{"id":1876,"date":"2018-01-05T15:03:01","date_gmt":"2018-01-05T15:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1876"},"modified":"2019-02-05T15:19:47","modified_gmt":"2019-02-05T15:19:47","slug":"1876","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1876","title":{"rendered":"Alain Mabanckou, Die Lichter von Pointe Noire"},"content":{"rendered":"<p id=\"absatz1\" class=\"em_text\">Alle Literatur handelt von Heimatverlust<\/p>\n<h3 class=\"em_text\">Gespinste der Erinnerung<\/h3>\n<p class=\"em_text\">Alain Mabanckous R\u00fcckkehr in das kongolesische Pointe Noire<\/p>\n<p class=\"em_text\">Wiener Zeitung, Januar 2018<!--more--><\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong>Bei der Frankfurter Buchmesse<\/strong> 2017 hatte die weite franz\u00f6sischsprachige Welt ihren literarischen Reichtum, ihre Vielschichtigkeit und Vitalit\u00e4t pr\u00e4sentiert. Eine der herausragendsten Stimmen ist dabei Alain Mabanckou aus dem &#8222;kleinen&#8220;, dem ehemals franz\u00f6sischen Kongo. Mabanckou hat ein Dutzend furioser Romane, vielbeachtete Erz\u00e4hlungen, Essays und Gedichtb\u00e4nde ver\u00f6ffentlicht. Die &#8222;Lichter von Pointe Noire&#8220; sind autobiographische Betrachtungen des Autors zur ersten R\u00fcckkehr in die Stadt seiner Kindheit am Atlantik. 23 Jahre zuvor hatte er die Heimat verlassen, erst Richtung Frankreich, dann in die USA, wo er an der University of California in Los Angeles franz\u00f6sischsprachige Literatur unterrichtet.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong><span class=\"zt\">B\u00fcrde des Ausrei\u00dfers<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"em_text\">Zun\u00e4chst vorsichtig und prosaisch tastet sich Mabanckou durch die Gespinste der Erinnerungen, in erster Linie an seine Mutter, und an seine Schuldgef\u00fchle, dass er &#8211; als Einzelkind &#8211; nicht einmal f\u00fcr ihr Begr\u00e4bnis zur\u00fcckgekommen war. Bald l\u00e4sst der Autor die Zeit seiner Jugend und die damalige Geisterwelt wiederauferstehen. Gleichzeitig beobachtet er die Ver\u00e4nderungen von Pointe Noire, &#8222;zerfressen in ihrer anarchistischen Ausdehnung&#8220;. Soll er sich der Dunkelheit oder den glei\u00dfenden Lichtern anvertrauen? Er &#8222;borgt seine F\u00fc\u00dfe dem einstigen Paradies&#8220;, wandert &#8222;mit der B\u00fcrde der Undankbarkeit&#8220;, des Ausrei\u00dfers durch die Hafenstadt, die &#8222;noch immer mit einem Auge d\u00f6st, w\u00e4hrend aus dem anderen eine unstillbare Tr\u00e4ne flie\u00dft, eine Art Nebenfluss zur C\u00f4te Sauvage&#8220;, der wilden K\u00fcste, w\u00e4hrend nun manche Wege in einer Sackgasse enden, wo &#8222;abgeladener M\u00fcll einen Berg bildet, der den Horizont verstellt&#8220;.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Alain Mabanckou w\u00fchlt sich durch die Tiefen des K\u00f6nigreichs seiner Kindheit, taucht hinab in Prophezeiungen und Aberglauben. Er trifft Philosophielehrer, Schwadroneure, hoffnungsvolle junge Schriftsteller, Prostituierte und nicht zuletzt Verwandte: manche hatten ihn als Kind liebevoll umsorgt, andere konfrontieren ihn jetzt mit begehrlichen Erwartungen an den erfolgreichen Auswanderer.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Kindheitserinnerungen setzen sich oft weniger aus Worten denn aus Bildern zusammen, an denen sich Erfahrungen abgelagert haben. Nicht zuf\u00e4llig erg\u00e4nzen zerknitterte, teils intim-ber\u00fchrende Schwarz-Wei\u00df-Aufnahmen Mabanckous Text, dessen Kapitel in Filmtitel seiner Jugend getaktet sind: Kinos gaben damals ganzen Stadtvierteln von Pointe Noire ihren informellen Namen. F\u00fcr den Halbw\u00fcchsigen war der &#8222;Rex&#8220;-Filmpalast ein magischer Platz, der Helden aus aller Welt herbeizauberte, und wo zumindest f\u00fcr zwei Stunden Knaben-Tr\u00e4ume in Erf\u00fcllung gingen. Jahrzehnte sp\u00e4ter steht er vor dem Rex, das nun winzig wirkt. Der einst mythische Ort der &#8222;Siebten Kunst&#8220; ist eine Kirche der Pfingstbewegung geworden, \u00e4hnlich anderen Kinos\u00e4len, die allesamt zu Wirkungsst\u00e4tten von Predigern diverser Erweckungs-Sekten umfunktioniert wurden.<\/p>\n<p class=\"em_text\"><strong><span class=\"zt\">Heimatverlust<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"em_text\">&#8222;Alle Literatur handelt von Heimatverlust&#8220;, sagt Mabanckou. Wohl wahr, wobei: &#8222;Der Heimatbegriff wird nur in Bezug auf die Vergangenheit bewirtschaftet&#8220;, beobachtet etwa der bosnische Schriftsteller Saa Stanii\u0107 mit Blick auf die politische Instrumentalisierung allenthalben. &#8222;Wir m\u00fcssen anfangen, erstrebenswerte Zukunftsvisionen zu entwerfen&#8220;, erg\u00e4nzt der pakistanische Erfolgsautor Mohsin Hamid, &#8222;sonst bleiben uns nur nostalgische Ideen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"em_text\">Mabanckou glorifiziert nicht, aber er bejammert auch den Wandel nicht. In seinen preisgekr\u00f6nten Romanen hat er virtuos und komisch, sprachgewaltig und politisch unkorrekt mit Mythen und Vorurteilen gespielt. &#8222;Die Lichter von Pointe Noire&#8220; sind nicht so \u00fcberbordend wie die absatzlosen Satzkaskaden in &#8222;Stachelschweins Memoiren&#8220; oder &#8222;Zerbrochenes Glas&#8220;, sondern nachdenklicher, einmal mit intellektueller Distanz, dann in intimer N\u00e4he, traurig, schmerz- und liebevoll, und immer wieder poetisch.<\/p>\n<p class=\"em_text\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p class=\"em_text\">Alain Mabanckou<\/p>\n<p>Die Lichter von Pointe Noire<\/p>\n<p class=\"em_text\">Roman. \u00dcbersetzt von Holger Fock und Sabine M\u00fcller. Liebeskind, M\u00fcnchen 2017, 266 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Literatur handelt von Heimatverlust Gespinste der Erinnerung Alain Mabanckous R\u00fcckkehr in das kongolesische Pointe Noire Wiener Zeitung, Januar 2018<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1876"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1876"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1882,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1876\/revisions\/1882"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}