{"id":1997,"date":"2025-09-14T09:42:00","date_gmt":"2025-09-14T09:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1997"},"modified":"2025-09-17T08:47:25","modified_gmt":"2025-09-17T08:47:25","slug":"coronablog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=1997","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h3><\/h3>\n<h3><\/h3>\n<p>Ausz\u00fcge aus dem<\/p>\n<h3>Corona Tagebuch<\/h3>\n<p>im<br \/>\nResidenz Verlag<\/p>\n<p><!--more--><a href=\"https:\/\/www.residenzverlag.com\/blog\/gunther-neumann\">https:\/\/www.residenzverlag.com\/blog\/gunther-neumann<\/a><\/p>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">29. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Lange haben wir die aufkeimenden Fr\u00fchlingsgef\u00fchle gez\u00e4hmt. Jetzt also n\u00e4hert sich der langsame Ausstieg, oder Wiedereinstieg, um es positiv zu formulieren &#8211; in eine \u201eneue Normalit\u00e4t\u201c. Das klingt unangenehm nach \u201eSch\u00f6ne Neue Welt\u201c. Wie wird sie aussehen, sich anf\u00fchlen? Zukunftsforscher sind ja in Krisenzeiten gefragte Leute. Allerdings erinnere ich mich kaum an tats\u00e4chlich wahr gewordene Prophezeiungen. &#8222;Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen&#8220;: Egal ob von Mark Twain, Tucholsky, Churchill oder Karl Kraus &#8211; witzig und geistreich ist der Satz noch immer. Gewiss, in Zukunftsszenarien finden sich manchmal Vorhersagen, die tats\u00e4chlich eintreten. Corona hat keiner vorausgesehen. Ich mache das niemandem zum Vorwurf. Wir sind aus der Sorglosigkeit recht \u00fcbergangslos in den Schrecken getaumelt.<\/p>\n<p>Literarisch fallen mir ein paar Hellsichtige ein, Aldous Huxley eben, George Orwell, vision\u00e4re Romanciers, feinf\u00fchlige Seismographen unserer Befindlichkeit, unserer menschlichen Anlagen und Schw\u00e4chen. \u201eEine Art intuitive Voraussicht, ein \u00dcberblick und Weitblick, der gute Romane zeitlos macht\u201c, sagt eine Rezensentin \u00fcber ein rezenteres Buch. Selbst habe ich mir nie Prognosen zugetraut, nicht \u00fcber die Welt, nicht \u00fcber mich selbst. Ich habe meine Kinder nicht vorausgesehen, meine Lebenspartnerin, meine Freunde, kaum meine Berufe, nicht einmal das Land, in dem ich einmal l\u00e4nger leben w\u00fcrde. Selbst meine n\u00e4chtlichen Tr\u00e4ume haben weniger mit meiner Zukunft zu tun als mit meiner Vergangenheit oder meiner Gegenwart; manchmal mit meinen \u00c4ngsten, Fehlern, Schw\u00e4chen. Bestenfalls helfen mir meine Nachttr\u00e4ume, zu sp\u00fcren, was ich vielleicht wegschiebe. Sie sind ein Dschungel-Biotop mit wenig ausgeleuchteten Sumpfstellen, selten wilden Tieren, gelegentlich bunten Papageien. Kristallkugeln f\u00fcr die Zeit \u201enach Corona\u201c, mit den virulenten neuen und weiter dr\u00e4ngenden alten Herausforderungen sind sie keine. Auch wenn Pessimismus manchmal realistisch erscheint &#8211; Sorgen kommen mir manchmal vor wie archaische Festungen: eine hohe Mauer, dahinter ein Abgrund. M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume m\u00fcssen wir uns auch selbst schaffen. Und da helfen mir auch manche Tr\u00e4ume.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">22. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Nach einem Monat Corona-Blog ist es f\u00fcr mich Zeit f\u00fcr eine kurze Reflexion. Es ist der erste Blog meines Lebens. Ich poste nicht auf Facebook, habe keinen Twitter- oder Instagram-account, war skeptisch, und bin es wohl noch immer. Wir lesen auf dieser Seite die guten Beitr\u00e4ge unserer Kolleginnen, Co-Autorinnen. Doch wer sonst folgt uns wohl, wo Netz &amp; Feuilleton \u00fcberlastet sind mit Covid-Beitr\u00e4gen: von Mutmacherinnen bis zur Lust am Weltuntergang, von Spa\u00dfcartoons \u00fcber Metaphern zum S\u00fcndenfall einer verunsicherten Wohlstandsgesellschaft bis zu Verschw\u00f6rungsschwachsinn, der sich verbreitet wie das Virus. Oft erkennen wir alte religi\u00f6se oder narrative Muster.