{"id":203,"date":"2010-01-12T17:08:14","date_gmt":"2010-01-12T17:08:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=203"},"modified":"2016-09-14T20:47:57","modified_gmt":"2016-09-14T20:47:57","slug":"armenien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=203","title":{"rendered":"Armenien"},"content":{"rendered":"<p>An den Quellen von Arax, Euphrat und Tigris wurde der biblische Garten Eden angesiedelt.<\/p>\n<h3>Armenien<\/h3>\n<p>Bis heute macht\u00a0<i>Hajastan<\/i>\u00a0, wie Armenien in der Landssprache hei\u00dft, dem Volk Israel den Rang um das meistgepr\u00fcfte Volk Gottes streitig<\/p>\n<p>Wiener Zeitung, Mai 2007<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p id=\"absatz1\"><strong>An den Quellen von Arax, Euphrat und Tigris wurde der biblische Garten Eden angesiedelt. Am Ararat soll Noahs Arche gestrandet sein &#8211; doch das karge Hochland war nie ein Paradies gewesen. Bis heute macht\u00a0<i>Hajastan<\/i>\u00a0, wie Armenien in der Landssprache hei\u00dft, dem Volk Israel den Rang um das meistgepr\u00fcfte Volk Gottes streitig.<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-478\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020145.jpg\" alt=\"P1020145\" width=\"530\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020145.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020145-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020145-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/>Die Grenzen des Landes wurden wiederholt verschoben, das Volk vertrieben und an den Rand der Ausl\u00f6schung gebracht. Ein Geschichtsatlas ben\u00f6tigt 60 Karten, um die zahllosen historischen Wechsel darzustellen, vom \u00e4u\u00dfersten Rand Europas \u00fcber den zerkl\u00fcfteten Kaukasus in den vorderen Orient, vorbei an den alten Handelsrouten zwischen Morgen- und Abendland. Armenien hat Erdbeben, babylonische, r\u00f6mische, byzantinische Herrscher, arabische Kalifen, mongolische Khans, persische, osmanische und zuletzt die sowjetische Herrschaft \u00fcberdauert. Nur der 5130 Meter hohe, eisbedeckte Berg Ararat blieb eine Konstante, Bezugspunkt der Diaspora und kollektives Symbol armenischer Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Er schwebt \u00fcber dem Smog der Hauptstadt Eriwan und liegt doch au\u00dfer Reichweite, jenseits des Arax in der T\u00fcrkei. Eingezw\u00e4ngt zwischen Erzfeinden, umfasst Armenien mit 29.000 km\u00b2 heute nicht einmal ein Zehntel des historischen Siedlungsgebietes. Allerdings: Gro\u00df-Armenien war nie die ethnisch homogene Heimat eines Volkes.<\/p>\n<h5>Fr\u00fches Christentum<\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020008.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-481\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020008.jpg\" alt=\"P1020008\" width=\"553\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020008.jpg 1280w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020008-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020008-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><\/a>Kaum ein Land betrachtet seine Geschichte n\u00fcchtern-distanziert. So manches Volksbewusstsein st\u00fctzt sich auf kurzlebige, gar mythologische Gr\u00f6\u00dfe zu einem fernen Zeitpunkt in der Vergangenheit. Das Reich Tigran des Gro\u00dfen reichte um 70 v. Chr. vom Kaspischen bis ans Mittelmeer. Die kulturelle Identit\u00e4t der Armenier gr\u00fcndet auf ihrer indoeurop\u00e4ischen Sprache, dem eigenen, kaligraphisch anmutenden Alphabet und der Kirche. Schon 301 hat Armenien als erstes Volk das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Mittelalterliche Kl\u00f6ster, Bibliotheken, Skriptorien aus rosa Tuffstein oder grauem Basalt waren auch in den Jahrhunderten der Fremdherrschaft spirituelle Zentren.