{"id":185,"date":"2010-01-03T16:27:05","date_gmt":"2010-01-03T16:27:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=185"},"modified":"2016-01-31T21:53:38","modified_gmt":"2016-01-31T21:53:38","slug":"erfolgsgeschichte-oder-horrortrip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=185","title":{"rendered":"Globalisierung: Erfolgsgeschichte oder Horrortrip?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Mythen und Realit\u00e4ten der weltweiten \u00f6konomischen Vernetzung<\/p>\n<h3>Globalisierung: Erfolgsgeschichte oder Horrortrip?<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Februar 2007<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/DSC_02041.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-649\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/DSC_02041.jpg\" alt=\"DSC_02041\" width=\"579\" height=\"388\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/DSC_02041.jpg 800w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/DSC_02041-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 579px) 100vw, 579px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Globalisierung ist kein geheimer, faustischer Pakt seelenloser M\u00e4chtiger. Sie ist aber auch kein Allheilmittel. \u00dcber Mythen und Realit\u00e4ten der weltweiten \u00f6konomischen Vernetzung.<\/strong><\/p>\n<div id=\"em_cnt_artikel\">\n<p>Erst im letzten Moment sorgte Schnee f\u00fcr Winterstimmung: Seit 1971 l\u00e4dt Klaus Schwab zum Weltwirtschaftsforum in die Davoser Alpenluft. Keiner sagt ab, wenn der Wirtschaftsprofessor zur Rettung der Welt bittet &#8211; und dazu, die Skier mitzubringen. Die G\u00e4steliste liest sich wie ein Vereinstreffen der Weltelite, ein Who is Who der Zeitgeschichte. 2000 G\u00e4ste, darunter 24 Staats- und Regierungschefs, die Bosse von 73 der 100 weltgr\u00f6\u00dften Unternehmen und 900 weitere Spitzenmanager, 85 Minister, die halbe EU-Kommission, Weltbank und Atombeh\u00f6rde, Wissenschafter und Gewerkschafter, Vertreter von Kirchen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), dazu die Popstars Peter Gabriel und Bono.<\/p>\n<p>In Davos und Nairobi\u00a0St\u00f6raktionen ersch\u00f6pften sich heuer in etwas Ger\u00fcttel an Absperrgittern, Schneeb\u00e4llen und dem L\u00e4uten von Kuhglocken. L\u00e4ngst sind Vertreter der etablierten NGO-Szene, wie etwa &#8222;Greenpeace&#8220;, zum Kamingespr\u00e4ch geladen. Aufgrund des Wetters und der Klimadebatte geriet das heurige Davoser Hauptthema, die tektonische &#8222;Verschiebung der Machtbalance&#8220; (gemeint waren die boomenden Volkswirtschaften Asiens), medial ins Hintertreffen.<\/p>\n<p>In Nairobi brannte unterdessen die Sonne der kenianischen Trockenzeit auf die Teilnehmer des Weltsozialforums (WSF). NGOs waren in den letzten Jahren Hoffnungstr\u00e4ger im Kampf gegen Umweltzerst\u00f6rung und f\u00fcr Menschenrechte, f\u00fcr eine neue transnationale Ordnung und die Herausbildung einer globalen emanzipatorischen Zivilgesellschaft. Seit 2001 ist das WSF B\u00fchne einer Protestbewegung, die bisher viermal im brasilianischen Porto Alegre und einmal im indischen Mumbai tagte. Eine Regenbogenkoalition Engagierter, ein Tanz der Kulturen voll Enthusiasmus, Deklarationen, Trommelkl\u00e4ngen und Gospelgesang. Dass das WSF diesmal weniger Aufmerksamkeit auf sich zog, lag nicht nur am tagelangen Ausfall der Computer im Medienzentrum, w\u00e4hrend die Davoser Debatten im Web in Echtzeit zu verfolgen waren. Hatten in Porto Alegre noch 100.000 Teilnehmer mitten in der Stadt getagt, trafen sich in Nairobi globalisierte Globalisierungsskeptiker auf einem sterilen Sportcampus au\u00dferhalb der Stadt.