{"id":177,"date":"2010-01-02T16:11:06","date_gmt":"2010-01-02T16:11:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=177"},"modified":"2014-02-27T10:31:22","modified_gmt":"2014-02-27T10:31:22","slug":"pulverfass-kaukasus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=177","title":{"rendered":"Pulverfass Kaukasus"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe immer gedacht, der Krieg sei schwarzwei\u00df. Aber er ist bunt<\/p>\n<h3>Pulverfass Kaukasus<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Februar 2008<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-870\" alt=\"15\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/15-1024x709.jpg\" width=\"507\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/15-1024x709.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/15-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/15.jpg 1473w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/>&#8222;<em>Ich habe immer gedacht, der Krieg sei schwarzwei\u00df. Aber er ist bunt<\/em>&#8222;, schreibt der 1977 in Moskau geborene, ehemalige Rekrut Arkadi Babtschenko in seiner beklemmenden Tschetscheniendokumentation &#8222;<em>Die Farbe des Krieges<\/em>&#8222;.<\/p>\n<div id=\"em_cnt_artikel\">\n<p id=\"absatz1\"><i>&#8222;Es stimmt nicht, dass die V\u00f6gel hier nicht singen . . . der Himmel ist hellblau, wo Menschen get\u00f6tet werden . . . die V\u00f6gel zwitschern, die B\u00e4ume treiben junges Gr\u00fcn. Tote Menschen liegen im Gras . . . Man kann daneben stehen und lachen, sich unterhalten. Die Menschheit erstarrt nicht, verliert nicht den Verstand beim Anblick der Leichen. Sehr seltsam, dass der Krieg bunt ist.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Dieses Bild wirkt fast pittoresk, doch Babtschenkos Darstellung der Kriegsgr\u00e4uel l\u00e4sst dem Leser das Blut in den Adern gefrieren.<\/p>\n<h5>V\u00f6lkerbabel<\/h5>\n<p><b><\/b>Die fruchtbaren T\u00e4ler des S\u00fcdkaukasus waren Jahrtausende lang eine Br\u00fccke von Afrika nach Asien. Nicht weit von hier lag der biblische Garten Eden, Noahs Arche soll am Berg Ararat gestrandet sein. Herodot, Strabo oder Plinius beschrieben die Br\u00e4uche im Kaukasus, wo Prometheus, Kulturstifter und Feuerbringer, von Zeus gefesselt \u00fcber einem Abgrund hing. Hier lag das sagenhafte Kolchis der Griechen, das Land Medeas und des Goldenen Vlieses, das Einfallstor f\u00fcr die Heere der R\u00f6mer, Araber, Mongolen, Tataren, Perser, T\u00fcrken und f\u00fcr die russische Expansion.<\/p>\n<p>Der Kaukasus war nie eine kulturelle Wasserscheide, sondern stets eine Transitregion von Menschen, Waren und Religionen. Kaiser, Khane, Kalifen, Schahs, Sultane, Zaren oder Kommissare beherrschten die fruchtbaren Niederungen. Die zerkl\u00fcfteten Berge wurden zum R\u00fcckzugsgebiet widerspenstiger, vielsprachiger V\u00f6lker. Allein die Tschetschenien benachbarte, russische Unruherepublik Dagestan (&#8222;Bergland&#8220;) z\u00e4hlt 13 offizielle Sprachen und 100 V\u00f6lker, der gesamte Kaukasus noch mehr, von Abasinen, Abchasen, Adygen, Agulen, Armeniern, Aserbaidschanern bis Zachuren und Zowatuschen. Neben indoeurop\u00e4ischen (wie Armenisch, Ossetisch-Iranisch, Russisch) und Turk- werden bis heute viele Sprachen gesprochen, von denen Georgisch die bekannteste ist.