{"id":1402,"date":"2025-01-17T12:05:00","date_gmt":"2025-01-17T12:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1402"},"modified":"2026-03-29T09:52:45","modified_gmt":"2026-03-29T09:52:45","slug":"russland-reagiert-wie-ein-enttaeuschter-liebhaber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1402","title":{"rendered":"Anna Schor-Tschudnowskaja"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"em_cnt_artikelansicht_hz\">&#8222;Russland reagiert wie ein entt\u00e4uschter Liebhaber&#8220;<\/h3>\n<p>Die in Kiew geborene und in St. Petersburg aufgewachsene Soziologin, Menschenrechtsexpertin und MEMORIAL-Mitglied Anna Schor-Tschudnowskaja \u00fcber Sowjetnostalgie, Moskaus L\u00fcgen und die allzu nachgiebige Haltung des Westens (link zum Gespr\u00e4ch oben im Namen &#8222;Anna Schor-Tschudnowskaja&#8220; ) <a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1402\">https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1402<\/a><\/p>\n<p>Wiener Zeitung<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07905.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1406\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07905.jpg\" alt=\"DSC07905\" width=\"661\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07905.jpg 3456w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07905-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07905-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Frau Schor-Tschudnowskaja, der Historiker Eric Hobsbawm hat vom &#8222;kurzen 20. Jahrhundert&#8220; gesprochen, das von 1914 bis 1989 dauerte. Doch sind wir aus dem 20. Jahrhundert je herausgekommen?<\/em><\/p>\n<p>Anna Schor-Tschudnowskaja: Ich glaube eher nicht an solche Abgrenzungen. Der soziale Wandel ist immerw\u00e4hrend, wenn auch nicht unbedingt linear. Aber dennoch w\u00fcrde ich zustimmen: wir sind noch nicht aus dem 20. Jahrhundert herausgekommen. Sollte es ein Jahrhundert der linken Ideen und des Versuchs sein, die Welt danach umzugestalten, so ist dieser Versuch noch nicht vorbei. Aber auch Lager, L\u00fcge, Manipulation, totalit\u00e4res Denken und politische Irrationalit\u00e4t haben ihr Werk nicht abgeschlossen. Und vieles in der Zukunft wird davon abh\u00e4ngen, welche Lehren wir aus dem 20. Jahrhundert ziehen k\u00f6nnen und wollen.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Politische Entwicklungen verlangen oft nach Festlegungen, die man selbst fr\u00fcher vielleicht nicht treffen wollte oder musste: Russin, Ukrainerin: Wie w\u00fcrden Sie sich selbst sehen?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Ich wurde in Kiew geboren. Nach dem Tschernobyl-Desaster \u00fcbersiedelten meine Eltern mit uns nach St. Petersburg. Ich bin ein Kind der Sowjetunion. Nachkriegskinder etwa in Deutschland bezeichnen sich 60 Jahre sp\u00e4ter noch immer als solche, auch ohne dass sie dem Krieg oder der Nachkriegszeit nachtrauern. Es ist eine eigene Pr\u00e4gung.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wie k\u00f6nnen Sie uns im Westen diese Pr\u00e4gung veranschaulichen? &#8222;Nur ein Sowjetmensch kann einen Sowjetmenschen verstehen&#8220;, schreibt die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Es ist tats\u00e4chlich schwer zu erkl\u00e4ren, verbunden mit all dem Sinnlichen, den Bildern und Worten der Kindheit. Ich versuche, meine eigenen R\u00e4tsel zu entziffern. Bis zum Alter von 10, 11 Jahren erschien es mir fast peinlich, so ein gl\u00fcckliches Land wie die Sowjetunion ergattert zu haben, bei all dem Elend in anderen Teilen der Welt. Es fu\u00dfte auf allgegenw\u00e4rtiger Propaganda, war eine Pr\u00e4gung aus dem Kindergarten, sp\u00e4ter der Schule. Wir f\u00fchlten uns als gl\u00fcckliche Kinder, harmonisch geborgen. Meine Eltern wussten nat\u00fcrlich mehr von der Schreckensgeschichte. Und nicht nur Geschichte, mein Vater wurde vom KGB vorgeladen, als ich schon in der Schule war. Aber meine Eltern schonten mich &#8211; um mich nicht zu verunsichern, und um mir Schwierigkeiten in der Schule zu ersparen.