{"id":1726,"date":"1998-06-10T21:05:35","date_gmt":"1998-06-10T21:05:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1726"},"modified":"2019-10-24T21:46:00","modified_gmt":"2019-10-24T21:46:00","slug":"1726","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1726","title":{"rendered":"Der Aufstieg Chinas in Afrika"},"content":{"rendered":"<p>Afrika wird als Kontinent der Katastrophen und Entwicklungshilfe wahrgenommen<\/p>\n<h3>Erwachende L\u00f6wen<\/h3>\n<p>F\u00fcr Peking ist es ein Kontinent der Gesch\u00e4fte: trotz Rohstoffpreisverfall boomten zuletzt etliche L\u00e4nder. Europa ist mit sich selbst besch\u00e4ftigt und wirkt ratlos<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2016<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir wissen um die Macht von Bildern<\/strong>. Auf einer virtuellen Weltkarte unserer Projektionen und \u00c4ngste bestimmten einst Hungersn\u00f6te die Vorstellung vom \u201eSchwarzen Kontinent\u201c, heute Ebola und Boko Haram, bestenfalls noch tanzende Einheimische und ein bisschen Massai-Mara-Romantik \u00e0 la Jenseits von Afrika. Der Kontinent \u201ewird im Westen meist als Versager in der Entwicklungspolitik und als ein permanentes humanit\u00e4res Operationsgebiet abgehandelt\u201c, bedauert Georg Lennkh, Pr\u00e4sident von CARE \u00d6sterreich. Spendenorganisationen setzen begreiflicherweise oft auf Emotionen. Doch die Dramatisierungsfalle des K-Faktors \u2013 Krisen, Katastrophen, Kriege, Kindersoldaten, Kriminalit\u00e4t, Krankheiten, Korruption &#8211; l\u00e4sst wenig Differenzierung zu. F\u00fcr 33 L\u00e4nder ist ein deutscher Afrikakorrespondent im Schnitt zust\u00e4ndig. Ein Drittel der L\u00e4nder, \u00fcber die er berichtet, wird er nie bereisen. Afrika, gr\u00f6\u00dfer als Europa, China, Indien, Japan und die USA zusammen, ist vielf\u00e4ltig &#8211; unsere Bilder sind oft einseitig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC05379.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1954\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC05379-1024x768.jpg\" alt=\"DSC05379\" width=\"805\" height=\"604\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC05379-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC05379-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC05379.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 805px) 100vw, 805px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>\u00dcberholte und einseitige Afrika-Bilder<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Afrika als Betreuungsfall?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der brutalen Kolonialgeschichte und dem eklatanten Wohlstandsgef\u00e4lle war Entwicklungszusammenarbeit f\u00fcr Europa ein moralischer Imperativ. Engagierte und kompetente Expertinnen von Hilfsorganisationen leisteten \u00fcber Jahrzehnte hervorragende Arbeit. Doch rasante Fortschritte wurden in Asien erzielt, kaum in Afrika, dem Hauptempf\u00e4nger von Entwicklungsgeldern: seit 1960 die Summe von sechs Marshallpl\u00e4nen, stellt der kritische Ghanaer George Ayittey fest. Die Stimmen europ\u00e4ischer Skeptiker wie Volker Seitz (&#8222;Afrika wird armregiert&#8220;), aber vor allem afrikanischer Kritiker wie Axelle Kabou (\u201eWeder arm noch ohnm\u00e4chtig\u201c) aus Kamerun, Dambisa Moyo (\u201eDead Aid\u201c) aus Sambia oder James Shikwati (\u201eFehlentwicklungshilfe\u201c) aus Kenia \u00e4hnelten einander in zentralen Punkten: Nach zwei Billionen Dollar an Entwicklungsgeldern stand Afrika schlechter da als zu Beginn der \u201cAlmosenindustrie\u201d. Der Kontinent bewege sich in einem Hamsterrad aus Abh\u00e4ngigkeit und Korruption.