{"id":1547,"date":"2015-10-15T16:31:53","date_gmt":"2015-10-15T16:31:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1547"},"modified":"2023-04-29T21:32:29","modified_gmt":"2023-04-29T21:32:29","slug":"mythen-und-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1547","title":{"rendered":"Mythen und Moderne"},"content":{"rendered":"<p>Ayu Utami und Laksmi Pamuntjak<\/p>\n<h3>Mythen und Moderne<\/h3>\n<p>Indonesiens tabuisierte Vergangenheit<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, Oktober 2015<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Indonesien ist Ehrengast in Frankfurt, und ein Gutteil der Schriftsteller sind weiblich: Herausragende Autorinnen haben seit dem Ende einer jahrzehntelangen Diktatur 1998 die Kulturlandschaft aufgemischt. Sie schreiben \u00fcber ein Land im Aufbruch, das ein Trauma mit sich tr\u00e4gt &#8211; 1965:\u00a0 Das Gespenst des Kommunismus ging in S\u00fcdostasien um und verschmolz in Indonesien mit Chinesenhass. Milit\u00e4rs, muslimische Todesschwadronen und Dorfmilizen w\u00fcteten, von einer halben bis \u00fcber einer Million Toten reichen die Sch\u00e4tzungen &#8211; der unbekannteste Massenmord des letzten Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Laksmi Pamuntjak, Javanerin des Jahrgangs 1971, l\u00fcftet in \u201eAlle Farben Rot\u201c den Schleier des Verschweigens. Der Roman wurde 2012 vom f\u00fchrenden Magazin Polit- und Kulturmagazin Tempo zum Buch des Jahres gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1908.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-1620\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1908-1024x768.jpg\" alt=\"DSCN1908\" width=\"752\" height=\"564\" \/><\/a><\/p>\n<p>Rot, die Farbe der Liebe, der Linken, von Feuer, Gefahr und Blut, im Hinduismus aber auch die Farbe der Reinheit, der Freude. Laksmi Pamuntjaks eigener Vorname ist indisch, so wie auch jener der Titelhelden ihres Romans: Amba, eine bereits einem anderen Mann versprochene Studentin verliebt sich 1965 in Bhisma, einen idealistischen Arzt. Im Zuge der S\u00e4uberungen verschwindet Bhisma<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Liebe und Schrecken in Indonesiens Schattenspielen und bei Laksmi Pamuntjak<\/strong><\/span>.<\/p>\n<p>Erst Jahrzehnte sp\u00e4ter findet Amba den Mut zur Spurensuche. Ihre Reise ist eine Reise gegen das Vergessen, das vordergr\u00fcndig bequemer scheint: pers\u00f6nlich und kollektiv. Die ausgebildete Pianistin Pamuntjak n\u00e4hert sich dem Thema sinnlich-sensibel, und verschlie\u00dft sich einfachen Erkl\u00e4rungsmustern. Sie sp\u00fcrt den Wurzeln der Gr\u00e4uel jener Jahre nicht nur im politischen System nach, sondern geht ihnen buchst\u00e4blich auf den Grund: in uns Menschen, und erst dann in der Vereinnahmung durch M\u00e4chtige und Ideologien. Unterlegt ist Ambas und Bhismas Geschichte mit dem Mahabharata, dem im synkretistischen Islam Javas weiter lebendigen indischen Epos. Omnipr\u00e4sent in Puppen- und Schattentheatern, geht es um die Urkonflikte von G\u00f6ttern und Menschen, um Liebe und Eifersucht, um den steten Kampf Gut gegen B\u00f6se, auch in uns selbst.<\/p>\n<p>Pamuntjak ist nicht die einzige erfolgreiche Autorin und mutiges Idol einer neuen Generation. \u201eWenn hier jemand von Literatur spricht, ist immer von Ayu Utami die Rede\u201c, wei\u00df Martin Amanshauser, einer der wenigen heimischen Autoren mit Bezug zu Indonesien. Utamis Deb\u00fctroman \u201eSaman\u201c erschien wenige Tage vor dem Sturz der Suharto-Diktatur 1998 in Jakarta &#8211; und wurde zum literarischen Boten der <em>Reformasi<\/em>, des Wandels zur Demokratie. Mit dem inneren Ringen des jungen katholischen Priesters Saman und seiner Unterst\u00fctzung von Bauern im Kampf gegen Landraub durch Agrobusiness und Armee verband Utami das Pers\u00f6nliche mit dem Politischen. Mit explizit-unverbl\u00fcmter Sprache und provokanten Themen wie weibliche Sexualit\u00e4t, rassische und religi\u00f6se Unduldsamkeit wurde sie zur Tabubrecherin in ihrer mehrheitlich muslimischen Heimat.