{"id":198,"date":"2010-01-08T16:57:32","date_gmt":"2010-01-08T16:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=198"},"modified":"2014-02-05T22:21:45","modified_gmt":"2014-02-05T22:21:45","slug":"die-seidenstrasse-in-neuem-gewand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=198","title":{"rendered":"Die Seidenstra\u00dfe in neuem Gewand"},"content":{"rendered":"<p>Rohstoffe, geostrategische Interessen, Islam und Demokratie<\/p>\n<h3>Die Seidenstra\u00dfe in neuem Gewand<\/h3>\n<p>Wiener Zeitung, Februar 2008<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die rohstoffreichen Gebiete Zentralasiens r\u00fccken zunehmend ins geostrategische Weltinteresse. W\u00e4hrend der Islam weiter erstarkt, bleiben demokratische Prinzipien auf der Strecke.<\/strong><\/p>\n<div id=\"em_cnt_artikel\">\n<div id=\"em_artikelansicht_artikel\">\n<p id=\"absatz1\">Der klangvolle Mythos Seidenstra\u00dfe, verstanden als Traumpfad fr\u00fcher Globalisierung, entz\u00fcckt seit Jahrhunderten her die Phantasie des Abendlandes. Schon Rom importierte auf ihr schimmernde Luxuswaren, und sp\u00e4testens seit Marco Polo zogen die geheimnisumwitterten Oasen Turkestans Abenteurer, Krieger und Gesch\u00e4ftemacher an. Aus Karawansereien entstanden pr\u00e4chtige St\u00e4dte wie Samarkand, wo Scheherazade in Tausend und einer Nacht einen mordl\u00fcsternen Herrscher bezauberte. Buchara war die Heimat des Philosophen Avicenna, der den Sufismus inspirierte.<\/p>\n<p>Im Zentrum der eurasischen Landmasse lag einst ein Schmelztiegel f\u00fchrender V\u00f6lker, wie Indo-Arier, Perser, Mongolen, Chinesen, eine Tauschb\u00f6rse geistiger und materieller Errungenschaften des Ostens, Westens und Indiens. H\u00e4ndlerheere brachten Seide, Tee, Teppiche, Jade, Lapislazuli, Glas, Papier, Gew\u00fcrze, das Spinnrad, den Kompass sowie das Schie\u00dfpulver nach Europa. Die Seidenstra\u00dfe war auch Einfallsschneise f\u00fcr Hunnen, Araber, T\u00fcrken und Dschingis Khans Mongolen.<\/p>\n<p>Mit der Erschlie\u00dfung der Seeroute ab dem 16. Jahrhundert verlor der Landweg an Bedeutung. Der Transport per Schiff war schneller, sicherer und zollfrei. Im 19. Jahrhundert umging auch die transsibirische Eisenbahn das Geflecht alter Karawanenwege. Im 19. Jahrhundert, im &#8222;gro\u00dfen Spiel&#8220; am asiatischen Schachbrett, gerieten britische und russische Machtinteressen aneinander. Russland, sp\u00e4ter die Sowjetunion behielten in Innerasien zwar die brutale Oberhand, rieben sich im Imperialismusdrang aber sp\u00e4ter in Afghanistan auf.<\/p>\n<h5>Zahnarzt als Pr\u00e4sident<\/h5>\n<p>Mit der Fragmentierung der Sowjetunion 1991 taumelten die f\u00fcnf zentralasiatischen, moslemischen Unionsrepubliken eher unverhofft in die Selbst\u00e4ndigkeit. Doch ohne die Gr\u00e4uel der Unabh\u00e4ngigkeitskriege zwischen Balkan und Kaukasus, zumindest was die mehrheitlich turksprachigen L\u00e4nder Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan und Usbekistan anbelangt. Nur das persischsprachige Tadschikistan geriet aufgrund historischer und ethnischer Verflechtungen mit Afghanistan in einen B\u00fcrgerkrieg, der 100.000 Tote forderte und erst 1997 friedlich endete: Das rohstoffarme Gebirgsland ist sowohl bei seiner Grenzverteidigung als auch durch \u00dcberweisungen seiner in Russland t\u00e4tigen Gastarbeiter auf die einstige Kolonialmacht angewiesen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-550\" alt=\"DSC01048\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01048.jpg\" width=\"737\" height=\"553\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01048.