{"id":129,"date":"2013-02-16T15:38:54","date_gmt":"2013-02-16T15:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=129"},"modified":"2015-06-24T13:09:25","modified_gmt":"2015-06-24T13:09:25","slug":"janne-teller-komm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=129","title":{"rendered":"Janne Teller: Komm"},"content":{"rendered":"<p>Ideenklau, oder: Was darf Literatur?<\/p>\n<h3>Janne Teller: Komm<\/h3>\n<p>Glanz und Elend &amp; Wiener Zeitung, Februar 2013<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC02921.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1088\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC02921-1024x768.jpg\" alt=\"DSC02921\" width=\"600\" height=\"451\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC02921-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC02921-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC02921.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><strong>Der Verleger <\/strong>sieht ihr nach, dann ihren Spuren im Schnee: Petra Vinter, eine Freundin, einst UNO-Mitarbeiterin in Afrika. Z\u00f6gernd kehrt er zum Schreibtisch zur\u00fcck, macht sich an seine Rede \u00fcber \u00bbEthik in der Literatur- und Verlagsbranche\u00ab, die er am n\u00e4chsten Tag halten soll. Doch seine Gedanken wandern zum neuesten Manuskript eines Bestsellerautors auf dem Schreibtisch, das heute in Satz ging: ein viel versprechender Polit-Thriller, in dem die Protagonistin in Morenzao, einem fiktiven afrikanischen Krisenstaat, brutalste Gewalt erleidet. Das seien ihre Erlebnisse, hat ihm Petra Vinter eben gesagt, ihre Geschichte. Gestohlen. Vinter f\u00fchlt sich verraten, blo\u00dfgestellt. Doch sie hat dem Verleger nicht gedroht, nicht gefordert, das Buch d\u00fcrfe nicht erscheinen, sondern nur leise gesagt: \u00bbDu hast die Wahl,\u00ab und ist im Schneegest\u00f6ber verschwunden.<\/p>\n<p>In einem inneren Monolog beginnt er zu feilschen, mit Petra Vinters Stimme, mit sich, \u00fcber Erfolg, Moral, Grenzen. Der Vortrag, dessen Thema ihm noch vorher so theoretisch leicht erschienen war, hat pl\u00f6tzlich reale Schwere bekommen.<\/p>\n<p>Darf ein Schriftsteller das Schicksal anderer Menschen abbilden? Ausbeuten? Die Ausschlachtung des Privaten war und ist Anlass f\u00fcr Prozesse. Doch auch Fotografen machen Bilder der Realit\u00e4t, auch Maler, sagt er sich. \u00bbKunst ist nicht Wirklichkeit\u00ab, schreibt er nun in seine Rede, &#8222;Der K\u00fcnstler sch\u00f6pft aus der Wirklichkeit, um eine fiktive Reflexion dar\u00fcber zu erschaffen.&#8220; Er verstrickt sich in Selbstrechtfertigungen, \u00bbAlle Geschichten geh\u00f6ren anderen. Nicht einmal die Geschichte unseres eigenen Lebens kann erz\u00e4hlt werden, ohne dass gleichzeitig die Geschichte vom Leben anderer erz\u00e4hlt wird.\u00ab<\/p>\n<p>Wer ist verantwortlich f\u00fcr das Geschriebene? Er, als Verleger? Der Autor? Der Markt? \u00bbDer Grad der Verantwortung sinkt im Quadrat der Anzahl der Menschen, auf die sie verteilt werden kann,\u00ab hat Petra Vinter gesagt. Und damit den gang rape mit 23 T\u00e4tern in Morenzao gemeint? Oder auch ihn, in seinem Dilemma?<\/p>\n<p><strong>Die einstige UNO-Mitarbeiterin<\/strong> hat doch selbst geschwiegen &#8211; aus politischen Gr\u00fcnden? Um den Friedensprozess in Morenzao nicht zu st\u00f6ren? Oder, weil sie stolz war? \u00bbIn einem Land, das vom Krieg zum Frieden \u00fcberging, und ich durfte dabei sein,\u00ab hatte sie gesagt. War da Platz f\u00fcr eigenes Trauma? Von dem sie nur einmal, bei einer Party erz\u00e4hlt hatte, eben dem Bestsellerautor, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Warum? Hatte sie da ihre Pers\u00f6nlichkeitsrechte preisgegeben?<\/p>\n<p>\u00bbIst das die Lehre, die wir daraus ziehen sollen? Dass Vertrauen nur missbraucht werden kann, weil man so dumm war, \u00fcberhaupt Vertrauen zu haben?\u00ab hat sie ihm, dem Verleger, heute geantwortet. Eine rhetorische Frage.<\/p>\n<p>Wer hat Macht, wer ist Opfer von Macht? Er ist ver\u00e4rgert \u00fcber Petra Vinter, und arbeitet weiter an seinem Vortrag. Die Gedanken, die der belesene Verstandesmensch in seine Rede packt, sind scharfsinnig. Er sucht Entlastung in der Weltliteratur, bei Shakespeare, Balzac, Proust, bei Mann&#8217;s\u00a0<i>Buddenbrooks<\/i>. Am Beginn seiner Karriere h\u00e4tte er es abgelehnt, ein Manuskript zu ver\u00f6ffentlichen, dessen Geschichte von einem anderen gestohlen war. Und heute? W\u00fcrde es halt ein anderer Verlag ver\u00f6ffentlichen. Obwohl. Das Manuskript des Bestsellerautors ist doch ohnehin nichts weiter als \u00bbein leicht verk\u00e4ufliches so-tun-als-ob\u00ab.