{"id":1978,"date":"2019-09-19T21:57:43","date_gmt":"2019-09-19T21:57:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1978"},"modified":"2020-01-19T22:23:55","modified_gmt":"2020-01-19T22:23:55","slug":"1978","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1978","title":{"rendered":"Joyce Carol Oates&#8216; bew\u00e4hrter Hang zum Horror"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-title\">Sieben Reisen in den Abgrund<\/p>\n<h3 class=\"article-title\">Literarische Alptr\u00e4ume<\/h3>\n<p class=\"article-title\">Joyce Carol Oates und die Krisen unserer Gegenwart<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, September 2019<!--more--><\/p>\n<p class=\"em_text\">Die Produktivit\u00e4t der Autorin ist fast so unheimlich wie viele ihrer Geschichten. F\u00fcr Kritiker ist Joyce Carol Oates eine Flie\u00dfbandschreiberin, f\u00fcr Fans hat die literarisch vielseitige Amerikanerin l\u00e4ngst den Nobelpreis verdient. In jedem Fall hat die 81-J\u00e4hrige mit ihrem rastlosen Talent in mehr als 40 Romanen, hunderten Kurzgeschichten, Theaterst\u00fccken und Essays die im Angloamerikanischen ohnehin nicht so hohe Mauer zwischen E- und U- Literatur mit magisch-phantastischen Elementen eingeebnet.<\/p>\n<p class=\"em_text\">&#8222;Sieben Reisen in den Abgrund&#8220; klingt nach all den Krisen unserer Gegenwart: nach Umwelt, Klima, Migration, Politik, Finanzen, Wirtschaft. Doch anders als in ihren Romanen, wo Oates auch gesellschaftliche Themen mit ihrem Faible f\u00fcr Schrecken verkn\u00fcpft, geht es hier weniger um politische oder soziale als um menschliche Abgr\u00fcnde. &#8222;The Corn Maiden&#8220;, hei\u00dft die Sammlung harmlos nach dem Titel der ersten Story im englischen Original, &#8222;Die Maisjungfer&#8220;.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Mit gut 130 Seiten fast so lang wie die anderen sechs Geschichten zusammen, ist die &#8222;Maisjungfer&#8220; &#8211; mit dem tr\u00fcgerischen Untertitel &#8222;Eine Liebesgeschichte&#8220; &#8211; auch die beste. Marissa, ein elfj\u00e4hriges M\u00e4dchen, wird entf\u00fchrt. Von Anfang an ist klar, wer die T\u00e4terinnen sind: eine M\u00e4dchenbande aus der gemeinsamen Schule. Sie sperren ihr Opfer im Keller der weitl\u00e4ufigen Villa ein, wo Jude, die R\u00e4delsf\u00fchrerin der Gang, mit ihrer Gro\u00dfmutter wohnt. &#8222;Weil es ein Experiment war, um zu sehen ob Gott es zulassen w\u00fcrde. Weil niemand da war um mich aufzuhalten. Darum.&#8220;, rechtfertigt sich Jude so lapidar wie giftig. In Abwandlung eines indianischen Rituals hat sie Marissa zur Opferung vorgesehen. Packend ist nicht nur Judes verst\u00f6rend kaltbl\u00fctiges Vorgehen, sondern Oates\u2019 stringent multiperspektivische Erz\u00e4hlweise, abwechselnd aus der Sicht Judes, der ihrer &#8222;J\u00fcngerinnen&#8220;, von Marissas alleinerziehender Mutter oder eines von den M\u00e4dchen perfide beschuldigten Lehrers.<\/p>\n<p>Die Protagonisten aller sieben Geschichten sind Antihelden: ein Sch\u00f6nheitschirurg in der Krise, der eine Patientin durch Sch\u00e4del-Trepanation aus einer &#8222;spirituellen Sackgasse&#8220; helfen will; ein M\u00e4dchen das &#8211; vielleicht &#8211; sein kleines Schwesterchen erstickt; ein \u00e4lterer Mann, an dem seine Stieftochter sp\u00e4te, aber umso erbarmungslosere Rache nimmt; die Begegnung einer Witwe mit einem gest\u00f6rten Veteranen; oder Zwillingsbr\u00fcder, die bei aller Unterschiedlichkeit nicht voneinander loskommen und sich grausam verstricken.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Die Genre-\u00fcbergreifenden Spannungsgeschichten sind allesamt beunruhigend &#8211; und doppelb\u00f6dig: die Autorin untergr\u00e4bt vorschnelle Erwartungen. Trotz oft krasser, unzweideutiger Schilderungen verweigert Oates oft ein klares Ende. Manchmal deutet sie sogar einen vers\u00f6hnlichen Ausgang an, auch wenn das dann ein eher kalter Trost ist. Liebhaber unheilsschwangerer Gruselgeschichten werden mit den sieben Episoden bestens bedient.<\/p>\n<p class=\"em_text\">Joyce Carol Oates<br \/>\nSieben Reisen in den Abgrund<br \/>\nErz\u00e4hlungen. \u00dcbersetzt von Silvia Visintini. Droemer, M\u00fcnchen 2019, 381 Seiten,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieben Reisen in den Abgrund Literarische Alptr\u00e4ume Joyce Carol Oates und die Krisen unserer Gegenwart Wiener Zeitung, September 2019<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1978"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1978"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1988,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1978\/revisions\/1988"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}