{"id":2054,"date":"2016-11-03T20:28:59","date_gmt":"2016-11-03T20:28:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=2054"},"modified":"2022-09-16T21:55:59","modified_gmt":"2022-09-16T21:55:59","slug":"shumona-sinha-kalkutta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/?p=2054","title":{"rendered":"Shumona Sinha: Kalkutta"},"content":{"rendered":"<p>Shumona Sinha<\/p>\n<h3>Kalkutta: R\u00fcckkehr in ein Haus unerf\u00fcllter Tr\u00e4ume<\/h3>\n<p>November 2016<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier New, monospace;\"><span lang=\"de-AT\"><br \/>\n<\/span><\/span>Mit &#8222;<em>Erschlagt die Armen<\/em>&#8220; hatte Shumona Sinha einen Bestseller geschrieben und einen Skandal provoziert. Kalkutta f\u00fchrt melancholisch und politisch in die Stadt der Kindheit<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;<em>Erschlagt die Armen<\/em>&#8222;, Shumona Sinhas zweiter Roman, war ein politisch unkorrekter Monolog, die Suada einer Dolmetscherin \u00fcber ihre erbitterten Erfahrungen zwischen bengalischen Asylwerbern und franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden. Sinha b\u00fcrstete wortgewaltig Migrations- und Integrationsdebatten gegen den Strich, und wurde zum paradoxen Star.<\/p>\n<p>Ihr erster Roman &#8222;Fenster \u00fcber dem Abgrund&#8220; \u00fcber die Ankunft einer indischen Studentin in Paris ist bislang nur auf Franz\u00f6sisch erschienen.<\/p>\n<p>In &#8222;<em>Kalkutta<\/em>&#8222;, Teil Drei einer Art locker verkn\u00fcpfter Trilogie, kehrt Trisha, Sinhas fiktionales Alter-Ego, zur Kremation des Vaters in ihre Heimatstadt zur\u00fcck. Sie tastet sich allein durch die muffigen Zimmer des Elternhauses, st\u00f6\u00dft Fenster auf, nach innen, in ihre l\u00f6chrige Erinnerung, in Echor\u00e4ume von Geschichten und Verschwiegenem: \u201eWorte durchquerten die Jahre, zerfetzten die Tage\u201c. Hatte die Gewalt schon immer im Haus geschlummert? \u201eWie soll man mit der Bedrohung von tausend Schlangen leben, die jederzeit aus der warmen Asche der Melancholie hervorkriechen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr nach dem Tod der Eltern in das leere Haus der Kindheit ist ein beliebter Literatur-Topos. Bei Sinha ist die sich auff\u00e4chernde Familiensaga vor politischem Hintergrund von z\u00e4rtlicher Nostalgie und Desillusionierung \u00fcber untergegangene Ideale gepr\u00e4gt. In Trisha steigen verschleierte Bilder ihrer vertr\u00e4umten, halb-verr\u00fcckten Mutter auf, die Schattenbereiche des Hauses mit Schmerz belegt hatte, und klarere Erinnerungen an den Vater, der nach vertrackten Ehejahren \u201ein der Lage war, wie seine Frau zu denken, in ihren Kopf zu schl\u00fcpfen, ziellos durch ihre Labyrinthe zu irren.\u201c Er bemerkte nicht, wie \u201eseine Selbstlosigkeit den Glanz verlor\u201c, er mager und kr\u00e4nklich wurde wie seine Frau.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/DSCN0263.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-2057\" src=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/DSCN0263-1024x768.jpg\" alt=\"DSCN0263\" width=\"960\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/DSCN0263-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.gunther-neumann.com\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/DSCN0263-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trisha ertrinkt im L\u00e4rm der Stadt, in Trauer, im Schweigen des Hauses und der Witwen unter Vorfahren in ihren \u201ewei\u00dfen Saris voll unerf\u00fcllter Tr\u00e4ume\u201c. Sie schleicht um die B\u00fccher des Vaters wie um \u201eGletscher, die unsere Tr\u00e4ume einschlie\u00dfen und konservieren.