{"id":1752,"date":"2016-07-25T21:30:13","date_gmt":"2016-07-25T21:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1752"},"modified":"2016-12-24T23:03:52","modified_gmt":"2016-12-24T23:03:52","slug":"1984-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1752","title":{"rendered":"1984 reloaded"},"content":{"rendered":"<p>Beklemmende Endzeitvision<\/p>\n<h3>1984 reloaded<\/h3>\n<p>Boualem Sansal entwirft in &#8222;2084&#8220; die d\u00fcstere Vision einer Glaubensdiktatur<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, Juli 2016<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>\u201e2084. Das Ende der Welt\u201c: Unheilsprophezeiungen haben Saison. Im verunsicherten Europa finden sie fruchtbaren Boden, wenn sie auf den Islamismus anspielen<\/strong><\/p>\n<p>Das namensgebende Jahr 2084 liegt l\u00e4ngst in dunkler Vergangenheit. Abi, allm\u00e4chtiger, nie gesehener Herrscher, Prophet Y\u00f6lahs, des Allm\u00e4chtigen, und seine \u201eGerechten Bruderschaft\u201c herrschen \u00fcber Abistan, einem d\u00fcsteren Reich, befreit von Sch\u00f6nheit, Liebe, Tr\u00e4umen. Allgegenw\u00e4rtig ist nur Bigaye, &#8222;Big Eye&#8220;, Pendant von George Orwells \u201eGro\u00dfem Bruders\u201c: Selbst ohne Mobiltelefone oder Internet reicht der Blick des \u201eGro\u00dfen Auges\u201c bis in die Gehhirnwindungen der Menschen, aus denen jede Erinnerung getilgt ist, oder sich nur als \u201everschwommener Wahn bei alten Demenzkranken\u201c h\u00e4lt. In Abistan, das trotz moderner Waffen eher einem 1084 als einem 1984 oder gar einem futuristischen 2084 \u00e4hnelt, herrscht ewige Gegenwart. Individuelles Denken gibt es l\u00e4ngst nicht mehr. Selbst das Idiom Abilang, Abistans Neusprech, ist eine Regression, in dem der Ausdruck abweichender Gedanken unm\u00f6glich ist. \u201eUnreine Sprachen\u201c, die durch \u201eErfindungen verderben\u201c, sind verboten.<br \/>\nSansals Protagonist Ati kuriert in einem festungsartigen Sanatorium \u2013 1984 eingerichtet, wie ein Gew\u00f6lbebogen verr\u00e4t &#8211; seine TBC aus. Das karge Ou\u00e2-Gebirge gibt ihm nicht nur physische Lebensgeister zur\u00fcck, sondern \u00f6ffnet ihm auch die Augen f\u00fcr die \u201eundenkbare Wirklichkeit\u201c. Bei der Entlassung wird Ati als \u201ezu \u00fcberwachen\u201c klassifiziert. Sein Abstieg aus dem Bergsanatorium dauert ein Jahr. Er sucht, trifft eine Handvoll zweifelnd Gleichgesinnter, kommt in \u201eUmverteilungszentren, wo sich riesige Menschenmengen kreuzen\u201c. Analogien zu gegenw\u00e4rtige und k\u00fcnftige Migrationsstr\u00f6men sind wohl nicht zuf\u00e4llig.<\/p>\n<p><strong>Massenhinrichtungen als Momente intensiver Kommunion<\/strong><\/p>\n<p>In wenigen Ghettos \u00fcberleben \u201eantike Bev\u00f6lkerungen, die trotz aller Hindernisse an den alten H\u00e4resien festhalten.\u201c Auch wenn willk\u00fcrliche Massenhinrichtungen &#8211; von Ati einst als \u201eMomente intensiver Kommunion\u201c selbst bef\u00fcrwortet &#8211; wie \u201eerlesene Schauspiele\u201c gefilmt und \u00fcbertragen werden: Technik spielt im obskurantistischen Abistan kaum eine Rolle. Es ist eine totalit\u00e4re Glaubensherrschaft, Willk\u00fcr ist Programm. Selbst die Schergen des Apparates wissen nicht, wie alles funktioniert.<br \/>\nSansals Sprache ist einmal dicht, fesselnd, ges\u00e4ttigt von Propagandaformeln, dann wieder trocken, distanziert, mit Stilmittel der Wiederholung, wie auch die monotone Handlung nicht wirklich unterhaltsam ist, sondern bedr\u00fcckend wie das unheimliche Reich Abistan. Auch die Figuren, bei denen \u201eder Glaube an den Wahn und die Wahrheit an die Angst gekoppelt\u201c, erscheinen oft seelenlos leer.<br \/>\nSeit dem Erscheinen 2015 hat sich \u201e2084\u201c im nach diversen Anschl\u00e4gen verunsicherten Frankreich gut 300 000 mal verkauft und wurde vielfach Preisgekr\u00f6nt. Die aktuellen Ereignisse und gesellschaftlichen Debatten haben dabei sicher ihren Anteil. 2011 hatte Sansal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Er sei ein ebenso leidenschaftlicher wie geistreicher Autor, hie\u00df es in der Begr\u00fcndung.<br \/>\nIm Gegensatz zur damals euphorischen Hoffnung in Europa war Sansal von Anfang an skeptisch gegen\u00fcber dem \u201earabischen Fr\u00fchling\u201c. Der algerische B\u00fcrgerkrieg der neunziger Jahre, dessen Bestialit\u00e4t bei uns weit weniger medial pr\u00e4sent war als jene des Syrien-Krieges heute, haben den noch immer im Land lebenden Sansal gepr\u00e4gt. \u201eIn Algier hatten wir das Gef\u00fchl, wie in Klausur dem Ende der Welt beizuwohnen\u201c, schrieb er 2013 in seinem Essay \u201eAllahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert\u201c. Deutschlands Willkommenskultur sei ebenso naiv wie der Traum von einem sanften Islam.<br \/>\nMit den Krisen und dem religi\u00f6sen Fundamentalismus, dem gegen\u00fcber Europa zwischen \u00e4ngstlicher Abwehr und bem\u00fchter Toleranz zaudert, blicken viele zeitgen\u00f6ssische Romane in die Zukunft. Fast alle sehen sie schwarz. In der Vision einer umfassenden Glaubensdiktatur geht Sansal weiter als Michel Houellebecq in seiner fast zeitgleich erschienenen \u201eUnterwerfung\u201c, doch kommt er ohne Blasphemie und Provokation aus. Er lebe in einem Letzte-Tage-der-Menschheit-Gef\u00fchl, meint der diskussionsfreudige Sansal k\u00fcrzlich im Gespr\u00e4ch mit Iris Radisch. Europa mit seiner Freiheit und seinen Werten gibt er verloren. Beim bei\u00dfend klugen Autor ist keine spekulative Lust an der Apokalypse sp\u00fcrbar: Sein Pessimismus ist ihm trauriger Ernst.<\/p>\n<p>Boualem Sansal<br \/>\n2084. Das Ende der Welt<br \/>\nRoman, aus dem Franz\u00f6sischen von Vincent von Wroblewsky<br \/>\nMerlin Verlag 2016<br \/>\n281 S., 24.70 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beklemmende Endzeitvision 1984 reloaded Boualem Sansal entwirft in &#8222;2084&#8220; die d\u00fcstere Vision einer Glaubensdiktatur Wiener Zeitung, Juli 2016<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1752"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1752"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1752\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1797,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1752\/revisions\/1797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1752"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1752"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1752"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}