{"id":1758,"date":"1996-07-03T15:11:31","date_gmt":"1996-07-03T15:11:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1758"},"modified":"2016-09-11T20:50:55","modified_gmt":"2016-09-11T20:50:55","slug":"1758","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1758","title":{"rendered":"Endzeit als D\u00e9j\u00e0-vu"},"content":{"rendered":"<p>Nostalgische Wehmut, Apokalypse-Angst<\/p>\n<h3>Endzeit als D\u00e9j\u00e0-vu<\/h3>\n<p>Was hilft gegen den Pessimismus, der sich von den R\u00e4ndern des politischen Spektrums wie Metastasen in die Mitte ausbreitet?<\/p>\n<p>Der Standard, August 2016<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Banken, Klima, Migration, Rechtspopulisten, Fundamentalismen, Separatismen aller Art, Terror, Endloskrisen, und jetzt schaffen wir nicht einmal mehr eine Pr\u00e4sidentenwahl: zur Neuauflage brauchen wir scheinbar Aufpasser von au\u00dfen. Nach einem Wiederschall der Argumente \u2013 Untergang unserer unverdorbenen Kultur versus chauvinistische Finsternis &#8211; werden wir einen neuen Bundespr\u00e4sidenten haben, doch wozu? Nur als wortreichen Begleiter des Niedergangs, wo doch alles unaufhaltsam schlechter wird? Wegen der Globalisierung und des volksverr\u00e4terischen Ausverkaufs des Vater-, wenn nicht des Abendlandes durch korrupte Eliten, propagieren die einen. Wegen der R\u00fcckkehr von Nationalismus, Engstirnigkeit und Dummheit, sind andere \u00fcberzeugt. Wegen TTIP und der dunklen Macht der Konzerne, argw\u00f6hnen beide. Die Slogans vom Burgenland bis Michigan und Ohio \u00e4hneln einander frappant. Das Krisenraunen der letzten Jahre ist zu einer hysterischen Kakophonie angeschwollen. In einer Welt aus den Fugen wird Politik als unf\u00e4hige Verwaltung des Untergangs empfunden.<\/p>\n<p><strong>Aus der Palette unserer \u00c4ngste malen wir die Zukunft in\u00a0 d\u00fcsteren Farben<\/strong><\/p>\n<p>Bald werden wir den 60. Jahrestag unserer grenzenlosen Hilfsbereitschaft in eigener Armut gegen\u00fcber dankbaren Fl\u00fcchtlingen feiern, und unsere reiche Hartherzigkeit heute beklagen. Doch die Ungarn einst wurden durchgewunken, von 200 000 blieben 18 000. Rasch war die Grenze wieder dicht, \u00dcberforderung kam keine auf. Wir durften uns frei, gut, und ein bisschen gef\u00e4hrdet f\u00fchlen. Im Gegensatz zur Welt im Umbruch heute schien sie damals \u2013 aus heimischer Perspektive &#8211; zwar nicht perfekt, aber geordnet. Wir \u00d6sterreicher biegen uns die Erinnerung gerne zurecht.<br \/>\nJenes Jahr 1956 brachte mit der Suez-Krise auch einen Nahostkrieg mit Involvierung der Weltm\u00e4chte, wo der Westen nicht geeint auftrat; der Koreakrieg war kaum vorbei, Frankreich gedem\u00fctigt aus Indochina abgezogen; der Algerienkrieg und die Dekolonialisierung Afrikas ersch\u00fctterten Europas Selbstverst\u00e4ndnis. Fidel Castro und Che Guevara landeten 1956 in Kuba, Befreiungsbewegungen waren cool und zogen auch junge Europ\u00e4er an. Ein Abfolge von Stellvertreterkriegen von S\u00fcdostasien bis Afrika riss kontinentweite Gr\u00e4ben auf und f\u00fcllte sie mit Millionen Toten. Die USA erkl\u00e4rten die Dominotheorie zur Doktrin. H\u00e4me \u00fcber Amerikas naiv-aggressive Au\u00dfenpolitik wurde bei uns fast so mehrheitsf\u00e4hig wie der Abgesang auf das hilflose Europa heute. In den sechziger Jahren waren weltweit noch weniger menschen vom \u00dcberleben des westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells \u00fcberzeugt als wir heute von der EU. Die Weltordnung l\u00f6ste sich von den kolonialen R\u00e4ndern auf. England und Frankreich im Niedergang bekamen schon damals Probleme mit Zuwanderern bzw. deren Akzeptanz.<\/p>\n<p><strong>Man kann sich auch in moralischer Verwerflichkeit einzigartig f\u00fchlen<\/strong><\/p>\n<p>Nach 1945 war die Friedensdividende rasch verbraucht. Auch nach dem Auftauen des politischen Permafrostes 1989 blieben die Hoffnungen auf Friede und Konfliktl\u00f6sungskompetenz durch Dis-United Nations und EU unerf\u00fcllt. In gelegentlicher Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung f\u00fchlen wir uns f\u00fcr Kriege und scheiternde Staaten schuldig, und die EU ist f\u00fcr Unzul\u00e4nglichkeiten der geeignete S\u00fcndenbock. Unsere eurozentristische Hybris ist bemerkenswert, selbst als Vexierbild: Wir f\u00fchlen uns auch in scheinbarer Verwerflichkeit einmalig.