{"id":1375,"date":"2000-07-23T08:46:58","date_gmt":"2000-07-23T08:46:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1375"},"modified":"2015-09-10T13:02:44","modified_gmt":"2015-09-10T13:02:44","slug":"europas-jahrestage-und-seine-selbstzweifel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1375","title":{"rendered":"Europas Jahrestage und seine Selbstzweifel"},"content":{"rendered":"<p>Wie viel Vergangenheit steckt in Europas Zukunft?<\/p>\n<h3>Europas Jahrestage und seine Selbstzweifel<\/h3>\n<p>Unsere Fokussierung auf vermeintliche Misserfolge und Probleme gef\u00e4hrdet das Projekt der europ\u00e4ischen Einigung. Ein klarerer Blick in die Geschichte kann weiterhelfen.<\/p>\n<p>Die Presse, Juli 2015<!--more--><\/p>\n<p>Hundert Jahre V\u00f6lkermord an den Armeniern, 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 20 Jahre Srebrenica-Genozid \u2013 2015 ist ein Jahr der Gedenken, doch nicht nur 2015. Wir Europ\u00e4er reisen mit schwerem Gep\u00e4ck: Allein im 20.Jahrhundert haben wir mehr Geschichte produziert, als wir schultern konnten. Wir konnten sie auch nicht einfach abwerfen, wir arbeiten sie ab, mehr oder weniger produktiv, und versuchten uns mit gutem Willen an einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen, der europ\u00e4ischen Einigung.<\/p>\n<div class=\"noprint\"><\/div>\n<p>Und nun die Krise, vielmehr die Krisen: Finanzkrise, Griechenland-Krise, Ukraine-Russland-Krise, Fl\u00fcchtlingskrisen, um nur einige zu nennen. Alte Ressentiments leben wieder auf. Viel ist von Provokation und gebrochenen Regeln auf der einen, von Diktat, Rechthaberei und verweigerter Solidarit\u00e4t auf der anderen Seite die Rede. In der Kakofonie malen wir reflexartig gleich ein gescheitertes Projekt Europa an die virtuelle Wand.<\/p>\n<p>Gleichzeitig scheint das Chaos von den \u00f6stlichen und s\u00fcdlichen R\u00e4ndern an Europa heranzur\u00fccken. 1989 \u00fcberwunden geglaubte Antagonismen brechen \u2013 kaum verkleidet \u2013 wieder auf. Neue Totalitarismen \u2013 Stichwort IS \u2013 kommen hinzu. Ukraine, Syrien, Irak, Nordafrika, Migration, Verschuldung: Krisen kochen hoch und simmern weiter. Wir versuchen, sie zu kontrollieren. Sie zu l\u00f6sen scheint utopisch. Mit Europas kolonialer Vergangenheit im R\u00fccken und hehren menschenrechtlichen Motiven als Maxime glauben wir dennoch in gelegentlicher Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, auch f\u00fcr alle Ungerechtigkeiten und Konflikte jenseits unserer Grenzen verantwortlich zu sein.<\/p>\n<p>W\u00e4re die EU der Rolle als neuer, den USA moralisch \u00fcberlegener Weltpolizist gewachsen? Bei den vor sich hin scheiternden Friedensbem\u00fchungen m\u00fcndet unsere schuldbewusste Hybris in Resignation. Kaum kommen wir der UNO-Vorgabe der \u201eResponsibility to Protect\u201c, also der v\u00f6lkerrechtlichen Schutzverantwortung f\u00fcr Kriegsopfer nach: Wir konzentrieren uns darauf, die gest\u00fcrmten Grenzen wieder verst\u00e4rkt zu bewachen, und paktieren \u2013 zumindest vor\u00fcbergehend \u2013 daf\u00fcr und aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden mit Autokraten.<\/p>\n<p>Selbst in aufgekl\u00e4rten Kreisen wird die Universalit\u00e4t von Demokratie leise angezweifelt: Ist das freiheitliche Modell auch f\u00fcr Russland geeignet? F\u00fcr den arabischen Raum? Gar China oder Afrika?<\/p>\n<h4>Das Beispiel Balkan<\/h4>\n<p>Beim Versuch, uns nicht von kolonialen Erinnerungskomplexen gefangen nehmen zu lassen, sondern den Herausforderungen zu begegnen, ist tats\u00e4chlich eine permanente Krisenbew\u00e4ltigungskompetenz (was f\u00fcr ein Wortmonster) gefragt. L\u00e4ngst wissen wir, dass 1989 \u201edas kurze 20.Jahrhundert\u201c nicht zu Ende ging, schon gar nicht die Weltgeschichte, wie dem Historiker Francis Fukuyama etwas verzerrt in den Mund gelegt worden ist.<\/p>\n<p>Die Geschichte allein ist f\u00fcr internationale Probleml\u00f6sungen keine perfekte Lehrmeisterin. Einmal erinnert sie an ein antikes Orakel, bei dem die Antwort ein Kind der Zeit ist, dann wieder an eine Tr\u00fcmmerlandschaft, aus deren Ger\u00f6ll sich nach Belieben Denkkonstrukte bauen lassen.<\/p>\n<p>Vergangenheitsbesessenheit kann genauso sch\u00e4dlich sein wie Vergangenheitsvergessenheit. Eindringlich haben wir das auf dem Balkan nach 1989 gesehen: Eine Volksgruppe begeht voll Pathos eine 600-Jahr-Niederlage auf dem Amselfeld\/Kosovo Polje und sieht dann, mythisch und v\u00f6lkisch auch durch sp\u00e4teres Leid aufgestachelt, in einem neuen Krieg die kultivierte Erinnerung als Berechtigung, Revanche zu nehmen.