<\/p>\n<p>Die Armenier sind besessen von Geschichte, von einstiger Gr\u00f6\u00dfe und biblischen Heimsuchungen. Angelpunkt der geschichtlichen Obsession ist der Genozid von 1915. Selbst in einem Gebirgsdorf wird man als \u00d6sterreicher auf Franz Werfel angesprochen. Er gilt den Armeniern als Volksheld. Werfel wurde bei einer Nahostreise 1933 mit dem Anblick armenischer Kinder in Teppichfabriken konfrontiert.\u00a0<i>&#8222;Das Jammerbild verst\u00fcmmelter und verhungerter Fl\u00fcchtlingskinder gab mir den entscheidenden Ansto\u00df, das unfassbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entrei\u00dfen.&#8220;<\/i><\/p>\n<h5><strong>W<\/strong>erfel als Volksheld<\/h5>\n<p>Werfel setzte mit seinem Roman &#8222;Die 40 Tage des Musa Dagh&#8220; dem Genozid als blutige Ouvert\u00fcre des 20. Jahrhunderts ein literarisches Denkmal &#8211; wenige Jahre bevor die nationalsozialistische &#8222;Endl\u00f6sung der Judenfrage&#8220; ins Werk gesetzt wurde. Werfels Ahnung hinter der spannenden Romanhandlung ist von aktueller Brisanz: Ein ideologisch gewappneter, aber gottloser Staat betritt die B\u00fchne der Geschichte und wird zum M\u00f6rder apokalyptischer Ausma\u00dfe. Literatur oder Filme m\u00f6gen eine Trag\u00f6die dem Vergessen entrei\u00dfen. Ob Kunst je den Lauf der Geschichte beeinflusst, darf bezweifelt werden. Der kommende Krieg bedeute\u00a0<i>&#8222;die gnadenlose Ausrottung des Gegners &#8211; Mann, Weib und Kind&#8220;<\/i>\u00a0, erkl\u00e4rte der deutsche F\u00fchrer vor seiner Generalit\u00e4t auf dem Obersalzberg am 22. August 1939 programmatisch. Und:\u00a0<i>&#8222;Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?&#8220;<\/i>\u00a0Werfels Buch war bereits zwei Monate nach Erscheinen 1934 in Deutschland verboten worden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-488\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020162.jpg\" alt=\"P1020162\" width=\"530\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020162.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020162-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020162-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/>In j\u00fcngerer Vergangenheit hat sich der kanadische Filmregisseur Atom Egoyan auf die Spurensuche seines armenischen Erbes gemacht &#8211; und nach der Frage, wie man sich heute eines Massenmordes erinnern k\u00f6nne. Sein vielschichtiges Filmdrama &#8222;Ararat&#8220; ist keine blutr\u00fcnstige Anklage des Genozids, vielmehr ein Versuch, jede selektive Sicht aufzubrechen. Egoyan reflektiert k\u00fcnstlerisch, in sinnlicher Bildersprache auf mehreren Erz\u00e4hlebenen die Schwierigkeiten des Erinnerns, schlie\u00dft differenziert auch die t\u00fcrkische Perspektive ein. Egoyan interessiert weniger &#8222;die Wahrheit&#8220;, vielmehr verwobene Geschichten, Handlungsf\u00e4den, das Geflecht subjektiver Ansichten und Irrt\u00fcmer. Ein Puzzle, als das sich bei genauer Betrachtung jede Geschichte erweist. Es zeigt, wie schwierig die historische Wahrheitssuche ist, wie die platte Rekonstruktion geschichtlicher Ereignisse und die Festschreibung von Geschichte in Gesetzen scheitern muss. Doch die Vergangenheit holt uns immer ein, selbst wenn wir sie leugnen.