{"id":178,"date":"2011-11-01T00:00:33","date_gmt":"2011-11-01T00:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=178"},"modified":"2022-10-19T20:53:05","modified_gmt":"2022-10-19T20:53:05","slug":"faehrten-oder-die-fortsetzung-der-worte-im-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=178","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h3>F\u00e4hrten oder die Fortsetzung der Worte im Bild<\/h3>\n<h3>Tracks, or the continuation of words in pictures<\/h3>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-628\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/DSC03090.jpg\" alt=\"DSC03090\" width=\"331\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/DSC03090.jpg 1536w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/DSC03090-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/DSC03090-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Maler Mikhail Evstafiev<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bilder dominieren unsere Wahrnehmung einer Welt, die von digitalen Medien scheinbar um- und erschlossen ist. Kein Fleck, den wir uns nicht durch Google Earth heranzoomen k\u00f6nnten. Blitzlichtsequenzen flimmern fast permanent \u00fcber unsere scheinbar privaten, immer gr\u00f6\u00dferen oder immer kleineren, portablen Screens. Wir sind l\u00e4ngst Bilder-Junkies, werden mit Momentansichten von Krisen geflutet, inklusive aufbereiteter Erkl\u00e4rung aller Fakten und Hintergr\u00fcnde, die meist nur fragmentarische Informationen sind. Bis wir uns aus medialem \u00dcberdruss abwenden.<\/p>\n<p>Wir reisen selbst, und kommen mit unserem durchdigitalisierten Erfahrungshorizont doch selten im Unbekannten an; allzu oft nur in unseren festgef\u00fcgten Standpunkten. Bei aller Neugier, allem guten Willen zur Unvoreingenommenheit: Unsere Unsicherheit versucht, neue Eindr\u00fccke mit den im Kopf mitgeflogenen Bildern abzugleichen. Unsere Ungeborgenheit, meine Befangenheit giert nach Best\u00e4tigung: dass alte Erfahrungen g\u00fcltig sind; dass ich auch in der Fremde jemand bin, der sich behaupten kann.<\/p>\n<p>Bevor ich die ersten steifen Schritte auf einen Markt, in den halbvertrauten Konsumalltag eines fernen Landes mache, versuche ich, mich \u00fcber einen guten Essay, ein Buch literarisch in das Andere einzuf\u00fchlen. Wenn ich nach<b><i> <\/i><\/b>ersten, linkischen Begegnungen mit einheimischen Projektpartnern etwas sicherer bin, taste ich mich nach getaner Arbeit \u00fcber einen heiligen Platz, \u00fcber Formen k\u00fcnstlerischen Ausdrucks ein St\u00fcck n\u00e4her an die Fremde heran. Eine bescheidene und meist gefahrlose Art, mich f\u00fcr das Unbekannte zu \u00f6ffnen. Kunst mag eine Sprache sein, die nicht universell, aber in Ans\u00e4tzen verst\u00e4ndlich ist; oder zumindest meinen begrenzen Horizont erweitert.<\/p>\n<p>In unserer Lebenswelt zwischen Hoffnung und permanenter Verg\u00e4nglichkeit sind wir ohnehin nie ganz zu Hause. Und in der Fremde k\u00f6nnen wir das Eigene nicht abstreifen. Aber jede gute Literatur, Malerei ist unter einer vordergr\u00fcndigen Oberfl\u00e4che auch eine Parabel, die tiefer f\u00fchrt, ist ein oft \u00fcberraschender Spiegel f\u00fcr die Universalit\u00e4t menschlicher \u00c4ngste, N\u00f6te, f\u00fcr das Fremde in uns selbst. Selbst manche Fotografien sind mehr als Momentaufnahmen, k\u00f6nnen wie ein Auge in die Geschichte sein.<\/p>\n<p>Mikhail Evstafiev ist ein Reisender, auch in allen erw\u00e4hnten k\u00fcnstlerischen Genres. W\u00f6rter h\u00f6ren auf, wo Bilder anfangen. Der Schwebezustand zwischen Objekt und Betrachter l\u00e4sst sich kaum in sorgf\u00e4ltig gew\u00e4hlte S\u00e4tze fassen. Ich ma\u00dfe mir nicht an, Kunst mit Worten wiederzugeben, die durch das Betrachten zum Leben kommt. Also ein Versuch, mehr nicht, vielleicht nur, was sie nicht ist.<\/p>\n<p>Denn fast alle Werke Mikhails scheinen sich einer Aussage zu verweigern. Sie erlauben keine begriffliche Vereinnahmung, keine Aussage dar\u00fcber, ob die Welt gut ist, oder b\u00f6se. Sie stellen keine Idyllen dar, erheben keinen Anspruch auf vordergr\u00fcndige Harmonie, lassen nicht immer einen saturiert-genie\u00dferischen Blick zu. Sie scheinen eine Subtextur, eine beunruhigende Unterstr\u00f6mung zu haben, die direkt in unser Unbewusstes zielt. Kunst, die nur meine Ansichten best\u00e4tigt, unser bereits vorhandenes Wissen aktiviert, ist langweilig.<\/p>\n<p>Mishas fr\u00fcheren Stadtlandschaften waren eine Mischung von vertraut und nicht vertraut. Bei aller sonderbaren Transparenz der Hausgesichter war der Betrachter ein Staunender zwischen den Geb\u00e4uden, ein \u00dcberlebender der Nacht.