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01048-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01048-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 737px) 100vw, 737px\" \/>In den neuen Republiken hielt sich eine sp\u00e4tkommunistische Nomenklatura mit nationalistischen Parolen und Repressionsmitteln an der Macht. Einzig im vergleichsweise liberalen Kirgistan wurde der erste Pr\u00e4sident Askar Akajew 2005 von einer &#8222;Tulpenrevolution&#8220;, die eher ein Putsch war, hinweggefegt. Fortschritte im Demokratielabor der Region erwiesen sich trotz zivilgesellschaftlicher Ans\u00e4tze als Schim\u00e4re. Nach stark kritisierten Wahlen Ende 2007 sitzt auch in Kirgistan eine Funktion\u00e4rskaste fest im Sattel.<\/p>\n<p>In Turkmenistan ist nach dem Tod des bizarren Diktators Nijasow &#8222;Turkmenbaschi&#8220; (= F\u00fchrer aller Turkmenen) nun dessen Zahnarzt, der fr\u00fcher als Gesundheitsminister Aids lieber verbot als bek\u00e4mpfte, der neue Pr\u00e4sident. Auch in Usbekistan landeten Marx- und Leninstatuen am Abfallhaufen der Geschichte und wurden durch Monumente f\u00fcr\u00a0<i>Tamerlan<\/i>\u00a0ersetzt. Andernorts als<i>Timur Lenk<\/i>\u00a0ob seiner Grausamkeit ber\u00fcchtigt, hatte dieser sein mittelalterliches Reich bis Indien und vor die Tore Moskaus ausgedehnt. Der ethnische Mongole ist f\u00fcr die ohnm\u00e4chtigen Untertanen des Pr\u00e4sidentenherrschers Karimov ein identit\u00e4tsstiftender usbekischer Nationalheld.<\/p>\n<h5>Futurismus in der Steppe<\/h5>\n<p>Kasachstan, mit der drei\u00dfigfachen Fl\u00e4che \u00d6sterreichs das gr\u00f6\u00dfte Land Zentralasiens und neben Russland und der T\u00fcrkei das dritte Land, das sowohl in Asien als auch in Europa liegt, hat keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit einem anderen Mongolen: denn allerlei Produkte von Schnaps bis Zigaretten sind nach Dschingis Khan benannt. Dank Rohstoffhausse sind Kasachstans Wachstumsraten sehr hoch. Langzeitpr\u00e4sident Nursultan Nasarbajew hat mit Astana eine futuristische Retortenhauptstadt in die Steppe gesetzt, die neuerdings auch die AUA anfliegt. In Astanas Parlament sitzen seit den Wahlen 2007 ausschlie\u00dflich Nasarbajews Parteig\u00e4nger. \u00dcber Jahrhunderte hinweg waren Mittelasiens Clan-Gesellschaften der autorit\u00e4ren bis despotischen Herrschaft von Khans und Kommissaren ausgeliefert. Die US-Waffeng\u00e4nge in Afghanistan und im Irak haben bewirkt, dass lokale Potentaten ihren eigenen &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; und gegen den realen oder imaginierten Islamischen Fundamentalismus unbehelligt f\u00fchren &#8211; und sich dabei aller Regimekritiker entledigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5>Erstarkter Islam<\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-554\" alt=\"DSC01022\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01022.jpg\" width=\"737\" height=\"553\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01022.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01022-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01022-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 737px) 100vw, 737px\" \/>Anti-westliche Str\u00f6mungen haben in den letzten Jahren zugenommen, vor allem im Ferganatal. Diese fruchtbare Senke im Herzen Innerasiens wurde unter Stalin in drei Unionsrepubliken aufgeteilt und ist seit der Unabh\u00e4ngigkeit ein Fleckenteppich, zerschnitten von verminten Grenzen und zahlreichen Enklaven der L\u00e4nder Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden die meisten Industriebetriebe geschlossen.