<\/p>\n<div class=\"em_clear\"><\/div>\n<div class=\"em_artikelansicht_zusatzcontent em_right em_cnt_zoom\">\n<div class=\"em_zusatz_box_container\">\n<div class=\"em_zusatz_box\">\n<div class=\"em_zusatz_box_body\">\n<h6><span class=\"em_cnt_caption em_cnt_zoom_visible em_left\"><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07921.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1585\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07921-1024x768.jpg\" alt=\"DSC07921\" width=\"507\" height=\"380\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07921-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07921-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><\/a>&#8222;Bis zum Alter von 10, 11 Jahren erschien es mir fast peinlich, <\/span><\/h6>\n<h6><span class=\"em_cnt_caption em_cnt_zoom_visible em_left\">so ein gl\u00fcckliches Land wie die Sowjetunion ergattert zu haben. <\/span><\/h6>\n<h6><\/h6>\n<h6><span class=\"em_cnt_caption em_cnt_zoom_visible em_left\">\u00a0<\/span><\/h6>\n<p>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"em_text\"><em>.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">.<\/p>\n<p class=\"em_text\">.<\/p>\n<h6><span class=\"em_cnt_caption em_cnt_zoom_visible em_left\">Foto: Nambou Mouniko<\/span><\/h6>\n<p class=\"em_text\"><em>Und sp\u00e4ter? Gab es eine Z\u00e4sur?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Der Stolz hielt auch w\u00e4hrend meiner Jugend, durch die Zeit der Perestroika. Ein erster Knacks passierte 1991, mit dem Moskauer Putschversuch. Der endg\u00fcltige Einbruch kam f\u00fcr mich, aber auch viele andere mit den Bildern des ersten Tschetschenienkrieges 1994-96. Es war ein Gef\u00fchl von Unglauben: &#8222;Das ist nicht mein Land, das hier bombardiert.&#8220;<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wie freiwillig waren denn je die Verbindungen der Sowjetrepubliken?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Nat\u00fcrlich sehr unterschiedlich, vom Baltikum \u00fcber den Kaukasus bis Zentralasien. Am attraktivsten erschien es klarerweise f\u00fcr Russland, es war ein Identit\u00e4tsgewinn: Wir sind die Urheber der Befreiung, einer tollen Ideologie, einer Gesellschaftsordnung, die f\u00fcr alle verhei\u00dfungsvoll ist, verbunden durch Russisch als der Sprache Lenins.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Und heute?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Gerade f\u00fcr Russen bedeutete der Zerfall der Sowjetunion den gr\u00f6\u00dften Verlustschmerz: Verlust von Boden, von Einfluss, aber auch von Anziehungskraft. Der Umgang mit dem Verlust heute sind irrationale Versuche, die Einflusssph\u00e4re und St\u00e4rke wieder herzustellen. Es bleibt bei der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, aber auch nach dem Gef\u00fchl, \u00fcber andere dominieren zu k\u00f6nnen, ein Imperium zu sein: es fehlt die Wertebasis.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Kommt Putins Mission f\u00fcr russische Werte, f\u00fcr ein besseres, konservatives, traditionelles Europa im Verein mit westlichen Rechtsparteien bei den Menschen an?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Es kommt sehr gut an! Aber das Gerede von einer Alternative zum verfaulten Westen ist inhaltsleere Propaganda. Es ist, als ob man vor einem Haufen Ziegelsteinen steht und ohne Fundament und Fugenmasse ein neues Geb\u00e4ude errichten will.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Und wie ist die Einstellung in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Dort hat Russland durch die Entwicklung der letzten Jahre keine Freunde mehr, auch nicht jenseits des Russland-kritischen Baltikums oder Georgiens. Es bleiben einzig massive \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeiten, von Wei\u00dfrussland \u00fcber Armenien bis zu manchen Republiken Zentralasiens.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wirtschaftlichen Druck hat Moskau auch gegen\u00fcber der Ukraine versucht.