund des Polytheismus sind Gleichzeitigkeit und Vieldeutigkeit vertrauter, wenn auch nicht unbedingt tr\u00f6stlicher. Im Sowohl-als-auch liegt ein Hauch Fatalismus: so sei sie eben, die kosmisch-karmische Ungleichheit auch von arm und reich, die sich seit Jahrtausenden auf Kastenbasis und heute mittels raschem Geld Herrschende zu Nutze machen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Nach der Unabh\u00e4ngigkeit von Gro\u00dfbritannien 1947 verfolgte Indien unter Nehru und seiner Tochter Indira \u00fcber Jahrzehnte ein sozialistisch angehauchtes, b\u00fcrokratisches Planmodell. Durch Investitionen in die \u00f6ffentliche Gesundheit und im Agrarbereich \u2013 Stichwort Gr\u00fcne Revolution \u2013 brachte es erhebliche Fortschritte, aber wenig quantitatives Wachstum. Die Wirtschaft war staatlich \u00fcberreguliert und vor ausl\u00e4ndischer Konkurrenz gesch\u00fctzt. In 35 Jahren fiel Indiens Anteil am Welthandel von 2,5% auf 0,5%, w\u00e4hrend Verteidigungsausgaben und wachsende Korruption die Binnenwirtschaft bremsten.\u00a0\u201eElefant\u201c wurde Indiens Wirtschaft im ironischen Vergleich mit den ostasiatischen \u201eTigerstaaten\u201c genannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzte auch Indien auf Markt\u00f6ffnung und Liberalisierung der vor sich hink\u00fcmmernden Wirtschaft. Mit Verz\u00f6gerung brach der Boom \u00fcber die Megast\u00e4dte herein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Als prosperierender \u201eBRICS\u201c-Staat wird Indien heute in der B\u00f6rsenwelt anerkannt, eine jener Volkswirtschaften\u00a0neben Brasilien, Russland, China und S\u00fcdafrika, die Zugpferde der Weltwirtschaft werden sollen, auch wenn deren Dynamik j\u00fcngst nachgelassen hat. Indien gl\u00e4nzt weiter mit hohen Wachstumsraten \u2013 eine Erfolgsgeschichte der Marktreformen. Indische Milliard\u00e4re kaufen sich in europ\u00e4ische Fu\u00dfballclubs ein, Indiens Pharmaindustrie liefert billige Generika-Medikamente nach Afrika, zum Teil unter Missachtung von Patenten, was westliche Firmen auf die sprichw\u00f6rtliche Palme bringt. Indiens Fu\u00dfabdruck in Afrika wird gr\u00f6\u00dfer. W\u00e4hrend im Land selbst unz\u00e4hlige Agrarkonflikte aufflammen, finanzieren indische Bankkredite indischen Gro\u00dfinvestoren gro\u00dffl\u00e4chige Landtransaktionen in Afrika: \u201eLandgrabbing\u201c mit Zwangsumsiedlungen ist eine umstrittene Seite des positiven Image einer verst\u00e4rkten S\u00fcd-S\u00fcd-Kooperation bei Ressourcen und Wissen. Die solidarische Entwicklungsrhetorik bekommt paradoxe Facetten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Privilegierte und der Rest<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Indiens Oberschicht hat von den Marktreformen spektakul\u00e4r profitiert, und eine optimistische Mittelschicht im dreistelligen Millionenbereich ist entstanden. Sickert vom neuen Reichtum zumindest etwas zur halben Milliarde der nach wie vor \u00c4rmsten durch?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"><strong> Amartya Sen<\/strong> bestreitet das. Der Wirtschafts-Nobelpreistr\u00e4ger und brillante Moral\u00f6konom (\u201eDie Idee der Gerechtigkeit\u201c) untermauert seine Skepsis in \u201eIndien \u2013 Ein Land und seine Widerspr\u00fcche\u201c, seinem j\u00fcngsten, zusammen mit seinem langj\u00e4hrigen Kollegen Jean Dr\u00e8ze herausgebrachten Werk: die Lebensverh\u00e4ltnisse einer breiten Unterschicht stagnieren. Beim von Sen mitentwickelten Human Development Index, der Bildung oder Gesundheit