{"id":1762,"date":"2016-08-07T20:34:56","date_gmt":"2016-08-07T20:34:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1762"},"modified":"2019-02-05T13:39:45","modified_gmt":"2019-02-05T13:39:45","slug":"unorthodox","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1762","title":{"rendered":"Unorthodox"},"content":{"rendered":"<p>Deborah Feldman<\/p>\n<h3>Unorthodox<\/h3>\n<p>Ausbruch aus der Enge einer Parallelgesellschaft<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, August 2016<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Fundamentalismus<\/strong> klingt so exotisch wie bedrohlich. Mit Schauer h\u00f6ren wir von etwas Fremdem, zumindest l\u00e4ngst \u00dcberwundenem, das in unsere aufgekl\u00e4rte Modernit\u00e4t einbricht. Doch nicht aus einem salafistischen Gottesstaat berichtet die Amerikanerin Deborah Feldman, sondern von einer j\u00fcdisch-chassidischen Gemeinschaft in Brooklyn. Obgleich unmittelbar gegen\u00fcber Manhattans East Village gelegen, ist das Viertel Williamsburg ein anderes New York.<\/p>\n<p><strong>Die Satmarer<\/strong>, eine besonders orthodoxe Gemeinde mit gut 100.000 Mitgliedern, leben zwischen modischen Hipstern nach strengsten Regeln und sprechen Jiddisch. Den Staat Israel lehnen sie als nicht von Gott geschaffen ab. Traumatisiert vom Holocaust, wird dieser als Strafe Gottes f\u00fcr jede Assimilation interpretiert. Englisch ist konsequenterweise eine unreine Sprache.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3062.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-1763\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3062-1024x768.jpg\" alt=\"dscn3062\" width=\"448\" height=\"335\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3062-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3062-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><strong>Die junge Autorin<\/strong> erz\u00e4hlt leichtf\u00fc\u00dfig von ihrer Kindheit zwischen den Gespenstern der Vergangenheit und absurd anmutenden Begebenheiten einer eng reglementierten Gegenwart. \u00dcber bekannte \u00c4u\u00dferlichkeiten hinaus &#8211; M\u00e4nner mit Schl\u00e4fenlocken, kahlgeschorene Frauen mit Per\u00fccken &#8211; erschlie\u00dft uns Feldman die Vorschriften und die innere Logik der Gemeinschaft: &#8222;Ich habe nur \u00fcberlebt, damit du geboren werden konntest&#8220;, sagt die Gro\u00dfmutter, die Deborah aufzieht. Die \u00dcberlebenden sind verantwortlich, dass m\u00f6glichst viele Nachfolgende zu guten Juden heranwachsen, um dem \u00dcberleben Sinn zu verleihen. Die meisten arrangieren sich und wollen glauben, gl\u00fccklich zu sein, meint Feldman. Gleichzeitig verk\u00f6rpert die Schtetl-Mentalit\u00e4t inmitten der hedonistischen Gro\u00dfstadt auch &#8211; wenngleich zweifelhafte &#8211; spirituelle Werte.<\/p>\n<p><strong>Als Jugendliche<\/strong> verschafft sich Feldman heimlich Zugang zu B\u00fcchern, beginnt Englisch zu lernen und zu fragen: &#8222;Kann ich selbst Protagonistin meiner eigenen Geschichte werden?&#8220; Bei der beginnenden Emanzipation liegt eine Einschr\u00e4nkung nach der anderen. Mit 17 wird ihr das Kopfhaar abrasiert, und sie geht weitgehend unaufgekl\u00e4rt in eine arrangierte Ehe. Nachdem sie mit 19 Jahren einen Sohn zur Welt bringt, beschlie\u00dft sie, ihm nicht das angedeihen zu lassen, was sie selbst erlebt hat. Mit 22 bricht sie aus, zieht nach Manhattan, auch, weil ihr Sorgerechtsstreit dort eher Aussicht auf Erfolg hat als in Brooklyn.<\/p>\n<p><strong>Anfeindungen<\/strong><\/p>\n<p>Sie ist bereit, von Familie und Gemeinschaft geschnitten zu werden, aber nicht, auch ihren Sohn zu verlieren. Langsam befreit sie sich aus Schuldgef\u00fchlen, beginnt zu schreiben, findet Worte f\u00fcr Unaussprechbares wie Sexualit\u00e4t oder Scham. Sie setzt sich damit massiven Anfeindungen der ultraorthodoxen Gemeinde aus, die ihr auch Ungenauigkeiten &#8211; um nicht zu sagen: L\u00fcgen &#8211; \u00fcber ihre Familie unterstellen. Jede Abtr\u00fcnnige wird diffamiert und bedroht.<\/p>\n<p><strong>Auf der Suche nach ihren famili\u00e4ren Wurzeln<\/strong> f\u00e4hrt Feldman nach Osteuropa und findet schlie\u00dflich gerade in Berlin eine neue Heimat. Sie musste weg aus der Welt der Satmarer, weg aus der gleichfalls auf ihre Vergangenheit fixierten Welt ehemaliger Chassiden.<\/p>\n<p><strong>Selbst in Israel<\/strong>, wo die ultra-orthodoxen &#8222;Haredim&#8220; (&#8222;Gottesf\u00fcrchtige&#8220;) zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung stellen und keine s\u00e4kulare Erziehung bekommen, wird die Abschirmung schwieriger. Manche haben zwei Handys: ein &#8222;koscheres&#8220; und ein geheimes Smartphone mit Internetzugang. Doch sich zu l\u00f6sen, bleibt nicht leicht: Von der Familie versto\u00dfen und ohne weltliche Jugendfreunde bleibt man ganz auf sich allein gestellt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3082.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1765\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3082-1024x768.jpg\" alt=\"dscn3082\" width=\"470\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3082-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN3082-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/a>Oft zieht uns eine Geschichte in den Bann, manchmal die Sprache eines Buches. Selten kommt beides zusammen. &#8222;Unorthodox&#8220; ist so ein gl\u00fccklicher Fall; er wurde in den USA zum Millionen-Bestseller und, vom aus Wien stammenden Verleger <strong>Christian Ruzicska<\/strong> selbst \u00fcbersetzt, nun auch bei uns.<\/p>\n<p>In oft heiterem Ton macht Deborah Feldman in dieser atemberaubenden Geschichte greifbar, wie Mechanismen einer Parallelgesellschaft inmitten einer Weltstadt funktionieren. Und wie eine junge, au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau es schafft, durch Entschlossenheit und Bildung ihre Individualit\u00e4t gegen alle Widrigkeiten zu leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deborah Feldman<br \/>\n<strong>Unorthodox<\/strong><br \/>\nDeutsch von Christian Ruzicska<br \/>\nSecession Verlag, Berlin 2016<br \/>\n319 Seiten<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>alt Taschenbuch im<\/p>\n<p>btb Verlag, M\u00fcnchen 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deborah Feldman Unorthodox Ausbruch aus der Enge einer Parallelgesellschaft Wiener Zeitung, August 2016<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1762"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1762"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1805,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1762\/revisions\/1805"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}