{"id":196,"date":"2010-01-07T16:54:46","date_gmt":"2010-01-07T16:54:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=196"},"modified":"2023-03-10T13:23:07","modified_gmt":"2023-03-10T13:23:07","slug":"indiens-traene-im-ozean","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=196","title":{"rendered":"Indiens Tr\u00e4ne im Ozean"},"content":{"rendered":"<p>Selten schaffen es Konflikte von jenseits des &#8222;Nahen&#8220; Ostens in unsere Aufmerksamkeit. Noch weniger, wenn kaum Gro\u00dfmachtinteressen im Spiel sind: Sri Lanka<\/p>\n<h3>Indiens Tr\u00e4ne im Ozean<\/h3>\n<p>Der Standard, Juli 2001<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h6>.<\/h6>\n<p><strong>Sri Lanka ist nicht Naher, nicht Ferner Osten. Mittlerer S\u00fcdosten? Eine geostrategisch inexistente Region &#8211; nicht definiert, kaum einordenbar. Seit achtzehn Jahren herrscht Krieg auf einer Trauminsel alter Kulturen. Menschliche Abgr\u00fcnde und m\u00f6gliche L\u00f6sungsans\u00e4tze haben mehr mit uns zu tun, als wir wahrnehmen wollen.<\/strong><\/p>\n<h5>Kupferstunde<\/h5>\n<p>Ein Dorf im Nordosten, nahe der vage definierten Front zwischen Armee und Tamilentigern. Bed\u00e4chtige Dickh\u00e4uter schnauben beim Baden am tr\u00e4gen Fluss. Eine Gruppe ausgelassener Kinder treibt einen alten Reifen \u00fcber die staubige Stra\u00dfe, in die untergehende Sonne. &#8222;Kupferstunde&#8220; hat ein Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes ein Buch und diese kurzen Momente tr\u00fcgerischer Idylle genannt: Die Haut der Menschen leuchtet rot im verg\u00e4nglichen Abendlicht, w\u00e4hrend die wenigen ausl\u00e4ndischen Beobachter l\u00e4ngst retour in die Hauptstadt eilen, an den Pool und rechtzeitig zum Dinner. Ausged\u00f6rrte Soldaten r\u00e4umen ihre Sandsackstellungen an der Dorfzufahrt, ziehen sich f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Stunden zur\u00fcck, in die Sicherheit der zu Festungen ausgebauten Garnisonen. Die Nacht bricht mit Zirpen und Schnarren herein. Und die D\u00f6rfer sind vogelfrei, ausgeliefert der Angst, dem Recht des jeweils St\u00e4rkeren. Die Armee bei Tag, die &#8222;Tiger&#8220; bei Nacht. Hinter jedem Tierschrei lauert ein \u00dcberfall, Gemetzel, der Tod. Das Morgen-Grauen bringt keine Erl\u00f6sung, kaum Hoffnung. Vielleicht Aufschub.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-609\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-1.jpg\" alt=\"Trinco Uni 1\" width=\"680\" height=\"443\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-1.jpg 1888w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-1-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-1-1024x668.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/>130.000 Menschenleben hat politischer Terror im Paradies seit 1983 gefordert, davon<\/p>\n<p>80.000 der Krieg zwischen Regierung und Tamilenrebellen. Dazu Hunderttausende von Minen Verst\u00fcmmelte, Waisen, Entwurzelte. Im Namen von Volk, Kultur, Religion: bekannte Muster. Doch wie lassen sich prinzipiell undogmatische Religionen wie Buddhismus und Hinduismus politisch instrumentalisieren?