<\/p>\n<h5>Drang nach S\u00fcden<\/h5>\n<p>Die Region Sotschi, Austragungsgebiet der Winterolympiade 2014, war vom 6. bis zum 15. Jahrhundert georgisch, dann osmanisch. Dem Aufstieg Russlands zur europ\u00e4ischen Gro\u00dfmacht folgte ab dem 18. Jahrhundert das &#8222;griechische Projekt&#8220;, also die Forderung, Konstantinopel von muslimischer Herrschaft zu befreien &#8211; was allerdings nicht gelang. Doch hat sich das Zarenreich in den russisch-t\u00fcrkischen Kriegen um 1800 im Kaukasus festgesetzt &#8211; zun\u00e4chst von bedr\u00e4ngten christlichen Nationen im Vielv\u00f6lkerkonglomerat als Befreier vom osmanischen Joch begr\u00fc\u00dft. Die Freude mit der neuen Schutzmacht w\u00e4hrte jedoch kurz. Russland verleibte sich Georgien, Ostarmenien sowie Aserbaidschans \u00d6lfelder ein. Die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Nordossetien, wohin sich Premier Putin Anfang August 2008 direkt von der Olympiade in Peking begab, hei\u00dft nicht zuf\u00e4llig Wladikavkaz, also &#8222;Beherrsche den Kaukasus&#8220;.<\/p>\n<p>Renitente Gebiete des Nordkaukasus wurden erst in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts leidlich unter Kontrolle gebracht. \u00dcberlebende wurden deportiert oder flohen ins Osmanische Reich. Russland sah und sieht immer noch die &#8222;schwarzen&#8220; Bergv\u00f6lker gern pauschal als R\u00e4uberbanden an. Mord sei bei ihnen\u00a0<i>&#8222;nur eine K\u00f6rper\u00fcbung&#8220;,\u00a0<\/i>schrieb Puschkin. Doch bemerkten gerade Puschkin, Lermontov oder Tolstoi einst auch gewinnende Z\u00fcge der Kaukasier, bewunderten romantisch deren Mut, Freiheitsliebe, Familienbande, Gastfreundschaft, Musik, die Sch\u00f6nheit der Frauen, die W\u00fcrde stolzer Gemeinden zwischen vergletscherten Bergen und Orangenhainen.<\/p>\n<h5>Tschetschenien<\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-472\" alt=\"3\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3.jpg\" width=\"530\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3.jpg 1473w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3-1024x718.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/>Erst als die UdSSR mit dem Zweiten Weltkrieg zur Supermacht aufstieg, gelang es Stalin, den Widerstand der Kaukasusv\u00f6lker durch Deportationen und Dezimierung vor\u00fcbergehend zu brechen. Obwohl hunderte Tschetschenen im Kampf gegen die deutschen Invasoren mit sowjetischen Orden ausgezeichnet wurden, nahm Stalin den Kontakt einiger K\u00e4mpfer mit der herannahenden Wehrmacht zu Vorwand, um Tschetschenien kollektiv der Kollaboration zu beschuldigen. Eine halbe Million Tschetschenen wurde mit anderen V\u00f6lkern 1944 nach Zentralasien deportiert, ihre Gebietseinheit 1946 aufgel\u00f6st, Archive, Friedh\u00f6fe, Baudenkm\u00e4ler vernichtet, Ortsnamen ausgel\u00f6scht. Tschetscheniens Hauptstadt tr\u00e4gt bis heute den russischen Namen Grosny (&#8222;die Schreckliche&#8220;). Alexander Solschenizyn schreibt im Archipel Gulag:\u00a0<i>&#8222;Es gab [im Verbannungsgebiet] eine Nation, die der Psychologie der Unterwerfung standgehalten hat &#8211; als Nation, als Ganzes, nicht nur die Einzelg\u00e4nger, die Rebellen. Das waren die Tschetschenen. (. . .) Nie und nirgendwo hat es einen Tschetschenen gegeben, der sich um die Gunst eines Aufsehers bem\u00fcht h\u00e4tte; immer traten sie jeder Obrigkeit stolz, ja sogar offen feindselig entgegen. (. . .). Und seht das Wunder &#8211; alle f\u00fcrchteten sich vor ihnen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>1991 zerfiel die UdSSR &#8211; deren Verfassung, \u00e4hnlich jener Jugoslawiens, den Unionsrepubliken nominell die M\u00f6glichkeit der Unabh\u00e4ngigkeit zugestand &#8211; in 15 unabh\u00e4ngige Staaten entlang der konstitutionellen Republikgrenzen, nicht immer identisch mit den ethnischen Bruchlinien an der S\u00fcdflanke des Riesenreiches, von Moldawien\/Transnistrien \u00fcber den Kaukasus bis Zentralasien. Zahllose lokale Kriege brachen aus und forderten in Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Tschetschenien 200.000 Menschenleben.