{"id":1911,"date":"2019-03-22T21:30:10","date_gmt":"2019-03-22T21:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1911"},"modified":"2020-06-27T21:37:49","modified_gmt":"2020-06-27T21:37:49","slug":"1911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1911","title":{"rendered":"Irena Brezna: Wie ich auf die Welt kam"},"content":{"rendered":"<p>Irena Bre\u017en\u00e1<\/p>\n<p>Wie ich auf die Welt kam &#8211;<br \/>\nIn der Sprache zu Hause<\/p>\n<h3>Fluide Identit\u00e4t unter Generalverdacht<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2019<!--more-->Die in der Schweiz lebende Slowakin Irena Bre\u017en\u00e1 setzt sich in klugen Essays und Reportagen mit dem Thema Migration auseinander.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"unveil show\" src=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/1xz6MRGCgqJHbiGyq6SD8dXwTglo-zZVgrcPtaNarbrLHXC2fORomuy1k9paNSbTKDNJUS80sBomuWG_wFOqHO1XZpCVgsej0ME6CbLOGV43T4PiRsRlBUX8o146OwZLhT0yU7i-kiVZs\/190307-1620-948-0900-190729-brezna-wie-ich-auf-die-welt-kam.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"362\" data-src=\"\/_em_daten\/_cache\/image\/1xz6MRGCgqJHbiGyq6SD8dXwTglo-zZVgrcPtaNarbrLHXC2fORomuy1k9paNSbTKDNJUS80sBomuWG_wFOqHO1XZpCVgsej0ME6CbLOGV43T4PiRsRlBUX8o146OwZLhT0yU7i-kiVZs\/190307-1620-948-0900-190729-brezna-wie-ich-auf-die-welt-kam.jpg\" data-src-retina=\"\/_em_daten\/_cache\/image\/1xJ3tAKnW0fgMGxPJ8h4NfF8_dkVsaJ1Xf8wGn630ZPSJMRPqvsCWQWKb5PZ0qzJ6DcDZqXvCjlUJqgtD11g3ed-TUzuYMAIxa0XCLKTNbIGtLncAAW26ct8Cm8I4mTk0Tgi-Ncg8-siI\/190307-1620-948-0900-190729-brezna-wie-ich-auf-die-welt-kam.jpg\" \/><\/p>\n<p>Migrantenliteratur ist en vogue. Gleichwohl haftet ihr der manchmal schale Geschmack politischer Korrektheit an, und die prickelnde Erwartung auf exotische Welten, existenzielle Erfahrungen oder erlittenes Unrecht. Irena Bre\u017en\u00e1 vermittelt mehr. Die geb\u00fcrtige Slowakin kam nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings als Jugendliche in die Schweiz. Ihre Erfahrungen hat sie literarisch in &#8222;Die undankbare Fremde&#8220; preisgekr\u00f6nt verdichtet.<\/p>\n<p>Im Essayband &#8222;Wie ich auf die Welt kam&#8220; greift sie zun\u00e4chst das so aktuelle Thema Migration und Inklusion nochmals auf und schafft mit wenigen S\u00e4tzen ein Panorama der Gef\u00fchlslagen von Emigranten, die &#8211; zu Zeiten der noch aufnahmewilligen Schweiz &#8211; emotional am Alltag im k\u00fchlen Paradies abprallen und sich einigeln.<br \/>\nSie werden &#8222;in die geschlossene Anstalt der Menschenscheu gedr\u00e4ngt&#8220;, stehen unter Beobachtung, gar unter Generalverdacht. &#8222;Als w\u00e4re man lebensl\u00e4nglich im Kindergarten und lernte Benimmregeln.&#8220; Doch entwickeln sie dabei oft die besondere Sensibilit\u00e4t von aus ihrer Kultur herausgerissenen Menschen.<\/p>\n<p>Bre\u017en\u00e1 bleibt nicht in der Rolle einer Theoretikerin des Multikulturalismus oder der &#8222;professionellen Fremden&#8220;, die an Schulen auftritt. Sie setzt sich schreibend mit den Spannungen der Kulturen auseinander, erobert sich Deutsch, das in ihrer Kindheit und in russischen Filmen als Sprache der Nazis galt. Ihr &#8222;deutscher Wortschatz entmilitarisiert sich&#8220;. Sie navigiert zwischen Zivilisationen, sp\u00fcrt Mentalit\u00e4tsunterschiede auf, liefert atmosph\u00e4rische Analysen \u00fcber Menschen und Systeme, \u00fcber Widerst\u00e4ndige, \u00fcber Schmerz und Scham. Ausgehend von ihrer Pr\u00e4gung in der Diktatur, wo &#8222;verbotene W\u00f6rter Flederm\u00e4usen gleich im Dunkeln flogen&#8220;, wird ihr Blick sp\u00e4ter als Reporterin in der zerfallenen Sowjetunion &#8222;ebenso gef\u00fchlvoll verschmelzend wie gedanklich sezierend&#8220;.