<\/p>\n<h5>Genesis<\/h5>\n<p>Zugegeben: Der Konflikt ist nicht 18 Jahre alt, sondern gut zweitausend. Indogermanische Singhalesen, &#8222;L\u00f6wenmenschen&#8220;, wanderten ab dem 6 Jh. v. Christus aus Nordindien ein. Sp\u00e4testens seit derselben Zeit kamen auch die Vorfahren der hinduistischen Tamilen aus S\u00fcdindien \u00fcber die Meerenge nach &#8222;Lanka&#8220;, die D\u00e4moneninsel des indischen Heldenepos<\/p>\n<p>Ramayana. In den Jahrhunderten unseres Mittelalters wogte das Ringen, fand Vermischung statt. Die spektakul\u00e4r emporragende Felsenfestung Sigiriya mit ihren erotisch schwebenden Wolkenm\u00e4dchen, die \u00fcberirdischen Felsenbuddhas am spiegelnden See von Polonnaruwa, die Tempel zu F\u00fcssen des zweitausendj\u00e4hrigen Boddhi-Baumes von Anuradhapura, verwaschen von 800 Jahren Monsunregen: <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-613\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Wolkenm\u00e4dchen-sw-1.jpg\" alt=\"Wolkenm\u00e4dchen sw 1\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Wolkenm\u00e4dchen-sw-1.jpg 1888w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Wolkenm\u00e4dchen-sw-1-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Wolkenm\u00e4dchen-sw-1-1024x659.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/>Zeugen einer Kultur und ihrer<\/p>\n<p>Lebendigkeit durch st\u00e4ndige Befruchtung. Weitl\u00e4ufige Ruinen unter der flimmernden Hitze kurz vor Beginn der Regenzeit erz\u00e4hlen von bl\u00fchenden St\u00e4dten voll Geist, Handel, K\u00e4mpfen und meditativer Besinnung. Siam, die Khmer Kambodschas, Javas K\u00f6nigreiche wurden durch das reiche Kulturland Ceylon buddhistisch. Von Herodot gepriesen, kamen seit der Antike \u00e4gyptische, chinesische H\u00e4ndler an die Gestade der Insel. Das Abendland hatte f\u00fcr die duftenden Sch\u00e4tze des Orients damals kaum mehr als Edelmetalle zu bieten. Allenthalben tauchen r\u00f6mische M\u00fcnzen aus dem Boden versunkener St\u00e4dte.<\/p>\n<h5>Angst<\/h5>\n<p>&#8222;Warum kann ich nicht den Osten oder Norden meiner Heimat besuchen?&#8220;, fragt Siri, der singhalesische Exlehrer. &#8222;Tamilische Fanatiker haben sie geraubt, und die ,Tiger&#8216; bringen mich um&#8220;, antwortet er selbst, mit leichtem L\u00e4cheln, mehr resigniert als fanatisch.<\/p>\n<p>&#8222;Sie nehmen uns die Luft zum Atmen, den Raum zur Entfaltung unserer Kultur und Identit\u00e4t&#8220;, funkelt der hinduistische Taxifahrer im tamilischen Nordosten, pathetischer, ohne L\u00e4cheln. &#8222;Sie vergewaltigen unsere Frauen. Sie zerst\u00f6rten unsere Bibliotheken und Kunstsch\u00e4tze, unsere Existenz&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-783\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-2-1024x716.jpg\" alt=\"Trinco Uni 2\" width=\"691\" height=\"484\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-2-1024x716.