<\/p>\n<p><i>&#8222;Fast so abgehoben wie in Davos die Politelite&#8220;<\/i>\u00a0, meinte ein Kirchenvertreter am Rande des Nairobi-Treffens. Kirchen halten in Afrika, wo die staatliche Ordnung oft versagt, unverdrossen eine Minimalstruktur aufrecht. Man dr\u00fcckte sich rund um das Stadion gegenseitig Flugbl\u00e4tter in die Hand, demonstrierte vor- und f\u00fcreinander mit geballter Faust. 150.000 Teilnehmer waren erwartet worden, 25.000 irrten schlie\u00dflich durch die Anlage, suchten an zwei Dutzend Toren die als Tagungsorte mittels Zeltbahnen notd\u00fcrftig abgetrennten B\u00fchnenabschnitte. Programmhefte waren schon am ersten Tag ausgegangen, und auf Grund fehlender Dolmetscher blieben viele Gruppen sprachlos. Gegen Ende raubten bewaffnete Banden mit vorgehaltenen Pistolen Delegierte aus, und Stra\u00dfenkinder machten sich \u00fcber die Zelte der Caterer her. Eine gemeinsame Schlusserkl\u00e4rung des WSF gab es nicht.<\/p>\n<h5>Warnendes Unwohlsein<\/h5>\n<p>Wie meist in polemischen Disputen, beanspruchen beide Seiten die absolute Wahrheit. Dennoch &#8211; die Debatten sind etwas ruhiger geworden. Selbst Kritiker der Globalisierung anerkennen sie verst\u00e4rkt, wenn auch nolens volens, als Faktum. Gleichzeitig ist ein warnendes Unwohlsein zum Mainstream geworden &#8211; und selbst in den kamingeheizten Davoser Stuben werden Herausforderungen wie der Klimawandel erkannt. Dabei haben sich die grundlegenden Positionen wenig ver\u00e4ndert. Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten, untermauert mit Statistiken auf der Bef\u00fcrworter-, Schreckensbildern auf der Kritikerseite.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-564\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03050.jpg\" alt=\"DSC03050\" width=\"590\" height=\"442\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03050.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03050-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC03050-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 590px) 100vw, 590px\" \/>F\u00fcr Bef\u00fcrworter ist die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte weltweiten Aufschwungs und steigender Chancen f\u00fcr alle. Sie argumentieren mit billigerer G\u00fcterproduktion, Technologietransfer, R\u00fcckgang der absoluten Armut: In zwanzig Jahren ist der Anteil der Weltbev\u00f6lkerung, die mit weniger als einem US-Dollar pro Tag (nach Kaufkraftparit\u00e4t) auskommen muss, von 44 auf 13 Prozent gesunken, w\u00e4hrend der Anteil derer, die mehr als 500 U$ pro Monat verdienen, von 14 auf 55 Prozent gestiegen ist. Ein Drittel aller Exporte stammt aus Entwicklungsl\u00e4ndern. Vor zwei Jahrzehnten lag dieser Anteil noch bei 20 Prozent. Dazu kommt: Noch 1980 waren Drittwelt-Exporte nur zu 20% verarbeitet, heute sind sie es zu gut 70%. Profitiert haben jene L\u00e4nder, die sich dem Welthandel ge\u00f6ffnet haben, besonders S\u00fcdostasien, neuerdings auch Indien. 2005 flossen netto 500 Milliarden U$ in die Schwellenl\u00e4nder, internationale Konzerne verlagern ihre Entwicklungsabteilungen dorthin.