<\/p>\n<p>Das von mehrheitlich turksprachigen, moslemischen L\u00e4ndern umgebene Armenien sicherte sich das russische Wohlwollen und eroberte fast ein F\u00fcnftel Aserbaidschans um die Enklave Berg-Karabach. Die in Baku herrschende Aliyev-Dynastie versucht seither, in einer Schaukel-Diplomatie zwischen Moskau und westlichen \u00d6linvestoren, Aserbaidschans Position politisch zu sichern.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Armenien sieht das fr\u00fch christianisierte Georgien seine Kultur (mit alter Schrift, Musik, Weinanbau, exquisiten Tafelfreuden) als eine \u00fcberlegene an &#8211; und zog sich die Feindschaft Moskaus zu. Mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung des russischen Milit\u00e4rs wurden 250.000 Georgier aus Abchasien &#8211; wo laut letzter sowjetischer Volksz\u00e4hlung 1989 die Abchasen nur eine Minderheit von 18 Prozent stellten &#8211; und aus S\u00fcd-Ossetien vertrieben. (Die Mutter des &#8222;Georgiers&#8220; Josef Stalin war \u00fcbrigens Ossetin.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-474\" alt=\"25\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/25.jpg\" width=\"531\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/25.jpg 1475w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/25-300x210.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/25-1024x717.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 531px) 100vw, 531px\" \/>Ab Mitte der neunziger Jahre galten die ungel\u00f6sten S\u00fcdkaukasus-Konflikte als &#8222;eingefroren&#8220;. Bis Ende 2003 in der georgischen Rosenrevolution der in den USA ausgebildete Michael Saakaschwili den Pr\u00e4sidenten &#8211; und letzten Au\u00dfenminister der UdSSR &#8211; Eduard Schewardnaze aus dem Amt jagte und auf Konfrontationskurs mit Moskau ging. Selbst Russland-Versteher, die von postsowjetischen Phantomschmerzen, von der Umzingelungsangst und vom Kaukasus als der russischen Achillesferse sprechen, gestehen ein, dass Moskau auf einen Anlass gewartet &#8211; oder einen solchen provoziert hat. Moskau stattete Abchasier und S\u00fcdosseten systematisch mit russischen P\u00e4ssen aus, um zum gegebenen Zeitpunkt &#8222;seine B\u00fcrger zu sch\u00fctzen&#8220;. Zu Sommerbeginn 2008 veranstaltete die Armee umfangreiche Man\u00f6ver im Nordkaukasus, w\u00e4hrend s\u00fcdossetische Milizen stichelten. Tage vor den ersten Scharm\u00fctzeln wurden s\u00fcdossetische Frauen und Kinder nach Russland in Sicherheit gebracht.<\/p>\n<p>Den kaukasischen V\u00f6lkern gemeinsam sind Clanloyalit\u00e4ten und eine Tauschbeziehung zwischen Ungleichen: Loyalit\u00e4t gegen Schutz. So glaubte vielleicht auch Saakaschwili an sein gutes Verh\u00e4ltnis zu den USA &#8211; mit 2000 georgischen Soldaten, die im Irak stationiert sind. In jedem Fall hat er sich verkalkuliert, als er den russischen Problemb\u00e4ren in die Zehe biss. V\u00f6lkerrecht und westliche Proteste hin oder her &#8211; Tiflis hat S\u00fcdossetien und Abchasien verloren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/23.