<\/p>\n<p><em>Larung<\/em>\u00a0 ist die Fortsetzung von <em>Saman<\/em>. Utami bleibt ihrer wilden Fabulierkunst treu, die so anregend ist wie der Plot ver\u00e4stelt. In einem Dorf pflegt der Medizinstudent Larung seine Gro\u00dfmutter, die 1965 die verfolgte Familie gerettet hatte und auf Grund magischer Kr\u00e4fte nicht sterben kann. Erst mittels Gegenzauber kann sie gehen \u2013 was man profan auch Sterbehilfe nennen kann. Nach einem Zeitsprung nach New York mit dem schon aus Saman bekannten Personal und Sex-and-the City-Ankl\u00e4ngen kehrt die Handlung nach Indonesien zur\u00fcck. Saman, der Priester, Larung, nunmehr Umweltaktivist, und drei weiterer M\u00e4nner bereiten deren Flucht ins Ausland vor \u2013 die tragisch scheitert. Multiperspektivisch verwebt Utami das l\u00e4ndliche Indonesien und die USA.<\/p>\n<p>Utami gibt den Menschen Stimmen, den Seelen, den Tieren, sie kommentiert, provoziert. Auch in Larung spielt Sex eine Rolle, der Islam, das Christentum, hinduistische Vorstellungen und Geisterglaube.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1950-e1451480763362.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1618\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1950-e1451480763362-768x1024.jpg\" alt=\"DSCN1950\" width=\"616\" height=\"821\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1950-e1451480763362-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1950-e1451480763362-224x300.jpg 224w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/DSCN1950-e1451480763362.jpg 1704w\" sizes=\"(max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><\/a>Utami kombiniert Rationalit\u00e4t mit javanischer Spiritualit\u00e4t, die Teil des \u201esanften Islam\u201c in Indonesien ist. Doch sie gibt sich keiner Illusion hin, dass Harmonie und Toleranz gesichert sind. Die Reformasi-Bewegung im gr\u00f6\u00dften muslimischen Land der Welt erm\u00f6glichte nach 1998 einen fast reibungslosen \u00dcbergang zur Demokratie, \u201evor allem im Vergleich zum arabischen Fr\u00fchling\u201c, sagte Utami im August bei einem Vortrag an der Universit\u00e4t Wien. \u201eDoch die jungen Leute wollen Klarheit. In oberfl\u00e4chlicher Weise k\u00f6nnen Dogmen das erf\u00fcllen.\u201c Dogmatismus sei kein mittelalterliches Ph\u00e4nomen. Er passe wunderbar in die Postmoderne. Gegen Fundamentalismus und Gewalt vertritt die Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin Ayu Utami eine \u201ckritische Spiritualit\u00e4t\u201d. Religion und kritisches Denken schlie\u00dfen sich f\u00fcr sie nicht aus.<\/p>\n<p>Ayu Utami und Laksmi Pamuntjak verbinden in ihren Romanen die Mythen indonesischer Kultur mit der modernen Welt. Beide sind spannende Entdeckungen aus dem kulturell vielgestaltigen Inselreich.<\/p>\n<p>Ayu Utami<br \/>\n<em>Larung<\/em><br \/>\nDeutsch von Peter Sternagel<br \/>\nHorlemann Verlag, Berlin 2015<br \/>\n200 S., \u20ac 20.50<\/p>\n<p>Laksmi Pamuntjak<br \/>\n<em>Alle Farben Rot<\/em><br \/>\nDeutsch von Martina Heinschke<br \/>\nUllstein Verlag, Berlin 2015<br \/>\n672 S., \u20ac 24.70<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/kultur\/literatur\/779201-Mythen-und-Moderne.html\">https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/kultur\/literatur\/779201-Mythen-und-Moderne.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ayu Utami und Laksmi Pamuntjak Mythen und Moderne Indonesiens tabuisierte Vergangenheit Wiener Zeitung, Oktober 2015<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1547"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2606,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547\/revisions\/2606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}