<\/p>\n<h5>Tabu V\u00f6lkermord<\/h5>\n<p>Gesch\u00e4tzte 300.000 Armenier starben bei Massakern in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, 800.000 bis 1,5 Millionen ab April 1915. Die H\u00e4lfte wurde an ihren Wohnorten ermordet, der andere Teil auf Deportationsz\u00fcgen zu Tode geschunden. Der V\u00f6lkermord, die zielbewusste Zerst\u00f6rung einer ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppe, ist ein Tabu, auf das die T\u00fcrkei auch 90 Jahre sp\u00e4ter noch allergisch reagiert. &#8222;Tragische Ereignisse im Zuge des Ersten Weltkriegs&#8220; ist das Maximum des offiziellen Eingest\u00e4ndnisses. Mit welchem Aufwand die T\u00fcrkei ihre angesichts aller Dokumente absurde Position vertritt, ist schwer nachzuvollziehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-485\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020130.jpg\" alt=\"P1020130\" width=\"566\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020130.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020130-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020130-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 566px) 100vw, 566px\" \/>Die T\u00fcrken glauben sich einer weltweiten Verleumdung ausgesetzt. Der langsame Zerfall des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert wurde als best\u00e4ndiger, vom Westen und Russland gef\u00f6rderter Separatismus erlebt, der erst durch moderne, europ\u00e4ische Methoden aufgehalten werden konnte, und zwar durch einen von den Jungt\u00fcrken angestrebten, unter Atat\u00fcrk verwirklichten homogenen Nationalstaat. Deshalb wurden Armenier, Griechen und sp\u00e4ter Kurden als Werkzeuge des Westens angesehen, um selbst den Kern der t\u00fcrkischen Nation &#8211; Anatolien &#8211; zu zerst\u00fcckeln. T\u00fcrken sehen sich als Opfer in historischer Kontinuit\u00e4t. Zwischen Opferstatus und Gr\u00f6\u00dfenwahn fehlt allen davon &#8222;Betroffenen&#8220; der Weltgeschichte das Verst\u00e4ndnis, selbst auch T\u00e4ter zu sein. Trotz vorsichtiger Ans\u00e4tze zu moralischer Verantwortungsbereitschaft, wie etwa j\u00fcngst durch den Literaturnobelpreistr\u00e4ger Orhan Pamuk, ist der T\u00fcrkei ein kritischer Zugang zur Historie kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Zwei Millionen Armenier lebten vor hundert Jahren im Osmanischen Reich. In T\u00fcrkisch-Armenien gibt es heute \u00fcberhaupt keine mehr. 70.000 harren in Istanbul aus, sitzen nach dem Mord am Publizisten Hrant Dink im J\u00e4nner 2007 auf gepackten Koffern. Ankara erweist durch Geschichtsblindheit und ebenso blinden Nationalfanatismus seinen EU-Ambitionen sicherlich keinen guten Dienst.<\/p>\n<p>Mitte Mai bl\u00fcht am Genozid-Memorial auf einem H\u00fcgel \u00fcber Eriwan der Flieder, w\u00e4hren rundum auf den Bergen Schnee liegt. Das Klima ist rauh, mit langen, kalten Wintern und hei\u00dfen, staubigen Sommern. Armenien ist ein Gebirgsland, nur zu einem Drittel bewohnt. 90 Prozent des Binnenlandes liegen auf \u00fcber 1000 Meter H\u00f6he. In wenigen T\u00e4lern dr\u00e4ngt sich die H\u00e4lfte der drei Millionen Einwohner. Gut doppelt so viele leben im Ausland, in Russland und Georgien, in den USA, Frankreich, im Iran und im Libanon. Russlands Pr\u00e4sident Putin meinte bei einem Staatsbesuch in Eriwan scherzhaft, er sei Pr\u00e4sident von mehr Armeniern als sein Amtskollege Kocharyan.<\/p>\n<p>Russland als bisher letzter Fremdherrscher war es auch, das Armenien im Ersten Weltkrieg vor dem endg\u00fcltigen Untergang bewahrte. Heute ist Russland Rohstofflieferant, Kreditgeber und milit\u00e4rischer Bundesgenosse &#8211; und ist auch das Ziel einer Million Arbeitsmigranten seit 1991, die in Moskau summarisch als<i>&#8222;Schwarze aus dem Kaukasus&#8220;<\/i>\u00a0Anfeindungen ausgesetzt sind. F\u00fcr Russen war Armenien stets &#8222;unser S\u00fcden&#8220;. Es galt einst als lustigste Baracke der Sowjetunion, lieferte die feinsten Cognacs, die besten Schuhe, produzierte Hochtechnologie. Die in Russland erfundenen und Armeniern zugeschriebenen &#8222;Radio Eriwan&#8220;-Witze waren in der ganzen Sowjetunion ein Zeichen daf\u00fcr, wie sich ein Volk nicht unterkriegen lie\u00df und sogar in finstersten Zeiten noch lachte.