<\/p>\n<p><strong>China<\/strong><\/p>\n<p>Der Flughafen von \u00c4thiopiens Hauptstadt Addis Abeba in den Abendstunden: Der Transitbereich scheint aus den Stahln\u00e4hten zu platzen. Nicht Afrikaner sind in der Mehrzahl, nicht Europ\u00e4er, sondern Asiaten. Im Viertelstunden-Takt heben Maschinen nach Beijing, Shanghai, Mumbai oder Guangzhou ab. 2\u2005500 chinesische Firmen sind in Afrika aktiv, 150 Milliarden Dollar hat Peking investiert, \u00fcber eine Million Chinesen bauen Stra\u00dfen, Eisenbahnen, machen Gesch\u00e4fte. Europas Anteil an Afrikas Au\u00dfenhandel \u2013 Anfang der 90er Jahre noch bei 60% &#8211; hat sich halbiert. L\u00e4ngst hat uns China \u00fcberholt: Das Volumen seines G\u00fcteraustauschs mit Afrika ist binnen 15 Jahren von zehn Milliarden U$ auf 200 Milliarden explodiert.<\/p>\n<p><strong>Expansionismus? Neokolonalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Pekings kometenhafter Aufstieg ist ein entwicklungspolitisches Reizthema: ganze L\u00e4nder rei\u00dfe sich China unter den Nagel und agiere als egoistischer Ressourcensicherer, inklusive \u201eLand Grabbing\u201c: Ackerland werde einheimischen Bauern entzogen und treibe diese in die Slums der St\u00e4dte. \u201eSpektakul\u00e4r \u00fcbertrieben oder \u00fcberhaupt falsch\u201c, sagt Deborah Brautigam. In \u201eWill Africa Feed China?\u201c bezeichnet die Autorin entsprechende Meldungen als hartn\u00e4ckige Internet-Mythen. Gerade einmal 2500 km\u00b2 habe China erworben. Dabei k\u00f6nne Afrika asiatische Erfahrungen gut gebrauchen: Thailand allein exportiert mehr Agrarprodukte als ganz Subsahara-Afrika zusammen. Als habe die gr\u00fcne Revolution nie stattgefunden, betreibe Afrika Subsistenzlandwirtschaft. Und diese ist etwa D\u00fcrren wie der derzeitigen oft hilflos ausgeliefert.<\/p>\n<p>Noch vor 20 Jahren war der Westen wichtigster Projektansprechpartner Afrikas. Heute thematisiere das Feuilleton europ\u00e4ischer Medien wie ein Mantra das Ende des Kapitalismus, statt seine Erfolge und M\u00f6glichkeiten zu diskutieren, w\u00e4hrend immer mehr L\u00e4nder auf Marktwirtschaft setzen, bedobachtet Hans Stoisser, Entwicklungsexperte mit jahrzehntelanger Afrika-Erfahrung: Die Entwicklungszusammenarbeit sei die letzte Bastion der Planwirtschaft. Private Investoren schauen genauer, was mit ihrem Geld geschieht als Staaten, die gegen\u00fcber ihren Steuerzahlern selten nachweisen k\u00f6nnen, dass die moralisch gerechtfertigte Hilfe auch tats\u00e4chlich nachhaltig ist. Obwohl wir Chinas Waren als Billigprodukte verachten: Flip-Flops sch\u00fctzen Kinder- wie Erwachsenenf\u00fc\u00dfe, Plastikeimer erleichtern Frauen den Wassertransport. Und: Europas Exporte waren l\u00e4ngst nicht immer Top. Wer heute von Afrikas Entwicklung spricht, spricht von China. Mehrere spannende B\u00fccher greifen das auf.