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Ja. Doch trotz unserer traurig hohen Gewaltbereitschaft in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Familie, bei der Kindererziehung, in Gesch\u00e4ftsbeziehungen, gegen\u00fcber abtr\u00fcnnigen Republiken, innerhalb der Armee gegen\u00fcber Rekruten: Russland will dennoch auch bewundert, beneidet, ja geliebt werden. Gegen\u00fcber der Ukraine hat Russland daher mit paternalistisch-m\u00e4nnlicher Eifersucht wie ein entt\u00e4uschter Liebhaber reagiert.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wie sieht Russland die Ukraine?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Bei all den unterschiedlichen Wahrnehmungen dominiert die \u00dcberzeugung: &#8222;Eigentlich&#8220; geh\u00f6rt die Ukraine zu uns, wir sind geschichtlich so eng verbunden. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine wurde lange als kindliche Laune abgetan.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Was macht umgekehrt heute jemanden zum Ukrainer, zur Ukrainerin, der Russisch als Muttersprache spricht wie Sie?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Russland bleibt meine Heimat, genauso wie Kiew und die Ukraine. Es ist jetzt eher eine politische Zuordnung aus Solidarit\u00e4t: es ist die Entwicklung in Russland, die f\u00fcr viele immer abschreckender wird, so dass man sich eher<br \/>\nmit der Ukraine solidarisieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Die Sprachenfrage ist nicht entscheidend?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Die Sprachenfrage war nie ma\u00dfgeblich. Diese wird instrumentalisiert, besonders von russischer Seite. In der Ukraine wird sich das wieder beruhigen.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>War die westliche Euphorie bez\u00fcglich der Demokratisierung Russlands um 1990 naiv? Zu glauben, unser Gesellschaftsmodell politischer Partizipation sei attraktiv &#8211; und letztlich \u00fcberlegen?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Wir haben uns wohl alle get\u00e4uscht: Wir haben den Traum vom Wandel der politischen Kultur f\u00fcr die Wirklichkeit gehalten, doch wir haben die Rigidit\u00e4t untersch\u00e4tzt. Russland war nie eine politisch m\u00fcndige &#8222;Demokratie von unten&#8220;. Und wir haben lange an der Illusion festgehalten, Russland w\u00e4re &#8211; trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge &#8211; auf dem richtigen Weg.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07804.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1582\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07804-768x1024.jpg\" alt=\"DSC07804\" width=\"377\" height=\"503\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07804-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/DSC07804-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 377px) 100vw, 377px\" \/><\/a>Manches scheint uns im Westen schwer verst\u00e4ndlich, etwa die mangelnde Aufarbeitung, ja manchmal Verherrlichung der Stalinzeit.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Gegen\u00fcber der Vergangenheit besteht eine seltsame Gef\u00fchlsstarre, auch innerhalb der Familien. Bei meinen Befragungen junger Menschen \u00fcber jene Zeit zeigt sich wenig Mitgef\u00fchl, selbst wenn es, wie bei den meisten, S\u00e4uberungsopfer in der eigenen Familie gegeben hat. Die 1930er Jahre werden als geradezu idyllische Zeit dargestellt: Es gab kaum Alltagskriminalit\u00e4t, es herrschte Ordnung, auch wenn es eine totalit\u00e4re war. Dar\u00fcber hinaus gibt es irrationale Elemente. Als in Moskau einmal mein Taxi im Stau steckte, explodierte der Fahrer und rief: &#8222;Stalin h\u00e4tte euch alle umgebracht!&#8220;<\/p>\n<p class=\"em_text\">Noch immer aber bedeutet die Stalin-Zeit den Triumph im vaterl\u00e4ndischen Krieg, Befreiung, den Sieg einer gerechten Sache. Und sie bedeutete Macht. Heute dagegen wird das Gef\u00fchl gef\u00f6rdert, &#8222;man hat uns betrogen, hat uns Land und Gr\u00f6\u00dfe genommen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wie sehen Sie den Umgang der westlichen Welt mit der Ukraine-Politik Russlands?