<\/p>\n<p>In einer sibirischen Post-Gulag-Mafiawelt schenken Paten ihren Vasallen Strenge und Geborgenheit. Sie haben &#8222;alte Minderwertigkeitsgef\u00fchle und neues Geld, und k\u00f6nnen mit beidem nicht umgehen&#8220;. Der Autorin halten sie galant T\u00fcren auf und wollen ihr neben ihrer Tasche &#8222;ganz selbstverst\u00e4ndlich auch die Last eigener Gedanken abnehmen&#8220;. In Tschetschenien steigt Bre\u017en\u00e1 mit Neugier, Liebe oder Wut in menschliche Abgr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die Erlebnisse als Kriegsreporterin drohen ihre Sinne zu sprengen, in st\u00e4ndiger Angst, ob nicht auch ihr Ged\u00e4chtnis, ihr einziges Werkzeug, vor \u00dcberforderung kollabiert. In luzider Konzentration rettet sie Wahrnehmungen, friert diese mit Worten ein. Sprachliche Akrobatik er\u00fcbrigt sich. Im Schreiben offenbaren sich ihr Bilder, die sie noch nicht kennt. Sie findet sich in der Welt zurecht, &#8222;indem ich sie mitgestalte&#8220;, ohne Hierarchie in der unmittelbaren Vermittlung von Alltag, Engagement, Krieg, Mut und Poesie. Nach ihrer R\u00fcckkehr aus Tsche-tschenien \u00fcberfallen sie Brechreiz, Migr\u00e4ne und Schmerzen im ganzen K\u00f6rper &#8222;wie von einer metallenen Kraft, die meine Haut von innen t\u00e4towiert&#8220;.<\/p>\n<p>Die Beobachterin spannt den Reportagebogen \u00fcber Westafrika zur\u00fcck in ihr Herkunftsland &#8211; und in die Jetztzeit. &#8222;In der Ostslowakei, diesem Sizilien der Tschechoslowakei, haben die kommunistischen Clans die Macht immer noch fest in den H\u00e4nden, sch\u00fcchtern die Reformwilligen ein.&#8220; Letztere aber geben nach dem Mord am Journalisten J\u00e1n Kuciak mit der B\u00fcrgerbewegung des &#8222;Slowakischen Fr\u00fchlings 2018&#8220; ein lautstarkes Lebenszeichen: aus Anstand wird Aufstand. Und die Autorin gibt wie nebenbei auch essayistische Einblicke, wie die scheinbar festgef\u00fcgte Basis unserer Wohlstandsdemokratie pl\u00f6tzlich durch Migration und Populismus auf Treibsand erbaut scheint.<\/p>\n<p>F\u00fchlt sich Bre\u017en\u00e1 nun als Slowakin, als Schweizerin, als Europ\u00e4erin? Diese Art von Festlegung ist nicht Ihres. &#8222;Sich nicht am Boden niederzulassen, sondern den Schwebezustand auszuhalten, mag Integrationsfanatikern als bockige Verweigerung erscheinen.&#8220; Ob eine &#8222;hybride, offene, fluide Identit\u00e4t&#8220; zur &#8222;transnationalen Selbstverst\u00e4ndlichkeit&#8220; werden kann, bleibt offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irena Bre\u017en\u00e1<br \/>\nWie ich auf die Welt kam<br \/>\nIn der Sprache zu Hause. Rotpunktverlag, Z\u00fcrich 2018,\u00a0 192 Seiten, 24,90 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irena Bre\u017en\u00e1 Wie ich auf die Welt kam &#8211; In der Sprache zu Hause Fluide Identit\u00e4t unter Generalverdacht Wiener Zeitung, M\u00e4rz 2019<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1911"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1911"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2095,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1911\/revisions\/2095"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}