{"id":1353,"date":"2015-07-10T13:35:15","date_gmt":"2015-07-10T13:35:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1353"},"modified":"2015-12-06T21:35:15","modified_gmt":"2015-12-06T21:35:15","slug":"1353","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1353","title":{"rendered":"Teju Coles &#8222;Jeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Heimkehr in die vertraute Fremde<\/p>\n<h3>Der nigerianische Patient<\/h3>\n<p>&#8222;Jeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb&#8220;: Teju Coles prosaischer Blick auf Nigerias Hauptstadt und Gesellschaft<\/p>\n<p>Wiener Zeitung und Glanz &amp; Elend, Juli 2015<!--more--><\/p>\n<p>Wenn Desaster Humus f\u00fcr gute Literatur sind, dann ist Nigeria ein fruchtbarer Boden. Boko Haram im Norden, \u00d6lpest im S\u00fcden, und auch andernorts geben Misswirtschaft, Gewalt und Migration den Puls auch f\u00fcr ein schriftstellerisches Schaffen vor, das scheinbar nicht mehr der Imagination bedarf. Generell machen gute Neuigkeiten kaum je Schlagzeilen, doch die Realit\u00e4ten im bev\u00f6lkerungsreichsten Land Afrikas geben selten, aber doch etwas Anlass zu Optimismus: Seit kurzem hat es S\u00fcdafrika als gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftsmacht des Kontinentes \u00fcberholt, und die Wahlen im April 2015 haben immerhin einen demokratischen Machtwechsel gebracht. Der neue Pr\u00e4sident ist mit dem Versprechen angetreten, die Selbstbedienungsmentalit\u00e4t nigerianischer Politiker ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\">\n<p>Wole Soyinka, Schwarzafrikas erster Literaturnobelpreistr\u00e4ger, ist Nigerianer, und 2014 war mit Port Harcourt im Nigerdelta die erste Stadt s\u00fcdlich der Sahara UNESCO-Welthauptstadt des Buches. Viele der erfolgreichen zeitgen\u00f6ssischen Autorinnen und Autoren Schwarzafrikas teilen allerdings mit Soyinka eine \u00e4hnliche Lebensweise: sie leben meist im Ausland, wegen der chronisch unsicheren politischen und Existenzsituation oder schlicht der besseren Publikationsm\u00f6glichkeiten. Und so manche werden erst mit dem Blick von au\u00dfen zu literarischen, ja moralischen Autorit\u00e4ten. L\u00e4ngst sind diese Afropoliten, afrikanische Kosmopoliten wie etwa Taiye Selasi, die den Begriff gepr\u00e4gt hat, gefeierte Stars einer neuen, transnationalen Weltliteratur.<\/p>\n<p>Teju Cole ist keine Ausnahme. Er wurde in den USA geboren, wuchs in Lagos auf, und ging als Teenager zur\u00fcck nach Amerika. Dort wurde er mit Beitr\u00e4gen f\u00fcr den New Yorker bekannt, und mit dem Roman Open City gelang ihm 2011 der internationale literarische Durchbruch. In seinem erst heuer auf Deutsch erschienenen, autobiographischen Erstling \u00bbJeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb\u00ab beschreibt der Ich-Erz\u00e4hler eine Reise nach Nigeria als junger Erwachsener. Es ist eine Heimkehr in eine vertraute Fremde, in die Verwandtschaft und den Gro\u00dfstadtmoloch Lagos.<\/p>\n<p><strong>Unsentimentale Reise&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Coles schwarz-wei\u00df bebilderter Reportage-Essay, der auf einem Reise-Blog basiert, scheint die g\u00e4ngigen Klischees \u00fcber das Land zu best\u00e4tigen. Doch die kommen nicht von einem herablassenden Wei\u00dfen, sondern von einem US-Nigerianer, der in seiner Wahrnehmung zwischen Verbundenheit und Befremdung, Zorn und Scham schwankt. Zum Achselzuckenden Fatalismus vieler Einheimischer ist er nicht bereit. \u00bbIch bilde mir