{"id":1393,"date":"1998-07-31T07:47:01","date_gmt":"1998-07-31T07:47:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1393"},"modified":"2015-10-17T21:02:16","modified_gmt":"2015-10-17T21:02:16","slug":"mythen-und-realitaet-unserer-hilfsbereitschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1393","title":{"rendered":"Mythen und Realit\u00e4t unserer Hilfsbereitschaft"},"content":{"rendered":"<div class=\"articlecontentv2\">\n<div id=\"articlefeatv2\" class=\"articlefeatv2\">Mut versus Niedertracht gegen\u00fcber den Schw\u00e4chsten<\/div>\n<div class=\"articlefeatv2\"><\/div>\n<div class=\"articlefeatv2\">\u00a0.<\/div>\n<article>\n<div id=\"articlev2\" class=\"articlev2\">\n<h3>Mythen und Realit\u00e4t unserer Hilfsbereitschaft<\/h3>\n<p>Migration: Solidarit\u00e4t einst, Internethetze heute? Unsere Erinnerung tr\u00fcgt oft<\/p>\n<p>Die Presse, August 2015<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die politische, soziale und kulturelle Herausforderung der Migration wird uns l\u00e4nger begleiten. Sie erfordert weniger Slogans als Courage und einen klaren Kopf.<\/strong><\/p>\n<p>Alle L\u00e4nder biegen sich ihre Vergangenheit zurecht. \u00d6sterreich ist bekanntlich keine Ausnahme. In Zeiten der Gewalt war man vornehmlich heldenhaft oder Opfer, eher selten T\u00e4ter. Und ansonsten hilfsbereit. Ein genauerer, kritischer Blick zeigt anderes.<\/p>\n<p>.<br \/>\nMeine Eltern kamen 1945\/46 als Vertriebene nach \u00d6sterreich und fanden im Salzkammergut Aufnahme. Auch wenn die idyllische Gegend anders als die gro\u00dfen St\u00e4dte kaum vom Krieg verheert war: die Not war \u00fcberall gro\u00df, und die Aufnahmebereitschaft der Ans\u00e4ssigen hielt sich in Grenzen. Die alliierten Besatzungsm\u00e4chte lie\u00dfen allerdings keinen Widerspruch zu. \u00d6ffentliche Hilfe war nicht vorhanden, aber beim &#8222;Hamstern&#8220; &#8211; so hie\u00df das Betteln und Tauschen von irgendetwas gegen Essen &#8211; steckten ihnen mancher etwas zu. Hunderttausenden ging es \u00e4hnlich, oder noch viel schlechter. Nur wenige Monate zuvor waren ganz anders geschundene Menschen durch \u00f6sterreichische D\u00f6rfer getrieben worden. Einige Landsleute mordeten, andere johlten oder schauten besch\u00e4mt weg, wenige gaben \u2013 unter Lebensgefahr &#8211; den Erbarmungsw\u00fcrdigen etwas Essbares. \u00dcber die prozentuale Verteilung von Mut oder Wegsehen, von Gro\u00dfz\u00fcgigkeit oder Niedertracht kann die Geschichtswissenschaft kaum je genau Auskunft geben.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfeltern und meine sehr jungen Eltern verdingten sich, die Erlebnisse der eigenen Vertreibung im Kopf, im g\u00fcnstigen Fall als n\u00e4chtliche Holzteller-Bemaler f\u00fcr amerikanische Offiziere, als Hilfsarbeiter, als Torfstecher, bei den Bauern der Gegend. Zur Arbeitsstelle ging es \u00fcber viele Kilometer zu Fu\u00df: f\u00fcr den seltenen \u00f6ffentlichen Bus galt beim \u00d6ffnen der T\u00fcr das Wort des Fahrers: &#8222;Einheimische z&#8217;erscht, Zuag&#8217;roaste nur, wann a Platz is.&#8220; Allzu oft war kein Platz. Und an den &#8222;Zuag&#8217;roasten&#8220; klebte in der gleichsprachigen Fremde eine Unterstellung: Wer vertrieben war, musste doch etwas ausgefressen haben, oder..? \u00dcble Nazis vielleicht. Im Gegensatz zu uns Einheimischen&#8230; Auch \u00fcber uns Kinder hing noch viele Jahre sp\u00e4ter ein Braunschleier: Kind von Vertriebenen. Das war nicht cool. Eher peinlich. Sohn oder Tochter von chilenischen Fl\u00fcchtlingen zu sein hatte sp\u00e4ter weit mehr Pepp.<\/p>\n<p>.<br \/>\nDoch waren die Einheimischen einst nicht schlechter oder besser als Menschen anderswo in \u00e4hnlichen Situationen. Die nachtr\u00e4gliche Heroisierung vermeintlicher Selbstlosigkeit h\u00e4lt der \u00dcberpr\u00fcfung kaum je stand: Die vielzitierten Vergleiche mit 1956, 1968 oder den neunziger Jahren hinken mehrfach. Ungarn, die Tschechoslowakei wie auch das zerfallende Jugoslawien waren Nachbarl\u00e4nder \u00d6sterreichs. Ein Blick in Zeitungsarchive beweist, dass auch 1956 die Abwehr bald st\u00e4rker war als die anf\u00e4ngliche Hilfsbereitschaft. Die Grenzen wurden nach wenigen Monaten von den Machthabern in Budapest wieder hermetisch geschlossen. Die Unterschiede in Kultur, Gewohnheiten, auch Religion waren gering. Und von 180 000 Tausend Fl\u00fcchtlingen jener Monate blieben 10% in \u00d6sterreich, von 160 000 aus der CSSR 1968 noch weniger. Viele der bislang 25 000 tschetschenischen, der nun zehntausenden syrischen und afghanischen Hilfesuchenden werden bei uns bleiben und unsere Aufnahmebereitschaft umfassend auf die Probe stellen: Nicht nur Quartiere, auch Arbeit, Bildung etc.