{"id":1825,"date":"1996-02-16T14:45:45","date_gmt":"1996-02-16T14:45:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1825"},"modified":"2021-09-04T14:29:17","modified_gmt":"2021-09-04T14:29:17","slug":"eu-und-afrika-migration-und-ueberholte-konzepte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1825","title":{"rendered":"EU und Afrika: Migration und \u00fcberholte Konzepte"},"content":{"rendered":"<p>Mit seiner Kolonialgeschichte und dem Wohlstandsgef\u00e4lle ist ein Beitrag Europas zur Entwicklung Afrikas ein moralischer Imperativ. Doch Schuldgef\u00fchle allein ergeben keinen guten Businessplan.<\/p>\n<h3>EU und Afrika: Migration und \u00fcberholte Konzepte<\/h3>\n<p>Der Standard, November 2017<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und wieder treffen sich die Chefs von EU und Afrika. Frieden und Sicherheit sind kommende Woche in Abidjan die vollmundigen Themen; Investitionen und Handel, Demokratie, Menschenrechte &#8211; und Migration. Letzteres \u00fcberschattet alle anderen. Mit seinem abschreckenden \u201eextra-territorialen Migrationsmanagement\u201c wolle die EU wenig zimperliche Potentaten als ausgelagerte T\u00fcrsteher Europas anheuern, warnen Kritiker. Weg vom Mittelmeer &#8211; aus dem Auge, aus dem Sinn.<br \/>\n<b><br \/>\n<\/b><b>Klassische Entwicklungspolitik<\/b><\/p>\n<p>Beim Ziel \u201eFluchtursachenbek\u00e4mpfung\u201c, dh. die Perspektiven junger Afrikaner verbessern, herrscht Einigkeit. \u00dcber das \u201eWie\u201c weniger. Mit der brutalen Kolonialgeschichte und dem eklatanten Wohlstandsgef\u00e4lle war Entwicklungszusammenarbeit f\u00fcr Europa ein moralischer Imperativ. Doch Schuldgef\u00fchle allein ergeben keinen guten Business-Plan. NGOs leisteten mit engagiertem Personal Pionierarbeit und f\u00f6rdern lokale Initiativen. Rasante Fortschritte allerdings wurden in Asien erzielt, kaum in Afrika, dem Hauptempf\u00e4nger von Entwicklungsgeldern &#8211; seit 1960 die Summe von sechs Marshallpl\u00e4nen, stellt der skeptische Ghanaer George Ayittey fest. Die Stimmen afrikanischer Kritiker wie Dambisa Moyo (\u201eDead Aid\u201c) oder James Shikwati (\u201eFehlentwicklungshilfe\u201c) \u00e4hneln einander in zentralen Punkten: Nach zwei Billionen Dollar an Entwicklungsgeldern stehe Afrika schlechter da als zu Beginn der \u201cAlmosenindustrie\u201d. Der Kontinent bewege sich in einem Hamsterrad aus Abh\u00e4ngigkeit und Korruption.<\/p>\n<p>Weniger um Transferzahlungen geht es, als um faire Handelsbedingungen, lautet die aufgekl\u00e4rtere Version europ\u00e4ischer Bringschuld. Die schwankenden Weltmarktpreise von Afrikas Erze wie Coltan oder Kobalt f\u00fcr Handys und Batterien haben sich zT vervielfacht \u2013 doch sie verfestigen Abh\u00e4ngigkeiten, alimentieren Eliten, sch\u00fcren Konflikte und helfen ohne Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Industrie kaum der breiten Masse. So bleibt der Kontinent Geisel der Rohstoffe. Dass Bildung, speziell f\u00fcr Frauen, der nachhaltigste Weg f\u00fcr Wirtschaftswachstum und verlangsamte Bev\u00f6lkerungszunahme ist, haben L\u00e4nder wie Thailand binnen einer Generation bewiesen. Doch m\u00fcssen die Frauen dann ad\u00e4quate Arbeitspl\u00e4tze finden. Liegen m\u00f6gliche L\u00f6sungen weniger in europ\u00e4ischer Besserwisserei als in asiatischen Modellen?