{"id":191,"date":"2010-01-02T13:00:42","date_gmt":"2010-01-02T13:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=191"},"modified":"2015-09-05T14:08:04","modified_gmt":"2015-09-05T14:08:04","slug":"amnestie-nicht-amnesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=191","title":{"rendered":"Amnestie &#8211; nicht Amnesie"},"content":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Erinnern, die Aufarbeitung &#8211; und das Vergeben<\/p>\n<h3>Amnestie &#8211; nicht Amnesie<\/h3>\n<p>Der Standard, August 2001<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h4>Richtige Argumente, falsche Schl\u00fcsse.<\/h4>\n<h4>Zu Rudolf Burgers &#8222;Irrt\u00fcmern der Gedenkpolitik\u201c und sein \u201ePl\u00e4doyer f\u00fcr das Vergessen\u201c<b><br \/>\n<\/b><\/h4>\n<p>Bew\u00e4hrt provokant vertritt Prof. Burger seine Thesen &#8211; und reizt zum Widerspruch. Nur als Provokation kann wohl der Philosoph bewusst Amnestie (Begnadigung) mit Amnesie (Ged\u00e4chtnisverlust) vermischen wollen. Richtig: Die griechische Wurzel ist \u00e4hnlich. Die unterschiedlichen Bedeutungen aber sind evident.<\/p>\n<p>Recht hat Burger, wenn er schreibt, dass die Pauschalbeschuldigungen der Nachkriegswelt gegen Deutschland &#8211; und erst viel sp\u00e4ter, aus gegebenem Anlass, auch gegen \u00d6sterreich &#8211; eher Rechtfertigungsreflexe als Einsicht geweckt haben. Die lange dominante \u201cKollektivschuldtheorie\u201d hat massiven Schaden angerichtet.<\/p>\n<p>Echte Aufarbeitung hat nichts mit endloser \u201cMea culpa, mea culpa\u201d &#8211; Selbstbezichtigung zu tun. Das Christentum hat fatalerweise das Schuldprinzip in unsere Kultur tief eingepflanzt, und ein n\u00fcchternes Ursache-Wirkungs-Denken \u00fcberlagert. Wer l\u00e4sst sich gerne beschuldigen? Die logische und psychologische Reaktion ist Abwehr, nicht Einsicht. Wer Kollektivschuld politisch oder psychologisch einzuh\u00e4mmern versuchte &#8211; wie etwa der von Burger zitierte C. G. Jung, oder dogmatische Moralapostel &#8211; hat letztlich das Gegenteil bewirkt: M\u00f6rder werden mit allen anderen in einen Topf geworfen. Wir haben die &#8222;Faschismuskeule&#8220; als Todschlagargument politischen und gesellschaftlichen Diskurses auch allzu oft geh\u00f6rt und gesp\u00fcrt. Kollektivschuldzuweisungen f\u00fchren zu fataler Solidarit\u00e4t mit T\u00e4ter. Was die Kollektivschuldthese wieder n\u00e4hrt. Ein Teufelskreis, eine nicht enden wollende Debatte, deren Ende Herr Burger herbeisehnt, herbeizuschreiben versucht. Mit guten Argumenten &#8211; und falschen Schl\u00fcssen.<\/p>\n<p>Keine Gef\u00fchle sind vor Ausbeutung und Gesch\u00e4ftemacherei gefeit. Und Erpressung mit moralischen Mitteln findet immer wieder statt, in der Politik wie in jeder menschlichen Beziehung. Auch darin hat Herr Burger Recht. Ihm ist nicht zu unterstellen, dass es Nazigr\u00e4uel leugnen will. Doch Thesen und Wirken des zitierten Eugen Kogon &#8211; oder von Bruno Kreisky,\u00a0 Norman Finkelstein durch andere &#8211; zu gebrauchen, um triumphierend aufzuzeigen: Seht ihr, die sagen auch &#8222;Schwamm dar\u00fcber&#8220;, ersetzt nicht notwendige Aufarbeitung des Geschehenen, um es dann auch abzuschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Erfassung der Folgen von Verdr\u00e4ngung sind keine psychoanalytischen Tiefg\u00e4nge n\u00f6tig. Antike Mythen, Religionen dramatisieren das menschliche Schicksal und Schuldverstrickung einmal offen, einmal verschl\u00fcsselt: Vergehen des Einzelnen fallen auf das Individuum oder seine Sippe zur\u00fcck. Beteiligt sich das Kollektiv an der Vertuschung des S\u00fcndenfalls, so r\u00e4chen sich G\u00f6tter und Schicksal am Volk. Kollektivl\u00fcgen wenden sich langfristig immer gegen die Verschleierer. Trotz Weisheit der Erfahrung oder einfach Hausverstand: Politiker aller L\u00e4nder und Zeiten wollen sich gegen diese Tatsache dank egoistisch-populistischer Kurzsichtigkeit mit ebenso bemerkenswerter wie fataler Beharrlichkeit verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es gibt &#8211; bei all den unendlichen Nuancen menschlichen Verhaltens &#8211; keine Kollektivschuld. Sehr wohl aber kollektive Verantwortung. Ziel ist nicht ewiges Widerkauen von Gr\u00e4uel oder Opferkult wie jener der von Burger zitierten Serben vom Amselfeld, sondern Aufarbeitung und Abschluss als historisches Faktum. Das heutige Jugoslawien steht vor dieser Herausforderung, und die Weltgemeinschaft tut gut daran, Einzelverantwortung einzufordern, Hilfe anzubieten statt Kollektivschuldzuweisungen gegen das gesamte Volk zu \u00fcben. Gerade wo T\u00e4ter ungenannt bleiben, kann kein Vergeben, und kein Vergessen stattfinden. F\u00fcr die Frauen der argentinischen Plaza de Mayo wie der von Srebrenica bedeutet Unwissen \u00fcber das Schicksal ihrer S\u00f6hne, M\u00e4nner nur kurz Hoffnung, bald Marter: Das Wissen um den brutalen Mord ist bitter, aber setzt durch Klarheit einen f\u00fcr das Weiterleben n\u00f6tigen Schlusspunkt.