{"id":1832,"date":"1996-03-04T22:08:14","date_gmt":"1996-03-04T22:08:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1832"},"modified":"2022-07-07T21:17:19","modified_gmt":"2022-07-07T21:17:19","slug":"schlechtes-gewissen-ist-kein-guter-ratgeber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1832","title":{"rendered":"Schlechtes Gewissen ist kein guter Ratgeber"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">Europa stellt sich gerne an den Pranger<\/p>\n<h3 class=\"article__headline\">Schlechtes Gewissen ist kein guter Ratgeber<\/h3>\n<p class=\"western\">K\u00f6nnen Fluchtursachen durch verst\u00e4rkte EU-Unterst\u00fctzungen angepackt werden? Eine nachhaltige Strategie bleibt eine Herausforderung<\/p>\n<p class=\"western\">Die Presse, Dezember 2017<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Adventszeit ist Spendenzeit &#8211; wir versichern uns unserer Menschlichkeit. Gleichzeitig erhitzt die Migrationsdebatte auch im Winter die Gem\u00fcter. Was liegt da n\u00e4her, als unsere Empathie mit dem Ziel zu verbinden, Fluchtursachen in Afrika nachhaltig anzugehen?<\/p>\n<p>Moralisch scheint die Sache eindeutig: In weiten Teilen des Kontinentes herrschen miserable Bedingungen. Wir sind \u2013 so die Grundannahme \u2013 verantwortlich: wegen des Kolonialismus einst, einer ungerechten Weltordnung und unseres Lebensstils heute; Lebensmitteldumping und Landraub zerst\u00f6re Agrarstrukturen, Waffenexporte heizten lokale Konflikte an, Schutzz\u00f6lle schotten Europas M\u00e4rkte ab, nur Afrikas Bodensch\u00e4tze w\u00fcrden gepl\u00fcndert. Aber schlechtes Gewissen ist selten ein n\u00fctzlicher Ratgeber. Auch im Entwicklungsdiskurs ist das Gegenteil von gut manchmal nur gut gemeint.<\/p>\n<p><b>Mehr vom selben?<\/b><\/p>\n<p>NGOs wie hierzulande CARE oder Horizont 3000 leisten mit hochmotiviertem Personal Pionierarbeit jenseits unserer Komfortzone, oft finanziert durch Spenden. Entwicklungshilfe sei die Umverteilung des Geldes der Armen aus den reichen L\u00e4ndern an die Reichen aus den armen L\u00e4ndern, \u00e4tzte der \u00d6konom Peter Bauer. Was stark verk\u00fcrzt ist: Bei der Ausrottung von Geiseln wie Polio oder Pocken war sie nachweislich erfolgreich. Gerade mit NGO- und UNO-Unterst\u00fctzung ist die M\u00fctter- und Kindersterblichkeit in den letzten Jahren rasant gesunken \u2013 was auch bedeutet, dass sich in 25 Jahren Afrikas Bev\u00f6lkerung verdoppelt hat. Nun will auch die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS die Geburtenrate bis 2030 auf drei Kinder pro Frau dr\u00fccken.<\/p>\n<p><b>Marshallplan f\u00fcr Afrika?<\/b><\/p>\n<p>Das Schlagwort eines \u201eMarshallplans f\u00fcr Afrika\u201c macht weiter die Runde. Seit 1960 allerdings floss die Summe von sechs Marshallpl\u00e4nen nach Afrika, merkt der Ghanaer George Ayittey an. Der L\u00f6wenanteil an Geldern ging nicht in nachhaltige Projekte, sondern in Zusch\u00fcsse f\u00fcr \u2013 gelinde gesagt \u2013 korruptionsanf\u00e4llige Autokraten.<\/p>\n<p>Europa stellt sich gerne an den Pranger. Wir f\u00fchlen uns f\u00fcr alles schuldig, was nicht gut l\u00e4uft. Doch zu Recht kritisierte EU-Agrar-Exportsubventionen nach Afrika gibt es nicht mehr. Die neuen, asymmetrischen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen erm\u00f6glichen nur Afrika, nicht der EU Marktschutzma\u00dfnahmen, etwa Z\u00f6lle oder Verbote f\u00fcr Gefl\u00fcgelimporte.<\/p>\n<p>Lange war die EU der wichtigste Projektansprechpartner Afrikas. Heute thematisieren wir wie ein Mantra das \u00dcbel Globalisierung, ja das Ende des Kapitalismus, statt seine Erfolge und M\u00f6glichkeiten zu diskutieren, beobachtet Hans Stoisser, Entwicklungsexperte mit jahrzehntelanger Afrika-Erfahrung: Die Entwicklungszusammenarbeit sei die letzte Bastion der Planwirtschaft. &#8222;Wir glauben, mit Slogans wie \u201aLokal statt Global\u2018 die komplexen Herausforderungen unserer Zeit bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen&#8220;, warnt Stoisser.<\/p>\n<p><b>Zuwenig, nicht zu viel Globalisierung<\/b><\/p>\n<p>Marktwirtschaft und Globalisierung haben in S\u00fcdostasien nicht Elend geschaffen, sondern abgefangen: Statt Entwicklungshilfe haben Investitionen und eine gesunkene Geburtenrate zu einem massiven R\u00fcckgang der Armut gef\u00fchrt. Afrika ist nicht wegen der Globalisierung zur\u00fcckgefallen, sondern weil der Welthandel am Kontinent vorbeiflie\u00dft. Sein Anteil betrug vor 70 Jahren fast 8%, heute nur noch ein Viertel, ohne \u00d6ll\u00e4nder und der Republik S\u00fcdafrika gar nur 0,8%. Afrika ist in der Rohstofffalle gefangen: Einseitige Ressourcensch\u00fcrfung bedeutet Bereicherung lokaler Eliten und wirtschaftliche Stagnation. \u201eFaire Preise\u201c allein \u00e4ndern daran wenig. 