<\/p>\n<p>Keine Konfliktpartei ist T\u00e4ter oder Opfer allein. Die Jugoslawien-Kriege der 1990er-Jahre sind, wie jene am S\u00fcdrand der Sowjetunion, ein Erbe der europ\u00e4ischen Geschichte \u2013 zu der einst auch noch, ob es uns gef\u00e4llt oder nicht, die T\u00fcrkei geh\u00f6rt hat. Die Zerfallskriege waren eine europ\u00e4ische Herausforderung, aber sie waren nicht die Schuld der EG\/EU. Auch eine oft als mangelhaft kritisierte EU-Beitrittsperspektive ist f\u00fcr die Instabilit\u00e4t in Europas S\u00fcdosten nicht verantwortlich zu machen.<\/p>\n<p>Am Beispiel Griechenland m\u00fcssen wir das schmerzlich erkennen: Ein Beitritt allein l\u00f6st keine Strukturprobleme schwacher, auf Klientelismus aufgebauter Gemeinwesen. Aber auch politische, wirtschaftliche oder vermeintlich moralische Protektorate bieten wenig Perspektive.<\/p>\n<h4>Die EU als S\u00fcndenbock<\/h4>\n<p>Srebrenica ist erst 20 Jahre her. Die politischen und menschlichen Folgen sind noch l\u00e4ngst nicht verheilt. Europas V\u00f6lker tragen die B\u00fcrde von Schreckenstaten sonder Zahl. Selbst unsere Kinder werden noch mit etlichen Jahrestagen konfrontiert sein, wo es weniger zu feiern als zum Nachdenken geben wird.<\/p>\n<p>Wir nehmen Jahrestage zum Anlass, uns der Verantwortung zu erinnern, die uns die Geschichte aufgeb\u00fcrdet hat. Nach den Erfahrungen des 20.Jahrhunderts misstrauen wir in der Atempause zwischen der Vergangenheit und der zu entscheidenden Zukunft allen radikalen Utopien. Nur, werden wir durch Krisen wirklich st\u00e4rker?<\/p>\n<p>Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs haben uns die Vision einer europ\u00e4ischen Einigung und die konkreten, oft m\u00fchsamen Schritte seither weit gebracht. Wir haben Grund, stolz auf die Erfolge der vergangenen 70 Jahre zu sein. Doch mittlerweile ist die EU S\u00fcndenbock f\u00fcr allerlei \u00dcbel.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Herausforderungen, die rein gar nicht die \u201eSchuld\u201c der EU sind, verlangen L\u00f6sungen: \u00dcberalterung, Pensionssysteme, Pflege oder die enorme wirtschaftliche Konkurrenz aufstrebender L\u00e4nder vor allem in Asien, um nur zwei Themenbereiche zu nennen. Chinas Machtpolitik in Fernost ist beunruhigend, aber sein Erscheinen in Afrika k\u00f6nnte noch kaum erahnte Perspektiven f\u00fcr den gro\u00dfen Kontinent in Europas unmittelbarer Nachbarschaft bringen.<\/p>\n<h4>Fragiler Wohlstand<\/h4>\n<p>\u00dcber die W\u00fcste und das Mittelmeer betrachtet mag unser Wohlstandseuropa noch immer als bestens sortierter Supermarkt erscheinen \u2013 doch wir selbst sp\u00fcren die Fragilit\u00e4t unseres Wohlstands und Friedens.<\/p>\n<p>Europa ist mehr als ein Experiment. B\u00fcrgerbeteiligung und verbindliche Regeln innerhalb wie auch jenseits unserer Grenzen sind ebenso n\u00f6tig wie eine Europ\u00e4ische Vision. Selbstkritik ist wichtig und produktiv. Selbstzweifel im \u00dcberma\u00df aber ist destruktiv und droht zur sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung des Scheiterns zu werden.<\/p>\n<p>Die Gefahr besteht, dass Europa ein Elitenprojekt bleibt, w\u00e4hrend \u2013 angestachelt von Populisten jeder Art \u2013 ein R\u00fcckzug auf Nationalstaaten wieder mehrheitsf\u00e4hig wird. Die Folgen w\u00e4ren wenig erbaulich \u2013 politisch, wirtschaftlich, kulturell: Nur Demagogen w\u00fcrden von diesem R\u00fcckfall h\u00e4misch profitieren.<\/p>\n<p>Bei der Fokussierung allein auf Probleme ger\u00e4t der Erfolg der europ\u00e4ischen Einigung in Vergessenheit. Das Gelingen des Projekts auch in Zukunft braucht einen gelegentlichen, aber klaren Blick in Europas Vergangenheit.<\/p>\n<p><a title=\"Die Presse\" href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/4789075\/Europas-Jahrestage-und-seine-Selbstzweifel\">http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/4789075\/Europas-Jahrestage-und-seine-Selbstzweifel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viel Vergangenheit steckt in Europas Zukunft? Europas Jahrestage und seine Selbstzweifel Unsere Fokussierung auf vermeintliche Misserfolge und Probleme gef\u00e4hrdet das Projekt der europ\u00e4ischen Einigung. Ein klarerer Blick in die Geschichte kann weiterhelfen. 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