{"id":1984,"date":"2019-12-19T22:14:18","date_gmt":"2019-12-19T22:14:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1984"},"modified":"2020-06-27T21:36:58","modified_gmt":"2020-06-27T21:36:58","slug":"1984","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1984","title":{"rendered":"All das zu verlieren"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"figure-desc\">Freudlose Nymphomanin<\/span><\/p>\n<h3>Selbstbest\u00e4tigung durch Selbsterniedrigung<\/h3>\n<p>Le\u00efla Slimanis Beichte einer Sex-S\u00fcchtigen<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, Dezember 2019<!--more--><\/p>\n<p>Unvermittelt werden wir in den Strudel einer Ruhelosen gezogen, die mit guten Vors\u00e4tzen dagegen k\u00e4mpft, sich nicht in ihrer Besessenheit zu verlieren. Rasch wird klar, worum es geht: Lust-Gier, eine Sucht, die bei Frauen als Nymphomanie pathologisiert wird.<\/p>\n<p>Le\u00efla Slimani hat ihrer Antiheldin Ad\u00e8le weder die Rolle einer starken, selbstbestimmten Frau verliehen noch die eines ausgebeuteten MeToo-Opfers. Sie sucht auch nicht den Skandal: Ad\u00e8les dunkle Seite liefert keine voyeuristische Fifty-Shades-Geschichte, die zur Verfilmung einl\u00e4dt &#8211; aber sie fesselt und verunsichert den Leser umso mehr, h\u00e4lt ihn mit einer fast n\u00fcchternen Erz\u00e4hlweise auf Distanz und gleichzeitig bei der Stange.<\/p>\n<p>Die 1981 in Rabat geborene Slimani hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr menschliche Abgr\u00fcnde. 2016 erhielt sie den renommierten Prix Goncourt f\u00fcr ihren verst\u00f6renden Bestseller-Thriller &#8222;Dann schlaf auch du&#8220; \u00fcber den Mord einer Nanny an den ihr anvertrauten Kindern. Von &#8222;Vanity Fair&#8220; wurde Slimani auf einer Liste der einflussreichsten franz\u00f6sischen Pers\u00f6nlichkeiten an vorderster Stelle gereiht, noch vor Pr\u00e4sident Emmanuel Macron. Bereits 2014 hat sie die nun auch auf Deutsch erschienene Beichte einer Sex-S\u00fcchtigen geschrieben.<\/p>\n<p>Die Protagonistin Ad\u00e8le ist eine ambitionslose Pariser Journalistin mit maghrebinischem Vater, die ihren Job ohne Bedauern sausen l\u00e4sst. Die Themen Herkunft, Rassismus oder prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse streift der Roman allerdings nur am Rande. Im Geburtsland der Autorin war das Buch eine Provokation, dennoch erhielt es auch dort einen Literaturpreis. In Marokko regte er\u00a0 \u00fcberdies zahllose Frauen an, Slimani f\u00fcr ihren Essayband &#8222;Sex und L\u00fcgen&#8220; den, gelinde gesagt, Zwiespalt der maghrebinischen Gesellschaft zum Thema Erotik auszudr\u00fccken. &#8222;Bei Ad\u00e8le ist Sex immer mit L\u00fcge und dadurch mit Scham und Angst verbunden. Genau wie in Marokko&#8220;, sagt die Autorin.<\/p>\n<p>&#8222;All das zu verlieren&#8220; wagt sich ins Zentrum von \u00c4ngsten, Begierden, L\u00fcgen. Die Wiederholung zwanghafter, immer \u00f6der werdender Abenteuer, der zerst\u00f6rerische Zwang der Protagonistin und ihr Leiden daran sind qualvoll, nie befreiend, kaum einmal f\u00fcr den Moment erleichternd. &#8222;Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein&#8220;, hei\u00dft es an einer Stelle &#8211; &#8222;Dans le jardin de l\u2019ogre&#8220; (&#8222;Im Garten des Ungeheuers&#8220;) lautet denn auch der Romantitel im franz\u00f6sischen Original.<\/p>\n<p>In ihrer Freudlosigkeit und Verlorenheit bleibt Ad\u00e8le denn auch stellenweise konturlos, selbst in ihrer Beziehung zu ihrem dreij\u00e4hrigen Sohn. Sie ist keine Identifikationsfigur &#8211; doch das ist auch Programm. Slimani wollte &#8222;\u00fcber eine Frau schreiben, die feige und schwach und d\u00fcster ist, eine, die l\u00fcgt und zerst\u00f6rt&#8220;: eine Art weiblicher Dominique Strauss-Kahn, allerdings ohne Machtmissbrauch und ohne Glamour. Eine zeitgen\u00f6ssische Belle de Jour oder Madame Bovary, die durch ihr b\u00fcrgerliches Leben gesch\u00fctzt ist und dem sie gleichzeitig zu entkommen sucht.<\/p>\n<p>Ad\u00e8les Mann Richard schaut erst lange weg und kippt nach der Entdeckung der Laster seiner Frau in obsessive Eifersucht. Er stellt sich &#8222;ein neues Leben vor, in dem sie vor sich selber und ihren Trieben in Sicherheit ist&#8220;. Doch nur er glaubt daran, oder er hofft zumindest darauf. F\u00fcr Ad\u00e8le sind die Zw\u00e4nge des Familienlebens eine Folterkammer. Sie sucht nicht der Unterdr\u00fcckung zu entkommen, sondern der Leere und Einsamkeit. Sie &#8222;w\u00fcrde gerne schlafen, die Wut, die sie erf\u00fcllt, ruhen lassen&#8230; die Angst vertreiben, die sich in ihr verkrochen hat.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht, dass sie nicht auch selbst versuchen w\u00fcrde, aus ihrem inneren Teufelskreis auszubrechen. Hellsichtig und verzweifelt dr\u00fcckt sie ihre Leblosigkeit gegen\u00fcber einem Psychotherapeuten aus: &#8222;Aber gesund werden ist auch schrecklich. Man verliert etwas.&#8220;<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Le\u00efla Slimani<br \/>\nAll das zu verlieren<br \/>\nRoman. Aus dem Franz\u00f6sischen von Amelie Thoma.<br \/>\nLuchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2019, 224 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freudlose Nymphomanin Selbstbest\u00e4tigung durch Selbsterniedrigung Le\u00efla Slimanis Beichte einer Sex-S\u00fcchtigen Wiener Zeitung, Dezember 2019<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1984"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1984"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1984\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2094,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1984\/revisions\/2094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}