{"id":1709,"date":"2016-04-10T13:55:08","date_gmt":"2016-04-10T13:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1709"},"modified":"2016-04-10T14:33:40","modified_gmt":"2016-04-10T14:33:40","slug":"die-annaeherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1709","title":{"rendered":"Die Ann\u00e4herung"},"content":{"rendered":"<p>Anna Mitgutschs &#8222;Ann\u00e4herung&#8220;<\/p>\n<h3>Leere, die alle W\u00f6rter l\u00f6scht<\/h3>\n<p>\u00dcber die Liebe und die letzten Dinge<\/p>\n<p>Die Presse, M\u00e4rz 2016<b> <\/b><\/p>\n<h3 class=\"western\" lang=\"de-DE\" align=\"left\"><!--more--><\/h3>\n<p><strong>In Anna Mitgutschs melancholischem Roman von den letzten Dingen sind die Protagonisten mehr als die Summe ihres Scheiterns<\/strong><\/p>\n<p>Die Autorin setzt uns rasch ins Bild: Theo erleidet mit 96 einen Schlaganfall, von dem er sich langsam erholt. Er beginnt, sein Leben Revue passieren zu lassen: seine Vorfahren aus den Karpaten, seine Kindheit, seine Kriegsjahre im Osten, seine erste, verstorbene Frau Wilma, \u201ederen \u00dcberlegenheit ihn einsch\u00fcchterte und verbitterte\u201c, seine Tochter Frieda, seine nunmehrige Frau Berta. Die ben\u00f6tigte permanente Pflege kann Berta nicht sicherstellen: er ist k\u00f6rperlich hinf\u00e4llig, und Demenz schleicht sich ein, \u201edie Leere, die alle W\u00f6rter l\u00f6scht.\u201c Doch die Gedanken und Gef\u00fchle bleiben, seine Sehnsucht nach Leben \u2013 nicht nur symbolisch in der Hingabe des einstigen G\u00e4rtners an das fr\u00fchlingshafte Aufbl\u00fchen der Natur.<\/p>\n<p>Anna Mitgutschs zehnter Roman ist in die Jahreszeiten von Theos letztem Lebensjahr getaktet, Winter, Fr\u00fchling, Sommer, Herbst, Winter. Theo mag die Hauptperson sein, der sich die Autorin in personaler Erz\u00e4hlperspektive n\u00e4hert. In etlichen Kapiteln der vielstimmigen Geschichte ist Frieda die Ich-Erz\u00e4hlerin ihrer Suche nach dem Vater. Seit der Schulzeit hat die nun gut Sechzigj\u00e4hrige mit ihm gerungen, mit Wut, Schmerz, ihrem Misstrauen und der Suche nach der Wahrheit \u00fcber seine Kriegsjahre. Sie wollte \u201eein Gest\u00e4ndnis von ihm erzwingen, etwas, womit wir beide leben k\u00f6nnen, und dann g\u00e4be es so etwas wie Frieden zwischen uns.\u201c Er sei nichts als \u201eein kleines R\u00e4dchen, das mitgedreht worden war\u201c, ist dagegen Theo \u00fcberzeugt. \u201eIch kann nichts mehr daran \u00e4ndern. Es war die Zeit, in der ich jung war, eine andere gab es nicht.\u201c Vater und Tochter tragen wechselseitige Sehnsucht und Abwehr. In ihrer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit ihren Kenntnissen \u00fcber Bibel, Thora und Talmud spiegelt Frieda wiederkehrende Motive von Anna Mitgutsch, doch weder Handlung noch Personen sind autobiographisch zu interpretieren.<\/p>\n<p><strong>Die Seelen-Seismographin<\/strong><\/p>\n<p>2015 verlieh die Universit\u00e4t Salzburg der international anerkannten Literaturwissenschaftlerin ein Ehrendoktorrat: Sie habe mit dem literarischen Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen, von Ausgrenzungsmechanismen, mit Fragen der Vergangenheitspolitik und existenziellen Themen bedeutende Beitr\u00e4ge zur demokratischen Kultur dieses Landes geleistet. Stets eher am Rand eines aufgeregten Literaturbetriebs ist sie eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlerin und dabei keine, die mit ihrer Sprache schvordergr\u00fcndig auf Irritation zielt oder Themen zeitgeistig abhandelt. \u201eDie Ann\u00e4herung\u201c erz\u00e4hlt nicht entlang politischer Ereignisse, vielmehr von Menschen in ihrer Gesamtheit, ihrem Tun, Denken, Sehnen, den vertanen Chancen. Es ist die feinf\u00fchlige Bestandsaufnahme einsamer, bis ans Lebensende Suchender.<\/p>\n<p>Die Figuren sind keine auff\u00e4lligen Au\u00dfenseiter. Das Gesellschaftliche kommt auch \u00fcber manche Nebenfiguren, alle feinf\u00fchlig differenziert. In erz\u00e4hlerischen Verzweigungen wei\u00df Mitgutsch Erz\u00e4hlstr\u00e4nge virtuos zu verkn\u00fcpfen. In dem breiten Panorama eines Jahrhunderts einfacher Leute holt sie teils weit aus und schneidet sehr viele Themen an, \u00fcber den unr\u00fchmlichen Glykolweinskandal bis zum Prekariat osteurop\u00e4ischer Altenpflegerinnen.