<\/p>\n<p>Enthusiasten messen die Temperatur der Weltkonjunktur und \u00fcbersehen manchmal, dass es am Hochofen zu hei\u00df, das soziale Klima an den Polen des Globalisierungsbooms dagegen unangenehm kalt sein kann. M\u00e4chtige sprechen von Herausforderungen, argumentieren mit Markmechanismen, versprechen eine strahlende Zukunft, der alle zum Nutzen aller hinterherlaufen sollen. Nutzt die Chancen, geht Risken ein, nehmt teil am weltweiten Wettbewerb, lautet die Devise glamour\u00f6ser B\u00f6rsengewinner, und ihr werdet teilhaben am Segen einer sch\u00f6nen neuen Welt mit Wohlstand f\u00fcr alle, an der Erschlie\u00dfung und Schaffung unersch\u00f6pflicher Reicht\u00fcmer! Globalisierung klingt bei diesen Predigern wie die Urbarmachung eines weiten, leeren Landes.<\/p>\n<p>Es ist wohl ein Unterschied, ob der Blick einer Managerkaste aus luftiger Davoser H\u00f6he \u00fcber Kontinente scheinbar unbegrenzter M\u00f6glichkeiten schweift oder der schwei\u00dftreibende Weg nach oben angetreten wird. Da werden reiche Inseln zur belagerten Festung, und die, denen der Aufstieg dank Eigeninitiative gepredigt wird, zu bedrohlichen Eindringlingen. So war das ja nicht gemeint: \u00d6konomische Verwirklichung zu Hause sollte es sein. Wir wollen eure Produkte, m\u00f6glichst im Rohzustand, damit Arbeit, Wertsch\u00f6pfung und B\u00f6rsengewinne bei uns bleiben, und damit auch der Wohlstand.<\/p>\n<h5>Weltweites Unbehagen<\/h5>\n<p>Skeptiker der Globalisierung beklagen einen neoliberalen Terror der \u00d6konomie. Sie verweisen auf ein sozial und \u00f6kologisch unkontrolliertes Wachstum: Wenige profitieren auf Kosten einer \u00fcberw\u00e4ltigten Mehrheit und der Umwelt. Neben Scham \u00fcber die Ausbeutung billiger Arbeitskr\u00e4fte, Sorgen um Weltklima und -friede beunruhigen auch Konsequenzen der Globalisierung im Norden. Soziale Sicherheit sinkt, Minderqualifizierte verarmen, der Mittelstand wird zerrieben, strukturelle Gewalt (wie etwa in den Pariser Vorst\u00e4dten) nimmt zu. Die Macht von Konzernen kulminiert in Investitionsstreiks gegen zahnlose Nationalstaaten, denen nichts \u00fcbrig bleibt, als sich beim Steuer- und Sozialsystem zu unterbieten. Das Unbehagen hat zuletzt auch Davos erreicht.\u00a0<i>&#8222;Die Kluft zwischen denen, die die Welle der Globalisierung nutzen k\u00f6nnen, und denen, die von ihr zur\u00fcckgelassen werden, wird gr\u00f6\u00dfer&#8220;<\/i>\u00a0, fasste Klaus Schwab zusammen.<\/p>\n<p>Kritische Artikel und Filme \u00fcberzeichnen gerne die Situation. Drastische Bilder dr\u00e4ngen uns auf, dass ausufernde Slums Produkte der Globalisierung seien. Bei der Suche nach Schuldigen geraten Ursache und Wirkung oft durcheinander. Slums explodieren in L\u00e4ndern, wo die Bev\u00f6lkerung dank besserer Gesundheit exponentiell gewachsen ist und die traditionelle Wirtschaft die junge Bev\u00f6lkerung nicht aufnehmen kann. Ein Sweatshop ist nicht Ursache der Armut, aber es wird suggeriert, dass ohne Billiglohnbranchen die Lage etwa in Chinas oder Indiens l\u00e4ndlichen Regionen idyllisch oder zumindest besser w\u00e4re. Manche Kritik erinnert an Maschinenst\u00fcrmerei. Fr\u00fchindustrielle Zust\u00e4nde waren nie idyllisch, das Dampfross hat tausende Fuhrleute brotlos gemacht. Auch wenn wir es gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig anzweifeln: Die Globalisierung hat in vielen Gebieten nicht Elend geschaffen, sondern abgefangen &#8211; und in S\u00fcdostasien zu einem massiven R\u00fcckgang der Armut gef\u00fchrt.