<\/p>\n<p><strong>Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Eindringliche Bilder von afrikanischem Elend dokumentieren vermeintlich negative Konsequenzen der Globalisierung. Filme zeigen, dass wir saturierte Wohlstandsb\u00fcrgerinnen hungernden Menschen am Victoriasee die letzten Barsche wegessen. F\u00fcr Hans Stoisser sind Schwarzmaler wie der Schweizer Soziologe Jean Ziegler die perfekte Besetzung quotenbringender Talkrunden. Er appelliere an unser schlechtes Konsumenten-Gewissen: Afrikaner sind Ausbeutungsopfer multinationaler Konzerne und ihrer lokalen Helfershelfer. Zieglers Botschaften f\u00f6rdern unser Gef\u00fchl, dass alles immer schlechter w\u00fcrde &#8211; und nicht die Tatsache, dass globale Arbeitsteilung hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt hat.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach Schuldigen geraten Ursache und Wirkung durcheinander. Afrikanische Slums explodierten, weil die Bev\u00f6lkerung dank besserer Gesundheit exponentiell gewachsen ist und die traditionelle Wirtschaft eine wachsende Bev\u00f6lkerung nicht aufnehmen kann. \u201eWir glauben, mit Slogans wie &#8218;Lokal statt Global&#8216; die komplexen Herausforderungen unserer Zeit bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen\u201c, warnt Stoisser in seinem Buch \u201eDer schwarze Tiger\u201c.<\/p>\n<p>Afrika war nicht wegen der Globalisierung arm, sondern weil der Welthandel am Kontinent vorbeifloss. Sein Anteil lag 1948 bei 7,4%, sechzig Jahre sp\u00e4ter nur noch bei 2%, ohne Nord- und der Republik S\u00fcdafrika bei nur 0,8%. Und Afrika war in der Rohstofffalle gefangen: Einseitige Ressourcensch\u00fcrfung hie\u00df Bereicherung lokaler Eliten und wirtschaftliche Stagnation. Als Investitionsstandort war Afrika lange wenig attraktiv. \u201eOhne Arbeitsm\u00f6glichkeiten wandern die wenigen gut Ausgebildeten ab\u201c, klagte Liberias Pr\u00e4sidentin Johnson Sirleaf, \u201egerade in jene L\u00e4nder, die am Welthandel teilnehmen\u201c.<\/p>\n<p>Klar \u2013 Peking stillt seinen Rohstoffhunger, will Absatzm\u00e4rkte schaffen und inszeniert sich als weise Weltmacht. Afrikaner nehmen die Angebote gerne auf, statt sich von Europas Vorschriften nerven zu lassen. Die Region schlug sich gut, als der Finanzkrise weltweit ein R\u00fcckgang internationaler Investitionen folgte: Zwischen 2000 und 2014 stiegen sie in Afrika von 4,7 Milliarden auf 30,5 Milliarden Euro. Wenn China breit angelegt auch in Afrikas Industrie investiert, wittern Kritiker rasch neue Umweltdesaster, Lohndumping, Kinderarbeit. Doch Abschottung festigt archaische Strukturen.<\/p>\n<p>Europa sei bei Afrikas Innovationsschub zu z\u00f6gerlich, meint Christian Hiller von Gaertringen, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor von \u201cAfrika ist das neue Asien. Ein Kontinent im Aufschwung\u201c. Von deutschen Exporten 2013 in H\u00f6he von 1,1 Billionen Euro landeten nur 2% in Afrika, die H\u00e4lfte davon in S\u00fcdafrika. Mit Anlagen und nachhaltigem Knowhow etwa bei Wasser, Abwasser, M\u00fcll, Energie h\u00e4tten die \u201eHidden Champions\u201c Riesenchancen: die mitteleurop\u00e4ischen, auch \u00f6sterreichischen Klein- und Mittelbetriebe mit ihrer Wertsch\u00e4tzung von Mitarbeitern und Kunden. &#8222;Ich bin traurig, dass Australien und Neuseeland, die so weit von Europa entfernt sind, jeweils mehr nach Europa exportieren als alle afrikanischen L\u00e4nder zusammen. Dabei sind wir Nachbarn&#8220;, erg\u00e4nzt Monty Jones, afrikanischer Vertreter bei einem europ\u00e4ischen Wirtschaftsforum.