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Auch wenn es die Medienhysterie in Russland von angeblichen Faschisten in Kiew und einer westlichen Verschw\u00f6rung anders darstellt: Putin hat bei seiner Vorgangsweise auf der Krim und dann im Donbass keinen nennenswerten Widerstand des Westens wahrgenommen. Die Wirtschaftskrise in Russland ist nicht Konsequenz der Sanktionen, sondern Ergebnis der einseitigen \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit von Rohstoffexporten und des Preisverfalls.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Wie kann, wie sollte der Westen Ihrer Ansicht nach reagieren?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Die internationale Rechtsordnung ist herausgefordert. Wirklich schmerzhaft f\u00fcr Moskau w\u00e4ren sp\u00fcrbare Konsequenzen, wie Ausschluss vom internationalen Bankensystem oder die Vermeidung des russischen Luftraumes, um Einnahmen aus den \u00dcberfluggenehmigungen zu reduzieren.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Gerade in \u00d6sterreich scheint Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Putins Politik verbreitet zu sein. Nicht nur die heimische Wirtschaft glaubt, in der Vergangenheit mit der Neutralit\u00e4t recht gut gefahren zu sein, und w\u00fcrde gerne wieder so verfahren.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Ich bin immer wieder sehr erstaunt. Es kommt mir so vor, als ob Neutralit\u00e4t hierzulande oft als moralfreie Zone interpretiert wird, wo man es sich mit allen gut stellt und dabei lukrative Gesch\u00e4fte macht. Ich vermisse jenseits der Medien eine klarere politische Haltung, auch ein Engagement der Zivilgesellschaft zu Putins Politik. \u00d6sterreichs Menschenrechts-NGOs sollten lauter sein. Auch Studenten sind kaum vernehmbar.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Unser Blick ist oft auf die Gro\u00dfmacht fixiert, auf Putin als Feindbild. Was k\u00f6nnen wir tun, um die russische Zivilgesellschaft, die letzten verbliebenen unabh\u00e4ngigen Medien und die kritische Kultur zu unterst\u00fctzen?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Unmittelbar sehr wenig, f\u00fcrchte ich. Jede direkte Hilfe bringt die Opposition wegen des Gesetzes \u00fcber &#8222;ausl\u00e4ndische Agenten&#8220; in Gefahr. Der Westen soll vor allem zu seinen Werten stehen. Man erwartet von russischen NGOs, Kulturschaffenden oder Journalisten, Widerstand zu leisten. Aber gleichzeitig zeigen nicht nur ehemalige westliche Politiker mit ihren pers\u00f6nlichen Interessen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr L\u00fcgen, sondern auch Regierungen oder Meinungsbildner sind gegen\u00fcber Moskau nachgiebig: dann f\u00fchlen sich die kritischen Menschen in Russland verraten. Der Westen als politische Wertegemeinschaft verliert in Russland sowohl bei den Herrschenden wie auch bei der Opposition zunehmend seine Glaubw\u00fcrdigkeit, und macht die politische Aufkl\u00e4rungsarbeit der Menschenrechtler zunichte.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Ich w\u00fcrde dem Westen sagen: Steht zu euren Werten! Nicht minder wichtig ist, konsequent die L\u00fcgen zu entlarven, und nicht selbst Opfer von Propaganda und Manipulation zu werden. Russland diffamiert etwa die Maidan-Bewegung als Faschisten. Und l\u00e4dt gleichzeitig Rechtsextreme aus ganz Europa zu sich ein.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Die wichtigste Erkenntnis ist aber wahrscheinlich, dass der Westen kein Instrumentarium hat, um einem Diktator mit Atomwaffen entgegenzutreten, der seine territorialen W\u00fcnsche umsetzt und die Weltordnung herausfordert. Man muss der Ukraine fast dankbar sein, diese Schwachstelle aufgezeigt zu haben.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Der russischen Kultur wird eine hohe Leidensf\u00e4higkeit nachgesagt. Stimmt das?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Vielleicht. Aber selbst wenn es stimmt: diese Leidensbereitschaft gilt nicht f\u00fcr die Eliten. Die sind kaum bereit, bei ihrem neuen Luxus zur\u00fcckzustecken, wenn der &#8222;kleptokratische Karneval&#8220;, wie es ein Journalist einmal nannte, zu Ende geht. Von unten sehe ich kaum Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Das klingt nicht sehr optimistisch.