<\/p>\n<p>Ja, oft sind auch ausgezeichnete Gedanken darunter, die mich noch abends, ersch\u00f6pft, zum Nachdenken anregen. Was wird von den hervorragenden Einsichten bleiben, frage ich mich. Da noch meinen eigenen Senf dazugeben, der mir, m\u00fcde vom Tag, oft abgeschmackt vorkommt? Ich sp\u00fcre in mir eine Weigerung, schnellstm\u00f6glich metaphysische Erleuchtung zu teilen, momentane, vermeintliche Welterkenntnisse zum Besten zu geben. Wir leben \u201edie Krise\u201c jetzt, oft emotional. Nachhaltig analysieren, beurteilen, hoffentlich auch literarisch umspinnen, durchdringen und vielleicht erfassen werden wir sie wohl erst viel sp\u00e4ter. Ich bewundere alle, die jetzt schon Corona-B\u00fccher ver\u00f6ffentlichen, nicht nur als Blog, als \u201ework in progress\u201c, sondern als abgeschlossenes Werk. Fast t\u00e4glich werden es mehr. Alle Achtung. Ich w\u00fcrde es nicht schaffen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">20. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Das Sein bestimmt das Bewusstsein: ein politisch aufgeladener und abgedroschener Satz. Doch wenn ich fr\u00fcher in einem Text \u00fcber irgendein Thema einen Bezug auf Kinder las, empfand ich das manchmal als pathetisch. Heute bestimmen unsere Kinder mein eigenes Leben, manchmal etwas mehr, als mir lieb ist, gerade in diesen Wochen, in denen Masken nicht heitere Faschingsstimmung ausl\u00f6sen. \u201eWann haben wir unseren Kindern zuletzt gedankt?\u201c, fragt mich meine Frau, nachdem sie Clemens Bergers letzten Blog-Beitrag gelesen hat. Hmm.<br \/>\nBegleitet mich ein Buch durch die Covid-Krise? Weder die jetzt vielzitierte \u201ePest\u201c von Camus, noch eine vermeintlich hellseherische Dystopie &#8211; schon allein aus Zeitgr\u00fcnden. Vielmehr k\u00f6nnte ich, seit unsere Jungs permanent zu Hause sind, aus drei Dutzend Kinderb\u00fcchern w\u00e4hlen. Saskia Hulas schmales, buntes Dschungelbuch \u00abBei drei auf den B\u00e4umen\u00bb etwa ist eine wunderbare Anleitung nicht nur f\u00fcr verunsicherte Kinder, dass kein Schrecken Macht \u00fcber uns haben muss.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">15. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Sie sind mir nicht ganz unvertraut: Ausgangssperren. Als ganz junger Journalist waren sie f\u00fcr mich manchmal Nervenkitzel, sie waren ein Teil der Berichterstattung aus, gelinde gesagt, instabilen Krisengebieten. Wirklich pers\u00f6nlich betroffen war ich selten. Andere kosteten sie manchmal das Leben, Einheimische, die des Nachts von Maskierten abgeholt wurden; ohne dass es Zeugen gab; ohne dass sich die Familie irgendwo beschweren konnte. Auch sp\u00e4ter, bei der Arbeit in Afrika, waren Ausgangssperren ein l\u00e4stiges Hindernis, zus\u00e4tzlich zu anderen H\u00fcrden. Aber ich war privilegiert, und das Erlebte war wie ein spannendes Buch, das ich vor\u00fcbergehend weglegen konnte, um m\u00fcde, aber halbwegs ruhig einschlafen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd heute? Unsere Ausgangsbeschr\u00e4nkungen nerven mich. Sie sind wirtschaftlich sch\u00e4dlich. Aber sie sind nicht lebensbedrohend. Im Gegenteil, im Moment zumindest k\u00f6nnen sie Leben retten. Gerade durch die Erinnerung an ganz andere Krisen bin ich mir bewusst, wie privilegiert wir sind, hier im Norden unserer gro\u00dfen kleinen Welt. Und dass Privilegien immer auch ein St\u00fcck Verantwortung mit sich bringen. In der Krise fangen wir an, zu horten. Und dann, uns gegenseitig zu helfen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">10. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Der Tourismus auf unserem Kontinent steht still, Hotels sind geschlossen. Hotel Mama-Papa hat ge\u00f6ffnet, \u201e24\/7, all inclusive\u201c. Andere Eltern verstehen uns nur allzu gut. Manche unserer Freunde ohne (Klein)Kinder preisen die Verlangsamung: in Ruhe ein paar Gedanken \u00fcber die weitere Zukunft spinnen, ein gutes Buch lesen. Sch\u00f6n. Aber kaum m\u00f6glich mit Kleinen, die ohne Kindergarten, ohne Freunde sind, verunsichert, die viel streiten und volle Aufmerksamkeit einfordern. Von Entschleunigung sp\u00fcren wir wenig, au\u00dfer, wenn wir dann am Abend unseren Zustand, n\u00e4mlich Ersch\u00f6pfung, als Entschleunigung bezeichnen wollten.<br \/>\nBeschleunigung war <em>die<\/em> Metapher der Moderne: Dampfmaschine, Zug, Auto, Flugzeug, Globalisierung, High-speed Internet. Trotz so vieler Mutma\u00dfungen und Prophezeiungen im Feuilleton: wohl niemand wei\u00df, was nach der Krise kommt. Die \u201eReduzierung auf das Wesentliche\u201c? Statt \u201eschneller, h\u00f6her, st\u00e4rker\u201c pl\u00e4dierte der S\u00fcdtiroler Gr\u00fcne Alexander Langer schon vor 30 Jahren f\u00fcr \u201elangsamer, tiefer, sanfter\u201c. Alexander Langers Bruder Martin, pensionierter Intensivmediziner in Mailand, bleibt in einem Gespr\u00e4ch mit der Journalistin Susanne Barta skeptisch: \u201eIch f\u00fcrchte, dass nach Corona das wirtschaftliche Nachholbed\u00fcrfnis so gro\u00df sein wird, dass alles, was vielleicht gewonnen wurde, wieder wegf\u00e4llt. Ich denke, alles wird sich auf die Wiederherstellung der Wirtschaft konzentrieren, nicht auf ihre Ver\u00e4nderung. Vielleicht ist es ja auch das Dringendste. Aber eine Systemver\u00e4nderung, f\u00fcrchte ich, ist vor allem ein intellektueller Wunsch.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">3. April 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Die L\u00e4nder Europas fallen in eine Art Winterschlaf im Fr\u00fchling. Als w\u00e4re der Shutdown so m\u00e4rchenhaft. Auch sonnt\u00e4gliche Stimmung will bei mir nicht wirklich aufkommen. Durchhalteparolen, ja, manchmal Kriegsrhetoriken, \u00fcberdecken rasch unser Nachdenken \u00fcber Freiheit versus Gesundheit, \u00e4hnlich wie zuvor das Abw\u00e4gen von Freiheit versus Sicherheit &#8211; und damit \u00dcberwachung. Dabei ist im Moment nur eines sicher: Unsicherheit, und das wohl noch l\u00e4nger. Unsere Sehnsucht nach etwas Verl\u00e4sslichem wird nicht gestillt. Wir vertrauen \u2013 noch \u2013 Expertinnen und demokratisch gew\u00e4hlten Entscheidungstr\u00e4gern. Es geht nicht um ein Maximum, sondern um ein Optimum. Aber was ist das konkret? Allumfassende Kontrolle? Monate ohne Schule, ohne Kindergarten?<br \/>\nNicht alles wird gut. Vieles wird anders. Die gro\u00dfe L\u00e4uterung wird es wohl ebenso wenig sein wie der Untergang der Demokratie. Alles dazwischen ist Spekulation. Oder ein notwendiger, lebendiger Diskurs.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">30. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Mein Blick streift &#8211; f\u00fcr kaum mehr ist mit den Kindern zu Hause derzeit Mu\u00dfe &#8211; den Feuilletonteil der Zeitungen: Gegenwarts- und Zukunftsdeuter haben Saison. Apokalyptische Prophezeiungen sind im Moment in der Minderzahl. Das erstaunt mich fast. Corona werden wir irgendwann halbwegs \u00fcberstehen. Was kommt danach? Neue Bakterien, Viren, Seuchen? Kriege um Ressourcen? Eine kaum zu bew\u00e4ltigende Finanzkrise? Der bef\u00fcrchtete Klima-Kollaps? In unserer Suche nach Schuldigen werden wir bei uns selbst f\u00fcndig: Wir werden f\u00fcr unsere grenzen-lose Ma\u00dflosigkeit gestraft. Das erscheint mir wie eine andere Art von Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung in unserem globalen, \u00fcberheizten Norden &#8211; wir sind an allen \u00dcbeln dieser Welt schuldig. Unsere eurozentristische Hybris ist bemerkenswert, selbst als Vexierbild: Auch in scheinbarer Verwerflichkeit f\u00fchlen wir uns noch herausragend.