<\/p>\n<p>1988 war der Wendepunkt der j\u00fcngsten Geschichte Armeniens, das seinem christlichen, launischen Gott durch alle Pr\u00fcfungen treu geblieben ist. Ein verheerendes Erdbeben legte den industriellen Norden in Schutt und Asche. Es war wie ein Fanal, das an der geopolitischen Bruchlinie am S\u00fcdrand der Sowjetunion eine neue Phase blutiger Auseinandersetzungen einl\u00e4utete. Nationalismus und Religion erwiesen sich als neue alte Sprengkr\u00e4fte, die in allen Kaukasusl\u00e4ndern bis heute ungel\u00f6ste Territorialkonflikte ausl\u00f6sten.<\/p>\n<h5>Zankapfel Berg-Karabach<\/h5>\n<p>Anfang der 90er Jahre forderte der Krieg um die mehrheitlich armenisch bewohnte, aber unter Stalin nach dem Prinzip &#8222;Teile und herrsche&#8220; Aserbaidschan zugeschlagene Region Berg-Karabach 25.000 Tote. Armenien gelang &#8211; mit russischer Unterst\u00fctzung &#8211; die Eroberung der Enklave und von rund 20 Prozent von Aserbaidschan. Ein Pyrrhussieg. Der seit 1994 &#8222;eingefrorene&#8220; Konflikt f\u00fchrte zur Blockade durch die T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Bereits nach dem Erdbeben 1988 wurde Armeniens einziges Atomkraftwerk, Lieferant von 40 Prozent seines Energiebedarfs, aus Sicherheitsgr\u00fcnden abgeschaltet. Im Land ging der Strom aus. Mit der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion brachen Absatzm\u00e4rkte weg und der einst florierende Tourismus zusammen. Die Wirtschaft verfiel rasant, nur Korruption und Verbrechen bl\u00fchten auf. Ein Viertel der Bev\u00f6lkerung verlie\u00df das Land, darunter 15.000 von 20.000 Wissenschaftern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-495\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020078.jpg\" alt=\"P1020078\" width=\"590\" height=\"442\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020078.jpg 2048w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020078-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020078-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 590px) 100vw, 590px\" \/>Die j\u00fcngsten Parlamentswahlen vom 12. Mai waren nach Einsch\u00e4tzung internationaler Beobachter die bisher saubersten in der Geschichte des Landes. Wahlen allein sichern aber noch keine Demokratie, wenn sie durch mangelnde Gewaltenteilung und Bestechung unterminiert wird. Diese wird n\u00e4mlich oft nicht als solche gesehen. Es ist Schutzgeld in einer Jahrhunderte langen Kette von Khans, Sultanen, Schahs, Zaren und Kommissaren. Eine Obrigkeit, der man im besten Fall ein Schnippchen schl\u00e4gt. Es sind kaum je Vertreter des Volkes, vielmehr despotische Fremdherrschaften, deren Gewogenheit man sich erkaufte. Man lebte in einer Schicksalsergebenheit, die wenig Raum f\u00fcr das Konzept individueller Selbstbest\u00e4tigung in einem freiwilligen Gemeinwesen bot.<\/p>\n<p>Durch die Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft glaubten Diaspora-Armenier in Frankreich oder den USA, nur die Sowjetmacht unterdr\u00fccke Armenien. Nach dem Ende der UdSSR erbl\u00fche \u00fcber Nacht ein neuer Garten Eden. Hinter jeder Idealvorstellung lauert Entt\u00e4uschung. Diaspora-Armenier, f\u00fcr die aus der Ferne der k\u00fcmmerliche Rest von Heimat &#8211; \u00e4hnlich wie Israel f\u00fcr die Juden im Ausland &#8211; als gelobtes Land erschien, waren beim ersten Besuch ern\u00fcchtert. Desolate Schulen und Stra\u00dfen, zerfallende Fabriken, kein Strom und darniederliegende Eigeninitiative. Das heruntergekommene Land hatte wenig mit der Sehnsuchtsprojektion zu tun. Dennoch: die erfolgreiche Diaspora rettete das Land vor dem Zusammenbruch. Armenien hat unter allen GUS-L\u00e4ndern den h\u00f6chsten Pro-Kopf-Anteil an Auslandshilfe