<\/p>\n<p><strong>Schwarze Tiger<\/strong><\/p>\n<p>China ist der gr\u00f6\u00dfte Akteur in Afrika, gefolgt von Brasilien, Indien, der T\u00fcrkei und Asiens S\u00fcdosten. Unternehmen aus diesen Schwellenl\u00e4ndern erarbeiten vor Ort innovative Software- und Kommunikations-L\u00f6sungen. Einstige Krisenstaaten wie \u00c4thiopien, Mosambik oder Ruanda z\u00e4hlen zu den erfolgreichsten. \u201eEine kritische Masse von L\u00e4ndern hat die Wirren der Entkolonialisierung \u00fcberwunden\u201c, sagt Stoisser. F\u00fcr Ghana, \u00c4thiopien und Ruanda prognostiziert die OECD Wachstumsraten von 8 bis 10% j\u00e4hrlich, wie in den Boom-Jahren der asiatischen Tigerstaaten. Junge afrikanische L\u00f6wen beginnen, die Tiger zu jagen.<\/p>\n<p>Lange verfemte Unternehmungsgr\u00fcndungen wurden leichter. \u201eIn vielen L\u00e4ndern wurden One-Stop-Shops zur Erledigung der Anmeldeformalit\u00e4ten geschaffen\u201c, beobachtet Stoisser. Neue Technologien \u00fcberspringen eine Generation und \u201ekatapultieren afrikanische Gesellschaften in die Moderne\u201c. Afrika hat heute 700 Millionen Mobiltelefonanschl\u00fcsse, bei 900 Millionen Einwohnern \u2013 und drei Viertel verwenden die Ger\u00e4te f\u00fcr neue Leistungen wie mobiles Bankwesen, das zum virtuellen \u201eSchmier\u00f6l f\u00fcr Klein- und Mittelunternehmer in Afrika\u201c werde. Das vor Ort mitentwickelte Mobil-Zahlungssystem M-Pesa revolutionierte das Leben vieler Kenianer und wird zum Export-Hit. M-Farm bringt Informationen \u00fcber Marktpreise in Echtzeit bis in die D\u00f6rfer. High-Tech-St\u00e4dte entstehen, vernetzte Produktionsketten, konsumorientierte Mittelschichten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC02941.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1732\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC02941-1024x768.jpg\" alt=\"DSC02941\" width=\"469\" height=\"352\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC02941-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC02941-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/1998\/06\/DSC02941.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><\/a>\u201eSilicon Savannah\u201c wird Kenias Tech-Hub genannt. \u201eAfrika hat das Potenzial, eine der dynamischsten Wirtschaftszonen der Welt zu sein. Sechs der zehn wachstumsst\u00e4rksten L\u00e4nder der Erde liegen in Afrika\u201c, meinen auch Andreas und Frank Sieren in ihrem Fakten- und Anekdotenreichen Buch \u201cDer Afrika-Boom\u201d. Die Menschen seien jung und immer besser ausgebildet.<\/p>\n<p>Die Informationstechnologie sei zwar ein Beschleuniger, relativiert ein Weltbank-Bericht Anfang 2016 \u00fcberschie\u00dfenden Cyber-Utopismus, aber keine Abk\u00fcrzung zur Entwicklung. Auch h\u00f6chst dubiose Gesch\u00e4ftspraktiken werden erleichtert. Das Internet kann einen Industrialisierungsschub, Bildung und Institutionen nicht ersetzen. Neben Eigenverantwortung braucht Afrika weiters saubere, durchsetzungsstarke Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Peking investiert in marode Infrastruktur. Das liegt im Interesse Afrikas, nicht nur seiner Eliten. Durch Erleichterung beschwerlicher Grenz\u00fcbertrittverfahren k\u00f6nnte auch der unterentwickelte innerafrikanische Warenaustausch wachsen: der Transport eines Containers vom kenianischen Mombasa nach Europa ist zehn Mal billiger als der Transport dieses Containers ins Nachbarland Uganda.