mitber\u00fccksichtigt, ist Indien vom zweiten auf den vorletzten Platz der L\u00e4nder S\u00fcdasiens zur\u00fcckgefallen. Ein Drittel der Menschen sind Analphabeten, und l\u00e4ndliche Schulen miserabel. Die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung hat keinen Zugang zu einfachsten sanit\u00e4ren Einrichtungen und werde \u201ezum \u00f6ffentlichen Def\u00e4kieren\u201c gezwungen. Ein Zustand, \u201ewo aus einem Ozean von Lebensverh\u00e4ltnissen wie in Subsahara-Afrika einzelne Inseln kalifornischer Zust\u00e4nde herausragen\u201c sei kaum erstrebenswert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Hinduistischer Tumult von Sch\u00f6pfung und Zerst\u00f6rung<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">\u201eBombay verk\u00f6rpert die Zukunft der urbanen Zivilisation auf Erden. Gott stehe uns bei.\u201c Der Schriftsteller <strong>Suketu Mehta<\/strong> beschrieb in \u201eBombay. Maximum City\u201c die Stadt als \u201eVorboten der ausufernden Megapolen, die den Begriff der Stadt neu definieren werden&#8220; &#8211; ein schillerndes Kaleidoskop, faszinierend, sinnlich und abgr\u00fcndig, mit glei\u00dfenden Wolkenkratzer-Silhouetten und be\u00e4ngstigender D\u00fcsterkeit, vom Filmbusiness Bollywoods \u00fcber ethnisch-sprachlichen Chauvinismus bis zum organisiertem Verbrechen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Literaten k\u00f6nnen Statistiken zum Leben erwecken. Der junge britisch-indische Autor <strong>Rana Dasgupta<\/strong> hat in seinen Romanen Tokyo Cancelled, deutsch \u201eDie geschenkte Nacht\u201c, oder \u201eSolo\u201c (beide bei Blessing) mythische und surreale Elemente jenseits von Utopien narrativ in den Globalisierungsdiskurs eingebracht. In \u201eCapital\u201c &#8211; im Englischen doppeldeutig \u201eHauptstadt\u201c und \u201eKapital\u201c, auf deutsch \u201eDelhi. Im Rausch des Geldes\u201c macht Dasgupta die Eruption der Stadt begreifbar, ein \u201emonstr\u00f6ses, disfunktionales Gemeinwesen, das Chaos und Verw\u00fcstung \u00fcber Nordindien bringt\u201c. Klimatisierte Einkaufscenter werden von d\u00fcrren Menschen aus dem Boden gestampft, die sie niemals betreten, es sei denn, um die B\u00f6den zu fegen. Demgegen\u00fcber garantierten einem Jetset Macht und Netzwerke ein Leben, das h\u00f6chstens an Affluenza krankt, an Ignoranz f\u00fcr die Vergiftung von B\u00f6den, Luft und Fl\u00fcssen, und an Verachtung f\u00fcr die Elenden, die auf umtosten Mittelstreifen neuer Stadtautobahnen ihr Nachtlager aufschlagen. Delhi sei eine Stadt der Hierarchien, der Absonderung und Ausgrenzung, ohne demokratische Pl\u00e4tze. Bei der Luftverschmutzung hat Delhi Peking um das be\u00e4ngstigend Dreifache \u00fcberholt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Mit literarischer Sprachgewalt umrei\u00dft Dasgupta die Entwicklung von der walled city zur world city, von der ummauerten Mogulstadt zur wuchernden und verpesteten Metropole. Er veranschaulicht das Kraftfeld wilder Impulse und die Migration \u00fcber Zeitebenen. Er dringt in den Moloch ein, um ihn zu verstehen, den hinduistischen \u201eTumult von Sch\u00f6pfung und Zerst\u00f6rung\u201c der 16 Millionen Menschen, viele in H\u00fctten ohne anerkannte Eigentumstitel, von wo sie vertrieben werden, wenn Financiers neue Immobilien hochziehen und im Meer der Armut ein glitzernder Archipel von Caf\u00e9s, Bars und Clubs entsteht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Gewalterbe und Gier<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Das Trauma der Teilungsgr\u00e4uel