{"id":133,"date":"2013-04-16T15:48:12","date_gmt":"2013-04-16T15:48:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=133"},"modified":"2014-02-14T23:00:22","modified_gmt":"2014-02-14T23:00:22","slug":"anna-mitgutsch-die-grenzen-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=133","title":{"rendered":"Anna Mitgutsch: Die Grenzen der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Jenseits des Horizonts<\/p>\n<h3>Anna Mitgutsch: Die Grenzen der Sprache<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, April 2013<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p id=\"absatz1\">Seit den Anf\u00e4ngen der Schrift bei Gilgamesch lagen jenseits des Horizontes die Gefilde der Sehnsucht, der Utopie, des Transzendenten &#8211; und die Abgr\u00fcnde des Schreckens, der Ausl\u00f6schung. Stets versuchten Literatur &#8211; und Religion -, \u00fcber den Rand des Denkbaren hinauszugelangen.<\/p>\n<p>In neun Romanen hat sich Anna Mitgutsch den Grenzen des Sagbaren angen\u00e4hert. Stets hat sich die promovierte Literaturwissenschafterin auch mit dem Wesen der Sprache auseinandergesetzt, mit dem Erinnern und Erfinden. Nun sp\u00fcrt sie im Essayband &#8222;Grenzen der Sprache&#8220; den Versuchen der Weltliteratur nach, \u00fcber den Rand des Denkbaren hinauszugehen.<\/p>\n<p>Ein Essay ist ein Versuch. Bei Mitgutsch ist das nicht blo\u00df ein wissenschaftlicher, sondern auch ein poetischer. Sie tastet sich an das Unsagbare aus unterschiedlichen Perspektiven heran, im Dialog mit Autoren, bei leichter Englisch-Lastigkeit in der Auswahl: Mitgutsch ist Anglistin.<\/p>\n<p>Die geb\u00fcrtige Linzerin hat in England, Asien und in den USA gelebt, hat in universit\u00e4rer Lehre, im Alltag, in privater Beziehung und als \u00dcbersetzerin zwischen Kulturen und Sprachen fluktuiert. Nicht nur im Roman &#8222;Zwei Leben und ein Tag&#8220; hat sie &#8211; hier am Beispiel Herman Melvilles &#8211; auch der M\u00f6glichkeit des Scheiterns bei Grenz\u00fcberschreitungen Raum gegeben, &#8211; mit der Gefahr ewiger Fremdheit bis hin zu Wahnsinn, Untergang, Tod.<\/p>\n<p>Die Moderne brachte eine Sprachkrise, als es f\u00fcr Naturwissenschaft und Moral scheinbar keine gemeinsame Sprache mehr gab. Auf der einen Seite herrschte die Hybris, grunds\u00e4tzlich alle Grenzen technisch \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite verlagerte sich die Sehnsucht in den &#8222;Weltinnenraum&#8220;, etwa durch Rilke.<\/p>\n<p>Wirklichkeit und Erkenntnisf\u00e4higkeit wurden grundlegend in Zweifel gezogen &#8211; beispielhaft bei &#8222;Godot&#8220;: &#8222;Ich halte Ausschau nach der Stimme meines Schweigens&#8220;, sagte Samuel Beckett. Und gerade die \u00f6sterreichische Literatur des 20. Jahrhunderts zeigte eine fundamentale Sprachskepsis.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach Entgrenzung und Unendlichkeit blieb, obwohl jede religi\u00f6se Terminologie in der s\u00e4kularisierten Moderne lange Zeit tabuisiert war. Nach der Shoa ist das Unsagbare nicht mehr das G\u00f6ttliche, sondern der Abgrund. Theodor W. Adornos radikales Diktum, dass &#8222;nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch&#8220; sei, hielt bekanntlich nicht. Paul Celan, vom Holocaust tief gezeichnet, versucht in dem Dilemma, in der &#8222;Sprache der T\u00e4ter Zeugnis ablegen zu m\u00fcssen von einer Erfahrung, die nicht mittelbar ist&#8220; eine Ann\u00e4herung \u00fcber das absolute Gedicht, das &#8222;im Grenzbereich von \u00e4u\u00dferster Reduktion und Schweigen gerade noch existiert&#8220;.<\/p>\n<p>In ihrem eigenen Werk bleibt die Schriftstellerin Anna Mitgutsch Meisterin, auch ohne Metaphern sprachgewaltig nach dem Unsagbaren zu greifen.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">Anna Mitgutsch: Die Grenzen der Sprache. Essay. Residenz Verlag, St. P\u00f6lten\/Wien 2013, 112 Seiten, 16,90 Euro.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/literatur\/buecher_aktuell\/538877_Mitgutsch-Anna-Die-Grenzen-der-Sprache.html\">http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/literatur\/buecher_aktuell\/538877_Mitgutsch-Anna-Die-Grenzen-der-Sprache.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits des Horizonts Anna Mitgutsch: Die Grenzen der Sprache Wiener Zeitung, April 2013<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":735,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/735"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}