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-2-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Trinco-Uni-2.jpg 1760w\" sizes=\"(max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/>Wer Angst hat, umgebracht zu werden, geht &#8211; wenn er kann. Hunderttausende Tamilen sind nach Indien geflohen, Hunderttausende weitere wurden aus dem Hochland ebendorthin deportiert. Tausende tamilische Gebildete sind nach Australien, Kanada und in die USA emigriert. Singhalesen gelten in Europa nicht als politisch Verfolgte. So sie bei der verf\u00fchrerischen Suche nach Entfaltung in Frieden nicht in Schlepper-Lkw ersticken, werden sie meist in ihre Heimat zur\u00fcckgeschoben. Wer es nicht einmal in die bittere Arbeitsemigration der arabischen W\u00fcste geschafft hat, dem bleibt kaum mehr, als sich f\u00fcr umgerechnet 1500 Schilling im Monat als Kanonenfutter verheizen zu lassen. Wem die Flucht nicht gelingt, wer Freunde, den Bruder erschossen, die Schwester vergewaltigt gesehen hat, ist fanatisierbar. Bereit, selbst Minen zu legen, zu foltern, zu morden.<\/p>\n<p>Die &#8222;Tamilen-Tiger&#8220; setzen mit Vorliebe Kinder, oft M\u00e4dchen f\u00fcr spektakul\u00e4re Selbstmordanschl\u00e4ge ein, bis zu Lkw-Bomben mit Hunderten Toten mitten in Colombo. Fanatiker tragen Zyankali-Kapseln als Halsschmuck: Keiner l\u00e4sst sich lebend abfangen. Pr\u00e4sidenten fielen ihnen zum Opfer, Tausende Zivilisten. Die Armee schl\u00e4gt erbarmungslos zur\u00fcck. Und kein Ende ist in Sicht.<\/p>\n<h5>Glosende Lunte<\/h5>\n<p>Dem S\u00fcndenbock &#8222;Kolonialismus&#8220; die Schuld zu geben ist zu einfach. Der Kampf Singhalsen gegen Tamilen wogte Jahrhunderte &#8211; am Ende behielten die meist buddhistischen Singhalesen die Oberhand. Heute stellen sie gut zwei Drittel der 18 Millionen Ceylonesen. Ein weiteres Viertel sind gro\u00dfteils hinduistische Tamilen, au\u00dfer im Hochland konzentriert im Norden und Osten der edelstein- oder tr\u00e4nenf\u00f6rmigen Insel von der knappen Gr\u00f6\u00dfe \u00d6sterreichs. Die restlichen zehn Prozent stellen Muslime sowie Christengemeinden, vor allem an der Westk\u00fcste.<\/p>\n<p>Nach Vasco da Gamas Seeweg um Afrika 1498 l\u00f6sten sich gierige europ\u00e4ische Gew\u00fcrz- und Kolonialambitionen ab, zun\u00e4chst Portugiesen, dann Holl\u00e4nder. Erst den Engl\u00e4ndern gelang im 19. Jahrhundert die Eroberung des letzten buddhistischen Bergk\u00f6nigreiches von Kandy. Erobert ja, aber nicht unterworfen. Die Singhalesen waren wenig geneigt, der britischen Weltmacht in der Administration und auf Plantagen zu dienen. F\u00fcr ihre Teeg\u00e4rten holten die Engl\u00e4nder 500.000 indische Tamilen in die fruchtbaren, nebeligen Berge. Ceylons einheimische Tamilen, ebenso intelligent wie willig, stiegen rasch in der Verwaltung auf. Ihre Kinder erhielten Zugang zu h\u00f6heren Schulen. Zur Zeit der Unabh\u00e4ngigkeit 1948 hatten sie einen erheblichen Bildungsvorteil gegen\u00fcber den Singhalesen. Doch diese singhalesische Mehrheit dr\u00e4ngt populistisch mittels Quoten und Willk\u00fcr die Tamilen aus Ministerien, \u00c4mtern, von den Universit\u00e4ten und in die Defensive. Singhalesisch wird Staatssprache auf der 1972 in Sri Lanka umbenannten Insel. Die Tamilen beginnen sich zu wehren, zun\u00e4chst friedlich &#8211; und erfolglos. 1983 tritt eine neue Kraft auf den Plan, die &#8222;Liberation Tigers of Tamil Eelam&#8220; (LTTE). Bei einem \u00dcberfall werden 18 Armeesoldaten get\u00f6tet. Die Lunte war gelegt, und der lauernde Konflikt explodiert: Ein aufgestachelter Singhalesenmob pl\u00fcndert in Colombo und anderen St\u00e4dten Tausende Gesch\u00e4fte, fackelt H\u00e4user ab. 3000 Tamilen kommen in zwei N\u00e4chten des &#8222;Schwarzen Juli&#8220; 1983 um, Zehntausende rennen um ihr Leben. Die LTTE fordern nun kompromisslos &#8222;Tamil Eelam&#8220;, einen eigenen, ethnisch reinen Staat im Norden und Osten der Insel.