{"id":172,"date":"2010-01-01T16:00:11","date_gmt":"2010-01-01T16:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=172"},"modified":"2014-09-06T08:13:26","modified_gmt":"2014-09-06T08:13:26","slug":"sprachspalterei-in-absurdistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=172","title":{"rendered":"Sprachspalterei in Absurdistan"},"content":{"rendered":"<p>Burmas Vertreibung aus dem Orwell&#8217;schen Paradies<\/p>\n<h3>Sprachspalterei in Absurdistan<\/h3>\n<p>Der Standard, Juli 2008<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Burmas Vertreibung aus dem Orwell&#8217;schen Paradies Oder: Sprachspalterei in Absurdistan. Wie eine Milit\u00e4rdiktatur die Welt nicht nur politisch zum Narren h\u00e4lt<\/h3>\n<p>Von der im W\u00fcrgegriff erstickten Safranrevolution bis zur j\u00fcngsten Zyklonkatastrophe: Die verst\u00e4rkte Berichterstattung \u00fcber das vielfach gepeinigte s\u00fcdostasiatische Land hat vielerorts, auch im\u00a0<a href=\"http:\/\/derstandard.at\/r1249\">ORF<\/a>\u00a0in verzerrter Aussprache, zur Bezeichnung &#8222;Myanmar, das fr\u00fchere Burma&#8220; gef\u00fchrt. der Standard ist eine der r\u00fchmlichen Ausnahmen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-665\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010307-1024x768.jpg\" alt=\"P1010307\" width=\"576\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010307-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010307-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010307.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/>Seit 1962 knechten Milit\u00e4rs das Land &#8211; und halten auch die Welt mit kosmetischen oder absurden Reformen zum Narren, siehe das j\u00fcngste &#8222;Verfassungsreferendum&#8220;. 1987 f\u00fchrten die Machthaber \u00fcber Nacht neue Geldnoten ein, erkl\u00e4rte die alten f\u00fcr wertlos &#8211; und vernichteten so alle Ersparnisse der Bev\u00f6lkerung, was eine kurze Demokratierevolte ausl\u00f6ste. Nach der blutigen Niederschlagung sollte 1989 eine Kommission Orts- und Landesnamen anpassen &#8211; weg von kolonialen Namen hin zur lokalen Aussprache. Grunds\u00e4tzlich kein illegitimes Unterfangen, nicht un\u00e4hnlich den \u00c4nderungen in China (Peking\/Bejing) oder in Indien (Calcutta\/Kolkata). Namen aus sehr unterschiedlichen Sprach-, und Schriftsystemen bringen immer Transkriptionsprobleme. Stets wird nur eine ann\u00e4hernd korrekte Lautfolge wiedergegeben. Die burmesischen &#8222;Sprachkommissare&#8220; waren Offiziere und Beamte des Milit\u00e4rregimes, keine unabh\u00e4ngigen Experten oder Linguisten.<\/p>\n<h5>Groteske Begr\u00fcndung<b>\u00a0<\/b><\/h5>\n<p>Als die Regierung im Juni 1989 das neue Myanmar der erstaunten internationalen \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentierte, wurde als grotesk unversch\u00e4mte Begr\u00fcndung der \u00c4nderung angegeben, der Landesname solle auch die &#8211; traditionell aufst\u00e4ndischen &#8211; nationalen Minderheiten einschlie\u00dfen. Ein Argument, das Oppositionsf\u00fchrerin Aung San Suu Kyi sofort als scheinheilig brandmarkte: Myanmar oder Burma &#8211; beide Schreibweisen beziehen sich auf das Mehrheitsvolk der Burmesen, keine inkludiert die zahlreichen nationalen Minderheiten wie die Shan, Karen, Mon etc.<\/p>\n<p>Die einzigen Minderheitenrechte im Land bleiben die der herrschenden Milit\u00e4rs. Dennoch \u00fcbernahmen die UNO (ein Burmese, U Thant, war 1961-1971 der dritte UN-Generalsekret\u00e4r) und viele Medien den neuen Namen unkritisch nicht nur im Englischen, sondern auch in anderen Sprachen wie eben Deutsch.