erhalten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-498\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010970.jpg\" alt=\"P1010970\" width=\"576\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010970.jpg 1280w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010970-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1010970-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/>Schon nach dem Erdbeben 1988 reagierten die Auslandsarmenier schnell. Auf die Hilfsgelder folgten Investitionen, \u00dcberlebenshilfe f\u00fcr Unternehmen von Software bis zu Hightech-Medizin. Seit 2002 hat etwa der armenisch-amerikanische Milliard\u00e4r Kirk Kerkorian 170 Millionen Dollar gespendet, was einem Drittel des Staathaushaltes entspricht. Der Anteil an Krediten f\u00fcr Kleinunternehmer schuf 20.000 Arbeitspl\u00e4tze. Der Traum des ressourcenarmen Landes, eine Art Silicon Valley des Kaukasus zu werden, steckt immer noch in Ans\u00e4tzen. Ausgaben f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsf\u00fcrsorge und Verteidigung schlucken allerdings einen L\u00f6wenanteil am knappen Budget.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen nachhaltigen Erfolg ist eine L\u00f6sung des Konfliktes um Berg-Karabach aber unabdingbar. Im Wahlkampf blieb das Thema ausgespart. Jede Kompromissbereitschaft w\u00e4re ein Tabubruch. In der kollektiven Wahrnehmung Armeniens als Opfer ist Aserbaidschan nicht das kleine Nachbarland, mit dem man sich um steinige H\u00fcgel zankt, sondern Teil eines t\u00fcrkischsprachigen Gro\u00dfraumes, der Armenien nach der Vernichtung trachtet. Best\u00e4ndiger Friede ist nicht in Sicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Ruhender Vulkan<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-504\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020073.jpg\" alt=\"P1020073\" width=\"558\" height=\"743\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020073.jpg 1536w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020073-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/P1020073-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 558px) 100vw, 558px\" \/><\/h5>\n<p>S\u00fcdlich des Kaukasus, zwischen Russland und Iran, verl\u00e4uft ein schmaler, strategischer Korridor. Pipelineprojekte, die \u00d6l und Gas vom Kaspischen Meer und aus Zentralasien in den Westen bringen sollen, laufen \u00fcber Georgien und umgehen Armenien. Es ist daher auf Hilfe von Russland und auf leidlich gute Beziehungen mit dem Nachbar Iran angewiesen. Was wiederum den USA ein Dorn im Auge ist. Die traditionell starke Armenier-Lobby im US-Kongress ger\u00e4t gegen\u00fcber \u00d6linteressen ins Hintertreffen.<\/p>\n<p>Hajastans seltene Besucher erleben die herbe Sch\u00f6nheit eines kargen Landes mit alten Kl\u00f6stern seiner Schutzheiligen &#8211; und die gro\u00dfz\u00fcgige Gastfreundschaft seiner Menschen. Noch immer klingt Armenien wie das Synonym f\u00fcr Dramen &#8211; von Erdbeben \u00fcber Wirtschaftsruin bis V\u00f6lkermord und Massenexodus. F\u00fcr Armenier war der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht das oft zitierte Ende der Geschichte. Sie sehen auch den Ararat nicht als erloschenen, sondern als blo\u00df ruhenden Vulkan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Quellen von Arax, Euphrat und Tigris wurde der biblische Garten Eden angesiedelt. Armenien Bis heute macht\u00a0Hajastan\u00a0, wie Armenien in der Landssprache hei\u00dft, dem Volk Israel den Rang um das meistgepr\u00fcfte Volk Gottes streitig Wiener Zeitung, Mai 2007<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=203"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1787,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203\/revisions\/1787"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}