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-476\" alt=\"23\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/23.jpg\" width=\"367\" height=\"529\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/23.jpg 1020w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/23-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/23-711x1024.jpg 711w\" sizes=\"(max-width: 367px) 100vw, 367px\" \/><\/a>Georgien war beim Export von Wein und Arbeitskr\u00e4ften stets vom &#8222;gro\u00dfen Bruder&#8220; abh\u00e4ngig. Umgekehrt war f\u00fcr die sowjetische Intelligenzija der S\u00fcdkaukasus sozusagen ihr kulturelles Italien. Russlands Hassliebe f\u00fcr die Region, die s\u00fcdliche Lebensart, die Str\u00e4nde, den Wein ist abgeklungen. Moskaus Schickeria trinkt an der franz\u00f6sischen Riviera Champagner, w\u00e4hrend Moskauer Gangs jene verpr\u00fcgeln, deren Haut dunkler ist als die Putins oder Medwedews. Georgiens einst sch\u00f6nste Schwarzmeer-K\u00fcstenabschnitte liegen nun in Abchasien, das &#8211; im Vorfeld der Olympiade im nahen Sotschi &#8211; ungehemmt russische Investoren anziehen wird. Russlands Brutto-Inlandsprodukt hat sich Dank \u00d6l und Gas seit 1999 versechsfacht.<\/p>\n<p>Moskau hat Tiflis &#8211; und dem Westen &#8211; &#8222;eine Lektion erteilt&#8220;. Das imperiale Russland war es stets gew\u00f6hnt, mehr gef\u00fcrchtet als geliebt zu sein. Es wird den weiteren internationalen Prestigeverlust ebenso verschmerzen wie zuvor bei der Liquidierung des tschetschenischen Widerstandes. Der Unabh\u00e4ngigkeitswillen unbotm\u00e4\u00dfiger Bergv\u00f6lker wird wohl nie ganz gebrochen, aber unter dem Vorwand &#8222;Kampf gegen islamistischen Terror&#8220; niedergehalten werden. Arkadi Babtschenko beschreibt in &#8222;<em>Die Farbe des Krieges<\/em>&#8220; eine russische Vergeltungsaktion:\u00a0<i>&#8222;Der Kommandeur befiehlt die S\u00e4uberung des Dorfes. Alle M\u00e4nner werden auf den Platz geschleppt, auf einen Haufen geworfen, dann beginnt das Gemetzel. Einer dr\u00fcckt den Tschetschenen mit dem Bein auf den Boden, ein anderer zieht ihm die Hose aus und schneidet mit zwei, drei scharfen Rucken den Hodensack ab. Die Z\u00e4hne der Bajonette verhaken sich im Fleisch, rei\u00dfen die Gef\u00e4\u00dfe aus dem K\u00f6rper. In einem halben Tag ist das ganze Dorf kastriert, dann zieht das Bataillon ab.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das Ausbleiben europ\u00e4ischer studentischer Proteste gegen Moskaus Vorgehen im Kaukasus &#8211; anders als bei geopolitischen \u00dcber- und Fehlgriffen Washingtons &#8211; ist zwar traurig, aber nicht wirklich erstaunlich. Ist Russland der T\u00e4ter, herrsche Schweigen und Wegschauen, klagte Anna Politkowskaja, Babtschenkos Kollegin bei der kleinen Moskauer Zeitung &#8222;Nowaya Gaseta&#8220;, die 2006 ermordet wurde. Die aufr\u00fcttelnden Berichte dieser Frau st\u00f6rten eine Gesellschaft, die nach 70 Jahren Kommunismus in den Konsum verliebt ist; und Europa, das von einem neuen, demokratischen Partner Russland tr\u00e4umt.<\/p>\n<h5>Strategische Interessen<\/h5>\n<p>Staatenbeziehungen sind von wirtschaftlichen Interessen gepr\u00e4gt, und oft zynisch. Da wird Putin in den Augen eines ehemaligen deutschen Bundeskanzlers zum\u00a0<i>&#8222;lupenreinen Demokraten.&#8220;\u00a0<\/i>Nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte kommen Gro\u00dfm\u00e4chte mit dreistem Imperialismus nicht nur ungestraft davon, sondern k\u00f6nnen sich eine respektable Rolle auf der Weltb\u00fchne sichern. Moskau setzt in seinem Propagandafeldzug westliche Begriffe ein und gibt sich als Besch\u00fctzer von Minderheiten und H\u00fcter von Menschenrechten aus. Abchasien und S\u00fcdossetien sind als k\u00fcnftige Vasallenstaaten Werkzeuge einer wenig rechtstaatlichen Gro\u00dfmacht, die Europas Energieversorgung beherrscht und nicht vor milit\u00e4rischer Gewalt zur\u00fcckschreckt.