<\/p>\n<p>Eine Sprachspalterei, Orwell&#8217;scher Newspeak der Milit\u00e4rs, heute nur mehr von Nordkorea \u00fcbertroffen (George Orwell, scharfsichtiger Zeitzeuge, hat \u00fcbrigens, wie prophetisch, pr\u00e4gende Jahre als britischer Kolonialoffizier in Burma verbracht). Tatsache ist: Myanmar hat den gleichen Ursprung wie Burma (in deutschen Medien meist Birma), und wird in der Landessprache auch faktisch gleich ausgesprochen:<\/p>\n<p>Sowohl das B als auch das M sind im Birmanischen Lippenlaute, die in lokalen Dialektformen flie\u00dfend ineinander \u00fcbergehen, wobei im &#8222;Hochburmesischen&#8220; ein ann\u00e4herndes M der elegantere Laut gegen\u00fcber dem B der Alltagssprache ist. Das Y ist selbstverst\u00e4ndlich nicht der bei uns gebr\u00e4uchliche \u00dc-Laut, sondern eher ein I, die Lautfolge AN ist ein nasales A, und das End-R ist stumm bzw. dr\u00fcckt &#8211; entsprechend der englischen Oxford-Orthografie &#8211; mit einem vorangehenden Selbstlaut nur dessen Verl\u00e4ngerung aus. Das AR in Myanmar ist also ein langes (englisches!) A. (Ein R ist im Burmesischen nicht mehr existent &#8211; und kann in Ostasien vielerorts gar nicht ausgesprochen werden: Wir erinnern uns an &#8222;L\/R&#8220;-Verwechslungen und entsprechend billige Witze). Die burmesische Hauptstadt hei\u00dft daher auch offiziell Yangon statt Rangun &#8211; was sich aber in der Berichterstattung im Gegensatz zum &#8222;neuen&#8220; Landesnamen kaum durchgesetzt hat. Dieser lautet &#8211; in deutscher Lautfolge halbwegs wiedergegeben &#8211; auf &#8222;Hochburmesisch&#8220; in etwa Mi\u00e4m\u00e4\u00e4, umgangssprachlich eher B\u00e4m\u00e4\u00e4.<\/p>\n<p>Einem selbstbewussten Staat f\u00e4llt kaum ein, zu dekretieren, wie er in anderen Sprachen hei\u00dfen soll. L\u00e4nder haben in unterschiedlichen Sprachen mannigfache Namen. Es w\u00fcrde uns l\u00e4cherlich anmuten, wenn Tokio pl\u00f6tzlich verk\u00fcndete, dass Japan nur mehr Nippon ist. Dass Finnland in allen Sprachen Suomi hei\u00dfen sollte, Ungarn Magyarorsz\u00e1g, Griechenland Hellas oder \u00d6sterreich nie Austria, Autriche, Au, Nemsa (auf Arabisch) etc. Die Liste k\u00f6nnte endlos fortgesetzt werden.<\/p>\n<p>Auch wenn man Sensibilit\u00e4ten einst kolonialisierter V\u00f6lker in Betracht zieht: Wer bei uns wei\u00df schon, dass etwa \u00c4gypten auf Arabisch Misr hei\u00dft? Die dort lebenden Menschen haben andere Probleme. Sogar ein neues Staatsgebilde wie Montenegro besteht im Ausland nicht auf der Eigenbezeichnung Crna Gora, Albanien nicht auf Shqiperia.<\/p>\n<h5>Der Opposition vertrauen<b>\u00a0<\/b><\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-745\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03283-1024x768.jpg\" alt=\"DSC03283\" width=\"553\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03283-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03283-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03283.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/>Reisenden erscheint das isolierte Burma oft als Relikt eines andernorts l\u00e4ngst untergegangenen S\u00fcdostasien, wie es sich einem Somerset Maugham einst pr\u00e4sentiert haben mag. Bis pl\u00f6tzlich, abseits touristischer Routen hinter einer Stra\u00dfenbiegung Bataillone aneinandergeketteter Gefangener beim Stra\u00dfenbau die Idylle tr\u00fcben. Wie sollte also das Orwell&#8217;sche Paradies auf Deutsch hei\u00dfen? Myanmar, Birma, Burma? Eine nebens\u00e4chliche Frage des Geschmacks (im Adjektiv myanmarisch statt birmanisch oder burmesisch?), der Gewohnheit, ein Dilemma politischer Korrektheit?<\/p>\n<p>Vorgebliche Minderheitenrechte hin oder her &#8211; Burmas Milit\u00e4rregime hat den Landesnamen nur im Englischen, nicht im Burmesischen selbst &#8222;ge\u00e4ndert&#8220;. Aung San und mit ihr die Opposition im Inland &#8211; soweit nicht mundtot gemacht &#8211; wie auch im Exil spricht weiter von Burma. Sie lehnen den &#8222;neuen&#8220; Landesnamen, als von oben \u00fcber eine sprachlose Bev\u00f6lkerung dekretiert, schlicht ab. Auch die internationalen Medien sollten sich nicht l\u00e4nger ein M f\u00fcr ein B vormachen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Burmas Vertreibung aus dem Orwell&#8217;schen Paradies Sprachspalterei in Absurdistan Der Standard, Juli 2008<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=172"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":934,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions\/934"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}