<\/p>\n<p>Es mag als Kompensation eines alten Mannes erscheinen, im letzten Aufb\u00e4umen nochmals alles bei seinen beiden Frauen und seiner Tochter Vers\u00e4umte mit einer jungen Pflegerin nachholen zu wollen. Doch die Autorin meint es gut mit ihren Figuren, trotz der Melancholie und manchmal Resignation, die ihnen innewohnt: Frieda, die ihren Aufbruch um 1968 und ihre Ehe als gescheitert betrachten muss, \u201eerscheint das Sinnieren \u00fcber die Liebe wie \u00fcberfl\u00fcssige Selbstbespiegelung\u201c. Mitgutschs W\u00e4rme f\u00fcr die innere und \u00e4u\u00dfere Begrenztheit der verletzten Menschen ist bemerkenswert. Selbst f\u00fcr die bodenst\u00e4ndige Berta schimmert Verst\u00e4ndnis durch, Theos zweiter Frau, die seine Tochter aus erster Ehe von ihm fort dr\u00e4ngte, mit ihrer \u201eEifersucht, die wie alles bei ihr, direkt, handfest, unverh\u00fcllt\u201c war.<\/p>\n<p>Mitgutschs Figuren sind oft unterwegs, wenn auch selten freiwillig. Bei Theo war es einst nicht Flucht, sondern sein soldatischer Irrweg mit der Deutschen Kriegsmaschinerie in den Osten. Seine Tochter Frieda ist die hartn\u00e4ckige Spurensucherin, nach \u201eseiner Geschichte, ihrer Vorgeschichte\u201c. Nachdem Berta die illegal arbeitende Mila von Theo weg- und zur\u00fcck in die Ukraine getrieben hat, bittet Theo seine Tochter, Mila in ihrem Heimatdorf aufzusp\u00fcren und zu ihm zur\u00fcckzubringen. Frieda macht sich auf die Reise, begleitet von Edgar, ihrem platonischen Lebensfreund und heimlich gew\u00fcnschten Liebhaber, einem stillen Einzelg\u00e4nger. An \u201eein Echo meiner lebenslangen Sehnsucht zu reisen und nie anzukommen\u201c, erinnert sich Frieda an die seltene kindliche Geborgenheit einer winterlichen Schlittenfahrt mit ihrem Vater. Dessen Auftrag ist f\u00fcr sie auch die Chance, sich nochmals an seine soldatische Vergangenheit zu heften, umso mehr, als er ihr \u00fcberraschend sein Kriegstagebuch mit auf den Weg gibt. Als Verm\u00e4chtnis? Als Offenbarung? \u201eIch wollte freigesprochen werden von seiner Schuld\u201c, hofft Frieda. In wunderbare, knappe S\u00e4tze wie diese packt Mitgutsch all den Zwiespalt ihrer Figuren. Doch \u201ees gelingt mir nicht, in die Gedanken jenes jungen Mannes zu schl\u00fcpfen\u201c. Bis zum Schluss wird Frieda nicht erfahren, was Theo w\u00e4hrend seiner Kriegsjahre im Osten alles erlebt und getan hat. \u201eEs m\u00fcsste viel mehr W\u00f6rter zwischen schuldig und unschuldig geben\u201c, meint Edgar tr\u00f6stend. Auch er findet die verwischten Spuren der Familie seiner j\u00fcdischen Mutter nicht. Und Mila kehrt nicht mit ihnen zu Theo zur\u00fcck, sondern will endlich ihr eigenes Leben in der Ukraine leben.<\/p>\n<p><strong>Mehr als die Summe ihres Scheiterns<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um die gro\u00dfen universellen Fragen &#8211; Liebe, wenn auch durchwegs nicht gelebter Liebe, Alter, R\u00fcckschau, Schuld, Lebensweisheit, Verg\u00e4nglichkeit, ein Hauch Vergeblichkeit. Doch die Autorin ist keine Verwalterin literarischer Klugheit. Obwohl die einzelnen Protagonisten kaum zueinander finden: sie sind mehr als die Summe ihres Scheiterns. Der Leser begegnet ihnen auf Augenh\u00f6he, und erlebt dabei immer wieder Momente sprachlicher Mitgutsch-Magie.<\/p>\n<p>Der Titel \u201eAnn\u00e4herung\u201c deutet an, dass diese zwar nicht das ersehnte Ziel darstellt &#8211; so dieses je erreicht werden k\u00f6nnte. Doch endet der Roman, ohne zu viel zu verraten, mit einer Hinwendung. \u201eWir haben uns so lange nicht gesehen\u201c, sagt Frieda nach Theos Tod am Telefon zu ihrer Tochter. \u201eDas wird sich jetzt \u00e4ndern\u201c, lautet deren Antwort. Und das ist der vers\u00f6hnliche letzte Satz des Buches.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anna Mitgutsch<\/p>\n<p>Die Ann\u00e4herung<\/p>\n<p>Roman. 448 S., geb., \u20ac 23,70 (Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Mitgutschs &#8222;Ann\u00e4herung&#8220; Leere, die alle W\u00f6rter l\u00f6scht \u00dcber die Liebe und die letzten Dinge Die Presse, M\u00e4rz 2016<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1709"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1709"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1716,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1709\/revisions\/1716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}