{"id":1317,"date":"2015-06-23T15:43:01","date_gmt":"2015-06-23T15:43:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1317"},"modified":"2015-06-27T08:58:32","modified_gmt":"2015-06-27T08:58:32","slug":"1317","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1317","title":{"rendered":"Friedrich Hahn"},"content":{"rendered":"<p>Friedrich Hahns &#8222;Der Setzkasten&#8220;<\/p>\n<h3>Die Kunst des Unfertigen<\/h3>\n<p>Skurril-lyrische Episoden eines getr\u00e4umten Lebens.<\/p>\n<p>Die Presse, Juni 2015<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Tag f\u00fcr Tag versucht Einer, festen Boden f\u00fcr seine Existenz herbeizudenken. Denn Einer, so hei\u00dft in Friedrich Hahns Roman \u201eDer Setzkasten\u201c die Hauptfigur, ist 20-j\u00e4hrig \u201eso trallala\u201c aus einem Spital entlassen worden: ohne Erinnerung an Herkunft und Jugend, aber mit einer Wohnung und gut gef\u00fcllten Bankkonten. Keine Eltern, Verwandten, Schule, keine besonderen Kenntnisse, Neigungen, sagt Einer \u00fcber sich. Letzteres stimmt nicht ganz. Wie auch die Protagonisten in Hahns fr\u00fcheren B\u00fcchern \u2013 in aller Regel etwas einzelg\u00e4ngerische M\u00e4nner \u2013 hat auch Einer seine Spleens. So macht Einer \u201ealles Vorgefertigte, \u00fcberhaupt alles Fertige fertig\u201c. Den titelgebenden Setzkasten, den er auf einem Flohmarkt ersteht, l\u00e4sst er konsequenterweise leer.<\/p>\n<p>Einer mag Dreht\u00fcren und Kreisverkehre, er liebt Anf\u00e4nge, unvollendete Symphonien, und vor Filmende geht er aus dem Kino. Zu seinem eigenen irdischen Anfang findet er nur Sperrvermerke. Doch er forscht gar nicht weiter, sondern macht sich auf die Suche nach eigenen Beziehungen zwischen einem tastend erlernten Alltag und Episoden eines getr\u00e4umten Lebens.<\/p>\n<p>Gegen Merkprobleme baut er sich Eselsbr\u00fccken, \u201ebis die Welt nur noch aus Eselsbr\u00fccken besteht\u201c. So bleiben Esel, und \u201eein paar Br\u00fccken f\u00fcr die Euroscheine\u201c. Einer hat zwar keine Kindheit, aber einen kleinen Sprachschatz, den er erweitert, mit dem er in lakonischen S\u00e4tzen und manierierten Zitaten jongliert. Manches h\u00f6rt sich nach Allerweltsweisheit an, anderes klingt nach reinster Poesie. Der Autor, Maler und Objektk\u00fcnstler Hahn verleugnet auch den Lyriker nicht.<\/p>\n<p>Einers Schicksal als literarische Versuchsanordnung ist reichlich skurril. Kurz tr\u00e4umt er von der Filmbranche, doch seine Karriere beginnt und endet als Foto eines Ermordeten am Kaminsims der Witwe: F\u00fcr zwei Sekunden ist er gro\u00df im Bild und in Millionen Haushalten pr\u00e4sent \u2013 und das war&#8217;s dann. Die Romanhandlung ist oft drehbuchartig skizziert und in kleine H\u00e4ppchen, Gedanken, in Rede und Gegenrede getaktet.<\/p>\n<p>Twitterkurze Dialoge<\/p>\n<p>Manches kommt lapidar daher, doch man muss auf der Hut sein: Hahns Sprache ist auch in kleinsten Passagen dicht, poetisch aufgeladen, und manchmal fast zu klug f\u00fcr den ged\u00e4chtnislosen Protagonisten. Einers philosophische Reflexionen entstehen aus oft twitterkurzen Dialogen mit Gisela, seiner Wohnungsnachbarin, Freundin und sp\u00e4teren Geliebten. Mit ihr schw\u00e4rmt er \u201eL\u00f6cher in die Luft\u201c, w\u00e4hrend Giselas Lippen \u201eganz und gar B\u00fchne sind, wo jedes Wort seinen Auftritt hat\u201c.<\/p>\n<p>Im Bett ist er mit ihr unsicher, aber doch f\u00fcr eine gelegentliche \u201eUnterraschung\u201c gut. Auch Gisela hat eine schwierige, konkret: eine neue Identit\u00e4t, nachdem sie in ihrem ersten Leben in einem Zeugenschutzprogramm gegen einen osteurop\u00e4ischen Tycoon ausgesagt hat. Aus jener Zeit hat Gisela einzig ihre Freundin Jette in ihr neues Leben her\u00fcbergerettet. Und ausgerechnet Jette sammelt \u201eZuneigung wie andere Bierdeckel\u201c und zerredet \u201eBedeutungsvolles in kleine H\u00e4ppchen der Bedeutungslosigkeit\u201c \u2013 bis Einer \u201eJettes Lippen mit einem Kuss versiegelt\u201c. Entwickelt sich also zwischen Gisela, Einer und Jette eine abgeschmackte Dreiecksgeschichte mit Lug, Trug und Eifersucht? Weit gefehlt.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht muss man \u00fcbers Ziel hinausschie\u00dfen, um sich selbst zu treffen\u201c, sagt der gegen Schluss des schmalen Bandes gut 30-j\u00e4hrige Einer. Bekanntlich mag er keine Enden.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Friedrich Hahn<\/p>\n<p>Der Setzkasten Oder: Erwin und die halben Luftballons.<\/p>\n<p>Roman. 120S., geb., Edition Keiper, Graz \u20ac17,60<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Hahns &#8222;Der Setzkasten&#8220; Die Kunst des Unfertigen Skurril-lyrische Episoden eines getr\u00e4umten Lebens. 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