<\/p>\n<h5>Ungeliebte Mutter Indien<\/h5>\n<p>Indien, mit Blick auf 50 Millionen eigene Tamilen im S\u00fcden, gew\u00e4hrt den &#8222;Tigern&#8220; zun\u00e4chst stillschweigend Ausbildung und Nachschub. Vier Jahre sp\u00e4ter, 1987, bem\u00fcht sich Indien, &#8222;Mutter&#8220; der verfeindeten Geschwister Singhalesen und Tamilen, um Frieden. Colombo l\u00e4sst 50.000, dann 100.000 indische Interventionssoldaten auf die Insel. Die regionale Supermacht holt sich eine blutige Nase. Unz\u00e4hlige indische Rekruten sterben beim Versuch der Entwaffnung der LTTE: Die Regierung in Colombo lie\u00df ihren Todfeinden geheim Waffen zukommen, um die bevormundende Mutter Indien wieder loszuwerden. Indiens Ministerpr\u00e4sident Rajiv Gandhi selbst wird durch eine Selbstmordbombe einer Tamilin, versteckt in einem Blumenstrau\u00df, zerfetzt.<\/p>\n<h5><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-341 alignright\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00273.jpg\" alt=\"DSC00273\" width=\"634\" height=\"475\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00273.jpg 800w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00273-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 634px) 100vw, 634px\" \/><\/h5>\n<p>Und der Krieg geht weiter. Damit nicht genug &#8211; ein in Moskau initiierter, sp\u00e4ter maoistisch inspirierter Universit\u00e4tszirkel und aufgebaute Dorfgarden entfachen im S\u00fcden der gespaltenen Insel einen weiteren, diesmal innersinghalesischen Feuersturm. Die Kaderpartei &#8222;JVP&#8220; versucht durch r\u00fccksichtslosen Terror an Politikern, M\u00f6nchen, Intellektuellen und deren Familien Revolution und Kulturrevolution in einem. Nach monatelanger L\u00e4hmung schl\u00e4gt das Regime mit in Lateinamerika erprobten Todesschwadronen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Praktisch alle JVP-F\u00fchrer und Mentoren, die Studenten und meisten Mitl\u00e4ufer werden aufgesp\u00fcrt, gefoltert, kastriert, gehenkt, zur Abschreckung mit Autoreifen um den Hals lebendig verbrannt oder in Fl\u00fcsse geworfen. Monsunwellen sp\u00fclen von Haien zus\u00e4tzlich entstellte Leichen zur\u00fcck an von Touristen verlassene Str\u00e4nde. Terror und Gegenterror kosten 1988\/89 weit \u00fcber 50.000 Tote und bringen die singhalesische Gesellschaft an den Rand des Abgrunds.<\/p>\n<p>Oft kann nur Literatur das Grauen in seiner Vielschichtigkeit begreifbar machen: Michael Ondaatje, aus Sri Lanka stammender Autor des &#8222;Englischen Patienten&#8220;, skizziert in Anils Geist ein beklemmendes Sri Lanka jener Monate: Wie leicht Engagement an den Scheideweg zur Bestialit\u00e4t f\u00fchren kann. Die Intensit\u00e4t der Romanhandlung und des Entsetzens ist durch die eurasische Personen-, Kultur- und Psychologiemischung pl\u00f6tzlich fassbar, sp\u00fcrbar, beklemmend nahe.