{"id":1738,"date":"1996-07-04T23:34:04","date_gmt":"1996-07-04T23:34:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1738"},"modified":"2016-08-16T20:48:02","modified_gmt":"2016-08-16T20:48:02","slug":"endzeit-oder-deja-vu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1738","title":{"rendered":"1956 &#8211; was uns die Geschichte lehrt &#8211; und was nicht"},"content":{"rendered":"<p>Krisenzeiten: wir empfinden sie als singul\u00e4r, und graben doch hilfesuchend nach Parallelen in der Geschichte<\/p>\n<h3>1956 &#8211; was uns die Geschichte lehrt &#8211; und was nicht<\/h3>\n<p>Die Presse, Juni 2016<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Wir f\u00fchlen uns in einem Zeitalter des Epilogs und<\/span><b> <\/b><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">m\u00e4andern zwischen Desillusionierung, Furcht und Ersch\u00f6pfung. Migration, Umwelt, Klima, Wirtschaftseinbr\u00fcche, Politikversagen, Terror: Einmal empfinden wir die H\u00e4ufung von Krisen als noch-nie-dagewesen und entwerfen Szenarien vom Untergang der EU, Europas, ja des Abendlandes. Dann wieder graben wir nach Parallelen in der Vergangenheit und bedienen uns f\u00fcr Halt, Trost und Erkl\u00e4rungen aus dem Steinbruch der Geschichte. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Gedenkjahre wie 1914 oder 1945 f\u00fcllen B\u00fccherregale, helfen aber selten weiter. Manche Jahre sind weniger \u201erund\u201c, etwa 1956, bei uns durch die Ungarn-Krise pr\u00e4sent. Bald werden wir den 60. Jahrestag unserer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit in damals eigener Armut feiern, und unsere heutige reiche Hartherzigkeit gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen beklagen. Unsere Erinnerung ist nicht von au\u00dfen gef\u00e4lscht, eher von innen zurechtgebogen. Die Ungarn einst wurden durchgewunken, von 200 000 blieben kaum 18 000. Und rasch war die Grenze &#8211; von der anderen Seite &#8211; mittels Stacheldraht und Minen wieder dicht. \u00dcberforderung kam keine auf. Wir durften uns frei, gut, und gef\u00e4hrdet f\u00fchlen. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><b>Die Wiederkehr des Gleichen?<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Doch jenes Jahr 1956 brachte auch die Suezkrise und einen Nahostkrieg mit Involvierung der Weltm\u00e4chte, wo der Westen nicht geeint auftrat; der Koreakrieg mit Millionen Toten war kaum vorbei; Frankreich war gedem\u00fctigt aus Indochina abgezogen; die USA machten die Dominotheorie zur Maxime ihrer Au\u00dfenpolitik; der Algerienkrieg und die Dekolonialisierung Afrikas \u00e4nderten Europas Selbstverst\u00e4ndnis. Vom Kommunismus f\u00fchlte sich der Westen existentiell bedroht. Wir waren 1956 nicht vom \u00dcberleben unseres freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsmodells \u00fcberzeugt, gar von seinem Sieg. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Revolutionen und B\u00fcrgerkriege ersch\u00fctterten Asien, Afrika und Lateinamerika. Fidel Castro und Che Guevara landeten 1956 in Kuba. Befreiungsbewegungen entwickelten eine magische Anziehungskraft. Klammheimliche H\u00e4me \u00fcber Amerikas naiv-aggressive Au\u00dfenpolitik wurde bei uns fast mehrheitsf\u00e4hig. Dazu kam &#8211; wie auch heute &#8211; eine seltsame Selbstbezichtigung moralischer Schw\u00e4che, obwohl Europa Ziel von Migration ist. Zyniker meinen, unser Kontinent mit Werten wie Demokratie, Solidarit\u00e4t und Menschenrechten w\u00e4re ein Stern, der nur noch aus der Ferne leuchte, w\u00e4hrend er l\u00e4ngst schrumpfende Schlacke sei. Einst koloniale Beherrschung der Welt, heute K\u00e4lte gegen Fl\u00fcchtlinge &#8211; es ist eine seltsame Sache mit der eurozentristischen Hybris, auch als Umkehrbild: Man kann sich auch in scheinbarer Verwerflichkeit einzigartig f\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Im Glorifizieren der Vergangenheit und Schlechtreden der Gegenwart sind wir recht gut. Damals Atom(krieg), heute Klima, damals Kommunismus, heute Islamismus: Aus der Palette unserer \u00c4ngste malen wir die Zukunft in den dunkelsten Farben. Bei der Lekt\u00fcre von <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>1984 <\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">dachten wir als Sch\u00fcler noch: wie absurd. Angesichts Orwellschem <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Newspeak<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">, wo Kriege Friedenseins\u00e4tze hei\u00dfen, Fl\u00fcchtlingskrise nicht Menschen auf der Flucht bedeutet, sondern Krise unseres Gemeinwesens, und wo Willkommensseligkeit unversehens in Rechtsbr\u00fcche kippt, haben Dystopie-Visionen wie jene Boualem Sansals mit seinem Roman <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>2084<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> wieder Konjunktur. Vorbei die Hoffnung nach 1989, als &#8211; etwas verk\u00fcrzt &#8211; Francis Fukuyama ein <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Ende der Geschichte<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> verhie\u00df. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><b>Europas Zerfall in digitale Stammesgesellschaften<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Die Diskussion \u00fcber Migration zwischen Altruismus und kollektivem Egoismus entwickelt sich vom Kampfsport zum verbitterten Ernst, der den Zusammenhalt Europas ersch\u00fcttert. Beim Wort <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Solidarit\u00e4t <\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">wittern Osteurop\u00e4er eine alte sozialistische Propagandaformel. Viele empfinden Deutschlands Forderung nach gesamteurop\u00e4ischer Offenheit gegen\u00fcber Migration als moralischen Imperialismus. Ein <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Wir gegen die Anderen <\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">macht sich breit, und wer nicht mitmachen will, tut sich im Diskurs zunehmend schwer. Angesichts primitiver Reflexe und politisch korrekter Polemiken zwischen vehement eingeforderter Willkommenskultur und rabiater Islamophobie wird die einst breite Mitte auch sprachlich zerrieben. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Wir erleben Alleing\u00e4nge und Separatismen, ein drohendes Zerbrechen der EU, selbst ihrer Werte, und eine Fragmentierung in gleichgesinnte Gruppen. Wir suchen Schuldige; Lagerdenken feiert in \u201esozialen\u201c Netzwerken fr\u00f6hliche Auferstehung, mit Rechthaberei bis zur Paranoia. In den digitalen Stammesgesellschaften wird weniger debattiert als diffamiert und gehasst. <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Mangel an Streitkultur<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> zieht sich als Lamento durch die postmoderne Systemkritik. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i><b>Mangel an Konfliktkultur<\/b><\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><b> als Lamento postmoderner Systemkritik<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Die Aufbruchstimmung 1989 \u00e4hnelte in manchem der <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Stunde Null<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> 1945. Wie auch 1956 sehen wir heute die Hoffnungen auf Friede, \u00dcberwindung der Gewalt und Konfliktl\u00f6sungskompetenz durch EU und Dis-United Nations als nicht erf\u00fcllt. Die Weltordnung war auch 1956 keine festgef\u00fcgte. Es herrschte die Gef\u00fchlslage, in einer unsicheren Zeit zu leben. Doch begannen damals die letztlich erfolgreichen Bewegungen gegen die Rassentrennung in den USA und in S\u00fcdafrika ebenso wie die Entstalinisierung in der UdSSR.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Der Kommunismus ist untergegangen. Doch auch der Traum \u00e0 la Fukuyama von der ultimativen Konvergenz aller globalen Gesellschaften zu freiheitlichen Demokratien ist nicht realisierbar. Selbst das <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Projekt Europa<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> begeistert im Moment kaum die gutwilligsten Zeitgenossen. In einer Welt aus den Fugen wird Politik als hilflose Verwaltung des Untergangs empfunden. Mut gegen <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Zukunftsangst wird allenthalben propagiert.<\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> Nicht naive Heilsversprechungen sind gefragt, sondern Herausforderungen sind zu bew\u00e4ltigen. R<\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">essentimentgeladener, populistischer Aktionismus ist kein Schicksal. <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Gegen Vertrauensverlust und Politikverdrossenheit hilft weniger eine<\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> Lobby- oder plebiszit\u00e4re, sondern eine Beteiligungsdemokratie mit konstruktiven, moderierten Konsultationsverfahren.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Etliche Analogien dr\u00e4ngen sich auf. Manche f\u00fchren in die Irre. H<\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">erbeizitierte historische Vergleiche haben eine Tendenz zum hinken, auch jene mit dem Jahr 1956, als es dank Konjunktur j\u00e4hrlich mehr zu verteilen gab. Doch eine gelassene R\u00fcckschau kann helfen, uns etwas hellsichtiger Fragen zu stellen. Die Geschichte kann eine hervorragende Lehrerin sein. Gute Lehrer sind bekanntlich nicht jene, die uns Fakten einbl\u00e4uen, sondern solche, die genaues Hinsehen schulen, unsere Offenheit und Urteilsf\u00e4higkeit in komplexen Situationen f\u00f6rdern. Konflikte sind Teil der Natur. Wir Menschen haben die M\u00f6glichkeit, sie zu managen, auch solche um Verteilung und soziale Gerechtigkeit. Karl Popper wusste, dass uns nicht Geschichte, Theorien oder Prophezeiungen beherrschen d\u00fcrfen, sondern unser Verstand und unsere Verantwortung.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krisenzeiten: wir empfinden sie als singul\u00e4r, und graben doch hilfesuchend nach Parallelen in der Geschichte 1956 &#8211; was uns die Geschichte lehrt &#8211; und was nicht Die Presse, Juni 2016<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1738"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1738"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1761,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1738\/revisions\/1761"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}