{"id":1213,"date":"2015-04-29T14:54:39","date_gmt":"2015-04-29T14:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1213"},"modified":"2015-06-04T13:37:06","modified_gmt":"2015-06-04T13:37:06","slug":"im-kopf-eine-dichte-traurigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1213","title":{"rendered":"Im Kopf eine dichte Traurigkeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"em_cnt_artikelansicht_hz\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Vom \u00dcber- und Weiterleben<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"font-size: 14pt;\">Im Kopf eine dichte Traurigkeit<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Madeleine Thien<\/strong> und <strong>Vaddey Ratner<\/strong> \u00fcber ein Kambodscha der Kindheit und der Roten Khmer<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wiener Zeitung, April 2015<!--more--><\/span><\/p>\n<p id=\"absatz1\" class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Als Schuldkultur wird die westliche oft bezeichnet, als Schamkultur jene Ostasiens: die Scham sowohl von T\u00e4tern als auch von Opfern, \u00fcber Misshandlung zu sprechen. Doch \u00fcberall ist Erz\u00e4hlen ein Schritt zur \u00dcberwindung von Schrecken und Verlust.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-559\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03-1024x701.jpg\" alt=\"GN M\u00e4dchen03\" width=\"550\" height=\"377\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03-1024x701.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/GN-M\u00e4dchen03-300x205.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a>Janie hei\u00dft die sensible Ich-Stimme in Madeleine Thiens Roman &#8222;Fl\u00fcchtige Seelen&#8220;. Janie ist Neurowissenschafterin in Kanada. Als Hirnforscherin arbeitet sie mit ihrem Kollegen Hiroji an Fragen von Erinnerung und Ged\u00e4chtnisl\u00fccken. Durch Hirojis pl\u00f6tzliches Verschwinden wird sie mit ihrer eigenen, fragmentierten Vergangenheit konfrontiert. Zweimal musste sie eine andere Identit\u00e4t, einen neuen Namen annehmen: L\u00f6sche deine verrottete Vergangenheit, befahlen die Roten Khmer 1975, als sie ein elfj\u00e4hriges M\u00e4dchen war; vergiss den Schrecken, sagt sie sich selbst nach 1979 in ihrer neuen Heimat Kanada. &#8222;In meinem Kopf herrscht eine dichte Traurigkeit.&#8220; Janie kann nicht mit, aber auch nicht ohne ihre Vergangenheit leben.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong> <span class=\"zt\">Gegen das Vergessen<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Madeleine Thien ist nicht Kambo-dschanerin, sondern Tochter sino-malayischer Einwanderer. In ihrem hochgelobten Deb\u00fctroman &#8222;Jene Sehnsucht nach Gewissheit&#8220; war sie ber\u00fchrend tief in ihre eigene s\u00fcdostasiatische Familiengeschichte getaucht. Mit zarten Bildern ist Thien Meisterin einer traumwandlerischen, manchmal lakonischen Poesie. Ihre klare Sprache ist sparsam, nuanciert und genau. &#8222;Meine Gedanken passen nicht mehr zusammen&#8220;: Thien montiert Orte und Zeitebenen ohne scharfe Schnitte, und beschreibt emotionale Zwischenreiche subtil. &#8222;Tr\u00e4ume meines Bruders, die mich anwehten&#8220;: die verzweifelte erwachsene Janie gibt sich die Schuld am Tod ihres Bruders, der als Kind unter den Roten Khmer Opfer verh\u00f6rte. Janie schl\u00e4gt ihren eigenen Sohn Kiri und muss ihn seinem Vater \u00fcberlassen.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Sie folgt ihrem Kollegen Hiroji, der seinen 1975 in Kambodscha verschwundenen Bruder sucht, und macht sich auf in das Land ihrer Jugend und des Schreckens. Es ist eine Reise gegen das Vergessen, ein Schreiben gegen die Ausl\u00f6schung der Angeh\u00f6rigen, und ein Schritt zur Vers\u00f6hnung mit den guten und b\u00f6sen Geistern in ihr. Fazit: ungemein ber\u00fchrend und empfehlenswert.