<\/p>\n<h5>Verlierer Afrika<\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-566\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Kopie-von-Kongo-Oft-einzige-Transportm\u00f6glichkeit-Photo-Neumann.jpg\" alt=\"Kopie von Kongo Oft einzige Transportm\u00f6glichkeit Photo Neumann\" width=\"553\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Kopie-von-Kongo-Oft-einzige-Transportm\u00f6glichkeit-Photo-Neumann.jpg 1280w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Kopie-von-Kongo-Oft-einzige-Transportm\u00f6glichkeit-Photo-Neumann-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Kopie-von-Kongo-Oft-einzige-Transportm\u00f6glichkeit-Photo-Neumann-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/>F\u00fcr tats\u00e4chlich oder vermeintlich negative Konsequenzen der Globalisierung eignen sich Bilder von afrikanischem Elend besonders gut. Mit Bootsfl\u00fcchtlingen lassen sich Titelseiten f\u00fcllen, mit Fliegen auf entz\u00fcndeten Kinderaugen Welt-Presse-Fotowettbewerbe gewinnen oder Filme machen, die uns zeigen wollen, dass wir saturierte Wohlstandsb\u00fcrger hungernden Menschen am Viktoriasee die letzten Barsche wegessen. Alles ausgel\u00f6st durch die Globalisierung, schlie\u00dfen wir aus eindringlichen Bildern: Afrika war, wenn schon nicht in kolonialer, so doch in vorkolonialer Zeit eine heile Welt.<\/p>\n<p>Nicht alle Bilder halten aber einer kritischen Analyse stand. Afrika ist nicht wegen der Globalisierung arm, sondern weil es von ihr links liegen gelassen wird. Der Welthandel flie\u00dft an diesem Kontinent vorbei. Afrikas Anteil lag 1948 noch bei 7,4, heute nur noch bei 2 Prozent. Davon entf\u00e4llt fast die H\u00e4lfte auf drei L\u00e4nder: Algerien, Nigeria und S\u00fcdafrika. Und noch eine Entwicklung hat Afrika nicht erfasst, denn es liefert (von S\u00fcdafrika abgesehen) weiterhin Roh\u00f6l, Erze, landwirtschaftliche Rohwaren, wie Kakao. Der Aufbau einer konkurrenzf\u00e4higen, weiterverarbeitenden Industrie ist nicht gelungen. Als Investitionsstandort ist Afrika wenig attraktiv.<\/p>\n<p>Fairer Handel und gerechte Preise f\u00fcr Rohstoffe waren lange Leitmotive der Entwicklungsdebatte. In den letzten Jahren haben sich die Weltmarktpreise von Erzen \u00fcber Kaffee bis Mais vervielfacht &#8211; doch damit keine L\u00f6sung gebracht, im Gegenteil: Abh\u00e4ngigkeiten werden zementiert. Ein Danaergeschenk, wenn Gewinne nicht sinnvoll investiert werden, sondern korrupte Eliten f\u00fcttern und Konflikte sch\u00fcren. Afrikas Landwirtschaft w\u00e4re auch bei einseitiger Markt\u00f6ffnung Europas jener Lateinamerikas oder Asiens nicht gewachsen. Afrikanische Bananen oder Kaffee sind teurer als lateinamerikanische, Tee aus Vietnam konkurrenzf\u00e4higer als kenianischer.<\/p>\n<p>Afrikas Anteil an Europas Au\u00dfenhandel ist nur mehr marginal. Zynisch gesprochen: Auch wenn China neuerdings Afrika als Ressourcen- und Absatzmarkt hofiert &#8211; die Weltwirtschaft braucht (bis auf wenige) Afrikas Rohstoffe nicht. Was Afrika ben\u00f6tigt, sind Direktinvestitionen, die Technologie und Jobs bringen, meint der Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz. Modernisierung der Infrastruktur und Aufbau eines Finanzwesens sind f\u00fcr Standortattraktivit\u00e4t unabdingbar. Abschottung festigt archaische Strukturen, vergr\u00f6\u00dfert den Abstand und macht sp\u00e4ter die Teilnahme an der Globalisierung nur noch schwerer. Entwicklungshilfe konnte nirgends einen nennenswerten Beitrag leisten. Nur mit, nicht gegen Marktkr\u00e4fte sind Missst\u00e4nde \u00e4nderbar, selbst im Kleinen. Gro\u00dfz\u00fcgig verschenkte Moskitonetze werden in Afrika zweckentfremdet &#8211; billig angebotene jedoch angewendet.