\u201c In ihr wallen wieder die einstigen \u00c4ngste des in der Welt der Erwachsenen \u00fcberforderten Kindes, der Vatertochter um ihren Helden auf, der eines Abends nicht zur\u00fcckkam: in den politischen Wirren der siebziger Jahre tauschten die Bosse rechter Parteien und maoistische Naxaliten ihre gemeinsamen Feinde, die Kommunisten, als Geiseln aus. \u201eMan brach ihnen das R\u00fcckgrat, ein Bein oder einen Arm, riss ihnen ein Auge aus, nahm ihnen auch den letzten Rest Mut und Willen.\u201c In parallelen Geschichten voll Schwermut und Schrecken stehen die Personen der Kindheit nicht nur als d\u00fcstere Gedanken und Gespenster, sondern als greifbare Menschen wieder auf, etwa in den politischen Tischrunden des idealistischen Vaters, der sich geistesgegenw\u00e4rtig und gedankenverloren von den in West-Bengalen lange herrschenden Kommunisten entfremdete.<\/p>\n<p>Jetzt im Krematorium rufen \u201edie Genossen die Zeit in Erinnerung, als der Kommunismus Trisha wie ein gro\u00dfer Topf erschien, der in der N\u00e4he k\u00f6chelte und sie mit seinem vertrauten Geruch beruhigte, mit seinem Versprechen von einem einfachen, satten Leben.\u201c Nach 40 Jahren in der regionalen Regierung wirken die Genossen, die einst dachten, \u201edass der rote Idealismus sie vor Nationalismus und Fundamentalismus retten w\u00fcrde\u201c, abgek\u00e4mpft und m\u00fcde, mit \u201eAugen, die gl\u00e4nzen wie die Knopfaugen von Pl\u00fcschtigern\u201c.<\/p>\n<p>Voll poetischer Kraft verkn\u00fcpft Sinha die Verstrickungen und Ersch\u00fctterungen zweier Familien \u00fcber mehrere Generationen sowie ihren schmerzlichen Zerfall mit jenen Indiens im allgemeinen, Bengalens im besonderen. Kalkutta ist bei uns Synonym f\u00fcr Slums, Elend und Mutter Theresa. Doch die Stadt war nicht nur lange Hauptstadt der britischen Herrschaft. Sinha macht sp\u00fcrbar, dass der 15-Millionen-Ballungsraum ein kulturell-intellektuelles Zentrum ist, ein Sinnbild des modernen Indien zwischen europ\u00e4ischem Einfluss und Kommunismus, religi\u00f6ser Tradition und Nationalismus: Weniger eine Symbiose als ein fragiles, lange bereicherndes Gleichgewicht, das von engstirnigen Hindu-Fundamentalisten zertrampelt wird. Das politisch rote Kalkutta ist auch die Stadt Kalis, G\u00f6ttin der Zerst\u00f6rung mit blutig heraush\u00e4ngender Zunge. Der Giftbaum religi\u00f6sen Hasses schl\u00e4gt Wurzeln, und Fanatiker mit Dreizacken erinnern an die \u201ezweihunderttausend Affen Ramas\u201c: Sie \u201etrinken die Worte ihres Anf\u00fchrers wie heiliges Wasser aus dem Ganges.\u201c<\/p>\n<p><em>Erschlagt die Armen<\/em>\u00a0 war voll provokanter Wut. <em>Kalkutta<\/em>\u00a0 ist von Z\u00e4rtlichkeit und brennender Wehmut getragen. Shumona Sinha l\u00e4sst die Vergangenheit hochsteigen, den Verlust des Vaters wie auch seiner Ideale, ohne alles durchzuanalysieren. <em>Kalkutta<\/em>\u00a0 ist so politisch wie poetisch, leise, manchmal gro\u00dfartig verknappt, dennoch bildgewaltig und voll Farben und Ger\u00fcche. Sinha hat heuer den internationalen Kulturpreis erhalten, nicht zuf\u00e4llig zusammen mit Lena M\u00fcller, der hervorragenden \u00dcbersetzerin beider Romane.<\/p>\n<p>Shumona Sinha, &#8222;Kalkutta&#8220;, Edition Nautilus, Hamburg 2016, 192 Seiten, \u20ac 20,50<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shumona Sinha Kalkutta: R\u00fcckkehr in ein Haus unerf\u00fcllter Tr\u00e4ume November 2016 Mit &#8222;Erschlagt die Armen&#8220; hatte Shumona Sinha einen Bestseller geschrieben und einen Skandal provoziert. 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