<\/p>\n<p>Europa ist bei \u00d6l zu einem Drittel von Russland abh\u00e4ngig, bei Gas zur H\u00e4lfte. Zwischen Russland und dem Iran verl\u00e4uft ein strategischer Korridor. Alle Pipe-lineprojekte, die \u00d6l und Gas vom Kaspischen Meer und aus Zentralasien in den Westen bringen sollen, um Europa von Russland unabh\u00e4ngiger zu machen, laufen durch Georgien. Diese Projekte entziehen sich der Kontrolle der russischen Energieriesen, sind Moskau also ein Dorn im Auge. Auch darin gr\u00fcndet Moskaus Hass auf Saakaschwilis unbotm\u00e4\u00dfiges Verhalten.<\/p>\n<p>Der Westen hat mit dem unabh\u00e4ngigen Kosovo einen folgenreichen Pr\u00e4zedenzfall geschaffen, und das V\u00f6lkerrecht ist sp\u00e4testens seit der Irak-Invasion br\u00fcchig geworden. Osteuropa, das mit Moskaus Machtbewusstsein einschl\u00e4gige Erfahrungen hat, ist skeptisch gegen Russlands Politik und gegen das westliche Appeasement. Die baltischen Staaten und Polen fordern EU und NATO auf, sich Moskaus neozaristischen Ambitionen zu widersetzen. Die NATO will keine offene Konfrontation mit Russland, die Mehrheit der EU-Regierungen predigt partnerschaftliches Verhalten, was von Kritikern als servile Toleranz gescholten wird. Putin lobte die weiche EU-Gipfelerkl\u00e4rung von Anfang September als\u00a0<i>&#8222;Triumph des gesunden Menschenverstandes.&#8220;\u00a0<\/i>Trotz ehrlicher Best\u00fcrzung in Europas Hauptst\u00e4dten \u00fcber Moskaus<i>&#8222;unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiges Vorgehen&#8220;\u00a0<\/i>und die menschlichen Opfer, ungeachtet der Beschw\u00f6rung universeller Werte westlicher Zivilisation: in der Realpolitik gibt es Konflikte erster und zweiter, ja dritter Klasse. Israel-Pal\u00e4stina ist ein Konflikt erster Klasse, Darfur, der Kongo dritte Klasse. Die Toten, Vertriebenen, Traumatisierten des Kaukasus liegen irgendwo dazwischen.<\/p>\n<p>Ob der Elbrus, auf Arabisch<i>\u00a0Dschabal al-alsun\u00a0<\/i>, &#8222;Berg der Sprachen&#8220;, mit seinen 5642 Metern der h\u00f6chste Berg Europas ist oder zu Asien z\u00e4hlt, mag eine Frage geographischer Konvention sein. Durch die j\u00fcngsten Ereignisse ist die lange am Rande unserer Wahrnehmung gelegene Nahtstelle Eurasiens nicht l\u00e4nger ein Hinterhof der Weltpolitik.<\/p>\n<p>Der Westen braucht Russland: f\u00fcr langfristige Energielieferungen, im Anti-Terror-Kampf und bei der Eind\u00e4mmung iranischer Atom-Ambitionen. Aber politische Analytiker warten gespannt, wo Moskau weitere &#8222;Zonen spezieller Interessen&#8220; absteckt. Etwa in der Ostukraine &#8211; vielleicht erst nach 2014?<i>&#8222;Welcome to Sotschi &#8211; our gateway to the future&#8220;\u00a0<\/i>lautet der Slogan der Winterolympiade. Russlands Flottenst\u00fctzpunkt-Pachtvertrag auf der Krim l\u00e4uft 2017 aus, und Moskau stellt auch Krimbewohnern russische P\u00e4sse aus.<\/p>\n<p>Georgien scheint wie ein Lackmustest europ\u00e4ischer Standfestigkeit: sind unsere Werte universal, oder gestehen wir Gro\u00dfm\u00e4chten ihren Hinterhof zu? Die geopolitischen Langfristfolgen des neuesten Kaukasuskrieges sind noch unklar. Sicher ist: Wir leben l\u00e4ngst in einer multipolaren Welt.<\/p>\n<h3 class=\"bookauthor\"><a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/autor\/arkadi-babtschenko.html\">Arkadi Babtschenko<\/a><\/h3>\n<h3 class=\"booktitle\">Die Farbe des Krieges<\/h3>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"cover\" alt=\"Cover: Die Farbe des Krieges\" src=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/grafik\/cover\/0\/26240.jpg\" \/><\/p>\n<p class=\"tiny gray\">Rowohlt Verlag, Berlin 2006<br \/>\nISBN 9783871345586<br \/>\n256 Seiten, 17.90 \u20ac<\/p>\n<p class=\"tiny gray\">Taschenbuch\u00a0 2008, 9.20 \u20ac<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe immer gedacht, der Krieg sei schwarzwei\u00df. 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