<\/p>\n<p><strong>Herausforderungen<\/strong><\/p>\n<p>Doch l\u00e4ngst l\u00e4uft nicht alles rund. Es gibt sie weiter, von ethno-religi\u00f6sen Konflikten zerrissene Regionen, von Mali \u00fcber Nigeria, den Sudan bis nach Somalia. Die Krisenl\u00e4nder \u201erepr\u00e4sentieren nur mehr 8% der Wirtschaftsleistung Subsahara-Afrikas, sind aber f\u00fcr 90% der Schlagzeilen in Europas Medien verantwortlich\u201c, meint Stoisser. Doch Rechtsunsicherheit und endemische Korruption bremsen auch andernorts den Aufschwung und f\u00f6rdern Ungleichheit. Fehlgeleitete Politik wie in Simbabwe schafft sogar neues Elend. \u201eTrotz des Wachstums der letzten zehn Jahre\u201c, zitiert Afrika-Experte Georg Lennkh den britischen Economist, \u201ewar es nicht m\u00f6glich, gen\u00fcgend Arbeitspl\u00e4tze in der formellen Wirtschaft zu schaffen.\u201c Noch befeuert Peking die Weltwirtschaft. Doch die China- und Schwellenl\u00e4nder-Krise und der Rohstoffpreisverfall haben auch afrikanische L\u00e4nder auf dem falschen Fu\u00df erwischt: Exporte und Investitionen brechen ein.<\/p>\n<p>Bildungsr\u00fcckstand, Gesundheit und sozialer Zusammenhalt sind weder durch Spenden noch durch ungez\u00fcgelte Marktkr\u00e4fte allein erreichbar. Statt nur Unternehmensgewinnstreben als Antrieb der Wirtschaft zu sehen, schreibt Stoisser, w\u00e4re wieder verst\u00e4rkt der \u201eKundennutzen\u201c in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, zum Vorteil der Gesellschaft als Ganzes.<\/p>\n<p><strong>Von Hybris und Selbstzweifel&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Sicherheitspolitische Herausforderungen r\u00fccken an Europa heran. Zwar gingen nach der Finanzkrise mit 100 000 Portugiesen vor\u00fcbergehend mehr Gastarbeiter in neureiche \u00d6ll\u00e4nder wie Angola als umgekehrt. Doch mit der neu entfachten Migration \u00fcber das Mittelmeer erscheint Europa trotz Aktions- und neuen alten Entwicklungsgeldpl\u00e4nen bei Gipfeltreffen ein bisschen hilflos, oder antwortet mit Abschottung. Eine \u201eKakophonie, ein Mangel an gemeinsamen Zielen und geteiltem Ehrgeiz\u201c zitiert Stoisser aus einer Analyse des Thinktanks \u201eEuropean Council on Foreign Relations\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u2026 des Europ\u00e4ischen Patienten &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Es ginge nur um Geld, nicht um Werte, monieren Kritiker asiatischer Erfolge vor Ort. W\u00e4hrend die Afrikanische Union die EU zum Vorbild hat, besch\u00e4ftigt sich Europa mit seiner Befindlichkeit und f\u00fchlt sich in der Krise: erst die Wirtschaft, bald der Zusammenhalt Nord-S\u00fcd, die W\u00e4hrung, dann Ukraine-Russland, nun die Migration und allerlei nationale Egoismen. Zyniker meinen, Europas Leuchten in der Welt als Kontinent von Wohlstand und Werten wie Demokratie, Liberalit\u00e4t, Solidarit\u00e4t und Menschenrechten sei wie ein Stern, der noch aus der Ferne leuchte, w\u00e4hrend er in Realit\u00e4t schon schrumpfende Schlacke sei. Zugegeben: Europa hat in letzter Zeit kein vorteilhaftes Bild abgegeben. Doch kein Kontinent gei\u00dfelt sich so sehr wie Europa.