{"id":1879,"date":"2018-06-05T15:12:50","date_gmt":"2018-06-05T15:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1879"},"modified":"2019-02-21T16:33:49","modified_gmt":"2019-02-21T16:33:49","slug":"peter-rosei-karst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1879","title":{"rendered":"Peter Rosei, Karst"},"content":{"rendered":"<p>Fl\u00fcssig-s\u00fcffige Zeitkritik<\/p>\n<h3>Panorama der Haltlosen<\/h3>\n<p>Peter Rosei und das Verlorensein<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, Juni 2018<!--more-->Das Wort &#8222;Vanitas&#8220; klingt etwas altbacken: Doch die Beobachtung von Geltungsstreben, Prahlerei, eitlem Schein und Verderbtheit begleitet unsere kritischen Analysen von Politik und Gesellschaft. Dahinter lauert ein Gef\u00fchl von Vergeblichkeit.<\/p>\n<p>Dieser Befund charakterisiert oft Figuren der Gesellschaftspanoramen von Peter Rosei, so auch in seinem j\u00fcngsten Roman, &#8222;Karst&#8220;. Durchwegs eher keine Sympathietr\u00e4ger, sind die Protagonisten aus \u00d6sterreich, der Slowakei, Ungarn oder Slowenien viel unterwegs, hungrig nach Leben, Anerkennung und Emporkommen. Sie sind gewieft in Opportunismus und Schl\u00e4ue, doch kaum von gro\u00dfem Talent oder Raffinesse, und schon gar nicht von allzu hohen Moralanspr\u00fcchen angekr\u00e4nkelt.<\/p>\n<p>Da ist Jana, Tochter eines Kurbad-Hoteldirektors aus der Hohen Tatra. Gabor, ein junger ungarischer Pianist, befreit sie aus der postkommunistisch-l\u00e4ndlichen Enge, bringt sie nach Budapest. &#8222;Sie liebten einander bis zur Ersch\u00f6pfung. Wie begl\u00fcckend, wie zart und duftend, wie hart und wild, wie s\u00fc\u00df und bitter war sie, diese Liebe.&#8220; Doch der berufliche Erfolg bleibt dem Musiker versagt. Jana verl\u00e4sst ihn alsbald, um sich vom windigen Wiener Gstettner in der vermeintlich besseren Gesellschaft vorf\u00fchren und in seiner Hietzinger Villa einquartieren zu lassen.<\/p>\n<p>Gstettner macht seine internationalen Gesch\u00e4fte zuerst mit Designerklamotten vom vorletzten Jahr, dann mit Vermittlung von Altenbetreuerinnen und schlie\u00dflich mit Fl\u00fcchtlingen. Entsprechend oft ist er nicht da. Was Jana erm\u00f6glicht, den alternden Kolumnisten Kalman kennenzulernen, dessen Ironie und Selbstreflexionen in Resten als Zynismus \u00fcberleben.<\/p>\n<p>&#8222;Was Sie gelegentlich abliefern&#8220;, sagt der Zeitungs-Herausgeber zu Kalman, &#8222;wirklich super! Sie \u00fcberfordern die Leute nicht. Wer will das auch schon? Wer kann das brauchen?&#8220; Das muss nicht jedem Leser gefallen.<br \/>\nBei einem Venedig-Trip bandelt Kalman mit Tone an, dem Sohn armer Bauern aus dem slowenischen Karst, der sich an der Lagune als Kellner, Gigolo und Einbrecher in geparkte Touristenautos \u00fcber Wasser h\u00e4lt. Nach einigen Kalamit\u00e4ten fl\u00fcchtet Tone zu Kalman nach Wien, was diesem H\u00f6hen und Qualen beschert. Und dann finden sich auch noch Jana und Tone.<\/p>\n<p>Rosei f\u00fcgt die Handlungsstr\u00e4nge versiert zusammen. Die Eigenschaften der Figuren sind mit scharfem Blick auf die f\u00fcr die Handlung wesentlichen Charakterz\u00fcge konzentriert. Erscheint Roseis schmaler Roman manchen als gesellschaftspolitische Versuchsanordnung in einer neoliberalen Welt, so ist &#8222;Karst&#8220; weniger ein Thesenroman, sondern eher ironische, fl\u00fcssig-s\u00fcffige Zeitkritik vom Verlorensein. Die haltlosen Protagonisten scheitern weniger an soziopolitischen Umst\u00e4nden, vielmehr an sich selbst, ihren kleinen Erfolgen und L\u00fcgen. Und sie taumeln letztlich auf einen dramatischen Fluchtpunkt im Karst zu.<\/p>\n<p>Peter Rosei<br \/>\nKarst<br \/>\nRoman. Residenz Verlag, Salzburg 2018, 176 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fl\u00fcssig-s\u00fcffige Zeitkritik Panorama der Haltlosen Peter Rosei und das Verlorensein Wiener Zeitung, Juni 2018<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1879"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1879"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1897,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1879\/revisions\/1897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}