von 1947 zwischen Indien und Pakistan habe sich in den Menschen \u201eangereichert wie DDT in der Nahrungskette\u201c, meint Dasgupta, gerade bei denen, die nie mit Muslimen zusammengelebt haben. Diesseits des schwelenden Konfliktes mit Pakistan metastasiert hinduistischer Chauvinismus in die Innenpolitik. Gewalt gegen Frauen wurde ein Thema, seit das Opfer eine Studentin war, mit der sich die Mittelschicht identifizieren konnte. Dass im selben Jahr tausende Dalit-Frauen von M\u00e4nnern aus h\u00f6heren Kasten vergewaltigt und 650 Dalits ermordet wurden, sei selten eine Meldung wert, faucht <strong>Arundhati Roy<\/strong>, Indiens bekannteste Schriftstellerin (\u201eDer Gott der kleinen Dinge\u201c) und aufm\u00fcpfige Intellektuelle, die sich f\u00fcr vertriebene Ureinwohner, Adivasis, ebenso engagiert wie gegen den nuklearen R\u00fcstungswettlauf am Subkontinent. Im f\u00fcnfzigsten Jahr der Unabh\u00e4ngigkeit 1997 wurde mit K. R. Narayanan zwar ein \u201eUnber\u00fchrbarer\u201c Staatspr\u00e4sident. Und manche Dalits sind mit kastenk\u00e4mpferischem Pathos und Stimmenkauf zur schamlosen Schwarzgeldelite aufgestiegen, etwa Mayawati, bis 2012 die Chefministerin des Bundesstaats Uttar Pradesh mit seinen 200 Millionen Einwohnern. Doch es g\u00e4be kein \u201etrickle-down\u201c des Wirtschaftsbooms, sonder nur ein \u201egush-up\u201c, ein Emporschie\u00dfen der Gewinne von vertriebenen und ausgebeuteten Habenichtsen zu Nouveaux-Riches, meint Roy w\u00fctend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>China die Werkbank, Indien das B\u00fcro der Welt?<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Indien sucht seinen Platz in einer multipolaren Weltordnung, als wirtschaftspolitisches Kraftzentrum, mit seinem Anspruch auf einen st\u00e4ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, in seinen Rivalit\u00e4ten mit den Nachbarn China, Pakistan und der islamischen Welt, seiner Rolle in Afrika. Bei der Unabh\u00e4ngigkeit 1947 hatte Indien 350 Millionen Einwohner. Heute sind es 1,3 Milliarden. In 10 Jahren wird es China als bev\u00f6lkerungsreichstes Land \u00fcberholt haben. Doch westliche \u00c4ngste vor Konkurrenz erscheinen mit Blick auf Indien wenig fundiert. Keine 3 Millionen Menschen arbeiten bislang in einer auf den Weltmarkt ausgerichteten Computerindustrie. Indien ist eine funktionierende, s\u00e4kulare Demokratie, in der Menschen unabh\u00e4ngig von Geschlecht, Religion, Sprache oder Kaste formell gleich sind. Doch dreht sich die politische Auseinandersetzung weniger um Bildung oder Infrastruktur, sondern um die Verteilung von Zuwendungen an Interessen- und W\u00e4hlergruppen. Klientelismus und staatliche Unf\u00e4higkeit bleiben immense Hemmnisse.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Subventionen fressen ein Viertel des Budgets, das bei Grundschulen, Forschung oder Basisgesundheit fehlt. Indiens B\u00fcrokratie ist legend\u00e4r ineffizient. 800 Millionen Inder haben Anspruch auf staatlich bezuschusste Lebensmittel. Zig-Millionen Bezugsscheine sind gef\u00e4lscht, ein Drittel der subventionierten Nahrungsg\u00fcter landet nicht bei den Empf\u00e4ngern, sondern am Schwarzmarkt, und Millionen Tonnen Getreide verderben. Dennoch haben 250 Millionen Inder weniger als 2200 Kalorien pro Tag zu essen. Millionen Bauern sind verschuldet, 200 000 haben seit der Jahrtausendwende Selbstmord begangen: Disparate Bedingungen, die \u00c4rmere eher l\u00e4hmen statt stimulieren. Obwohl sich die Kinderzahl pro Frau seit der Unabh\u00e4ngig von sechs auf knapp