<\/p>\n<p><b>Asiatische Modelle?<\/b><\/p>\n<p>Chinas Aufstieg ist ein entwicklungspolitisches Reizthema: Peking agiere als egoistischer Ressourcensicherer und rei\u00dfe sich \u2013 Stichwort \u201cLand Grabbing\u201d &#8211; ganze L\u00e4nder unter den Nagel: Ackerland werde Bauern entzogen und treibe diese in die Slums der St\u00e4dte. \u201eHartn\u00e4ckige Internet-Mythen\u201c, schreibt die Expertin Deborah Brautigam in \u201eWill Africa Feed China?\u201c. Gerade einmal 2500 km\u00b2 habe China erworben.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach Schuldigen geraten Ursache und Wirkung durcheinander. Afrikanische Slums explodieren, weil die Bev\u00f6lkerung dank besserer Gesundheit exponentiell gewachsen ist und die traditionelle Wirtschaft eine rasant wachsende Bev\u00f6lkerung nicht aufnehmen kann. Afrika ist nicht wegen der Globalisierung arm, sondern weil der Welthandel am Kontinent vorbeiflie\u00dft. Sein Anteil lag 1948 bei 7,4%, heute bei 2%, ohne Nordafrika und der Republik S\u00fcdafrika gar nur bei 0,8%. Und Stichwort regionale Wertsch\u00f6pfungsketten: kaum ein Sechstel ist innerafrikanischer Handel.<\/p>\n<p>Die lange zu Recht kritisierten EU-Agrar-Exportsubventionen nach Afrika gibt es nicht mehr. Die neuen Economic Partnership Agreements der EU erlauben Afrika \u00fcberdies Marktschutzma\u00dfnahmen. Ghana erh\u00f6hte die Z\u00f6lle auf Gefl\u00fcgelfleisch; Nigeria, Kamerun oder Senegal haben den Import verboten.<\/p>\n<p>Gerne projizieren wir unsere Vorstellungen von feinen Bio-M\u00e4rkten auf Afrikas l\u00e4ndlichen Raum. Als habe Asiens gr\u00fcne Revolution \u2013 besseres Saatgut, Bew\u00e4sserung, auch ohne Glyphosat-Einsatz &#8211; nie stattgefunden, betreibt Afrika gro\u00dfteils Subsistenzlandwirtschaft, die den Kontinent kaum ern\u00e4hren kann. Afrika k\u00f6nnte asiatische Erfahrungen gut gebrauchen: Thailand allein exportiert mehr Agrarprodukte als ganz Subsahara-Afrika zusammen.<\/p>\n<p><b>Trauen wir Afrika Rechtsstaatlichkeit und Unternehmertum zu?<\/b><\/p>\n<p>Entwicklungspolitik sah in China oder Brasilien Direktinvestitionen vor, w\u00e4hrend Afrika hilfsbasierte Politik zuteil wurde. Eine Kultur der Ausgrenzung wurde geschaffen: Selbstversorgung statt Diktat der M\u00e4rkte, Fair Trade als einwandfreies Modell. Small mag beautiful sein, aber nicht immer helpful. Was Afrika ben\u00f6tigt, sind Investitionen, die Technologie und Jobs bringen, meint selbst Joseph Stiglitz, einst Kronzeuge der Globalisierungs-Kritiker. Es brauche keine neuen Gesch\u00e4ftsmodelle, sagte der Unternehmer Mo Ibrahim k\u00fcrzlich beim 5. Africa-CEO-Forum: \u201eWir m\u00fcssen nur Korruption und staatliche Misswirtschaft loswerden, und stattdessen Rechtssicherheit schaffen\u201c.