<\/p>\n<p>Auch im Bereich der Ideen wendet sich Afrika von Europa ab- und Asien zu. Der Demokratieschub der 1990er ist gebremst. Gerade Booml\u00e4nder wie \u00c4thiopien oder Ruanda lieb\u00e4ugeln mit dem chinesischen Entwicklungsmodell, das europ\u00e4ische Demokratie-Standards ignoriert. Peking ist naturgem\u00e4\u00df erfreut, Menschenrechtsorganisationen sind es weniger.<\/p>\n<p><strong>\u2026 zu Europas Aufgaben und Optionen<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur globale Warenstr\u00f6me, auch universelle Werte m\u00fcssten die Modernisierung pr\u00e4gen, Rechtsstaatlichkeit, eine freie Zivilgesellschaft, ist Stoisser \u00fcberzeugt. Ethik und entsprechende Politik h\u00e4tten nicht ausgedient \u2013 doch m\u00fcsse der Dialog auf Augenh\u00f6he stattfinden. L\u00e4ngst seien es Afrikaner leid, infantilisierte Opfer zu sein. Doch f\u00fcr eine faire Entwicklung helfen Verzerrungen im Welthandelssystem wie etwa europ\u00e4ische Agrarsubventionen kaum.<\/p>\n<p>Die Bedeutung wachsender Volkswirtschaften f\u00fchrt bereits zu einem verst\u00e4rkten Erfahrungsaustausch S\u00fcd-S\u00fcd. \u201eThe white man\u2019s burden\u201c wird weiter abnehmen &#8211; was uns freilich nicht unsere politische, technische und finanzielle Mitverantwortung f\u00fcr globale Herausforderungen wie etwa den Klimawandel abnimmt. Auch bei Migration oder Konfliktl\u00f6sung \u2013 Stichwort Staatenzerfall an Europas S\u00fcd- und S\u00fcdostflanke &#8211; ist die Zusammenarbeit mit Afrika unabdingbar. Milit\u00e4rische Interventionen allein sichern keinen Frieden.<\/p>\n<p>Alle erw\u00e4hnten Autoren setzen mit ihrem Afrika-Optimismus einen erfrischenden Kontrapunkt zu verbreiteter Schwarzseherei, auch wenn sie etwas einseitig wirtschaftliche Wachstumsraten preisen: markige Titel sind leichter verk\u00e4uflich als ausgewogene Botschaften. Besonders Hans Stoissers auf jahrzehntelanger Afrika-Erfahrung fu\u00dfenden Analysen aber sind eine auch f\u00fcr Laien spannende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Hans Stoisser<br \/>\nDer schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen k\u00f6nnen<br \/>\nK\u00f6sl Verlag Random House 2015<br \/>\n207 Seiten, 18.50 Euro<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Christian Hiller von Gaertringen<br \/>\nAfrika ist das neue Asien. Ein Kontinent im Aufschwung<\/p>\n<p>Hoffmann und Campe 2014<br \/>\n288 Seiten, 22.60 Euro<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Andreas Sieren, Frank Sieren<br \/>\nDer Afrika-Boom<br \/>\nCarl-Hanser-Verlag, M\u00fcnchen 2015<br \/>\n300 Seiten, 22.60 Euro<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>JourAfrica<br \/>\nhttps:\/\/journafrica.de\/<br \/>\nDeutschsprachiges Onlinemagazin afrikanischer Journalisten und Fotografen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Afrika wird als Kontinent der Katastrophen und Entwicklungshilfe wahrgenommen Erwachende L\u00f6wen F\u00fcr Peking ist es ein Kontinent der Gesch\u00e4fte: trotz Rohstoffpreisverfall boomten zuletzt etliche L\u00e4nder. Europa ist mit sich selbst besch\u00e4ftigt und wirkt ratlos Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2016<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1726"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1726"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1726\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1966,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1726\/revisions\/1966"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}