drei halbiert hat, stieg die Landbev\u00f6lkerung von 300 auf 800 Millionen \u2013 der Druck auf den \u00fcberbeanspruchten Boden und in die St\u00e4dte bleibt enorm. Dasgupta verdeutlicht unzynisch, dass hunderte Millionen Menschen nicht Opfer kapitalistischer Unterdr\u00fcckung seien, sondern selbst im Boom schlichtweg \u00fcberz\u00e4hlig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Auch Indiens Justizwesen ist schwerf\u00e4llig und korruptionsanf\u00e4llig, Millionen von Verfahren bleiben unerledigt. Transparency International spricht von 500 Millionen U$ \u201eBeschleunigungsgeldern\u201c in einem Jahr. Nur einzelne Bestechungsaffairen, etwa im R\u00fcstungsbereich, werden international bekannt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Holzpfl\u00fcge &amp; High Tech<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Sen und Dr\u00e8ze gestehen der Marktwirtschaft und konkret den Reformen der vergangenen 25 Jahre gro\u00dfe Erfolge zu. Aber was sei das f\u00fcr ein Entwicklungsmodell, das laufend neue Luxusshoppingcenter schaffe und Abwassersysteme ignoriere? Die Autoren mahnen die vernachl\u00e4ssigten Bereiche ein, wo optimistische Konsumentensouver\u00e4nit\u00e4t allein wenig effektiv ist: Bildung, Umweltschutz, Rechtssicherheit, nicht zuletzt Gesundheit. Aus dem Boden schie\u00dfende, stylische Privatkliniken bieten zwar der Mittelschicht ein ganz neues Krankenhauserlebnis, aber einen Niedergang medizinischer Redlichkeit. Durch die gleichzeitige Mittelausd\u00fcnnung im \u00f6ffentlichen Gesundheitsbereich wird letzterer immer unzul\u00e4nglicher. Gesundheitszentren am Land fehlt selbst die Basisausstattung wie elektrischer Strom. Leichen werden f\u00fcr Forschungszwecke gestohlen, ganz zu schweigen von Organhandel. Wirtschaftswachstum ohne Investition in gesellschaftliche Dienstleistungen ist nicht nur unethisch, sondern schlicht nicht nachhaltig. Doch wer kann letztere sicherstellen? Ein von Sen &amp; Dr\u00e8ze stellenweise idealisierter, aber eben h\u00f6chst ineffizienter und oft k\u00e4uflicher \u00f6ffentlicher Sektor?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Erfolgreiche Volkswirtschaften brauchen das Talentreservoir eines ganzen Volkes und nicht nur einer Elite. Seit den 1970ern hat China in Gesundheit und Ausbildung investiert und so eine breite Basis f\u00fcr die Zukunft geschaffen. Nicht nur der Vergleich mit dem gro\u00dfen Rivalen f\u00e4llt f\u00fcr Indien wenig schmeichelhaft aus, sondern sogar mit den armen und von Konflikten belasteten s\u00fcdasiatischen Nachbarn. Im muslimischen Bangla Desh etwa, dessen BIP die H\u00e4lfte des indischen betr\u00e4gt, haben M\u00e4dchen punkto Ausbildung Burschen \u00fcberholt. Kindersterblichkeit und Bev\u00f6lkerungswachstum sind dort heute niedriger, Impfraten und Lebenserwartung h\u00f6her als in Indien. Bei all den Problemen mag es, gestehen Sen und Dr\u00e8ze mit Blick auf Chinas autokratischen Gestaltungswillen, verlockend sein, Indiens demokratische Tradition \u00fcber Bord zu werfen. Doch auch Chinas Stabilit\u00e4t ist nur solange gesichert, als Wachstum garantiert und die Korruption einged\u00e4mmt wird.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> In Indien wehren und organisieren sich Frauen vermehrt. \u00dcber Gewalt, aber auch \u00fcber die Verantwortlichkeit des \u00f6ffentlichen Sektors hat ein gesellschaftlicher Diskurs eingesetzt, und im Februar 2015 wurde mit Arvind Kejriwal ein Antikorruptionspolitiker Chief Minister von Delhi. Der Erfolg von Demokratie h\u00e4ngt f\u00fcr Sen und Dr\u00e8ze davon ab, ob sie partizipatorisch praktiziert wird: eine universell g\u00fcltige Erkenntnis. Den Autoren galt es nicht nur, \u201eein neues Indien zu entdecken, als vielmehr, ihm den Weg zu bereiten.