<\/p>\n<p>Was wird er also tun?<\/p>\n<p>Er w\u00e4gt\u00a0Argumente, Gegenargumente, schaut in das \u00bbfiebernde Wei\u00df\u00ab vor seinem B\u00fcro, verliert sich in Gedankenkonstrukte, umkreist sich selbst.\u00a0Was ist aus ihm geworden, aus seinen einstigen Visionen? Aus seiner Ehe? Ein Zweckb\u00fcndnis mit einer einflussreichen d\u00e4nischen Politikerin. Er beginnt, mit sich zu hadern, mit seiner Frau, seinen Aff\u00e4ren, seinem Leben.\u00a0Er steigt\u00a0\u00fcber eine Wendeltreppe nicht in h\u00f6chste Sph\u00e4ren hehrer Erkenntnis auf, sondern in einem zunehmend enger werdenden Kreis von Wiederholungen hinunter in seine eigene Vergangenheit, in die Tiefen vergessener Ideale. Sein geistreicher Essay \u00fcber Kunst und Verantwortung droht zur Rechtfertigungssuada zu werden. Um ihn beginnen sich seine Frau, Liebhaberinnen, Petra Vinter zu drehen, w\u00e4hrend es vor dem B\u00fcro unaufh\u00f6rlich weiter schneit. Die kalte Winterluft sollte ihm jene Klarheit bringen, die er sucht. Der gefallene Schnee deckt zwar zu, verwischt, l\u00e4sst aber immer noch Konturen erkennen, nicht nur Petra Vinters Spuren, auch seine eigenen, seinen Verrat an Frau und Geliebten. Keine wohl gefeilten Formulieren in seiner Rede \u00fcber Ethik in der Literatur helfen ihm aus seiner Identit\u00e4tskrise.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-461\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC06288.jpg\" alt=\"DSC06288\" width=\"516\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC06288.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC06288-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/DSC06288-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 516px) 100vw, 516px\" \/><strong>Janne Teller<\/strong> hat selbst f\u00fcr die UNO in Afrika gearbeitet und lebt heute in New York, Kopenhagen oder Paris. Mit den h\u00f6chst kontrovers diskutierten, vordergr\u00fcndig finster-nihilistischen Jugendb\u00fcchern &#8222;<em>Nichts. Was im Leben wichtig ist<\/em>&#8220; und &#8222;<i>Krieg. Stell dir vor er w\u00e4re hier<\/i>&#8220; hat sie sich einen Namen gemacht und ist zur internationalen Bestsellerautorin geworden. \u00bbKomm\u00ab, ihren nunmehrigen Erwachsenenroman geht sie klug an, und ambitioniert. Es geht nicht nur um verletzte Pers\u00f6nlichkeitsrechte und Ideenklau, oder die Frage \u00bbwas darf Kunst\u00ab, sondern weit dar\u00fcber hinaus um subjektive Wahrheit, L\u00fcge und Fiktion, um\u00a0geistigen Diebstahl, um Macht und Bereicherung, um Voyeurismus, Ausbeutung, Gewalt und Friedenssuche.<\/p>\n<p>Richter, Hauptkommissare, Kriminalpsychologen greifen zunehmend Geschichten aus dem Leben und schlachten spektakul\u00e4re F\u00e4lle pseudo-literarisch aus, beklagte k\u00fcrzlich der streitbare Bundesrichter Thomas Fischer in der\u00a0<i>Zeit<\/i>: Der Geruch von Denunziation befremde.<\/p>\n<p>Teller ist ein literarische K\u00f6nnerin. Sie packt viel in den schmalen Band, fast zu viel. Der kurze Roman einer langen Nacht ist eine Kammerspiel-artige, sprachlich hoch verdichtete Novelle, die vom inneren Monolog \u00fcber angedeutete Dialoge in\u00a0einen philosophischen Essay mit einem Hauch Pathos gleitet. Vieles wird angerissen, so manches bleibt nur angedeutet, sowohl Textstellen des Manuskriptes, Petra Vinters Trauma, als auch Ereignisse aus der Biographie des Verlegers. Doch Teller schafft es wieder, im Leser gro\u00dfe Fragen\u00a0moralischer Dilemmatawachzurufen, die sie klugerweise nicht beantwortet &#8211; \u00fcber Grenzen unserer Freiheit, \u00fcber\u00a0das menschliche Gewissen, das in jedem Beruf, ja im Leben schlechthin immer und immer wieder aufs Neue gefordert ist. \u00bbWir haben Verantwortung f\u00fcr das, was wir beeinflussen k\u00f6nnen,\u00ab l\u00e4sst sie Petra Vinter sagen. \u00bbIn jeder menschlichen Handlung liegt der Keim zu den Handlungen vieler.\u00ab<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/files\/bookcover\/278x453x978-3-446-23756-8_21112794359-121.jpg.pagespeed.ic.YziogdNBHs.jpg\" alt=\"Komm\" width=\"278\" height=\"453\" \/><\/p>\n<p>Janne Teller<br \/>\nKomm<br \/>\nRoman<br \/>\nAus dem D\u00e4nischen von Peter Urban-Halle<br \/>\nHanser Verlag M\u00fcnchen 2012, 160 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ideenklau, oder: Was darf Literatur? 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