{"id":1357,"date":"2015-07-30T13:46:02","date_gmt":"2015-07-30T13:46:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1357"},"modified":"2015-12-28T13:14:06","modified_gmt":"2015-12-28T13:14:06","slug":"der-dunkle-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1357","title":{"rendered":"Der dunkle Fluss"},"content":{"rendered":"<p>Chigozie Obiomas &#8222;Der dunkle Fluss&#8220;<\/p>\n<h3>Strebsamkeit, Geisterglaube und Unheil<\/h3>\n<p>Vom Kulturwandel und dem Auseinanderbrechen einer nigerianischen Familie<\/p>\n<p>Wiener Zeitung und Glanz &amp; Elend\u00a0 Juli 2015<!--more--><\/p>\n<p>1993 schienen Samuel Huntingtons Thesen vom Clash of Civilizations erstmals in der US-Zeitschrift Foreign Affairs &#8211; und der Mythos neuer, globaler Konfrontationen war geboren. Schon lange zuvor war der Zusammenprall von Glaube, Wertvorstellungen und Gepflogenheiten Stoff f\u00fcr Schriftsteller. So auch f\u00fcr Chinua Achebe, den 2013 verstorbenen \u00bbVater der modernen afrikanischen Literatur\u00ab. V\u00e4terliche Autorit\u00e4t nach innen, Mittler Afrikas nach au\u00dfen: Achebe hatte Nigeria auf die literarische Landkarte gebracht. Er beschrieb die Umw\u00e4lzungen in seiner Heimat durch Kolonialismus, Christentum und schlie\u00dflich modern-westliche Wertvorstellungen. Und er griff Identit\u00e4tsfragen auf, schrieb gegen Klischees (\u00bbHerz der Finsternis\u00ab) und stereotype Zuschreibungen in den m\u00fchsamen und oft gewaltt\u00e4tigen Transformationsprozessen in Schwarzafrikas Gesellschaften. Besonders mit Familiengeschichten lassen sich die Br\u00fcche abarbeiten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02515.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1605\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02515-1024x768.jpg\" alt=\"DSC02515\" width=\"556\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02515-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02515-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02515.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a>Kann eine Familie am Zerfall von Werten scheitern? An archaischen Strukturen? An der Macht eines Zaubers? Am mangelnden Glauben an sich selbst? Oder, im Gegenteil, an Hybris? Oder eben am Aufprall von Tradition und Modernisierung. Kaum eine einzelne Erkl\u00e4rung ist je f\u00fcr ein Auseinanderbrechen ausreichend. \u00bbDer dunkle Fluss\u00ab, der Deb\u00fctroman von Chigozie Obioma, ist pers\u00f6nlich gef\u00e4rbt. Vier Br\u00fcder wachsen beh\u00fctet in Akure auf, einer mittleren Stadt des Landes. Bis der strenge Vater mit seinen westlichen Bildungsambitionen f\u00fcr die S\u00f6hne als Beamter in den Nordosten versetzt wird. Die Mutter ist \u00fcberfordert, die patriarchale Familienstruktur l\u00f6st sich auf.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"em_tooltip\" title=\"Schauen in eine ungewisse Zukunft: Nigerias J\u00fcngste. Fot: Neumann\" src=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/0xUmFuZG9tSVb9mT\/wWzD6GaKyTvAQNXhA2MWEAwIePDL59ION\/0sX\/7dWfgBtFeUKrTjki5wL4BRWnyLlCfkHre\/4s2lNMyavKo\/zYfzgc8rmFQyYGnAG9A==.jpg\" alt=\"Schauen in eine ungewisse Zukunft: Nigerias J\u00fcngste. Fot: Neumann\" \/><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02498.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1603\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02498-1024x768.jpg\" alt=\"DSC02498\" width=\"550\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02498-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02498-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02498.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a>Ausl\u00f6ser eines Unheils biblischen Zuschnitts ist ein jungenhaftes, harmloses Abenteuer: Die vier Br\u00fcder gehen an den Omi-Ala fischen, einen einst g\u00f6ttlich verehrten, nun verschmutzten Fluss, und \u00fcbertreten damit v\u00e4terliche wie auch traditionelle Regeln. Sie werden von einem Nachbarn verraten, und der Fluch eines verr\u00fcckten Wahrsagers verfolgt sie. Die d\u00fcstere, sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiung wird zu einer modernen Kain-und-Abel-Familientrag\u00f6die. Erz\u00e4hler der Schuldparabel von zersetzendem Argwohn, Hass und schlie\u00dflich Mord ist der zu Beginn neunj\u00e4hrige Benjamin, der j\u00fcngste. Am Ende sind zwei der Br\u00fcder tot, einer verschwunden, und Benjamin selbst sitzt hinter Gittern.