{"id":1416,"date":"2015-07-05T09:18:17","date_gmt":"2015-07-05T09:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1416"},"modified":"2015-08-28T20:56:24","modified_gmt":"2015-08-28T20:56:24","slug":"absprunghoehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1416","title":{"rendered":"Absprungh\u00f6hen"},"content":{"rendered":"<p>Melancholie in der Kurzform und gelegentlicher Wahnwitz<br \/>\nin handlichen Paketen<\/p>\n<h3>Absprungh\u00f6hen<\/h3>\n<p>Johannes Wally \u00fcber das Scheitern an der Mittelm\u00e4ssigkeit<\/p>\n<p>Glanz &amp; Elend, Juli 2015<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Trotz Alice Munro und Nobelpreis: Kurzgeschichten wie auch Erz\u00e4hlungen haben es hierzulande zumindest zwischen Buchdeckeln schwer. So werden sogar nur h\u00f6chst lose verwobene Kurzgeschichtensammlungen von Verlagen lieber als \u00bbRoman\u00ab vermarktet \u2013 und sei es nur, um sich f\u00fcr einen Preis wie \u00bbbester Deb\u00fctroman des Jahres\u00ab bewerben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch wagt sich der junge \u00d6sterreicher Johannes Wally bewusst an die kurze Form. Vielleicht, weil er als Anglist an einer Universit\u00e4t mit ihren k\u00fcnstlerischen M\u00f6glichkeiten auch professionell vertraut ist. Dass ein versierter Literaturwissenschaftler nicht unbedingt ein herausragender Literat sein muss, wissen wir. Wally allerdings hat kurz nach Erscheinen einen ersten Preis f\u00fcr sein Deb\u00fct bekommen: <em>Absprungh\u00f6hen<\/em>, 13 Erz\u00e4hlungen, zum Teil bereits in Literaturzeitschriften erschienen, erg\u00e4nzt bzw. unterbrochen durch drei Pakete an K\u00fcrzestgeschichten. Letztere sind teils absurde literarische Gedankenkonstrukte, und daher bewusst skurril \u00fcberzeichnet.<\/p>\n<p>Elternbeziehungen, Arbeitsplatz, Alltag, Liebe, gro\u00dfe Tr\u00e4ume und kleine Hoffnungen, und deren Verlaufen im sprichw\u00f6rtlichen Sand: gute Literatur sch\u00f6pft nicht unbedingt aus Extremen, oft im Gegenteil. Wally teilt Erfahrungen von meist Durchschnittscharakteren \u2013 auf eine Weise, dass f\u00fcr den Leser eine neue Erfahrung w\u00e4chst. Manche der 13 Geschichten sind auf den ersten Blick einfach, beim zweiten raffiniert gemacht. In fast allen gibt es ein irritierendes Element. Gelegentlich ist die Br\u00fcchigkeit schon in den ersten Zeilen sp\u00fcrbar, manchmal erst im Nachklang, wieder andere entbl\u00e4ttern ein ereignisloses Leben, erinnern in der Mischung aus Lakonie und magisch-surrealen Elementen an Haruki Murakami. In Szenen einer Verteidigung verliebt sich eine sehr alte Dame hoffnungslos in einen jungen Priester \u2013 bis schlie\u00dflich eben dieser Pater Laurenz ihre Begr\u00e4bnisfeier \u00bbmit Feingef\u00fchl und Heiserkeit\u00ab zelebriert.<\/p>\n<p>Im <em>Etui mit der Goldrandbrille<\/em> spielt das namensgebende Futteral nur eine marginale Rolle. Es ist eine der sch\u00f6nsten und zugleich melancholischsten der 13 Geschichten. Der Ich-Erz\u00e4hler berichtet lakonisch-heiter von seiner einstigen Liebe mit einer jungen Frau in einer anderen Stadt &#8211; und vom Ende der Fernbeziehung ohne Drama: es ist eher eine Schuld aus Unterlassung. Zur\u00fcck bleibt seine unausgesprochene Scham, und eine dichte Traurigkeit.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlperspektiven sind unterschiedlich, auktoriale, personale und Ich-Erz\u00e4hler wechseln sich ab. In so mancher Geschichte verbindet Wally pr\u00e4gnant Beobachtungsgabe mit Wortwitz: \u00bbDie H\u00e4uslebauer kamen nicht gut miteinander aus. Sie begegneten einander mit Vorsicht und in Angst vor einer b\u00f6sen Nachrede.\u00ab Manch kleine Alltagstrag\u00f6die durchschnittlich ungl\u00fccklicher Zeitgenossen kippt in die Kom\u00f6die, und dann in die Farce. Die Tiefensch\u00e4rfe dieser oder jener Figur bleibt dabei manchmal notgedrungen auf der Strecke.<\/p>\n<p>\u00bbIch bin nie mit einer Geschichte fertig\u00ab, sagte einst Raymond Carver, Amerikas exemplarischer Short-Story-Autor und Meister des literarischen Minimalismus. Am allerbesten ist auch Wally dort, wo er sprachlich am knappsten ist. In Anlehnung an Mark Twains Bonmot \u00bbSchreiben ist leicht &#8211; man muss nur die falschen W\u00f6rter weglassen\u201d schleicht sich gelegentlich der Eindruck ein, manche Geschichte w\u00e4re noch packender, h\u00e4tte der Autor den Mut gehabt, den einen oder anderen Satz zu straffen. Denn gerade die Sprachlosigkeit des Personals ist ein durchg\u00e4ngiges Motiv mehrerer Geschichten.<br \/>\nDer Titel Absprungh\u00f6hen steht so weniger f\u00fcr ein literarisches oder sprachliches Wagnis, sondern f\u00fcr den Mut der Protagonisten, aus ihrem Alltag auszubrechen \u2013 oder eben nicht.<\/p>\n<p>Au\u00dfer in <em>In den Himmel f\u00fcr einen Sprung<\/em>, wo ein Fallschirmsprung als Geburtstagsgeschenk eine periphere Rolle spielt, wagt kaum eine(r) der M\u00e4nner und Frauen, wirklich abzuspringen oder auch nur ein gr\u00f6\u00dferes Risiko einzugehen. Schon Carvers Figuren gaben immer ihr Bestes &#8211; aber das war kaum je genug. Bei Wally sind es sind oft leise, subtile Schilderungen vom Scheitern an der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit; und vom Rest, der bleibt, und mit dem wir uns dann auf Erden bescheiden m\u00fcssen: einem Echo aus den Zeiten des Tr\u00e4umens, im besten Fall. \u00bbSie hielt inne und sch\u00fcttelte den Kopf, ohne recht zu wissen, wor\u00fcber\u00ab lautet der letzte Satz einer der Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.glanzundelend.de\/Red15\/u-w15\/783_0_002.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"233\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Johannes Wally<br \/>\nAbsprungh\u00f6hen<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlungen<br \/>\nLeykam Verlag<br \/>\n228 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Melancholie in der Kurzform und gelegentlicher Wahnwitz in handlichen Paketen Absprungh\u00f6hen Johannes Wally \u00fcber das Scheitern an der Mittelm\u00e4ssigkeit Glanz &amp; Elend, Juli 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1416"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1423,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416\/revisions\/1423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}