{"id":131,"date":"2013-03-27T15:42:00","date_gmt":"2013-03-27T15:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=131"},"modified":"2022-07-07T21:35:29","modified_gmt":"2022-07-07T21:35:29","slug":"iris-hanika-tanzen-auf-beton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=131","title":{"rendered":"Iris Hanika: Tanzen auf Beton"},"content":{"rendered":"<p>Schreiben als Akt der Notwehr<\/p>\n<h3>Iris Hanika: Tanzen auf Beton<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2013<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"n3VNCb\" src=\"https:\/\/www.droschl.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/tanzen_auf_beton-353x560.jpg\" alt=\"Tanzen auf Beton \u2013 Literaturverlag Droschl\" width=\"215\" height=\"341\" data-noaft=\"1\" \/><\/p>\n<p id=\"absatz1\">Liebe, Musik und Reisen sind die Ingredienzien auch so manch seichten literarischen Konzeptes. Wenn die Autorin Iris Hanika hei\u00dft, kommt freilich kein Kitsch-Verdacht auf. Mit ihrem Roman &#8222;Treffen sich zwei&#8220; war die in Berlin lebende Autorin 2008 immerhin auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.<\/p>\n<p>&#8222;Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse&#8220; als Untertitel ihres neuesten Buches, &#8222;Tanzen auf Beton&#8220;, weist bereits die Richtung: Vom Droschl-Verlag als &#8222;Roman&#8220; deklariert, ist es ein Hybrid aus verschiedenen Textsorten, ein &#8222;w\u00fcstes Buch&#8220;, wie die Autorin selbst meint, &#8222;zugleich Essay, Bericht, Feuilleton und Chronik&#8220;.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt des ungeordneten Tagebuches ist der best\u00fcrzte R\u00fcckblick der Ich-Erz\u00e4hlerin auf die Selbsterniedrigung in einer jahrelangen, geheimen Beziehung zu einem verheirateten Mann. In gewohnter Ehrlichkeit macht Iris Hanika kein Hehl daraus, dass die Protagonistin mit ihr selbst ident ist. Dabei wechselt sie die Erz\u00e4hlform nach Belieben. Die Sprache hebt vom Geschehen ab, schraubt sich hoch, schl\u00e4gt Pirouetten \u00fcber fremden L\u00e4ndern, und landet wieder neben dem verlorenen Objekt der Begierde, neben dem sie nie sie selbst war.<\/p>\n<p>Frau sein hie\u00df: gar nicht sein. &#8222;Er wollte mich haben, darum hat er mich gekriegt. Ich habe mich da nicht eingemischt.&#8220; Die Beziehung bestand aus schnellem, unbefriedigendem Sex, Warten und Hoffen.<\/p>\n<p>In einer Fortsetzung ihrer Lacan\u2019schen Psychoanalyse f\u00fchrt Hanika das &#8222;sich au\u00dferhalb der Sprache ereignende Ungl\u00fcck&#8220; in Sprache \u00fcber, und sucht dann das Gl\u00fcck jenseits der Worte. Sie wechselt im Erz\u00e4hlfluss Thema und Ton, und entdeckt dabei Musik, in diesem Fall\u00a0Heavy Metal.<\/p>\n<p>Musik also, die weit mehr als nur H\u00f6ren ist: Rhythmisches Stampfen, Rausch, Hingabe &#8211; und Vergessen: den letzten Mann, die &#8211; versuchte &#8211; Vergewaltigung als Jugendliche, das eigene Selbst. Sie will jenseits der Worte gelangen, aber ohne Fiktion. &#8222;Gegen Ende der Analyse hatte ich begriffen, dass ich oft Vergewaltigung gespielt hatte.&#8220;<\/p>\n<p>Selbstanalytische Romane gibt es viele, doch in Sprache und thematischem Zugang ist Hanika eine markante Stimme f\u00fcr die Generation der\u00a040something\u00a0inmitten ihrer Midlife-Melancholie. Sie changiert ungezwungen, ausgehend von Eindr\u00fccken \u00fcber das Erleben zur Erforschung des Selbst, von der Erkenntnis \u00fcber die experimentelle Erz\u00e4hlung zum Essay, unterbrochen von beil\u00e4ufigen Episoden und philosophischen Exkursen. Weshalb es auch nicht leicht ist, ein Beispiel des &#8222;Hanika-Sounds&#8220; aus dem Ganzen herauszul\u00f6sen, das in f\u00fcnf Kapitel getaktet ist, um die kunterbunt-anarchisch ausufernde Masse an Einsichten exemplarisch darzustellen.<\/p>\n<p>Die Anekdoten und Schaupl\u00e4tze reichen von Tel Aviv bis Shanghai, und so manche Orte &amp; Menschen sind schon aus Hanikas fr\u00fcheren B\u00fcchern bekannt. Wenn es mitunter trivial zugeht, ist das nur der Beweis, dass das Leben eben auch banal ist.<\/p>\n<p>Episoden kommen in recht loser Reihenfolge, oft ist es ein eigenwilliger Mix unpolierter Fragmente. Erst in der Absichtslosigkeit m\u00f6gen sich die analytischen Assoziationen f\u00fcr die Klientin in eigener Sache einstellen. Das ist oft locker lakonisch, manchmal erfrischend, gelegentlich erhellend.<\/p>\n<p>Selten, aber mitunter doch, fragt sich der Leser, was der Gewinn daraus ist, wenn er allen M\u00e4andern der Erz\u00e4hlerin in ihr Innerstes folgt. Fraglos ist die so intelligente wie sprachlich Begabte mutig, die Themen Begehren, Erniedrigung, Selbstwert und Selbstaufgabe in einer schonungslosen Ehrlichkeit anzugehen, die manchmal schmerzt.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall bleibt Iris Hanika der Eigenwilligkeit ihres Sprachzugangs in abgewandelter Form treu: neben einem neuen Mann, der wieder ihre &#8222;Begehrlichkeit weckt&#8220;, verliebt sie sich gegen Schluss auch in eine neue Sprache, diesmal die russische, und flicht Konjugationsreihen auf Kyrillisch in den Text.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"n3VNCb\" src=\"https:\/\/www.droschl.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/tanzen_auf_beton-353x560.jpg\" alt=\"Tanzen auf Beton \u2013 Literaturverlag Droschl\" width=\"250\" height=\"396\" data-noaft=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben als Akt der Notwehr Iris Hanika: Tanzen auf Beton Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2013<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=131"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2501,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131\/revisions\/2501"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=131"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=131"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=131"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}