200 Millionen junge Afrikaner suchen in den kommenden 10 Jahren Jobs \u2013 laut McKinsey sind aber in 5 Jahren kaum 20 Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze entstanden.<\/p>\n<p><b>Herausforderung China<\/b><\/p>\n<p>Wer heute von Afrikas Entwicklung spricht, spricht von China. Peking investiert \u2013 nicht uneigenn\u00fctzig &#8211; in Afrika mittlerweile mehr als EU und USA zusammen. Autokratisch regierte L\u00e4nder wie \u00c4thiopien oder Ruanda nehmen die Angebote gerne auf und verweisen auf neue Stra\u00dfen, Bahnlinien, H\u00e4fen. \u201eChina repr\u00e4sentiert eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Herausforderung f\u00fcr das westliche Model\u201c, meint der indische Essayist Pakaj Mishra: \u201eEntwicklung wurde ohne Demokratie erreicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Europa bleibt in Afrika z\u00f6gerlich<\/strong>, obwohl die EU verst\u00e4rkt Risikob\u00fcrgschaften f\u00fcr Investitionen \u00fcbernimmt. Mit Knowhow etwa bei Wasser, Abwasser, M\u00fcll, Energie h\u00e4tten die \u201eHidden Champions\u201c, mitteleurop\u00e4ische, auch \u00f6sterreichische Mittelbetriebe Chancen. Von deutschen Exporten landen kaum 2% in Afrika, die H\u00e4lfte davon in S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Ausl\u00e4ndische Unternehmen sind in Afrika meist attraktivere Arbeitgeber als einheimische. Die Vernetzung mit lokalen Start-Ups schafft Chancen, Cluster entstehen. Subsahara-Afrika hat heute 800 Millionen Mobiltelefonanschl\u00fcsse, bei gut 900 Millionen Einwohnern. Drei Viertel verwenden die Ger\u00e4te f\u00fcr neue Leistungen: Das in Kenias Tech-Hub \u201eSilicon Savannah\u201c mitentwickelte Mobil-Zahlungssystem M-Pesa revolutionierte das Leben vieler und wird zum Export-Hit. M-Farm macht Bauern durch Informationen \u00fcber Marktpreise in Echtzeit weniger abh\u00e4ngig von Zwischenh\u00e4ndlern.<\/p>\n<p><strong>Konsumverzicht<\/strong> allein wird die Weltenrettung ebenso wenig bewerkstelligen wie reine Finanzhilfen f\u00fcr T\u00fcrsteher Europas in Afrika. Die oft zitierte \u201eBegegnung auf Augenh\u00f6he\u201c darf auch Korruptionsbek\u00e4mpfung und Rechtsstaatlichkeit verlangen. Verbesserte Bildung ist f\u00fcr Standortattraktivit\u00e4t ebenso unabdingbar wie f\u00fcr ein langsameres Bev\u00f6lkerungswachstum. Was uns in Europa aber nicht die politische und technische Mitverantwortung f\u00fcr globale Herausforderungen abnimmt: beim Klimaschutz, bei Regeln zu Steuer- und Kapitalflucht \u2013 gerade in Afrika ein Imperativ; oder beim modernen Dreieckshandel: Afrikanische Rohstoffe f\u00fcr asiatische Hochtechnologie f\u00fcr europ\u00e4ische Abnehmer, etwa beim Coltan- oder Kobalt-Abbau f\u00fcr den Welthunger nach Mobiltelefonen und leistungsstarken Batterien. Europas Konsumenten und die Zivilgesellschaft sind ebenfalls gefordert, durch Beharren auf Umwelt- und Verhaltenskodizes. Auch Asiens Unternehmen m\u00fcssen mit ihren lokalen Zulieferern in die Pflicht genommen werden.<\/p>\n<p><strong>Isolation bringt selten L\u00f6sungen<\/strong>. In der Migrationsdebatte heben wir selbst innereurop\u00e4isch neue physische und mentale Gr\u00e4ben aus. Aber es braucht auch einen Abschied von Illusionen: Leicht wachsender Wohlstand bremst den Wanderungsdruck kaum ein. Europa hat das Recht und die Pflicht, Migration auch zu steuern.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/5345212\/Gastkommentar_Schlechtes-Gewissen-ist-kein-guter-Ratgeber\">\u00a0https:\/\/www.diepresse.com\/5345212\/schlechtes-gewissen-ist-kein-guter-ratgeber<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/5345212\/Gastkommentar_Schlechtes-Gewissen-ist-kein-guter-Ratgeber\">https:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/5345212\/Gastkommentar_Schlechtes-Gewissen-ist-kein-guter-Ratgeber<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa stellt sich gerne an den Pranger Schlechtes Gewissen ist kein guter Ratgeber K\u00f6nnen Fluchtursachen durch verst\u00e4rkte EU-Unterst\u00fctzungen angepackt werden? Eine nachhaltige Strategie bleibt eine Herausforderung Die Presse, Dezember 2017<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1832"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1832"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2500,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1832\/revisions\/2500"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}