<\/p>\n<p>Die Baumwollwirtschaft schafft keine neuen Arbeitspl\u00e4tze. Wasser ist knapp, die B\u00f6den sind durch Pestizide vergiftet und versalzen. Die prek\u00e4re Situation im mit zehn Millionen Einwohnern dicht bev\u00f6lkerten Tal entlud sich in blutigen Zusammenst\u00f6\u00dfen, und bald schlugen die sozialen Auseinandersetzungen in ethnische Konflikte und Grenzstreitigkeiten um. Die Monatsl\u00f6hne betragen knapp zehn Euro &#8211; sofern es Arbeit gibt. Korruption und Drogenhandel mit Afghanistan florieren. Islamistische, aus dem arabischen Raum finanzierte Tendenzen finden unter der desillusionierten Jugend &#8211; die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ist j\u00fcnger als 18 Jahre &#8211; zunehmend Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>Trotz aller Spannungen ist die geografische Mitte der eurasischen Landmasse eine im Vergleich zum Nahen Osten immer noch stabile Region. Der traditionelle Islam ist moderat, ihm h\u00e4ngt die Mehrheit der 65 Millionen Einwohner Zentralasiens an: im engeren Sinn der f\u00fcnf ehemaligen Sowjetrepubliken; geografisch und historisch geh\u00f6ren die Mongolei, Teile Afghanistans, des Irans und Chinas dazu. Allerorts wird\u00a0<i>Newroz<\/i>\u00a0, das vorislamische Neujahrsfest, gefeiert<\/p>\n<p>Gro\u00df-t\u00fcrkische Tr\u00e4ume haben selbst in Ankara an Glanz verloren. Zentralasien braucht die T\u00fcrkei nicht als T\u00fcr\u00f6ffner zu Finanzinstitutionen. Zentralasiens Wirtschaft profitiert, neben seiner Br\u00fcckenfunktion bei der Verschiebung des globalen Kr\u00e4ftegleichgewichts Richtung Asien, von der Gro\u00dfmachtkonkurrenz um Energieressourcen. Wegen der anhaltenden Krisen im Nahen Osten sucht der Westen eine breitere Streuung der Produzenten zu erzielen &#8211; sowie Russlands Monopol der Gastransportrouten zu brechen. Die USA und China, aber auch Japan, Indien und Korea haben sich in Position gebracht, die russische Vorherrschaft in der Region herauszufordern.<\/p>\n<p>Der Gesch\u00e4ftsgeist der Seidenstra\u00dfe erwacht wieder. Die Zentralasiaten wollen nicht mehr wie vor 200 Jahren Bauern am Schachbrett des neuen gro\u00dfen Spiels bleiben, das die Begehrlichkeit der Weltwirtschaft in Gang gesetzt hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-552\" alt=\"DSC01019\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01019.jpg\" width=\"737\" height=\"553\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01019.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01019-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/DSC01019-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 737px) 100vw, 737px\" \/>Lange hatten Drittweltl\u00e4nder nur zweitklassige Sowjettechnologien als Alternative zur Abh\u00e4ngigkeit vom Westen gehabt &#8211; um den Preis ideologischer Gefolgschaft. Chinas Wirtschaftskooperation ist heute ideologiefrei, wenn auch nicht ohne Eigennutz. Das Reich der Mitte, ohne Menschenrechtsskrupel zu Hause und noch viel weniger bei der Durchsetzung seiner Interessen in Afrika oder asiatischen Nachbarl\u00e4ndern wie Burma, ist hier l\u00e4ngst massiv pr\u00e4sent. Chinesische Billig- und Technikprodukte \u00fcberschwemmen Zentralasiens Basare. Chinas rohstoffhungrige Konjunktur sucht eine sichere Verbindung zum Nahen Osten sowie Zugang zu den mittelasiatischen Ressourcen.