<\/p>\n<p>Ohne Modernisierung stagnieren Exporte, kommen keine Investitionen, keine Steuern herein, sondern weiterhin nur etwas Entwicklungshilfe und Zolleinnahmen, die selten sinnvoll investiert werden, sondern allzu oft nur eine korruptionsanf\u00e4llige, b\u00fcrokratische Elite n\u00e4hren. Ohne Arbeitsm\u00f6glichkeiten wandern die wenigen gut Ausgebildeten ab, klagt Liberias Pr\u00e4sidentin Ellen Johnson Sirleaf &#8211; gerade in jene L\u00e4nder, die am Welthandel teilnehmen. Sie mahnte &#8211; wie auch S\u00fcdafrikas Thabo Mbeki &#8211; in Davos Afrikas Eigenverantwortung ein, und das sind neue, zukunftsweisende T\u00f6ne. Erstmals seit 2001 wird n\u00e4chstes Jahr kein Weltsozialforum stattfinden: offiziell eine Atem- und Nachdenkpause.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1000903.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-562\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1000903-768x1024.jpg\" alt=\"P1000903\" width=\"419\" height=\"558\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1000903-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1000903-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1000903.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 419px) 100vw, 419px\" \/><\/a><strong>Joseph Stiglitz<\/strong>, ehemals Weltbank-Vizepr\u00e4sident und seit seinem Bestseller &#8222;Schatten der Globalisierung&#8220; (2002) ein Kronzeuge der Skeptiker, ist heute \u00fcberzeugt, dass in der Globalisierung enormes Potenzial steckt, wenn man sie richtig gestaltet &#8211; was nach Binsenweisheit klingt. Dennoch hat Stiglitz 2006 mit den &#8222;Chancen der Globalisierung&#8220; ein kraftvolles Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine gerechte Weltwirtschaftsordnung geliefert. Der Prozess der weltweiten Vernetzung ist unaufhaltsam. Es gibt keine Alternative zur Globalisierung, nur Gestaltungsm\u00f6glichkeiten in ihr. Die Wirtschaftstheorie sagt nicht, dass alle Globalisierungsgewinner sind, sondern dass die Nettoeffekte eindeutig positiv sind. Die Gewinner m\u00fcssen durch Regulierungen im Rahmen der Marktwirtschaft Verlierer entsch\u00e4digen &#8211; und k\u00f6nnen trotzdem noch Profit verbuchen.<\/p>\n<h5>&#8222;Probleme ohne Pass&#8220;<\/h5>\n<p>Auch als Wohlhabende wollen wir in einer sicheren, konflikt- armen Welt sozialen Zusammenhaltes leben. Wie m\u00fcssen aber die Rahmenbedingungen aussehen, dass die globalisierte Marktwirtschaft akzeptable Bedingungen f\u00fcr m\u00f6glichst viele Menschen sichert? Eine Kommandozentrale der Globalisierung gibt es nicht. Sie ist kein geheimer, faustischer Pakt seelenloser M\u00e4chtiger. Europ\u00e4ische Arroganz ist kaum angebracht, denn die USA bleiben auf absehbare Zeit das Mekka der Forschung.