<\/p>\n<p>Ein n\u00fcchternes Ursache-Wirkungsprinzip im politischen wie historischen Dialog ist nicht nur effektiver als das Schuldspiel: Taten erfordern Verantwortung, noch in diesem Leben. Wenn m\u00f6glich auch Einsicht. Eine Gesellschaft, die keine Verantwortung f\u00fcr die Aufarbeitung von (Un)Taten \u00fcbernimmt, wird sich immer wieder kollektiv mit Schuldbezichtigung von au\u00dfen konfrontiert sehen.<\/p>\n<p>Nachhaltige Modelle, sinnvolle Wege zu Katharsis, zu Aufarbeitung und Abschluss gibt es noch immer wenige. S\u00fcdafrika hat mit seiner &#8222;Wahrheitskommission&#8220; einen m\u00f6glichen beschritten. T\u00e4ter werden ermittelt, Untaten benannt. Strafen haben keinen Revanchecharakter. Amnestie bei Gest\u00e4ndnis ist m\u00f6glich. Den Opfern wird so gen\u00fcge getan, ohne Rachegel\u00fcste zu n\u00e4hren. Dann kann der Prozess &#8211; ohne Gesichtverlust einer Seite &#8211; auch abgeschlossen werden. Obwohl es nicht so aussah: S\u00fcdafrika hat den \u00dcbergang ohne B\u00fcrgerkrieg und Massenexodus geschafft. Das benachbarte Simbabwe geht den Weg der populistischen Revanche, mit entsprechenden Folgen.<\/p>\n<p>Kein Friedensmodell ist eins zu eins \u00fcbertragbar. &#8222;Wahrheitskommissionen&#8220; als Instrument der Aufarbeitung statt der Rache erfordern herausragende Pers\u00f6nlichkeiten von der Gr\u00f6\u00dfe eines Nelson Mandela. Politiker mit Weitblick \u00fcber populistische Eigeninteressen hinaus sind selten. Wenn das Umfeld durch Chauvinismus oder Revanchegel\u00fcste verseucht ist, haben selbst Pers\u00f6nlichkeiten wenig Chance: Briand und Stresemann mussten bei der Auss\u00f6hnung zwischen Frankreich und Deutschland in den zwanziger Jahren letztlich in beiden L\u00e4ndern scheitern. Nach den Erfahrungen des &#8222;Friedens&#8220;\u00a0 von Versailles 1919 verzichteten die Alliierten nach 1945 nicht zuf\u00e4llig auf Reparationen &#8211; mit Erfolg. Einzelverantwortung dagegen wurde bei den N\u00fcrnberger Prozessen sehr wohl eingefordert. Verurteilungen durch die oft h\u00e4misch so genannte &#8222;Siegerjustiz&#8220;, aber auch Freispr\u00fcche einiger Angeklagter haben die Gesamtheit des deutschen Volkes betr\u00e4chtlich entlastet &#8211; was bis heute nur erstaunlich wenige erkennen wollen.<\/p>\n<p>Amnesie, Ged\u00e4chtnisverlust, ist medizinisch ein pathologisch-krankhafter Zustand. Wenn er durch die &#8222;T\u00e4terseite&#8220; gefordert wird,\u00a0 ist es zur Vertuschung, zur Leugnung des Geschehenen nicht mehr weit. Egal ob beim Genozid an Armeniern in der T\u00fcrkei, Naziverbrechen oder der Vertreibung der Sudetendeutschen, um nur wenige Beispiele zu nennen.<\/p>\n<p>Amnestie\u00a0 dagegen setzt Bewusstsein voraus, und erfordert einen aktiven Prozess unter Einbeziehung von T\u00e4tern und Opfern: Einsicht und Einzelverantwortung auf der einen, Bereitschaft zur Vergebung auf der anderen Seite. Beides ist nicht wechselseitig einforderbar, sondern entsteht durch Dialog. Ohne Beschuldigung oder Selbstbezichtigung. Elie Wiesel, Lord George Weidenfeld und manche andere sind vielleicht bessere Lehrmeister als Norman Finkelstein oder Rudolf Burger, denen es auf eine verk\u00fcrzte Pointe anzukommen scheint, die dann von der falschen Seite auch leicht manipulierbar ist.<\/p>\n<p>Unsere Kultur hat nicht nur Mozart und Bertha von Suttner hervorgebracht, sondern auch Hitler und Eichmann. Wir k\u00f6nnen uns ruhig der gesamten Palette menschlicher H\u00f6hepunkte und Abgr\u00fcnde stellen: Von der Genialit\u00e4t zur\u00a0 Bestialit\u00e4t. Vielleicht hilft es, uns selbst besser, klarer, ehrlicher zu erkennen, und damit neue L\u00f6sungswege ohne Sieger und Verlierer zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Erinnern, die Aufarbeitung &#8211; und das Vergeben Amnestie &#8211; nicht Amnesie Der Standard, August 2001<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=191"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":699,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191\/revisions\/699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}