ein, die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung schon hinter mir zu haben, doch ich bin wohl noch nicht genug gestraft\u00ab. Die Episoden von Alltags-\u00dcberlebenskampf, schamloser Bereicherung und Brutalit\u00e4t sind f\u00fcr den Leser, aber vor allem f\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler selbst schwer ertr\u00e4glich. Die Korruption auf allen Ebenen beginnt f\u00fcr ihn bereits am nigerianischen Konsulat in New York und endet \u2013 nie. Chaos auf allen Ebenen, aber auch Magie, Bigotterie und das Fehlen von Verbindlichkeit emp\u00f6ren ihn jeden Tag aufs Neue. Internetcafes sind zwar ein n\u00f6tiger und willkommener Kontakt zur Welt \u2013 doch allzu oft werden sie f\u00fcr kriminelle Machenschaften genutzt. In kurzen, klaren S\u00e4tzen schafft Cole gro\u00dfe Unmittelbarkeit. Auf makabre Weise absurd wird der Buchtitel, als ein diebisches Kind &#8211; auf frischer Tat ertappt \u2013 auf offener Stra\u00dfe mit Benzin \u00fcbergossen und angez\u00fcndet wird, sich windend stirbt \u2013 und der Lynchmob sich wieder zerstreut.<\/p>\n<p><strong>&#8230; unbestechliches Auge<\/strong><\/p>\n<p>Coles St\u00e4rke ist der so unbestechliche wie prosaische Blick, der sowohl bei New York (Open City) als auch bei Lagos die wechselnde eines Insiders und gleichzeitig Au\u00dfenseiters ist. Er ist sich seines von Erziehung, Normen, Bildung gepr\u00e4gten Standpunkte und Urteile in jeder Minute bewusst \u2013 und er ist so intelligent und sensibel, seine Blicke literarisch changieren zu lassen.<\/p>\n<p>Mit seiner gefeierten US-nigerianischen Schriftsteller-Kollegin Chimamanda Ngozi Adichie und ihrem Bestseller-Roman Americanah teilt Cole den gekonnt-literarischen Drinnen-Drau\u00dfen-Perspektivenwechsel. Anders als Adichie s\u00e4he Cole Nigeria einseitig mit dem westlichen Auge, wurde ihm gelegentlich vorgeworfen: er wolle im Land blo\u00df die Defizite gegen\u00fcber den USA oder Europa blo\u00dflegen. Doch es ist nicht die verwestlichte Arroganz eines \u00bbAmericanah\u00ab, des Nigerianers, der es in den USA \u00bbgeschafft\u00ab hat, sondern die Liebe zum Land seiner Familie, die den Ich-Erz\u00e4hler mit seiner universellen rechtsstaatlichen Orientierung verzweifeln l\u00e4sst: \u00bbKann man sich auf Kultur berufen, ohne sich um Gesetze zu scheren?\u00ab Bei seinen lokalen Gespr\u00e4chspartnern vermisst er jegliche alternative Vision einer genuin nigerianischen Entwicklung. Und im 12-Millionen-Molloch Lagos entbehrt er auch gute Buchhandlungen. Er beklagt \u2013 bei all den herausragenden Schriftstellern des Landes &#8211; den schwierigen Stand von Literatur, und sei es nur als \u00bbM\u00f6glichkeitsraum f\u00fcr eine Welt, die manchmal tr\u00f6sten kann\u00ab: Der ihn f\u00fcr Minuten erfasst, als er in einem st\u00e4dtischen Bus eine junge Frau ein Buch lesen sieht, von Michael Ondaatje, seinem verehrten Schriftsteller-Kollegen, dem Autor des \u00bbEnglischen Patienten\u00ab. Bevor der Erz\u00e4hler seinen Mut gesammelt hat, um sie anzusprechen, steigt sie aus und verschwindet in der b\u00fccherlosen Menge.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC01304-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1571\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC01304-2-1024x768.jpg\" alt=\"DSC01304 (2)\" width=\"613\" height=\"460\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC01304-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC01304-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC01304-2.