<\/p>\n<h5><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-342\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00275.jpg\" alt=\"DSC00275\" width=\"624\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00275.jpg 800w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/DSC00275-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/h5>\n<h5>Vertuschung<\/h5>\n<p>Unges\u00fchnte Opfer, ungestrafte T\u00e4ter, Verdr\u00e4ngung von Massengr\u00e4uel: bekannte Muster auch unserer europ\u00e4ischen Geschichte. Nach der Ausl\u00f6schung der linken JVP-Fanatisierten sowie Tausender Unschuldiger wurde auch in Sri Lanka Anfang der Neunzigerjahre alles unter den Teppich gekehrt, wurden T\u00e4ter auf Regierungsseite nie ermittelt, sondern pauschal amnestiert. Die Folgen brechen heute auf: Hinter der l\u00e4chelnden Maske einer rigiden Gesellschaft verbirgt sich die weltweit h\u00f6chste Selbstmordrate &#8211; eigenartig f\u00fcr ein Land der &#8222;Dritten Welt&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Erfassung der Folgen von Verdr\u00e4ngung sind keine psychoanalytischen Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts n\u00f6tig. Antike Mythen, Religionen oder s\u00fcdindische, n\u00e4chtliche Kathakali-Trancet\u00e4nze dramatisieren Schuldverstrickung einmal offen, einmal verschl\u00fcsselt: Vergehen des Einzelnen fallen auf das Individuum oder seine Sippe zur\u00fcck. Beteiligt sich das Kollektiv an der Vertuschung, so r\u00e4chen sich G\u00f6tter und Schicksal am Volk. L\u00fcgen wenden sich &#8211; \u00e0 la longue &#8211; immer gegen die Verschleierer. Trotz Weitsichtigkeit von antiken Orakeln, Weisheit der Erfahrung, oder Hausverstand: Politiker aller Weltgegenden und Zeiten verschlie\u00dfen sich populistisch-kurzsichtig gegen diese Erkenntnis, mit fataler Beharrlichkeit. Das Volk b\u00fc\u00dft blutig.<\/p>\n<h5>L\u00e4hmung<\/h5>\n<p>Sind uns exotische Kriege fern, weil uns die Zuschreibung von gut und b\u00f6se schwerf\u00e4llt? Offenbar brauchen wir &#8222;Schuld&#8220; und &#8222;Unschuld&#8220;, um uns in Medien, am Stammtisch, an Universit\u00e4ten ereifern, dann &#8211; vielleicht &#8211; gegen einen Krieg engagieren zu k\u00f6nnen. Wir wollen klare T\u00e4ter, eindeutige Opfer. Feindbilder wie Kommunismus, Imperialismus, islamischer Fundamentalismus helfen. Wechselnde Ideologien, mit denen wir uns identifizieren oder die wir ablehnen k\u00f6nnen, je nach Zeit und Mode: Chile einst, Afghanistan, Naher Osten, oder Tibet heute. Andere Kriege machen uns nur sprach- und hilflos. Wir ziehen es vor, sie nicht wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Urlauber r\u00e4keln sich an den Palmenstr\u00e4nden von Sri Lankas S\u00fcdwestk\u00fcste, im All-inclusive-14-Tage-Pauschalpaket oder neuerdings bei Ayurveda, dem &#8222;Wissen vom Leben&#8220;: Eine jahrtausendealte Medizinphilosophie des Ausgleichs droht zum modischen K\u00f6rperkult zu verkommen. Wir schauen bei einem Happy-Hour-Cocktail vertr\u00e4umt in den Sonnenuntergang, vergessen f\u00fcr Momente unsere kleinen Alltagssorgen. Wo die Sonne aufgeht, im Osten, oft nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt tobt der Krieg, explodieren Minen, werden Glieder und Seelen verst\u00fcmmelt. Ein fremder, entfernter Krieg?