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00a0<strong><span class=\"zt\">Im Schatten des Banyanbaums<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00dcbersetzungen aus dem Kambodschanischen selbst sind rar. Vaddey Ratner schreibt wie Thien auf Englisch. Ihr Deb\u00fct &#8222;Im Schatten des Banyanbaums&#8220; ist die literarische Aufarbeitung ihrer Kindheit, angereichert mit dem Wissen von sp\u00e4ter: Die geb\u00fcrtige Khmer studierte in den USA s\u00fcdostasiatische Geschichte und Literatur.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/GN-Angkor-Natur04.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1242\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/GN-Angkor-Natur04-1024x706.jpg\" alt=\"GN Angkor Natur04\" width=\"566\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/GN-Angkor-Natur04-1024x706.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/GN-Angkor-Natur04-300x207.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 566px) 100vw, 566px\" \/><\/a><\/span><span style=\"font-size: 12pt;\">Ratner l\u00e4sst ein Kambodscha noch vor den Killing Fields auferstehen, die br\u00fcchige Idylle einer so kultivierten wie privilegierten Familie, die weit vom Krieg entfernt scheint, bis mit der Eroberung Phnom Penhs der Fanatismus revolution\u00e4rer Tyrannei hereinbricht. Aus der Perspektive ihres Alter Ego, eines kleinen M\u00e4dchens, schildert Ratner das Schicksal von Stadtbewohnern unter den schwarzen Geistern &#8211; den Roten Khmer: Vertreibung aufs Land, dann Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit, Wahnsinn. Die beklemmende Utopie scheint noch vor &#8222;1984&#8220; wahr geworden: Familienbindungen werden ausgetrieben, Traditionen, Bildung, Kultur, Religion. Als adelige Intellektuelle sind die Familienmitglieder besonders bedroht. Der Vater der Ich-Erz\u00e4hlerin war Dichter. Sie empfindet die Welt zwar nicht mit seinen Augen, jedoch \u00fcber seine Worte, jene eines gebildeten Erwachsenen &#8211; was die Unmittelbarkeit der Kinderperspektive mitunter schw\u00e4cht.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong><span class=\"zt\">Elend und Verlust<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Kern der Erz\u00e4hlung ist die Trauer um Verluste, vor allem jener des Vaters: Er stellt sich den Roten Khmer, als ihn die kleine Ich-Erz\u00e4hlerin ungewollt verr\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Drastische Schilderungen der Gr\u00e4uel bleiben ausgespart. Poesie und Sch\u00f6nheit sind schiere \u00dcberlebensmittel im kaum benennbaren Schrecken. Eine verschwenderische Bilderflut in einem Bericht von Elend und Verlust mag nicht jedermanns Sache sein. Sie wollte weniger der Gewalt als den Verstorbenen und der Menschlichkeit eine Stimme geben, sagt Ratner. Dies ist sowohl ihr als auch Madeleine Thien gelungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/content\/edition\/covervoila\/042_87384_141961_xl.jpg\" alt=\"Madeleine  Thien - Fl\u00fcchtige Seelen\" width=\"165\" height=\"264\" \/><\/span><span style=\"font-size: 12pt;\">Madeleine Thien: Fl\u00fcchtige Seelen. Roman. Aus dem Englischen von Almuth Carstens. <\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Luchterhand, M\u00fcnchen 2014, 253 Seiten, 20,60 Euro.<\/span><\/p>\n<p class=\"em_text\">.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"covernormal img-responsive\" src=\"http:\/\/www.unionsverlag.com\/dat\/img\/cover\/3293004709.jpg\" alt=\"Cover\" width=\"163\" height=\"271\" \/><\/span><span style=\"font-size: 12pt;\">Vaddey Ratner: Im Schatten des Banyanbaums. Aus dem Englischen von Stephanie von Harrach. Unionsverlag, Z\u00fcrich 2014, 380 Seiten, 22,60 Euro.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom \u00dcber- und Weiterleben Im Kopf eine dichte Traurigkeit Madeleine Thien und Vaddey Ratner \u00fcber ein Kambodscha der Kindheit und der Roten Khmer Wiener Zeitung, April 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1213"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1213"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1309,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1213\/revisions\/1309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}