<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.evstafiev.com\/images\/500_the_city_where_we_could_have_been_happy_2275.jpg\" alt=\"\" width=\"556\" height=\"396\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p><strong>The City where we could have been happy<\/strong><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"color: #ffffff;\">The city where we could have been happy, 100&#215;140<\/span><\/span><\/h2>\n<p>Mikhails neue Linien-Landschaften gehen weg vom Figurativen. Gekratzte Striche, Profile, Spuren, F\u00e4hrten, Schneisen, Striemen durch mehrere Farbschichten wirken einmal wie ein grober Holzschnitt, dann wie von Licht und Schatten modelliert, ein anderes Mal wie T\u00e4towierungen, die den Betrachter schmerzen. Borderlines, die vom K\u00fcnstler selbst hart umk\u00e4mpft waren. Sie sind ein dichtes hell-dunkel-Gewebe von Stimmungen ohne psychologische Deutung, im wahrsten Sinn des Wortes vielschichtig, wie \u2013 im besten Fall &#8211; unser Blick auf die Welt. Fragen nach der Existenz treten \u00fcber Risse an die Oberfl\u00e4che. Beantwortet werden sie nicht. Wer regiert? Der Mensch? Das Chaos? Die Bilder zwingen nichts auf, streben keine quasi-sakrale Absolutheit an, sind frei von ideologischen Utopien am Trittbrett einer ephemeren Aktualit\u00e4t st\u00e4ndig diskutierter Globalisierung. Gr\u00e4ben sind ohne sichtbaren Beginn, ohne Ende; aber keine radikalen Linien, einer imaginierten Zukunft voraus oder hinterher. Kunst \u00e4ndert kaum je den Lauf der Welt. Und ist doch notwendig.<\/p>\n<p>Mikhails Bilder sind keine Schachbretter rationalen Denkens, keine Chiffren, bieten keine spekulativen Botschaften, nicht einmal einen Horizont als Beruhigungslinie unserer unsicheren Erfahrung. Sie stellen unseren eigenen Blick in Frage, ohne inherenten Halt, ohne fl\u00fcchtige Geborgenheit. Sie spenden keinen Trost: \u201e<i>Vertraue nie einem Bild<\/i>,\u201c ist eine der wenigen Aussagen, zu denen Mikhail sich hinrei\u00dfen l\u00e4sst, frei nach der Dichterin Patrizia Cavalli, \u201es<i>eid weniger bildhaft, ihr Bilder.\u201c <\/i>Seine Bildkompositionen sind keine tr\u00fcgerischen Platzhalter von Identit\u00e4t in einer unsicheren Welt. Sie sind dabei poetisch, abstrakt, wie Instrumentalmusik, die doch so viel wachruft.<\/p>\n<p>Die Schneisen trennen nicht unbedingt; manchmal wirken sie wie Rinnsale, aus fernen Kindheitstagen. \u201c<i>Expressionismus ist ein Versuch, die Frische und Naivit\u00e4t kindlicher Sicht wiederzugewinnen; ja sogar die Sehnsucht nach der Unschuld der Kindheit,<\/i>\u201d meinte der Maler Mark Rothko, \u201c<i>Kunst ist ein Abenteuer in eine unbekannte Welt, die nur von jenen erkundet werden kann, die f\u00fcr die Risiken bereit sind<\/i>.\u201d Was sich wohl auch \u00fcber das Leben schlechthin sagen l\u00e4sst. Mikhail Evstafievs Bilder sind eine Einladung, sich f\u00fcr Minuten, oder weit mehr, darauf einzulassen.<\/p>\n<p>Ausstellungskatalog, 2011<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.evstafiev.com\/guntherneumann.html\">http:\/\/www.evstafiev.com\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.evstafiev.com\/more.html\">http:\/\/evstafiev.com\/more.html<\/a><\/p>\n<h3><span style=\"font-family: 'times new roman',times,serif; font-size: x-large;\">Tracks, or the continuation of words in pictures<\/span><\/h3>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Pictures dominate our perception of the world. The globe is seemingly encompassed and made accessible through digital media. No spot that we couldn\u2019t zoom in on with Google Earth. Photo-flashes flicker incessantly on our supposedly private, ever-bigger or ever-smaller screens. We have long been image junkies, flooded with momentary glimpses of crises and processed explanations of facts and background that most of the time turn out to be little more than fragments. Until we have to turn away in weariness.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0We travel and nevertheless seldom arrive at the unknown<b>:<\/b> all too often we only confirm our established viewpoints. Despite our curiosity, despite all good intentions to be impartial, our uncertainty tries to match new impressions with the pictures we carry in our heads. Our insecurity, our inhibition make us crave confirmation &#8211; that old experiences still hold, that I am someone who can hold his ground even in strange places.