{"id":1339,"date":"2000-07-22T09:31:21","date_gmt":"2000-07-22T09:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1339"},"modified":"2015-09-10T12:56:11","modified_gmt":"2015-09-10T12:56:11","slug":"1339","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1339","title":{"rendered":"Genozide erster, Genozide zweiter Klasse"},"content":{"rendered":"<p>Europ\u00e4isches Erinnern &amp; selektives Vergessen von V\u00f6lkermorden<\/p>\n<h3>Genozide erster, Genozide zweiter Klasse?<\/h3>\n<p>Neue Z\u00fcrcher Zeitung, Juli 2015<\/p>\n<h4><!--more--><\/h4>\n<p>Der Massenmord an den Armeniern ist mittlerweile \u2013 fast \u2013 \u00fcberall als erster Genozid des 20. Jahrhunderts anerkannt \u2013 und schwindet nach dem Hundert-Jahr-Gedenken schon wieder aus unserer Wahrnehmung. Jahrhunderte sind fiktive Z\u00e4suren unserer abendl\u00e4ndischen Z\u00e4hlweise: Historiker sprechen gerne vom \u00abkurzen 20. Jahrhundert\u00bb, die Jahre von 1914 bis 1989. Der V\u00f6lkermord in Bosnien z\u00e4hlt dann ebenso wenig dazu wie derjenige in Rwanda oder der Genozid im heutigen Namibia, der zwischen 1904 und 1908 stattfand. \u00abInnerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zur\u00fcck oder lasse auch auf sie schiessen\u00bb, hiess es im Vernichtungsbefehl des Oberbefehlshabers Lothar von Trotha im Herbst 1904. \u00c4hnlich wie Armenier wurden die Hereros zur Vernichtung in die W\u00fcste getrieben, zwei Drittel des Volkes ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<h4>Schon das Bedauern f\u00e4llt schwer<\/h4>\n<p>Bonn und Berlin verneinten stets einen Genozid, mit dem Hinweis, die Uno-V\u00f6lkermordkonvention gelte nicht r\u00fcckwirkend. Das mutet wie eine formalistische Kasuistik an, denn die Vereinten Nationen bezogen sich 1948 ausdr\u00fccklich auf den V\u00f6lkermord an den Armeniern, jenen an den Hereros und den Holocaust. Dass eine R\u00fcckwirkung nicht m\u00f6glich sein soll, spielte bei den Stellungnahmen des Deutschen Bundestages und von Pr\u00e4sident Gauck zum Armenier-Genozid j\u00fcngst keine Rolle mehr. Ein Antrag, die Kolonialverbrechen im ehemaligen Deutsch-S\u00fcdwestafrika als V\u00f6lkermord anzuerkennen, wurde im Bundestag abgelehnt.<br \/>\n\u00abDeutschland hat sich f\u00fcr Verbrechen in Israel, Russland oder Polen entschuldigt, weil es um Weisse ging\u00bb, beklagte der namibische Aussenminister Theo-Ben Gurirab 2004. Zumindest die deutsche Entwicklungsministerin bat damals um Vergebung. Seit 2009 gibt es in Deutschland neben dem umgewidmeten Bremer (mittlerweile Anti-)Kolonialdenkmal einen Erinnerungsort aus Steinen jener W\u00fcste, in der Tausende Hereros und Namas einst verdursteten.<\/p>\n<p>Die Schweiz und sogar \u00d6sterreich ohne koloniale Vergangenheit scheinen fein raus zu sein. Doch in der Armenierfrage war Wien 1915 wie Berlin ein so willf\u00e4hriger wie schweigsamer Verb\u00fcndeter der T\u00fcrkei. Gerade Deutschland kann man nicht vorwerfen, dass es geschichtsblind sei \u2013 doch andere historische Ereignisse stehen im Vordergrund.<br \/>\nKoloniale Massenverbrechen weit weg von universell-westlichen Werten f\u00fcllen Schwarzb\u00fccher des Kolonialismus, etwa jene Belgiens im Kongo, Frankreichs in Algerien um 1960, Russlands in seinem Machtbereich, von Europa in Amerika, von Japan in Fernost. Schon der Ausdruck des Bedauerns f\u00e4llt schwer. Erst 2001 anerkannte Frankreich die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschheit \u2013 und trotzdem betonte Pr\u00e4sident Sarkozy auch danach noch den \u00abpositiven Beitrag der franz\u00f6sischen Kolonisierung\u00bb.