<\/p>\n<p><strong> \u00a0Das Prisma unserer Wahrnehmung ist auf auf Krisen fokussiert<\/strong><\/p>\n<p>Von Michel Houellebecqs Unterwerfung bis Boualem Sansals 2084: literarische Dystopien haben Konjunktur. Einst Atom(krieg), heute Klima, 1956 Kommunismus, heute Islamismus. Der Streit \u00fcber Migration zwischen Altruismus und Egoismus ersch\u00fcttert den Zusammenhalt Europas. Beim Wort Solidarit\u00e4t wittern Osteurop\u00e4er eine alte sozialistische Propagandaformel. Viele empfinden Deutschlands Forderung nach Offenheit als moralischen Imperialismus. Fl\u00fcchtlinge konfrontieren uns mit verdr\u00e4ngten \u00c4ngsten zur Fragilit\u00e4t von Wohlstand und Frieden.<br \/>\nIntellektuelle sehen sich als Korrektiv zum Politikversagen, und blicken mit Verachtung auf das tumbe, verf\u00fchrbare Volk. In Polemiken zwischen vehement eingeforderter Willkommenskultur und rabiater Islamophobie macht sich ein Wir gegen die Anderen breit, und wer nicht mitmachen will, tut sich im Diskurs zunehmend schwer. In einer unsicheren Welt tr\u00e4umen viele von einer abgegrenzten, \u00fcberschaubaren Welt, die Geborgenheit und Identit\u00e4t verspricht. Die Verunsicherten als faschistoid oder dumm abzukanzeln, entspricht jenem Klischee einer Eliten-Arroganz, die der Politikwissenschafter Ivan Krastev als gef\u00e4hrlich erkennt.<\/p>\n<p><strong> Legt Europa bei seinen Werten eine Pause ein?<\/strong><\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingskrise muss wohl eher \u201eEuropa-Krise\u201c hei\u00dfen, ein Zweifeln an unseren Werten. Europa steckt in einer Resignationsfalle, meint der in Spanien lebende peruanische Nobelpreistr\u00e4ger Vargas Llosa halb von innen, halb von au\u00dfen. Lagerdenken feiert in \u201esozialen\u201c Netzwerken Auferstehung, mit Rechthaberei bis zur Paranoia in der \u2013 nach Karl Popper &#8211; R\u00fcckkehr zum verlorenen Gruppengeist des Stammes: In digitalen Stammesgesellschaften wird weniger debattiert als diffamiert, und selbst Standard-Kommentare l\u00f6sen fast unvermeidlich Shitst\u00fcrme aus &#8211; was wir im einstigen Ruf nach einer reifen Konfliktkultur im sozialpartnerschaftlich-miefigen Kammer-\u00d6sterreich so wohl nicht wollten.<\/p>\n<p>Nach den kontinentalen Kriegsverheerungen hat uns die Vision einer europ\u00e4ischen Einigung weit getragen. Die Vision droht verloren zu gehen &#8211; wir erleben die Selbstzerfleischung des Kontinents. Trotz Kriegs- und Terrorgr\u00e4uel, die wir uns \u00fcber alle Medienkan\u00e4le in unser Bewusstsein beamen, trotz aller Endzeit-Angst: Wir torkeln nicht hilflos in die Zukunft, und die Welt geht nicht unter. Diese Zukunft \u201emit Engagement, Zuversicht, Offenheit und Mitgef\u00fchl\u201c zu gestalten, mag als salbungsvoller Sermon abgetan werden \u2013 doch der Papst hat Recht. Nur Waffenh\u00e4ndler und Nationalpopulisten machen mit Zukunfts\u00e4ngsten gute Gesch\u00e4fte.<br \/>\nKonflikte sind Teil der Natur. Wir haben die M\u00f6glichkeit, sie zu managen, auch solche um Verteilung und Gerechtigkeit. \u00dcber eine m\u00f6glichst breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft bei den kommenden Wahlen hinaus: Gegen Politikverdrossenheit hilft keine einmalige Aktion, auch keine Lobby- oder populistisch-plebiszit\u00e4re, sondern eine Beteiligungsdemokratie mit moderierten Konsultationsverfahren. Angst und Resignation werden sonst zur selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung des Scheiterns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nostalgische Wehmut, Apokalypse-Angst Endzeit als D\u00e9j\u00e0-vu Was hilft gegen den Pessimismus, der sich von den R\u00e4ndern des politischen Spektrums wie Metastasen in die Mitte ausbreitet? 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