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0Between hope and permanent transience we are never quite at home. In a foreign land we cannot cast off the self. Any good work of literature or painting, under its ostensible surface, is also a parable that goes deeper, that is an oft-surprising mirror for the universality of human fears and woes, for the stranger in us. Even good photographs can be more than snapshots of moments. They can be like an eye into a story, into history.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0The state of uncertainty between the object and the beholder can hardly be expressed in carefully chosen phrases. I do not presume to reveal art with words. Therefore this is only an attempt, nothing more<b>;<\/b> maybe only an idea of what it is not.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0Mikhail Evstafiev is a traveller, also in all the above-mentioned genres. Pictures continue where words left off.. Yet Misha\u2019s works seem to refrain from making any statement. They allow no conceptual absorption; they do not assert whether the world is good or evil. They depict no idylls, make no claim to superficial harmony; they seldom enable a self-satisfied gaze. They seem to have a subtext, a disturbing undercurrent that goes directly to our unconscious.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">Misha\u2019s earlier cityscapes were an amalgam of the familiar and the unfamiliar. The fa\u00e7ades evinced a strange transparency, yet left the viewer awestruck between the buildings, a survivor of the night.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0Misha\u2019s new line-landscapes have moved away from the figurative. Scratched streaks, shapes, traces, tracks, swaths and striae through layers of colour appear once like a rough woodcut, then as if they were modelled from light and shadow, then like tattoos that pain the viewer: borderline experiences for which the artist himself has fought.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0They are a tightly woven, light-dark web of moods without psychological explanation. In the truest sense of the word they are multi-layered, just like \u2013 at its best \u2013 our view of the world. Questions about existence emerge through cracks in the surface. They will not be answered. Who rules? Man? Chaos? Misha\u2019s pictures impose nothing, they do not seek quasi-sacral absolutes. They are free from ideological utopias assembled on the bandwagon of an ephemeral topicality. Art hardly changes in the course of the world. And yet it is necessary.<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.evstafiev.com\/images\/500_untitled_2610-web.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"629\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0Misha\u2019s paintings are no chessboards of rational thought. They are not ciphers. They offer no speculative messages, not even a horizon as a reassuring line of our insecure experience. They call our own gaze into question, offering nothing to hold onto, no fleeting protection. They give no solace. \u201cNever trust a picture\u201d is one of the few statements Misha lets himself get carried away with; also, loosely following the poet Patrizia Cavalli, \u201cbe less picture-like, you pictures\u201d<b>. <\/b>His compositions are not deceptive place-holders of identity in an unsure world. But poetic, abstract, they are as evocative as instrumental music.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">\u00a0Lines do not necessarily divide; they are sometimes like trickles from distant childhood days. \u201c<i>Expressionism is an attempt to recapture the freshness and na\u00efvet\u00e9 of childish vision; it is in fact a nostalgia for the innocence of childhood,<\/i>\u201d said painter Mark Rothko. \u201c<i>Art is an adventure into an unknown world, which can be explored only by those willing to take the risks<\/i>.\u201d Which you could surely just as well say about life. Mikhail Evstafiev\u2019s pictures are an invitation, for just a few minutes or more, to let one\u2019s self in.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\">2011, Catalogue<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; text-align: right;\">\u00a0 <span style=\"font-family: times new roman,times,serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><i>Translated by Sonya Yee<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00e4hrten oder die Fortsetzung der Worte im Bild Tracks, or the continuation of words in pictures &nbsp; Zum Maler Mikhail Evstafiev<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=178"}],"version-history":[{"count":32,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2526,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions\/2526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}