<br \/>\nZwei Tage Fr\u00fchling, Zuversicht, dann wieder K\u00fchle. Negative Gedanken schleichen sich ein. Pandemie und Panik liegen im W\u00f6rterbuch nahe beieinander. Noch knapp davor rangiert Pan. Sein gekr\u00fcmmter Hirtenstab symbolisiert die Natur der Dinge, ihren Kreislauf, die Wiederkehr der Jahreszeiten. Mit seiner Fl\u00f6te vermittelt er Freude, an Musik und Fr\u00f6hlichkeit. Seit 2012 hat die UNO den 20. M\u00e4rz, meist Fr\u00fchlingsbeginn auf der Nordhalbkugel, zum \u201eWelttag des Gl\u00fccks\u201c erkl\u00e4rt. Besonders das heurige Motto \u201eHappiness for all, forever\u201c klingt wie ein &#8211; von abgehobenen B\u00fcrokraten ersonnener &#8211; Hohn. Dennoch, auf einem bescheidenen Niveau in diesem wechselhaften Fr\u00fchling: das L\u00e4cheln einer hart arbeitenden Supermarkt-Kassiererin, die Freude unserer Kinder \u2013 auch ein Virus des Optimismus kann ansteckend sein. Den werden wir brauchen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">28. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>\u00d6sterreicherinnen werden heimgeholt. Syrien und Somalia dagegen wirken wieder ganz weit weg, zumindest jenseits unserer Wahrnehmung. Aber das Bedrohliche scheint heranger\u00fcckt. Wir sind auf uns konzentriert, schwanken etwas zweifelnd zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen aufgezwungener Privatheit und einer sehr eingeschr\u00e4nkten \u00d6ffentlichkeit, gar Offenheit. Edward Hoppers Bilder werden allenthalben beschworen. Ein Gef\u00fchl der Fremdheit liegt \u00fcber unserer eigenen, scheinbar menschenarmen Stadt. Wenige Passanten kommen mir entgegen, manche wechseln die Stra\u00dfenseite, andere wenden sich ab oder ducken sich weg, wenige schauen argw\u00f6hnisch, als sei ich die unbekannte Bedrohung. Wieder andere l\u00e4cheln, scheu oder verschw\u00f6rerisch. Wir Menschen werden in der Krise nicht wirklich anders. Vielleicht verst\u00e4rken sich ein paar Eigenschaften in uns, schlechte wie gute: Ur-\u00c4ngste, ein instinktiver(?) Egoismus, die banale Neigung zum Horten, wie auch zu Verschw\u00f6rungstheorien, die insgeheime Suche nach vermeintlichen Brunnenvergiftern. Aber auch Freundlichkeit, Solidarit\u00e4t, Selbstlosigkeit. Angst kommt von Enge. Sind wir permanent auf der Hut vor dem Fremden, B\u00f6sen? Oder bleiben wir offen, neugierig? Hilfs-bereit?<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">25. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Ein kalter Grauschleier hat sich \u00fcber den Fr\u00fchling von letzter Woche gelegt, \u00fcber das Gelb der Forsythien, \u00fcber das Rosa der Magnolien, der Mandel- und Kirschbl\u00fcten. Tschernobyl \u2013 wir erinnern uns wieder \u2013 geschah im Fr\u00fchling. Die Bedrohung war unsichtbar, aber in uns sp\u00fcrbar. Spielen im Freien war nicht angesagt. Die Geschichte wiederholt sich nicht, h\u00f6chstens als Echo in uns. Unsere Vorstellungskraft speist sich aus unseren Erfahrungen und Erinnerungen, und den schwer erkl\u00e4rbaren Anteilen &#8211; Liebe, \u00c4ngste, manchmal Hilflosigkeit. Mythen durchziehen die Geschichte der Menschheit seit Anbeginn. Das Unbeeinflussbare sollte gebannt, Geiseln und Plagen der