<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Leider. In Russland herrscht eine Opferhaltung, die wohl auch anderswo nicht g\u00e4nzlich unbekannt ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den eher chaotischen 90er Jahren f\u00fchlt man sich als Opfer: als Opfer der Oligarchen, der liberalen Reformer, des Westens. Diese Opferhaltung macht die Gesellschaft passiv und dem Staat ergeben. Feindbilder wechseln, einmal Juden, dann Oligarchen, dann Kaukasier, jetzt Ukrainer. Propaganda dekretiert, wen ich zu hassen habe.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><em>Und wie sehen Sie die weitere Entwicklung in Russland?<\/em><\/p>\n<p class=\"em_text\">Der Fall des sowjetischen Regimes und der Zerfall des Imperiums waren nicht die einzigen Herausforderungen. Angesichts der Postmoderne und der Globalisierung gibt es in Russland eine starke Sehnsucht nach festen Werten und klaren Orientierungen. Die derzeitige gemachte Hysterie wird wieder schw\u00e4cher werden, die Euphorie \u00fcber die Krim- annexion wird verblassen, und Putin wird eine neue Legitimation seiner Macht brauchen. Vision zur Entwicklung des Landes hat er aber keine.<\/p>\n<p class=\"em_text\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Anna Schor-Tschudnowskaja<\/strong> wurde 1974 in Kiew geboren, 1986 \u00fcbersiedelte die Familie nach Leningrad. Sie ist Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation &#8222;Memorial&#8220;. Die Soziologin und Psychologin hat zahlreiche B\u00fccher und wissenschaftliche Publikationen zu Gesellschaft und Politik in der UdSSR und in Russland verfasst, vor allem zu den Themen sowjetische bzw. postsowjetische Mentalit\u00e4ten und aktuelle politische Entwicklungen in Russland, kollektives Ged\u00e4chtnis und Massenpsychologie. Sie ist zu diesen Themen eine international gefragte Expertin. Zur Zeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Sigmund-Freud-Privatuniversit\u00e4t Wien, und arbeitet u.a. an einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF \u00fcber Erinnerungskultur, selektive Wahrnehmungen und Deutungsmuster \u00fcber die Sowjetzeit als Beeinflussungsfaktor f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Entwicklung Russlands.<\/p>\n<p class=\"em_text\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p class=\"em_text\">Von der im Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnten und international ausgezeichneten Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch sind u.a. \u201eDie letzten Zeugen: Kinder im Zweiten Weltkrieg\u201d, \u201cDer Krieg hat kein weibliches Gesicht\u201d oder \u201cZinkjungen\u201d (zum Krieg in Afghanistan) auch auf Deutsch erschienen, zuletzt \u201eSecondhand-Zeit: Leben auf den Tr\u00fcmmern des Sozialismus\u201c 2013 bei Hanser Berlin.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/files\/bookcover\/278x425x978-3-446-24150-3_213626183938-88.jpg.pagespeed.ic.WpkalNIvdQ.jpg\" alt=\"Secondhand-Zeit\" width=\"142\" height=\"217\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/wz_reflexionen\/zeitgenossen\/769879_Russland-reagiert-wie-ein-enttaeuschter-Liebhaber.html\">http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/wz_reflexionen\/zeitgenossen\/769879_Russland-reagiert-wie-ein-enttaeuschter-Liebhaber.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Russland reagiert wie ein entt\u00e4uschter Liebhaber&#8220; Die in Kiew geborene und in St. Petersburg aufgewachsene Soziologin, Menschenrechtsexpertin und MEMORIAL-Mitglied Anna Schor-Tschudnowskaja \u00fcber Sowjetnostalgie, Moskaus L\u00fcgen und die allzu nachgiebige Haltung des Westens (link zum Gespr\u00e4ch oben im Namen &#8222;Anna Schor-Tschudnowskaja&#8220; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1402\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1402"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1402"}],"version-history":[{"count":47,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3030,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions\/3030"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}