<\/p>\n<p>Die Seiten im Reisef\u00fchrer \u00fcber &#8222;den Konflikt&#8220; werden verwirrt \u00fcberflogen. Fragen tauchen auf und werden verdr\u00e4ngt: K\u00f6nnten wir etwas tun? Zumindest etwas \u00fcber uns selbst lernen, unseren Luxus, unseren scheinbar verdienten und doch so fragilen Frieden im Herzen Europas?<\/p>\n<p>Keiner der Kontrahenten Sri Lankas kann den Krieg gewinnen &#8211; und keiner will zur\u00fcckstecken. Regierungsoffensiven gegen die &#8222;Tiger&#8220; im Fr\u00fchjahr 2001 forderten wieder Hunderte Tote, Tausende Verst\u00fcmmelte &#8211; und f\u00fchrten zu keinem Meter Gel\u00e4ndegewinn.<\/p>\n<h5>Allahs, Buddhas, Shivas Erde<\/h5>\n<p>In Afghanistan tilgen fanatische Moslems das buddhistische Erbe vom Antlitz ihrer Erde. Gottes Erde? Selbst in Indien wird die Religion, der Hinduismus, seit 15 Jahren zunehmend f\u00fcr populistische Engstirnigkeit instrumentalisiert, im Kampf gegen Pakistan und um die technokratische Elite der Kongresspartei auszuhebeln. V. S. Naipaul, Exilinder aus Trinidad, beschreibt pessimistisch ein beklemmendes &#8222;Land in Aufruhr&#8220;. Und auf Sri Lanka pflegen manche Singhalesen weniger buddhistische Toleranz als klammernde \u00dcberlegenheitsmythen. Reformen wie Anerkennung des Tamilischen waren halbherzig oder kamen zu sp\u00e4t. Sri Lanka ist f\u00fcr Tamilen nicht mehr ihr Land.<\/p>\n<p>Konfliktmischungen aus Volk, Religion und Rache, oft von au\u00dfen ideologie- und waffengewaltig immer wieder neu angeheizt: Von Sri Lanka in den Sudan, in Kaschmir, im Kaukasus, im Kongo, in Nordirland und S\u00fcdserbien, von Osttimor in die Westsahara, von Mazedonien zu den Molukken und Legionen anderen, vergessener und neuer Schaupl\u00e4tze des Schreckens. Unsere vermeintlich heile Welt bleibt lieber unter sich. Wir lassen uns durch Medien-Oligopole ein paar ausgew\u00e4hlte, schaurig-bunte Bilder vom Tellerrand des Wohlstands ins Haus liefern, gepresst in 42 Sekunden CNN-Erkl\u00e4rung aller Fakten und Hintergr\u00fcnde. Wir glauben uns erhaben, hinausentwickelt aus dem Lebens-, manchmal Teufelskreis von Leid, Tod und Widergeburt. Es sind &#8222;die anderen&#8220;, denen Gewalt im Blut liegt, S\u00fcdslawen, Semiten, Asiaten, Afrikaner sowieso. Vielleicht spenden wir etwas f\u00fcr die unerm\u00fcdlichen &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220;. Und lassen das Elend, das Grauen im \u00dcbrigen dort, wo es hingeh\u00f6rt: bei jenen anderen. Wir \u00fcbersehen, verdr\u00e4ngen gerne, wie fragil unser Friede und Wohlstand ist, wie schnell Feindbilder, Hass diabolisch in uns selbst wachgezaubert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<h5>. . . und ein Hauch Hoffnung<\/h5>\n<p>Wer nicht religi\u00f6s ist, mag sich mit Manes Sperber tr\u00f6sten: Und \u00fcberlebt auch nur einer heil an K\u00f6rper und Seele, ist die Menschheit nicht verloren.<\/p>\n<p>Indiens schillernder Edelstein als Tr\u00e4ne im Ozean. Danach vers\u00f6hnliche Wellen, bis zu den Gestaden der n\u00e4chsten Insel, des kleinen, unbeschwerteren Mauritius mit toleranten Hindus, Buddhisten, Muslimen und Christen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten schaffen es Konflikte von jenseits des &#8222;Nahen&#8220; Ostens in unsere Aufmerksamkeit. 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