<\/p>\n<p>Sind koloniale V\u00f6lkermorde tats\u00e4chlich Genozide zweiter Klasse? Die Unterschiede zwischen Massenmord und Genozid muten manchmal nach makabrer Wortklauberei an. War die Herrschaft der Roten Khmer ein Autogenozid? Wie ist die \u00abLiquidierung der Kulaken als Klasse\u00bb mit Millionen Toten bzw. der Holodomor in der Ukraine zu bewerten, wie die Rolle der Kirche bei der Conquista S\u00fcdamerikas? Was sind \u00abungl\u00fcckliche Ereignisse\u00bb, was \u00abmilit\u00e4rische Notwendigkeiten\u00bb? Wie ist es bei 100 000 Toten nach einer Atombombe auf eine Stadt, um ein rascheres Kriegsende herbeizubomben? Ist die Zahl der Opfer entscheidend oder eher die Absicht der T\u00e4ter?<\/p>\n<p>Hereros haben keine weltweite Diaspora, keine sprachgewaltige Lobby. Es gibt wenig Literatur, die an ihr Schicksal erinnert, wie es dem Schriftsteller Franz Werfel mit den Armeniern gelang. Bei der zur\u00fcckhaltenden Anerkennung ist auch die Bef\u00fcrchtung einer Kaskade von Reparationsforderungen im Spiel, etwa von Native Americans oder einst unterdr\u00fcckten Kolonialv\u00f6lkern. Deutschland hat seit 1990 eine Milliarde Euro an Entwicklungsgeldern f\u00fcr Namibia bezahlt.<\/p>\n<h4>Wahrheit, Verantwortung, Vers\u00f6hnung<\/h4>\n<p>Doch es geht eben nicht nur um finanzielle Wiedergutmachung \u2013 ein ohnehin unpassender Begriff. Das Wort V\u00f6lkermord kommt nie leicht \u00fcber die eigenen Lippen. Dass aus Opfern oft T\u00e4ter werden, ist keine neue Erkenntnis, ob im Nahen Osten, in Rwanda oder in Nagorni Karabach. Die Gr\u00fcnde sind bekannt, \u00e4hneln sich und \u00fcberraschen dennoch immer wieder: Fanatismus aus Komplexen, Aufhetzung, Rache oder schlicht Angst. Armenien etwa h\u00e4lt ein Viertel Aserbaidschans besetzt, eine Million Menschen leben dort als Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Europa hat durchaus Grund, stolz auf viele Entwicklungen der letzten siebzig Jahre zu sein. Doch selbst unsere Kinder werden in den kommenden Jahrzehnten mit einer Vielzahl unerquicklicher Jahrhundert-Jubil\u00e4en konfrontiert sein, wo es weniger zu feiern als zum Nachdenken geben wird. \u00abDie sich nicht an die Vergangenheit erinnern k\u00f6nnen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen\u00bb: Der Ausspruch des Philosophen George Santayana ist zum Allgemeinplatz geworden. Beim Blick in die Vergangenheit geht es weniger um einen Wettbewerb der Vorw\u00fcrfe und Selbstbezichtigungen als um Anerkennung. L\u00e4ngst kann niemand mehr wegen V\u00f6lkermord an Armeniern oder Hereros verurteilt werden.<\/p>\n<p>Das Ungeheuerliche schamvoll mit einem Namen zu belegen, ist f\u00fcr das schlechte Gewissen eine H\u00fcrde, aber manchmal reinigend wie eine Beichte: befreiend f\u00fcr das Unterbewusste, und f\u00fcr die Zukunft. Es macht uns beziehungsf\u00e4higer, auch zum Dialog mit Nachkommen der Toten und Traumatisierten. Der nigerianische Literaturnobelpreistr\u00e4ger Wole Soyinka spricht von einem \u00abTorbogen der Heilung\u00bb. Er besteht aus Wahrheit, Verantwortung \u2013 und dann Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p><a title=\"Neue Z\u00fcrcher Zeitung\" href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/genozide-erster-genozide-zweiter-klasse-1.18576763\">http:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/genozide-erster-genozide-zweiter-klasse-1.18576763<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europ\u00e4isches Erinnern &amp; selektives Vergessen von V\u00f6lkermorden Genozide erster, Genozide zweiter Klasse? 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