<\/p>\n<p>Theoretiker der Weltverbesserung neigen zu Dogmen und moralischem Paternalismus und schielen gerne nach F\u00fchrern \u00e0 la Hugo Chavez. Das globalisierungskritische Netzwerk &#8222;Attac&#8220; will &#8222;Sand im Getriebe&#8220; sein. Diese Metapher taugt als Motto einer Protestbewegung, aber nicht als konstruktive Idee, um Werte aus allen Welten, aus der \u00d6konomie und der Zivilgesellschaft, in die Praxis umzusetzen. &#8222;Probleme ohne Pass&#8220; gibt es gen\u00fcgend, von Aids \u00fcber Eigentumsrechte, Klimaschutz bis zu Migrationsstr\u00f6men inklusive Menschenhandel.<\/p>\n<h5>Regelwerk notwendig<\/h5>\n<p>Joseph Stiglitz glaubt an Selbstreinigungskr\u00e4fte durch aufgekl\u00e4rte B\u00fcrger. Sein Optimismus macht mehr Mut als die in Europa beliebte Schwarzmalerei, der st\u00e4ndig bejammerte Sisyphuskampf Gut gegen B\u00f6se. Neben Eigenverantwortung sind institutionelle Rahmenbedingungen, ein Regelwerk aus Finanz-, Sozial- und Umweltaspekten zur \u00c4nderung der Lage notwendig, dazu horizontale Netzwerke in Erg\u00e4nzung manchmal zahnloser Abkommen. Die Bill und Melinda Gates-Stiftung managt mit kaum 250 Angestellten ein \u00e4hnlich gro\u00dfes Milliarden-Budget wie die WHO mit 3500 &#8211; und zum Teil effektiver.<\/p>\n<p>Aber Bildung und sozialer Zusammenhalt als Basis funktionierender M\u00e4rkte sind nicht durch freiwillige Spenden allein erreichbar. Das Weltklima darf nicht dem Wettbewerb von Billig-Airlines \u00fcberlassen werden. Ethik und entsprechende Politik haben nicht ausgedient. Stichworte: Nachhaltigkeit, Besteuerung von Flugbenzin, Steuern auf spekulative Finanzgewinne. Es braucht supranationale Institutionen wie EU, WTO und eine schlagkr\u00e4ftige Umweltbeh\u00f6rde zur Integration wirtschaftlicher, \u00f6kologischer, technischer und sozialer Herausforderungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Erw\u00e4hnte Literatur:<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"imgBlkFront\" class=\"a-dynamic-image image-stretch-vertical frontImage\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/51avR--EmcL._SX340_BO1,204,203,200_.jpg\" alt=\"\" width=\"144\" height=\"210\" data-a-dynamic-image=\"{&quot;http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/51avR--EmcL._SY344_BO1,204,203,200_.jpg&quot;:[237,346],&quot;http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/51avR--EmcL._SX340_BO1,204,203,200_.jpg&quot;:[342,499]}\" \/><\/p>\n<\/div>\n<div>\u00a0<b>Joseph Stiglitz<\/b>, &#8222;Die Schatten der Globalisierung&#8220;, Deutsch von Thorsten Schmidt, 349 Seiten, \u20ac 10,30, Goldmann Taschenbuch 2002 \/ 2007<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"widget-preview\" title=\"Die Chancen der Globalisierung\" src=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/content\/edition\/covervoila\/e_179436_67645_xxl.jpg\" alt=\"Die Chancen der Globalisierung\" width=\"140\" height=\"224\" \/><\/p>\n<p><b>Joseph Stiglitz,<\/b> &#8222;Die Chancen der Globalisierung&#8220;,\u00a0 Deutsch von Thorsten Schmidt, \u20ac 25.70, Randomhouse Siedler Verlag, Berlin 2007<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Mythen und Realit\u00e4ten der weltweiten \u00f6konomischen Vernetzung Globalisierung: Erfolgsgeschichte oder Horrortrip? Wiener Zeitung, Februar 2007<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/185"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=185"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/185\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1671,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/185\/revisions\/1671"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}