<\/p>\n<p>Peking lockt mit enormen Devisenreserven und macht auch seinen politischen Einfluss geltend. 2001 wurde die &#8222;Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit&#8220;, bestehend aus Russland, China, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan, gegr\u00fcndet. Vordergr\u00fcndig geht es um die regionale Sicherheit: mit der moslemischen Unruheprovinz Xinjiang-Uighur, dem historischen Ost-Turkestan, das ein Viertel des Reichs der Mitte umfasst, hat China selbst Anteil an Zentralasien.<\/p>\n<p>Die Shanghai-Gruppe betont unverhohlen die Notwendigkeit einer multipolaren Welt &#8211; und wird von den USA entsprechend misstrauisch be\u00e4ugt. Irans Pr\u00e4sident Mahmud Ahmadinejad durfte beim Gipfel des zunehmend anti-westlichen Clubs von Diktatoren schon gro\u00dfe Reden halten, obwohl sein Land nur Beobachterstatus hat.<\/p>\n<h5>Schwaches Europa<\/h5>\n<p>Europa scheint im Wettstreit um strategischen Einfluss in Zentralasien ins Hintertreffen geraten zu sein. 1993 wurde unter EU-\u00c4gide das TRACECA-Programm (Transportkorridor Europa-Kaukasus-Asien) mit den f\u00fcnf zentralasiatischen und den drei kaukasischen Staaten ins Leben gerufen. Deklariertes Ziel war die F\u00f6rderung der wirtschaftlichen Selbstst\u00e4ndigkeit der neuen Republiken sowie &#8211; \u00fcber die Wiederbelebung der traditionsreichen Seidenstra\u00dfe als R\u00fcckgrat transkontinentaler Handelsbeziehungen &#8211; die Verbesserung der Zugangsm\u00f6glichkeiten zum europ\u00e4ischen Markt. Eine Milliarde Euro der EU und internationaler Entwicklungsbanken wurde in die Verkehrsinfrastruktur investiert.<\/p>\n<p>Nur ein Bruchteil des Handels zwischen Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum im Wert von j\u00e4hrlich 300 Milliarden US-Dollar wird auf dem Landweg transportiert. Selbst wenn j\u00fcngst ein Container-Testzug der Deutschen Bahn von Peking nach Hamburg nur 15 Tage statt 35 am Seeweg brauchte: der Transportkorridor strebt weniger den G\u00fctertransport auf Schiene und Stra\u00dfe als den Ausbau von \u00d6l- und Gaspipelines an.<\/p>\n<p>2007 wurde eine neue EU-Strategie f\u00fcr die Region beschlossen. Diese hat allerdings eher generellen Charakter und hat kaum konkrete Umsetzungsinstrumente. Als Technologielieferant und finanzpolitischer Dienstleister ist Europa willkommen: Bis 2013 sollen zumindest weitere 750 Millionen Euro EU-Gelder in die Region, nicht aber in die Taschen von Gesch\u00e4ftemachern flie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00dcber Schlaglochstra\u00dfen donnern Lkws und Mercedes-Limousinen der Polit- und Wirtschafts-Elite an Baumwoll-Monokulturen, Eselskarren, Jurten und Kamelherden vorbei. \u00d6kologische Absichten bleiben bei der gro\u00dfen Kapitalanreicherung zwischen China und dem kaspischen Meer blo\u00df Lippenbekenntnisse. Bilder von gestrandeten Schiffen in der W\u00fcste gingen um die Welt, doch der Aral-See trocknet weiter aus.<\/p>\n<p>Beim Nachtflug leuchten Bohrinseln im Sandmeer: Abgefackeltes Gas l\u00e4sst die W\u00fcste von Turkmenistan gleichsam lodern &#8211; wenig idyllische Brandzeichen des rasanten Fortschritts. Unsere Wahrnehmung der Region ist von rotgekn\u00fcpften Teppichen und blauen Fayencemustern gepr\u00e4gt, allenfalls von einem der grotesken &#8222;Borat&#8220;- Filme. Der Tourismus zwischen W\u00fcste und Pamir-Gebirge steckt noch in den Kinderschuhen.