Menschheit zumindest erkl\u00e4rbar werden. Corona ist nicht die Pest. Im besten Fall &#8211; wenn wir nicht mit \u00d6konomisch-Existentiellem besch\u00e4ftigt sind &#8211; gibt es uns die Chance zum Innehalten, zum Nachdenken \u00fcber unsere gelegentliche Hybris, unsere Anma\u00dfung: Wir Menschen des 21. Jahrhunderts seien gefeit vor den epischen Widrigkeiten des Lebens, zumindest wir, die im selbst so wahrgenommen \u201ehohen\u201c Norden leben und in den \u201etiefen\u201c S\u00fcden hinunterblicken. Die Fortschritte der Wissenschaft sind ein Segen, denke ich dieser Tage. Unser Leben dagegen ist und bleibt ein Zyklus. Der Fr\u00fchling kommt zur\u00fcck, dann auch Ostern. Vielleicht k\u00f6nnen wir danach wieder alle unbeschwerter hinaus, nicht nur die Ein-klein-bisschen-Gleicheren unter uns, mit dem eigenen Garten voll Tulpen und Pfingstrosen. Nicht alles l\u00e4sst sich virtuell erledigen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">22. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Ausgangsbeschr\u00e4nkung. \u201eThink global, act local,\u201c lautete der eing\u00e4ngige Spruch. Jetzt ist Abend. Wir sind ersch\u00f6pft, von den Tagen mit den etwas verunsicherten Kindern, im Home Office, von der Bew\u00e4ltigung des Rest-Alltags. Kaum ein Gedanke \u00fcber den eigenen Tellerrand, \u00fcber die pl\u00f6tzlich geschlossenen Grenzen. Oder doch: Was wird aus unserer bislang scheinbar heilen Welt &#8211; die beim Blick hinaus, bei der Arbeit im globalen S\u00fcden nat\u00fcrlich nie heil war.<br \/>\nKommt jetzt, im Bed\u00fcrfnis nach Keim- und Virenfreiheit, das Ende der Globalisierung? Kommt \u201enach Corona\u201c statt des gescholtenen Neo-Liberalismus der Neo-Nationalismus? Ein erschreckendes Szenario: der Kampf Abgeschotteter gegen alle anderen Abgeschotteten; Impfstoffe, Medikamente, Schutzkleidung nur mehr f\u00fcr die \u201eeigenen Leute\u201c. Abschottung f\u00fchrt zu einer Abw\u00e4rtsspirale, unvermeidliche Wirtschaftskrisen erh\u00f6hen die Sterblichkeit unter den \u00e4rmeren Menschen und L\u00e4ndern \u2013 und die gehen nicht in die Tausende, sondern rasch in die Hunderttausende. Autorinnen m\u00f6gen zu literarischen Dystopien angeregt sein. Doch nicht Pessimismus ist angesagt, auch keine Grenzschlie\u00dfungen, sondern \u201efactfulness\u201c, lokale Achtsamkeit, und globale Zusammenarbeit bei der Entwicklung neuer Impfstoffe, Netzwerke, Gedanken. Die offene Gesellschaft ist (heraus)gefordert.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">21. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Auch ein egoistischer Gedanke eines Autors sei dieser Tage erlaubt: der an den eigenen Roman. Gerade erschienen, sehr ungewollt ganz zeitgerecht zum Beginn der laufenden Krise. Er sollte in Leipzig vorgestellt werden. Die Buchmesse ist abgesagt. Pr\u00e4sentationen in \u00d6sterreich? Bis auf Weiteres: abgesagt. Auch das Feuilleton konzentriert sich \u2013 trotz etlicher erfreulicher R\u00fcckmeldungen &#8211; nun auf \u201edie Krise\u201c, auf die psychologischen, soziologischen, kulturellen Auswirkungen. Also ausweichen \u201eins Netz\u201c? Nicht so einfach, wenn der Autor \/ die Autorin sich nicht so gerne selbst vermarktet. Und wenn \u201edie Krise\u201c vorbei ist, kommen die n\u00e4chsten Neuerscheinungen. Vielleicht sind ein paar neue dystopische Romane dabei \u2013 die haben dann sicher Konjunktur. F\u00fcr das eigene Buch: Pech gehabt. Doch lamentieren hilft nichts. Unz\u00e4hlige Menschen bangen unmittelbarer um ihre Existenz, die in unserem noch immer halbwegs sicheren Europa zumindest abgefedert werden kann. In anderen, durch die eigene Arbeit vertrauten Weltgegenden haben die Menschen kein funktionierendes Netz, oft nicht einmal zum Fischen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">20. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Entschleunigung ist angesagt, ein sch\u00f6nes Wort, Leben im Standby-Modus, maximal Home Office? Anglizismen. In der Fr\u00fchlingssonne in der H\u00e4ngematte liegen, ein gutes Buch einer gesch\u00e4tzten Verlagskollegin in den H\u00e4nden, am Tablet zwischendurch das Wichtigste erledigen, sich ab und zu den Bauch kratzen? Wie sch\u00f6n, der Gedanke \u2026 mit zwei Kindern im lebhaftesten Kindergartenalter. Als Vater begr\u00fc\u00dfe ich die Schlie\u00dfung von Schulen und Kinderg\u00e4rten bis Ostern ausdr\u00fccklich \u2013 dennoch, wie soll Home office mit Kindern gelingen? Von aufkommendem Lagerkoller bei und mit Kindern zu schreiben, ist beim Gedanken an Moria, Dadaab oder Zaatari frivol. Aber dennoch \u2013 die Kinder wollen raus. Auch ohne Spielgef\u00e4hrten, und trotz geschlossener Spielpl\u00e4tze. Ein sonniger Tag &#8211; also zum nahe gelegenen Wiener Augarten &#8211; sch\u00f6n Abstand halten! Dort stehen wir vor verschlossenen Toren. \u201eWarum?\u201c, fragen die Kinder, \u201ewarum?\u201c Ja, weshalb eigentlich? Spazierengehen ist doch noch erlaubt. Ist die Virusdichte im riesigen Augarten h\u00f6her als auf der Stra\u00dfe oder an der Supermarkt-Kassa? Vor dem Parkeingang an der Mauer sitzen vereinzelte Paare in der Fr\u00fchlingssonne, manche lesen, ein Vater spielt mit seiner Tochter Federball, weit weg von den anderen. Bis ein Polizeiwagen anrollt, mit vier Beamt(inn)en voll besetzt. Per Megafon werden alle Sitzenden und die Federball-Spieler aufgefordert, wegzugehen. Ich wage zu fragen, \u201ewarum?\u201c Die Antwort der Uniformierten aus dem Wagen: \u201eSpazierengehen ist erlaubt, sonst nichts\u201c. Also kein Federball, kein Sitzen. Stehenbleiben auch nicht. Abstand. Verstand? Das Leben geht weiter.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"section\">\n<div class=\"l-container\">\n<div class=\"section-headline\">\n<h4 class=\"headline-decorative\">19. M\u00e4rz 2020<\/h4>\n<\/div>\n<p>Ein Blick in die Schlagzeilen, in der Verdichtung unseres Zeitgef\u00fchls: Amazon will 100 000 zus\u00e4tzliche Mitarbeiter einstellen. Good news? Arbeitspl\u00e4tze? Sch\u00f6ne neue Welt. Was bedeutet das f\u00fcr den station\u00e4ren Handel, die Buchh\u00e4ndler(innen) \u201eums Eck\u201c, f\u00fcr deren Arbeit, deren Existenz, f\u00fcr unsere unmittelbare Lebenswelt? Auch da ist Solidarit\u00e4t angesagt \u2013 Bestellung bei den Buchh\u00e4ndlerinnen, soweit wie m\u00f6glich: viele nehmen Bestellungen entgegen, versenden rasch, versuchen, \u00f6konomisch zu \u00fcberleben. Wann brauchen wir selbst Hilfe? Nicht erst im globalen Shutdown, der uns in Atem h\u00e4lt oder ihn uns nimmt. Vielleicht st\u00e4rkt eine Krise das Bewusstsein und Gef\u00fchl, dass wir aufeinander angewiesen sind. Abstand sei mit Corona die zeitgem\u00e4\u00dfe Form der Zuwendung. Die WHO dagegen hatte schon vor l\u00e4ngerer Zeit 2020 zum \u201eYear of the Nurse\u201c ausgerufen. \u201eCare-Arbeit\u201c, oft am Limit, meist un(ter)bezahlte Frauenarbeit, in Krankenh\u00e4usern, Altenheimen, Kinderg\u00e4rten, in den Familien. Banken sind \u201esystemrelevant\u201c. Der \u201eRest\u201c nicht.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausz\u00fcge aus dem Corona Tagebuch im Residenz Verlag<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1997"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2976,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1997\/revisions\/2976"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}