\u201c Ein so spannendes wie ambiti\u00f6ses Unterfangen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Jean Dr\u00e8ze und Amartya Sen<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Indien. Ein Land und seine Widerspr\u00fcche<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Deutsch von von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> C.H. Beck 2014<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> 376 S., 30.80 Euro<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Rana Dasgupta<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Delhi. Im Rausch des Geldes<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Deutsch von Barbara Heller und Rudolf Hermstein<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Suhrkamp Verlag Berlin 2014<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> 462 S., 25.70 Euro<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Suketu Mehta<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Bombay. Maximum City<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Mit einem Nachwort von Carolin Emcke<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Deutsch von Anne Emmert, Heike Schlatterer und<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Hans Freundl<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> 781 S., geb., 14.40 Euro<\/span><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Arundhati Roy,<\/p>\n<p>The Doctor and the Saint: Ambedkar, Gandhi and the battle against caste. Essay.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.caravanmagazine.in\/reportage\/doctor-and-saint\">http:\/\/www.caravanmagazine.in\/reportage\/doctor-and-saint <\/a><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/cdn.youthkiawaaz.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/03\/doctor-didnt-show-saint-didnt-see-reply-arundhati-roy\/caravan.jpg\" alt=\"http:\/\/cdn.youthkiawaaz.com\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/03\/doctor-didnt-show-saint-didnt-see-reply-arundhati-roy\/caravan.jpg\" width=\"247\" height=\"251\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Arundhati Roy, Der Gott der kleinen Dinge<br \/>\nbtb Verlag M\u00fcnchen<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Rana Dasgupta, Die geschenkte Nacht<\/span><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"irc_mi\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/510Qqi2te%2BL._SX313_BO1,204,203,200_.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"390\" \/><\/p>\n<div class=\"bookdata_body\">\n<div class=\"tiny gray\">\n<p>\u00a0Karl Blessing Verlag, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Rana Dasgupta, Solo<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"irc_mi\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/413r6L0%2BemL._SX312_BO1,204,203,200_.jpg\" alt=\"\" width=\"251\" height=\"399\" \/><\/p>\n<p>Karl Blessing Verlag, M\u00fcnchen 2010<br \/>\n464 Seiten, 22.- \u20ac<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&amp; Heyne Taschenbuch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Indien gl\u00e4nzt mit beeindruckenden Wachstumsraten. Ist es eine freiheitliche Alternative zum autokratischen Konkurrenten China? Ein demokratisches Rollenmodell f\u00fcr den globalen S\u00fcden? 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