<\/p>\n<p>Obiomas Sprache ist bilderreich und entwickelt in bester Erz\u00e4hltradition einen mitrei\u00dfenden Sog, auch wenn dabei manche Gestik, Mimik und Emotion der Br\u00fcder \u00fcberzeichnet wird. Obiomas (oft Tier-)metaphorisch aufgeladener Roman ist eine Familien- und auch eine Konfliktgeschichte zwischen der Moderne auf der einen und dem Glauben, dass alles Ungl\u00fcck von dunklen Kr\u00e4ften kommt, auf der anderen Seite. Obioma sch\u00f6pft aus einheimischer Mythologie und Geisterglaube, aus christlichen Bildern und aus westlicher Rationalit\u00e4t. \u00bbDie Geschichte bewahrt unsere Nachfahren davor, wie blinde Bettler in die Stacheln des Kaktuszauns zu fallen. Die Geschichte ist unser Begleiter, ohne sie sind wir blind,\u00ab meinte Chinua Achebe einst. Er beschrieb, interpretierte, aber lieferte nat\u00fcrlich keine L\u00f6sungen. \u00bbAlles zerf\u00e4llt\u00ab hie\u00df Achebes bekanntester Roman &#8211; in 50 Sprachen \u00fcbersetzt, 10 Millionen mal verkauft. Alles zerf\u00e4llt ist auch ein Leitmotiv von Obiomas Geschichte: \u00bbMenschen k\u00f6nnen eine falsche Weggabelung nehmen, ebenso wie ein ganzes Land\u00ab, sagt er im Gespr\u00e4ch, auch wenn die Politik der destabilisierten Nation nur Begleitthema seines Deb\u00fcts ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02505.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1609\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02505-1024x768.jpg\" alt=\"DSC02505\" width=\"525\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02505-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02505-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/DSC02505.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/a>Negativschlagzeilen dominieren unser Afrika-Bild, und Nigeria ist zur Projektionsfl\u00e4che unserer \u00c4ngste vor scheinbar unkontrolliertem Bev\u00f6lkerungswachstum, Gewalt und Migration geworden. Boko Haram, \u00d6lpest, Misswirtschaft: Je kaputter ein Land und seine Gesellschaft, desto fruchtbarer die Literatur, ist ein g\u00e4ngiges Bonmot. Wie viele andere afrikanische Schriftsteller lebt Obioma abwechselnd in Europa und den USA. In Nigeria h\u00e4tte er sein Buch nicht schreiben k\u00f6nnen, meint er: Der Klang einer Trommel sei aus der Ferne klarer als aus der N\u00e4he, hei\u00dft es bei den Ibo, seiner Ethnie. Der dunkle Fluss ist der vom Deutschen Verlag gew\u00e4hlte Titel, und kratzt damit etwas an den Afrika-Klischees im Stile \u00bbHerz der Finsternis\u00ab. Das Original lautet schlicht\u00a0 <em>The Fishermen<\/em>, die Fischer.<\/p>\n<p>Transformations- und Identit\u00e4tsfragen treiben etliche der Afropoliten um, jene junge Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die als literarisch erfolgreiche Weltafrikaner zwischen den Kontinenten und Kulturen jonglieren und auch in Talkshows gerne gesehene, eloquente G\u00e4ste sind. Auch wenn internationale Politik und Wirtschaft nie nur friedlich waren: Der globale Austausch hat gerade den \u00bbWesten\u00ab (oder sollte man hier sagen: den \u00bbNorden\u00ab) zu dem Reichtum gebracht, den wir heute sch\u00e4tzen, meint der Weltensammler-Autor Ilija Trojanow in seiner Kampfabsage gegen Huntingtons Thesen, gerade auch bei Kultur- und Alltagsph\u00e4nomenen wie der Kunst, Musik, Mode oder der Esskultur.<\/p>\n<p>Gegen Schluss, nachdem alles zerst\u00f6rt scheint, glimmt auch am dunklen Fluss noch ein Schimmer Hoffnung auf. \u00bbIch \u00f6ffnete die Augen, r\u00e4usperte mich und fing noch mal von vorne an\u00ab ist der letzte Satz von Benjamin, Obiomas Ich-Erz\u00e4hler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Chigozie Obioma<br \/>\nDer dunkle Fluss<\/h4>\n<div class=\"authordetail-productlist\"><a href=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/der-dunkle-fluss.html\"> <img decoding=\"async\" class=\"authordetail-productlist-image\" src=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/media\/catalog\/product\/cache\/1\/small_image\/92x135\/9df78eab33525d08d6e5fb8d27136e95\/i\/m\/image_1_13138.jpg\" alt=\"\" \/> <\/a><\/p>\n<h6 class=\"authordetail-productlist-textbox\">Aufbau Verlag, Berlin 2015<\/h6>\n<div class=\"authordetail-productlist-textbox\">\u00a0.<\/div>\n<div class=\"authordetail-productlist-textbox\"><\/div>\n<div class=\"authordetail-productlist-textbox\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/div>\n<div class=\"authordetail-productlist-textbox\"><\/div>\n<div class=\"authordetail-productlist-textbox\">\u00a0.<\/div>\n<h4 class=\"authordetail-productlist-textbox\">Chinua Achebe<br \/>\nAlles zerf\u00e4llt<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/cdata\/K2\/T59\/A7683\/achebe.jpg\" alt=\"\" align=\"left\" \/><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>S. Fischer Verlag 2012<\/h6>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chigozie Obiomas &#8222;Der dunkle Fluss&#8220; Strebsamkeit, Geisterglaube und Unheil Vom Kulturwandel und dem Auseinanderbrechen einer nigerianischen Familie Wiener Zeitung und Glanz &amp; Elend\u00a0 Juli 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1357"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1357"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1357\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1611,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1357\/revisions\/1611"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}