<\/p>\n<p><b>Investitionen statt Almosen<\/b><\/p>\n<p>Kein Zwanzigstel an ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen weltweit entf\u00e4llt auf Schwarzafrika. Doch China bestreitet dort mittlerweile mehr als EU und USA zusammen. Skeptiker wittern skrupellose Ausbeutung der Bodensch\u00e4tze, neue Umweltdesaster, Lohndumping, Kinderarbeit. Klar \u2013 Peking stillt seinen Rohstoffhunger, will Absatzm\u00e4rkte und inszeniert sich als weise Weltmacht. L\u00e4nder wie \u00c4thiopien oder Ruanda nehmen die Angebote gerne auf, statt sich von Europa bevormunden zu lassen.<\/p>\n<p>Private Investoren schauen genauer, was mit ihrem Geld geschieht als EU-Staaten, die gegen\u00fcber ihren Steuerzahlern selten nachweisen k\u00f6nnen, dass die Aufwendungen auch tats\u00e4chlich nachhaltig sind. Und ausl\u00e4ndische Unternehmen sind in Afrika oft attraktivere Arbeitgeber als einheimische. Die Vernetzung lokaler Technologie-Start-Ups schafft neue Dynamiken, etwa im \u201eSilicon Savannah\u201c in Kenia. Marktwirtschaft bleibt das effizienteste System zur Schaffung von Wohlstand, aber nicht allein das beste f\u00fcr dessen gerechte Verteilung. Ungez\u00fcgelter Raubtierkapitalismus ohne Rechtsstaat ist \u00fcberall verheerend, doch Abschottung festigt archaische Strukturen.<\/p>\n<p><b>Mehr, nicht weniger Globalisierung<\/b><\/p>\n<p>Asiens wachsende Bedeutung f\u00fchrt zum verst\u00e4rkten Erfahrungsaustausch S\u00fcd-S\u00fcd. Was uns aber nicht unsere politische, technische und finanzielle Mitverantwortung abnimmt, f\u00fcr Herausforderungen wie den Klimawandel; durch Setzung globaler Regeln bei Steuer- und Kapitalflucht \u2013 auch in Afrika ein Imperativ; oder bei weltweiten Umwelt- und Verhaltenskodizes, etwa beim Coltan- oder Kobalt-Abbau. Multinationale Unternehmen aus Asien m\u00fcssen ebenso in die Pflicht genommen werden, inklusive ihrer lokalen Zulieferer. Auch bei Konfliktverh\u00fctung und den Fl\u00fcchtlingen aus dem S\u00fcdsudan in Uganda, aus Somalia in Kenia etc. ist internationale Unterst\u00fctzung unabdingbar. EU-Geldzahlungen an dubiose Partner, um uns junge Afrikaner weit vom Leib zu halten, sind kaum nachhaltig. Nicht nur globale Warenstr\u00f6me, auch universelle Werte m\u00fcssen die Modernisierung pr\u00e4gen. Europas Konsumenten und die Zivilgesellschaft sind ebenso gefordert. Ethik und entsprechende Politik haben nicht ausgedient.<\/p>\n<p><strong>Gunther Neumann<\/strong> ist Vizepr\u00e4sident des Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation. Er hat mehrere Jahre im Auftrag von EU, Uno und Rotem Kreuz f\u00fcr Entwicklungs- und Demokratieprojekte in Afrika und Asien gearbeitet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/derstandard.at\/2000068652561\/EU-und-Afrika-Migration-und-ueberholte-Konzepte\">https:\/\/derstandard.at\/2000068652561\/EU-und-Afrika-Migration-und-ueberholte-Konzepte<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seiner Kolonialgeschichte und dem Wohlstandsgef\u00e4lle ist ein Beitrag Europas zur Entwicklung Afrikas ein moralischer Imperativ. Doch Schuldgef\u00fchle allein ergeben keinen guten Businessplan. 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