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/><\/a>Coles photo-journalistischer Essay erschien erstmals 2007 bei Cassava Republic Press, einem Kleinverlag in Lagos, und 2014 redigiert in New York. Der Titel entstammt einem Yoruba-Sprichwort: \u00bbJeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb. Aber einer ist f\u00fcr den Besitzer.\u00ab Und in der gr\u00f6\u00dften Misere findet Cole Momente von seltener Poesie und Optimismus.<\/p>\n<p>2007 war von Boko Haram noch nicht die Rede. Boko Haram, eine verballhornte Form von \u00bbthe book is haram\u00ab, also verboten, verflucht. \u00bbB\u00fccher\u00ab, sagte der nigerianische Literaturnobelpreistr\u00e4ger Wole Soyinka k\u00fcrzlich beim j\u00e4hrlichen Lindauer Treffen der Nobelpreistr\u00e4ger \u00fcber den islamistischen Feldzug gegen Nigerias Bildungswesen, \u00bbB\u00fccher stehen f\u00fcr Wissen, Kultur, Kulturerbe \u2013 kurz, f\u00fcr ziemlich jede geistige T\u00e4tigkeit\u00ab.<\/p>\n<p>Auch in Nigeria findet ein Zusammenprall von Kulturen statt, ohne dass ihn der US-nigerianische Doppelb\u00fcrger Cole thesenhaft herbei schreibt. Dazu kommen in j\u00fcngster Zeit, wie Coles Ich-Erz\u00e4hler notiert, verst\u00e4rkt Chinesen. Auf die literarische Transformation dieses relativ neuen Kulturkontaktes Afrika-Ostasien darf man gespannt sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Teju Cole<br \/>\nJeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb<\/h4>\n<div class=\"bookdata_body\"><img decoding=\"async\" class=\"cover\" src=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/grafik\/cover\/8\/43908.jpg\" alt=\"Cover: Jeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb\" \/><\/div>\n<div class=\"bookdata_body\">Deutsch von Christine Richter-Nilsson<br \/>\nHanser Berlin, Berlin 2015<\/div>\n<div class=\"bookdata_body\">.<\/div>\n<div class=\"bookdata_body\"><\/div>\n<div class=\"bookdata_body\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/div>\n<div class=\"bookdata_body\">\n<div class=\"tiny gray\">\n<h4><\/h4>\n<h4>Teju Cole<br \/>\nOpen City<\/h4>\n<\/div>\n<div class=\"tiny gray\"><img decoding=\"async\" class=\"cover\" src=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/grafik\/cover\/0\/38920.jpg\" alt=\"Cover: Open City\" \/><\/div>\n<div class=\"tiny gray\">Deutsch von <span class=\"st\"> Christine Richter-Nilsson<\/span><br \/>\nSuhrkamp Verlag, Berlin 2012<\/div>\n<div class=\"tiny gray\">\u00a0.<\/div>\n<div class=\"tiny gray\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/div>\n<div class=\"tiny gray\"><\/div>\n<\/div>\n<h4>Chimamanda Ngozi Adichie<br \/>\nAmericanah<\/h4>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"cover\" src=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/grafik\/cover\/5\/42275.jpg\" alt=\"Cover: Americanah\" \/><\/p>\n<p>Deutsch von Anette Grube<br \/>\nS. Fischer Verlag, Frankfurt\/Main 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heimkehr in die vertraute Fremde Der nigerianische Patient &#8222;Jeder Tag geh\u00f6rt dem Dieb&#8220;: Teju Coles prosaischer Blick auf Nigerias Hauptstadt und Gesellschaft Wiener Zeitung und Glanz &amp; Elend, Juli 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1353"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1353"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1572,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1353\/revisions\/1572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}