<\/p>\n<p>Worte wie emp\u00f6rend, dilettantisch, erb\u00e4rmlich \u00fcber offensichtliche M\u00e4ngel der Fl\u00fcchtlingspolitik sind verst\u00e4ndlich, aber nicht immer hilfreich. Negative campaigning befriedigt stets die, die es entr\u00fcstet anwenden, und jene von uns, die gleicher Meinung sind. Menschen mit \u00c4ngsten werden kaum erreicht, oder gar umgestimmt. Wir sprechen es nur versch\u00e4mt aus: meist solche aus &#8222;bildungsfernen Schichten&#8220;.\u00a0 Weit mehr als emp\u00f6rte Entr\u00fcstung erreichen die vielen positiven Beispiele: angewandte Hilfsbereitschaft durch Pfarren, lokale Initiativen, Plattformen.<\/p>\n<p>.<br \/>\nDie mangelnde Solidarit\u00e4t in Europa ist nicht wegen, sondern trotz EU pr\u00e4sent. Ohne EU w\u00e4re es noch schlimmer. Auch bei uns gilt auf L\u00e4nder- und Gemeindeebene ein trauriges Florianiprinzip. Nicht nur in \u00d6sterreich ist f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Stadtvierteln mit b\u00fcrgerlich-gr\u00fcn-alternativer W\u00e4hlerschaft (vulgo Bobo-Bezirke) die gr\u00f6\u00dfte Aufnahmebereitschaft zu h\u00f6ren. Untergebracht sind Asylsuchende aber selten dort, sondern eher in traditionellen Arbeitervierteln &#8211; wo die SP\u00d6 begr\u00fcndet Angst vor dem W\u00e4hlerschwund zur FP\u00d6 hat. Klar: im verdichteten Raum sind wenig leistbare Unterk\u00fcnfte zu finden. Doch mit den praktischen Herausforderungen, gar \u00c4ngsten werden weltgewandte Bobos selten konfrontiert.<\/p>\n<p>.<br \/>\nEs ist ein kultureller Quantensprung, wenn brachiale Fremdenfeindlichkeit nicht salonf\u00e4hig, bzw. heute vielmehr: social-network-f\u00e4hig ist. Aber es ist keine nachhaltige L\u00f6sung, wenn Postings feiger Niedertracht nur im Netz zum Schweigen gebracht werden, aber sich dann in einem Mob &#8222;f\u00fcr das Abendland&#8220; entladen, oder sich klammheimlich in der Anonymit\u00e4t einer Wahlzelle in Stimmen f\u00fcr fremdenfeindliche Parteien \u00e4u\u00dfern.<br \/>\nJa, sensible Wortwahl, wie sie die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak einfordert, ist wichtig. Umgekehrt \u00c4ngste mit gewaltbereitem Rassismus gleichzusetzen, ist wenig hilfreich. Quer durch Europa werden parallel zur oft als be\u00e4ngstigend erlebten Globalisierung die R\u00fcckbesinnung auf die eigene, auch regionale Kultur thematisiert, bis hin zu politischem Separatismus. Viele \u00c4ngste aber werden scheinbar nur von solchen Politikern aufgenommen, die sie f\u00fcr infame Zwecke weiter sch\u00fcren, und missbrauchen.<\/p>\n<p>.<br \/>\nSicherheit ist nicht der Gegensatz von Freiheit, sondern deren Voraussetzung. Asylpolitik ohne Friedens- und Sicherheitspolitik ist Symptombek\u00e4mpfung. Ursachen von Migration m\u00fcssen an der Wurzel gel\u00f6st werden, durch Kriegsbeilegung und wirtschaftliche Perspektiven in den Herkunftsl\u00e4ndern: das sind allgemein anerkannte Erkenntnisse, aber nur mittel- bis langfristig m\u00f6glich. Allzu gerne verlangen wir von der EU, woran wir uns kaum beteiligen wollen: Aktionen. Und wir wollen der Union kaum geben, was sie daf\u00fcr braucht: Kompetenzen. Mitverantwortung ist mehr als besserwisserisches Mitreden.<br \/>\nUnd wir m\u00fcssen uns von der Illusion verabschieden, dass Migration in der Geschichte je ganz friedlich von statten ging. Das produktive Management manchmal unvermeidlicher Konflikte auch bei uns ist gefragt.<\/p>\n<p>Die Idee der Europ\u00e4ischen Integration sollte auch eine gemeinschaftliche Dimension gegen nationalen Egoismus und Fremdenhass beinhalten \u2013 und zugleich eine lebendige Vision gegen Zukunftsangst, Mutlosigkeit und Gleichg\u00fcltigkeit. Die EU als Ganzes ist gefordert, aber auch wir alle tagt\u00e4glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mut versus Niedertracht gegen\u00fcber den Schw\u00e4chsten \u00a0. Mythen und Realit\u00e4t unserer Hilfsbereitschaft Migration: Solidarit\u00e4t einst, Internethetze heute? 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