<\/p>\n<p>Im Zweiten Weltkrieg wurden Wolgadeutsche und Tschetschenen von Stalin in die Steppen deportiert. Ohne lokale Gastfreundschaft und Hilfe h\u00e4tten sie nicht \u00fcberlebt. Nach 1991 verlie\u00dfen Millionen Russen und eine Million Deutschst\u00e4mmige Zentralasien. Die betreffenden L\u00e4nder haben sich von den Umw\u00e4lzungen und dem personellen Aderlass anscheinend erholt. Indessen w\u00e4chst die Kluft zwischen Arm und Reich rasant, und Nepotismus breitet sich aus: die L\u00e4nder Zentralasiens findet man auf der Liste korrupter Staaten durchwegs auf vorderen Pl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Die Diskussion neuer zentralasiatischer Wertvorstellungen als Br\u00fccke und Symbiose westlicher, \u00f6stlicher und islamischer Prinzipien hat noch zu keinem konkreten Ergebnis gef\u00fchrt. EU und OSZE haben mit gutem Willen und vielen Worten, aber bescheidenen Ergebnissen versucht, die demokratische \u00d6ffnung zu f\u00f6rdern.\u00a0<i>&#8222;Kurz nach der Unabh\u00e4ngigkeit waren die Herrschenden noch um internationale Anerkennung bem\u00fcht &#8211; und offen f\u00fcr Rat&#8220;<\/i>\u00a0, meint Kamoludin Abdullaev von der tadschikischen Staatsuniversit\u00e4t in Duschanbe.\u00a0<i>&#8222;Das ist sp\u00e4testens seit 9\/11 vorbei.&#8220;<\/i>\u00a0Es gibt zwar hochbezahlte Berater, Stiftungen und NGOs, die aber allzu oft bei der F\u00f6rderung demokratischer Partizipation an lokalen Gegebenheiten scheitern und im schlechtesten Fall eine geschickte Funktion\u00e4rskaste versorgen.<\/p>\n<p>Mit Konsens aller OSZE-Staaten wurde Kasachstan f\u00fcr 2010 zum Vorsitzland der Sicherheitsorganisation gew\u00e4hlt.\u00a0<i>&#8222;Womit wir den Bock zum G\u00e4rtner machen&#8220;<\/i>\u00a0, wie ein westlicher Diplomat ironisch &#8211; und verk\u00fcrzt &#8211; kommentiert. Was wir im Westen als H\u00f6chstma\u00df politischer Vernunft ansehen, hat Jahrhunderte wechselvoller Entwicklung voll blutiger R\u00fcckschl\u00e4ge hinter sich. Europas Auftreten in Sachen Menschenrechte wird angesichts seiner kolonialen Geschichte, aber auch aktueller Gesch\u00e4fte mit China oder Libyen im Rest der Welt oft als heuchlerisch empfunden. Selbst im europ\u00e4ischen Kontext tut sich Europa bei der Unterst\u00fctzung von &#8222;Nationbuilding&#8220; (siehe Bosnien oder Kosovo) schwer.<\/p>\n<p>Weder Besserwisserei noch milit\u00e4rische Interventionen machen Demokratie zum Exportschlager. Die Etablierung rechtsstaatlicher &#8222;Hardware&#8220;, wie Verfassung und Institutionen, ist in den letzten Jahren in Afghanistan oder im Irak an inkompatibler einheimischer &#8222;Software&#8220;, sprich soziokulturellen Resistenzen, weitgehend gescheitert. Und wenn sich bei den seltenen, halbwegs freien Wahlen in der Region nicht die erhofften Partner durchsetzen (wie etwa in Pal\u00e4stina oder im Iran), st\u00fcrzt dies Europa in ein neues Dilemma. Ein nachhaltiger Demokratieaufbau in multi-ethnischen Staaten mit Clan-Loyalit\u00e4ten dauert einfach erheblich l\u00e4nger.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rohstoffe, geostrategische Interessen, Islam und Demokratie Die Seidenstra\u00dfe in neuem Gewand Wiener Zeitung, Februar 2008<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=198"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":555,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions\/555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}